Thierry Chervel: 

netzeitung.deIn aller Welt nach deutschen Perlen tauchen

 Herausgeber: netzeitung.de

Thierry Chervel (Foto: Andreas Süß<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Thierry Chervel
Foto: Andreas Süß
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Der Perlentaucher hat nun auch eine englischsprachige Ausgabe. Die Netzeitung spricht mit dem Firmenmitbegründer Thierry Chervel über die Zukunft des Feuilletons und die Präsentation deutscher Kultur im Ausland.

Netzeitung: Im März darf man dem Perlentaucher zu seinem fünften Geburtstag gratulieren. Mit 500.000 Besuchern im Monat bezeichnen Sie sich selbst als größtes Kulturmagazin im deutschsprachigen Internet. Zugleich erscheint nun mit signandsight.com erstmals eine englischsprachige Version ihrer Seite. Sie sind Mitbegründer des Perlentauchers. Hätten Sie sich einen derartigen Erfolg im Jahr 2000 bereits träumen lassen?

Chervel: Das war ja damals die Boomzeit des Internets. Wir dachten also eigentlich, dass wir unmittelbar zu Millionären werden und ein Jahr später den Bertelsmann-Konzern kaufen würden. Nun ist es nicht ganz so gelaufen, und an sich sind wir über den Erfolg, den wir nun haben, auch sehr froh. Außerdem weiß ich gar nicht mal, ob wir Bertelsmann tatsächlich kaufen würden.

Netzeitung: Die Rubrik «Heute in den Feuilletons» kommentiert und verlinkt Artikel aus sechs großen deutschsprachigen Tageszeitungen. Ist das nicht ein etwas beschränkter Quellenfundus für einen repräsentativen Überblick? Schließlich bleiben interessante Artikel, die in anderen Zeitungen oder Onlinepublikationen erscheinen, bei Ihnen außen vor.

Chervel: Das stimmt. Als wir angefangen haben, haben wir uns ganz schlicht überlegt, wie die Sache praktikabel zu halten ist. Da wir ein winziger Laden waren, wollten wir uns auf die überregionale deutschsprachige Presse beschränken, und dabei sind wir vorerst auch geblieben. Einen repräsentativen Überblick über alles, was im deutschsprachigen Netz interessant ist, würden wir gar nicht leisten können. So blieb es bei unserem Fokus auf die wichtige Printpresse.

Die Auswahl der Zeitungen ist dabei nicht immer unverändert geblieben. Anfangs hatten wir zum Beispiel «Die Welt» nicht mit dabei. Das hatte aber, anders als uns oft unterstellt wurde, keine ideologischen Gründe, sondern nur solche der Praktikabilität. Mittlerweile werten wir die «Die Welt» jeden Morgen mit aus, und wenn wir einen interessanten Artikel finden, dann weisen wir darauf hin.

Netzeitung: Längst ist der Perlentaucher nicht mehr nur eine Presseschau der großen deutschen Feuilletons. Mit Buchrezensionen, Vorabdrucken von noch nicht erschienenen Büchern oder ins Deutsche übersetzten Essays aus fremdsprachigen Zeitungen bieten Sie mittlerweile eine Menge selbst produzierter Inhalte an. In welche Richtung sollen sich Ihre Themenfelder in Zukunft entwickeln?

Chervel: Das Hauptanliegen beim Perlentaucher ist natürlich zunächst einmal, den Laden ökonomisch stabil zu halten und weiter zu entwickeln. Gerade bei einer so kleinen Firma muss das mögliche Fortbestehen immer mitbedacht werden. Das heißt, dass jeder noch so kleine Schritt, den man unternimmt, auch ökonomisch reflektiert werden muss. Man könnte den Perlentaucher in verschiedene Richtungen weiterentwickeln.

Man könnte ein komplettes Netzfeuilleton daraus machen, aber auch eine Presseschau, die auch andere Bereiche, wie etwa Sport oder Wirtschaft, berücksichtigt. Im Prinzip haben wir aber immer an einer sehr vorsichtigen und langsamen Politik festgehalten. Dabei ging es uns vor allem ums Überleben, und dabei wird es auch bleiben.

Netzeitung: Nützen Sie eigentlich den Zeitungen, die Sie dokumentieren, oder schaden sie ihnen? Es wäre doch immerhin denkbar, dass Feuilletonleser, die sich früher ein Abonnement einer großen Tageszeitung geleistet hätten, heute ganz auf den Perlentaucher verlassen, weil sie sich von ihm einen umfassenden Überblick über alles Wissenswerte versprechen.

Chervel: Natürlich nützen wir den Zeitungen, indem wir ihnen Internetnutzer zuführen. Ich glaube auch, dass man durch den Perlentaucher nicht weniger Zeitung liest, sondern in gewisser Hinsicht genauer. Man findet sicherer das, was einen interessiert, und schaut mal in die eine, mal in die andere Zeitung. Die Zeitungslektüre wird durch den Perlentaucher also sicher nicht reduziert.

Das Stammleserverhalten verändert sich jedoch wahrscheinlich schon. Das ist aber ganz allgemein ein Effekt des Internets. Medien wie Google-News, die Netzeitung und zahlreiche Weblogs haben daran ihren Anteil. Letztlich ist die ganze Öffentlichkeit durch das Netz neu strukturiert worden, und der Perlentaucher ist nur einer von vielen Aspekten dieses Phänomens.

Netzeitung: Welche Themen wollen Sie einem internationalen Publikum mit signandsight näher bringen – werden das Inhalte sein, die auch schon die Leser des deutschsprachigen Perlentauchers interessieren?

Chervel: Wir gehen davon aus, dass ein großer Vorzug der deutschen Öffentlichkeit ihr Kosmopolitismus ist. Dessen ist sie sich selbst übrigens gar nicht so sehr bewusst. Man kann das schön sehen am Leseverhalten der Deutschen. Das deutsche Publikum liest ganz selbstverständlich sehr viele Übersetzungen fremdsprachiger Autoren. Das gilt ganz besonders für Texte aus Osteuropa. Man muss sich nur vor Augen halten, welchen immensen Erfolg die ungarische Literatur zur Zeit in Deutschland hat.

Die Bücher von Sandor Marai wurden zu Bestsellern, und auch Autoren wie Esterhazy und Kertesz werden stark rezipiert. Diese Offenheit ist geradezu ein Trumpf der deutschen Öffentlichkeit, und das ist international sehr wenig bekannt. Denn wer liest im Ausland schon ein deutsches Feuilleton? Und wer weiß in England oder in Amerika, wer Juri Andruchowytsch ist, der hierzulande als berühmter und wichtiger Essayist gilt?

Ein anderer Aspekt, der uns wichtig ist, ist der Reichtum des deutschen Kulturlebens, der ja auch von internationaler Strahlkraft ist. Zudem gibt es in Deutschland eine Debattenkultur, die sich im internationalen Vergleich nicht verstecken muss. Wenn ich zum Beispiel an die Kerneuropadebatte denke – wo ich übrigens überhaupt nicht auf der Seite von Habermas war –, dann hat sich da gezeigt, dass die Zeitungen als Medium heute gar nicht mehr ausreichen. Debatten dieses Formates laufen heute über das Netz und kommen auch um die englische Sprache nicht mehr herum.

Netzeitung: Signandsight verdankt ihr Entstehen maßgeblich einer kräftigen Finanzspritze durch die Kulturstiftung des Bundes. Bis September 2007 werden knapp 1,4 Millionen Euro aus der Staatskasse fließen. Welche Auswirkungen wird dies auf ihr redaktionelles Selbstverständnis haben? Verstehen Sie sich nun als staatlich beauftragter Kulturvermittler?

Chervel: Die Förderung durch die Kulturstiftung des Bundes ist für uns eine riesige Chance, denn aus eigener Kraft hätten wir einen englischsprachigen Service, von dem wir immer geträumt haben, nicht entwickeln können. Das ist anders als beim Perlentaucher. Der war zwar auch ein Sprung ins kalte Wasser, man konnte aber die Dimensionen und das Publikum besser im Vorhinein absehen. Die Finanzierung eröffnet also eine Chance, und wir müssen dann versuchen, das Angebot auf eigene Beine zu stellen. Das ist natürlich eine Pionierarbeit, und wir können heute noch nicht versprechen, dass es auch funktioniert.

Schließlich steht uns als potentieller Adressat die ganze nichtdeutschsprachige Welt gegenüber, und da muss man erst noch sehen, auf welches Echo das Projekt stoßen wird. Was die künftige Finanzierung angeht, kann es auch sein, dass sich auch noch andere Stiftungen engagieren werden, die ein öffentliches Interesse daran erkennen, dass ein solcher Service existiert.

Es kann aber auch sein – und das wäre uns im Grunde am liebsten – dass sich das Projekt wirtschaftlich aus eigener Kraft tragen kann. Das ist ein Experiment, man muss also abwarten. Die inhaltliche Autonomie ist natürlich weiterhin gegeben, denn redaktionell wird die Kulturstiftung des Bundes überhaupt keinen Einfluss ausüben.

Netzeitung: Welche Resonanz versprechen Sie sich auf signandsight?

Chervel: In den deutschen Medien ist das Echo schon jetzt sehr groß. Von internationaler Seite ist bereits der Dienst «Arts & Letters Daily» (aldaily.com), ein dem Perlentaucher vergleichbares Projekt, an uns herangetreten. Man hat sich dort sehr interessiert gezeigt und bereits versprochen, häufiger auf signandsight zu verweisen. Vielleicht ergibt sich da auch eine engere Zusammenarbeit.

Ansonsten hoffen wir auf einen Effekt, der dem Perlentaucher seinerzeit sehr genützt hat. Dass wir nämlich auch für Journalisten sehr interessant sind, die im Ausland etwas über Deutschland oder Europa in Erfahrung bringen wollen. Wenn sie mit unserer Seite etwas anfangen können, dann werden sie auch die gute Nachricht unserer Existenz weiter tragen.

Mit Thierry Chervel sprach Ronald Düker.