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Stets gern für sie beschäftigt...: 

Hugos dunklere Seite

25. Feb 2005 07:31, ergänzt 07:35
Ausschnitt aus Tanya Urys
Die Ausstellung «Stets gern für Sie beschäftigt...» zeigt Kunst zur Rolle der Industrie beim Holocaust. Sie versteht sich auch als Kommentar zur «Flick-Collection».

Von Martin Conrads

Als im Oktober letzten Jahres die «Friedrich Christian Flick Collection» in den Räumen des «Hamburger Bahnhofs» in Berlin eröffnet wurde, schienen Aktionen, die Unmut und Formen künstlerisch-kritischen Widerstands gegen die kulturpolitisch zumindest Besorgnis erregenden Umstände formulierten, eher die Ausnahme. Die Aktion des Künstlers Istvan Kantor, der eine Wand in der Ausstellung mit Blut bespritzte, erschöpfte sich dabei gar in blankem Aktionismus.

Zur Eröffnung der «Collection» selbst waren es vor allem zwei Projekte, die auf reflektiertere Weise den Nerv der Diskussion zu treffen suchten: Zum einen die Initiative des Berliner Künstlerpaares Renata Stih und Frieder Schnock, die auf Plakaten in unmittelbarer Nähe des Hamburger Bahnhofs «Freien Eintritt für ehemalige ZwangsarbeiterInnen» forderten, zum anderem jene Aktion, bei der polemisch nach Carinhall eingeladen wurde, dem Anwesen Hermann Görings in der Schorfheide, nördlich von Berlin. Unter dem Motto «Einer Zeit, der eine Flick Collection recht ist, sollte eine Göring Collection billig sein!» verteilten der Dirigent Christian von Borries und die Kuratorin Inke Arns Flyer an die geladenen Gäste der Flick-Vernissage, die zum Besuch einer fiktiven «Göring Collection» animierten.

Ausschnitt aus Tanya Urys
Mitte Dezember schließlich versammelten sich mehrere hundert Zuhörerinnen und Zuhörer bei der Veranstaltung «Heil dich doch selbst! Die 'Flick-Collection' wird geschlossen» im Berliner «HAU 1»-Theater, um über mehrere Stunden hinweg künstlerischen und theoretischen Beiträgen beizuwohnen. Diese wandten sich in pointierter Weise gegen die offizielle Sanktionierung der Sammlung bei gleichzeitiger Weigerung Friedrich Christian Flicks, in den Zwangsarbeiter-Fonds einzuzahlen. Erst mit dieser Veranstaltung nahm die Kritik von Kulturproduzentinnen und Kulturproduzenten eine Form jenseits der Randbemerkung an.

Zur Rolle der Industrie beim Holocaust

Nun ist die außerinstitutionelle Kritik aber zumindest in einer Institution angekommen, da sich die Berliner ifa-Galerie des Instituts für Auslandbeziehungen (ifa) mit der Ausstellung «Stets gern für Sie beschäftigt...» aktiv und kritisch in die Diskussion um die «Flick Collection» einmischt. Immerhin ist das Institut selbst ein Verein, der laut Statuten «als Mittlerorganisation der deutschen Außenpolitik im Auftrag des Auswärtigen Amtes» tätig ist. Die Ausstellung wurde am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus eröffnet, sie ist dem 40-jährigen Jubiläum der deutsch-israelischen Beziehungen gewidmet. Zu sehen sind dort derzeit Arbeiten von internationalen Künstlerinnen und Künstlern zur «Rolle der Industrie beim Holocaust».

Die Ausstellung soll dezidiert in Bezug zur «Friedrich Christian Flick Collection» gesehen werden. Die Kuratorin der Ausstellung und Leiterin der Berliner ifa-Galerie, Barbara Barsch, verweist in ihrem einleitenden Katalogtext unter anderem auf Gerhard Schröders «warme Worte des Dankes an den Enkel von Friedrich Flick». Der Umgang Berlins mit der Sammlung wiederum mache deutlich, so Barsch, «dass wesentliche Zusammenhänge entweder nicht begriffen oder verdrängt werden, dass das Bewusstsein für die gegenseitige Bedingtheit von Nationalsozialismus, Zweitem Weltkrieg, Holocaust und Zwangsarbeit nicht geschärft ist».

Ist doch schlimm genug gewesen

«Stets gern für Sie beschäftigt», so lautete der Satz, mit dem man bei der Erfurter Firma J. A. Topf & Söhne Briefe an den Auftraggeber unterzeichnete. Letzterer war die SS-Bauleitung, und das Produkt waren die Krematoriumsöfen, die Topf & Söhne unter anderem in den Vernichtungs- und Konzentrationslagern Auschwitz, Buchenwald und Dachau installierte. In der DDR wurden der Nachfolgebetrieb von Topf & Söhne volkseigen. Nachdem dieser 1994 in Konkurs ging, hat sich in Erfurt ein Förderkreis gebildet, der sich mit einer «Konzeption für einen Geschichtsort Topf & Söhne» um eine kritische öffentliche Auseinandersetzung über die historische Bedeutung der heutigen Industriebrache bemüht. Auch sind Teile des Geländes seit einigen Jahren von jungen linken Aktivisten besetzt.

Fabrikhalle von Topf & Söhne, gesehen von Yael Katz Ben Shalom
Die israelische Künstlerin Yael Katz Ben Shalom hat die Gedanken der jungen Antifaschisten zu ihrem Engagement vor Ort festgehalten – in ihrer in der Ausstellung gezeigten Foto- und Videoarbeit «Made in Germany». Sie dokumentiert außerdem das heutige Aussehen des Geländes und handelt vom historischen Bewusstsein Erfurter Bürgerinnen und Bürger. Von den auf der Straße befragten Passantinnen und Passanten weiß nur eine Minderheit über die Firma Auskunft zu geben; neben viel Unkenntnis ist auch zu hören: «Muss es da eine Erinnerung extra geben? Ist doch schlimm genug gewesen!»

Verloren im Plakativen

Obwohl die Ausstellung in der ifa-Galerie Arbeiten von nur sechs Künstlerinnen und Künstlern zeigt, gelingt es ihr mit solchen Installationen einprägsam, das Thema künstlerisch zu visualisieren und zu vergegenwärtigen. So wird hier auch eine neu aufgelegte Version des Entwurfs gezeigt, mit der sich Renata Stih und Frieder Schnock 1994 an dem Wettbewerb um das «Denkmal für die ermordeten Juden Europas» beteiligte. Statt eines konkret lokalisierten Mahnmals schlugen Stih und Schnock eine Bushaltestelle am Ort des Denkmals vor, von der aus europaweite Linienfahrten zu Tatorten des Holocaust führen sollten.

Das oben erwähnte Engagement gegen die Berliner Präsentation der «Flick Collection» haben Stih und Schnock mit der in Köln lebenden Künstlerin Tanya Ury gemein. Ihre in der ifa-Galerie gezeigten Arbeiten thematisieren unter anderem den Aufstieg der «Hugo Boss AG». Dieser verdankte sich ab 1933 der Herstellung von NS-Uniformen, die unter anderem von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern gefertigt wurden. Ury stellt nun einen Zeitungsartikel über den Firmenaufschwung dem Bild aus einer Anzeigenkampagne der gleichen Firma von 2002 gegenüber: Diese warb, ganz unbelastet, mit dem Spruch «The Darker Side of Hugo» für ein Herrenparfüm.

In einer anderen Arbeit sieht man, wie sich die Künstlerin den Firmennamen auf die Haut ihrer Handinnenfläche näht. Ury will damit einerseits auf die Rolle der als Näherinnen eingesetzten Zwangsarbeiterinnen verweisen, andererseits will sie mit diesem Bild ein weiteres Poster einer Parfum-Anzeigenserie parodieren, bei dem einem jungen Mann die Worte «Your Rules» auf die Hand geschrieben stehen. Leider verlieren sich Urys Arbeiten trotz des nicht uninteressanten Versuchs, zeitgenössische Image-Kampagnen kritisch-historisch zu analysieren, oftmals im Plakativen.

Von der Synagoge zum Hallenbad

Mit historischen Farbfotografien aus dem Ghetto in Lodz arbeitet die Berliner Künstlerin Heidi Stern: In ihren Installationen stellt sie Szenen aus dem Alltag der Ghettobewohner mit plastischen Figuren aus Ton nach – und fotografiert die nachgestellten Szenen wiederum teilweise. Die derart nachdrücklich Abgebildeten sollen so wiederauferstehen, «jedoch nicht im christlichen Sinne, sondern als die Todeskandidaten, die sie waren».

Uriel Orlow:
Bewusst ohne Gesichter kommen hingegen die Arbeiten von Uriel Orlow aus: Der Künstler zeigt etwa ein Video, bei dem er mit seinem Blick das Innere einer ehemaligen Synagoge in Poznan abtastet, die von den Nazis zu einem Hallenbad zweckentfremdet wurde und auch heute noch diese Funktion hat. Für sein neunstündiges Video «Housed Memory» wiederum filmte Orlow den Gesamtbestand der Londoner «Wiener Library», des ältesten Archivs zum Holocaust, ab.

Auch wenn man die Interviews mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Bibliothek auf der Straße nicht hören kann, scheint die Arbeit tags und nachts durch die Fensterscheibe der Galerie hinaus nach Berlin-Mitte. Unterdessen erfreut sich die Eröffnungsausstellung der «Flick Collection» eines so großen Besucherandrangs, dass sie um zwei Monate verlängert wurde.


«Stets gern für Sie beschäftigt...» ist noch bis zum 27. März in der ifa-Galerie in Berlin-Mitte zu sehen.

 
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