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Heaven's Gate: 

Der Western, den Kubrick nie gedreht hat

21. Feb 2005 07:28, ergänzt 07:32
Isabelle Huppert und Kris Kristofferson bei einem Walzer
Michael Ciminos «Heaven's Gate» von 1980 ist einer der schönsten Hollywoodfilme überhaupt, ruinierte aber United Artists. Nun wurde er auf der Berlinale gewürdigt.

Von Ronald Düker

Michael Cimino ist der Totengräber des amerikanischen Autorenfilms. Darauf hat sich eine ganze Generation von Filmgeschichtlern geeinigt. Der Erfolg, den sein mit dem Oscar prämierter Film «The Deer Hunter» dem Regisseur kurz zuvor beschieden hatte, hatte diesen Mann größenwahnsinnig und verantwortungslos gemacht – so zumindest erschien es im Jahr 1980.

Der Film, der so teuer wurde und an der Kinokasse so erfolglos blieb, dass er das bedeutende Studio United Artists in den Ruin trieb, hieß «Heaven's Gate» und war ein Western, wie es in den Vereinigten Staaten von Amerika noch keinen gegeben hatte. Die Berlinale zeigte den Film nun in seiner ganzen Pracht von 225 Minuten, dazu Michael Epsteins Dokumentarfilm «Final Cut: The Making and Unmaking of Heaven's Gate».

Das Ende von New Hollywood

Sieben Millionen Dollar, so hatte Cimino zunächst versprochen, sollte der Film kosten. Nach sechs Drehtagen aber war man bereits fünf Tage hinter den Zeitplan zurückgefallen, bei gerade einmal anderthalb Minuten brauchbaren Films – die Kosten dafür betrugen 900.000 Dollar. So stellte der Regisseur sein Werk erst mit einer Verspätung von anderthalb Jahren fertig. Die Gesamtkosten: 44 Millionen Dollar.

Das stolze United-Artists-Studio, das einst von Charlie Chaplin, Mary Pickford und Douglas Fairbanks begründet worden war und sich immer etwas auf die immensen Freiheiten zugute gehalten hatte, die es seinen talentierten Regisseuren ließ, wurde an MGM verkauft. «Heaven's Gate» ist seitdem auch der Inbegriff für das Ende des amerikanischen Autorenfilms, eine Metapher für das vermeintlich berechtigte Misstrauen, das ein jedes Studio von nun an noch gegen den vielversprechendsten Regisseur hegen durfte. Und er ist ein Mahnmal für die endgültige Niederlage künstlerischer Freiheit gegen die kaufmännische Vernunft von Produzenten und Studiobossen: Der Film des New Hollywood, der in den Siebzigern kreative Ambition mit großem kommerziellen Erfolg hatte vereinen können, war pünktlich zum Ausgang des Jahrzehnts an sein Ende gekommen.

Apocalypse Next

Noch während der Dreharbeiten zu «Heaven's Gate» hatte es sich herumgesprochen, dass sich auf dem Set in Montana eine filmische Katastrophe anbahnen musste. Wie ein militärisches Sperrgebiet hielt «Ajatollah Cimino» – ein Spitzname, mit dem der despotische Regisseur sogar selbst einverstanden war – das Gelände von Medienvertretern, von denen ihm nichts als Übles schwante, frei. Auch Angehörige des eigenen Studios United Artists, das zwischenzeitlich versuchte, dem Regisseur einen zusätzlichen Produzenten zur Minimierung der scheinbar uferlosen Kosten zur Seite zu stellen, wurden ferngehalten.

Romanze im Gegenlicht
Schließlich gelang dem Journalisten Les Gapay ein großer Coup: Nachdem er erfolglos um ein Interview mit dem Regisseur angefragt hatte, heuerte er kurzerhand als Statist an, bekam dreißig Dollar und eine warme Mahlzeit am Tag und schließlich auch seine Geschichte. In einer pfiffigen Anspielung an einen anderen Film, der United Artists aufgrund eines ebenfalls drastisch überzogenen Budgets noch immer schwer im Magen lag, übertitelte Gapay die Reportage vom Drehort mit «The Making of Apocalypse Next». Er berichtete von einem größenwahnsinnigen Regisseur, der sich mit seinem dreißig Millionen teuren Western anschickte, die «teuerste Fußnote der Geschichte» zu bebildern. Die Geschichte erschien mit großem Echo im «Time Magazine» und trug wesentlich dazu bei, dass der Film ein Flop wurde, noch bevor ihn die Bosse seines eigenen Studios zu Gesicht bekommen hatten.

Wie ein Gang durchs eigene Wohnzimmer

Eine ganze Woche lang durfte «Heaven's Gate» schließlich in New York laufen, dann sorgte Cimino selbst dafür, dass der Film vorübergehend wieder aus dem Verkehr gezogen wurde. In der «New York Times» war zu lesen, dass der Film so spannend sei wie ein vierstündiger Spaziergang durchs eigene Wohnzimmer, andere Kritiker großer Zeitungen schlugen ähnliche Töne an. Auch eine zweite Fassung, die Cimino auf 150 Minuten herunter gekürzt hatte, wurde beim Publikum und der Kritik zum Misserfolg.

Heaven's Gate, so hatte Cimino zunächst verlauten lassen, sollte der größte Western aller Zeiten werden. Ein neuer «Vom Winde verweht», so war auch zu hören, sollte hier entstehen, ein «Doktor Schiwago» oder «Lawrence von Arabien». Tatsächlich ist der Film nichts dergleichen – will man dem filmgeschichtlichen Olymp einen Vergleichsmaßstab entlehnen, dann ist «Heaven's Gate» wohl am ehesten der Western, den Stanley Kubrick nie gedreht hat. Die ungeheure Detailgenauigkeit, die Cimino noch der nebensächlichsten Einstellung hat angedeihen lassen, gemahnen an den einsamen Briten, den die Retrospektive der Berlinale gerade nicht von ungefähr noch einmal für sein ausgeklügeltes Production Design hochleben lässt. Explizit sind die Anklänge an Kubricks Science-Fiction-Epos «2001».

Die Schlinge zieht sich zu

Der Prolog zu «Heaven's Gate» spielt in Harvard und zeigt die Abschlussfeier jener Klasse von 1870, deren Mitglieder sich später im tiefen Westen von Wyoming wiedertreffen werden. Auf dem Hof der Universität tanzen sie zu den Klängen von Johann Strauss, zu denen einst Kubricks Astronauten durchs All geschwebt waren, einen ausgelassenen Walzer. Die Kamera dreht sich dabei in einer rasanten Kreisfahrt um die Tänzer.

In den folgenden dreieinhalb Stunden zeigt der Film mit unerbittlicher Konsequenz, wie sich der Tanz dieser Intelligenzija aus dem Osten auf den Leichenbergen des ländlichen Westens fortsetzt. Wie sich die Schlinge, die die kreiselnde Kamerafahrt gleich zu Beginn vorführt, langsam zuzieht, und zwar um den Hals der unterprivilegierten Immigranten, die zumeist aus Osteuropa aber auch Deutschland nach Amerika gekommen waren, um in den unwirtlichen Weiten der gefährlichen Frontier ihr Glück zu versuchen.

Todesschwadrone im Westen

Der Johnson-County-War, um den es im Film geht, ist historisch verbürgt: 1892 beschloss eine Vereinigung von Viehbaronen, gewaltsam gegen die vielen hungerleidenden Farmer vorzugehen, die ihre Familien oft nur noch von gestohlenem Vieh ernähren konnten. 125 Bauern wurden auf eine Liste gesetzt und, ohne dass je ein Gerichtsverfahren vorausgegangen wäre, systematisch durch angeheuerte Berufskiller ermordet.

Wenn es sich dabei auch um ein gänzlich illegales Unternehmen handelte, geschah es doch mit der Billigung des Gouverneurs von Wyoming und – wie der Anführer der Großgrundbesitzer im Film stolz verkündet – legitimiert durch die Regierung und den Präsidenten der Vereinigten Staaten. Die Todesschwadrone der Viehbarone begegneten ihren Opfern, die des Polnischen, Russischen oder Deutschen, zumeist aber nicht der Muttersprache ihrer neuen Heimat mächtig waren, stets mit dem Sternenbanner in der Hand.

Ronald Reagan ad portas

Der missglückte Kinostart, den «Heaven's Gate» 1980 erlebte, dürfte auch ein Resultat des politichen Klimas gewesen sein. Die Vereinigten Staaten waren bereits reif für ihren künftigen Präsidenten Ronald Reagan, und konnten mit einem derart unpatriotischen Film offenbar wenig anfangen. In einem Fernsehinterview musste sich Cimino vorrechnen lassen, wie viele Jahre lang man eine vielköpfige amerikanische Familie mit dem Budget dieses Films hätte über Wasser halten können. Wie verlogen! Denn dass der Johnson County War das Modell eines aufkommenden Neoliberalismus gewesen sein könnte, der eine gesellschaftliche Schicht mit dem Namen New Working Poor bereits herauszubilden anschickte, davon war damals nicht die Rede.

Und doch mag diese politische Brisanz den eigentlichen Skandal des Filmes und den wirklichen Grund für seinen Misserfolg ausgemacht haben. Michael Epsteins Dokumentation weiß davon leider nichts. Zu sehr ist sie auf die anekdotische Nacherzählung produktionsgeschichtlicher Details fixiert.

Einer der schönsten Filme Hollywoods

Man kommt also nicht umhin, diesen Film noch einmal mit eigenen Augen zu sehen. Übrigens auch, weil es einer der opulentesten, durchkomponiertesten und sagen wir ruhig: schönsten Filme ist, die jemals aus Hollywood gekommen sind. Man darf sich ruhig fragen, in was für einer Wohnung der Kritiker der «New York Times» damals zu Hause war. Und Michael Cimino? Vieles deutet darauf hin, dass er wirklich der rücksichtslose Egoist war, für den ihn damals viele hielten. Und nichts deutet darauf hin, dass ihm die Produktion aus den Händen geglitten ist, dass er nicht von vornherein wusste, wie viel Zeit und Geld «Heaven's Gate» in Anspruch nehmen würde.

Cimino hat einfach die Chance ergriffen, einmal im Leben genau den Film zu drehen, den er drehen wollte. Er hat dafür den Ruin seines Studios in Kauf genommen. Alle späteren Filme Ciminos sind innerhalb des gesetzten Zeitplans und Budgets fertig geworden. Sie alle gerieten höchst mittelmäßig.

Auf der Berlinale war die vollständige und jüngst restaurierte Fassung von «Heaven's Gate» zu sehen. Eine leicht gekürzte andere Version des Films liegt in Deutschland seit 2001 auf DVD vor.

 
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