Namibia - Deutschland: 

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Angehöriger der deutschen Schutztruppe auf einem Reservistentuch (Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Angehöriger der deutschen Schutztruppe auf einem Reservistentuch
Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Lange war der Kolonialkrieg im heutigen Namibia vergessen. Nun widmet sich eine Ausstellung dem Verhältnis von Deutschen und Namibiern, Schwarzen und Weißen von damals bis heute.

Von Ralf Hanselle

Aus einem kleinen Lautsprecher erklingt leise Musik. Schnell erkennt der Zuhörer eine alte Weise rheinischen Frohsinns: «Mir lasse’ de Dom in Kölle.» Es sind jedoch nicht die Bläck Fööss oder die Höhner, die diesen Karnevalsshanty intonieren. Es ist ein etwas streng klingender deutscher Männerchor aus Namibia. Jeckenstimmung will nicht aufkommen. Denn wo der Rheinländer die fünfte Jahreszeit immer auch als Persiflage auf Militarismus und Preußentum verstanden hat, da scheint es für die deutsche Minderheit in Namibia keinen Grund zu geben, sich über die diese Aspekte deutscher Vergangenheit lustig zu machen.

Über 30 Jahre lang war Namibia eine deutsche Kolonie. Das Deutsche Historische Museum in Berlin hat diese Phase unrühmlicher deutscher Vergangenheit zum Anlass für eine Ausstellung genommen. Unter dem Titel «Namibia - Deutschland. Eine geteilte Geschichte» werden noch bis Mitte März die unterschiedlichen Lebenswelten in Namibias Historie und Gegenwart beleuchtet. Das kleine Karnevalslied ist da nur ein winziges Schmankerl aus dem reichhaltigen Fundus deutscher Brauchtumspflege im westlichen Afrika.

Der Wettlauf um Afrika
Alles begann im Jahr 1883. Damals erwarb der deutsche Kaufmann Franz A. Lüderitz ein weiträumiges Gebiet rund um die Bucht Angra Pequena. Die Erwerbung fiel in jene Phase, die eine englische Zeitung ihren Lesern bald unter der Überschrift «Der Wettlauf um Afrika» näher bringen sollte. Engländer, Niederländer oder Portugiesen machten sich daran, ihre einstmals kleinen Handelsposten zu großräumigen Kolonien auszubauen. Das noch junge Deutsche Reich wollte diesem blamablen Wettbewerb europäischer Nationalstaaten in nichts nachstehen. Nicht nur der deutsche Kaiser, sondern auch zahlreiche alldeutsche Vereinigungen drängten auf ihren Platz an der Sonne.

1884 war es dann soweit. Kaiser Wilhelm I. erklärte das heutige Namibia zu einem deutschen Schutzgebiet. Ohne Rücksicht auf die schwarzafrikanischen Einwohner – Herero, Nama oder Ambo – wurde aus einem Gebiet, das um einiges größer als das Deutsche Reich war, die Kolonie Deutsch-Südwestafrika. Es war nicht die einzige koloniale Errungenschaft des Kaiserreichs, aber seine einzige Siedlerkolonie. Dieser Umstand ist noch heute an unzähligen Speisekarten, Städtenamen oder Farmbezeichnungen ablesbar ist. So zeigt die Ausstellung etwa Bilder von landwirtschaftlichen Liegenschaften, die mit Namen wie «Heimaterde», «Berlin» oder «Geduld» nicht nur von der deutschen Vergangenheit in Afrika zeugen, sondern zudem daran erinnern, dass noch heute 1,5 Prozent der Namibier deutscher Abstammung sind.

Ströme von Blut und Geld
Wie alle anderen imperialistischen Nationen hat sich auch Deutschland in seiner Kolonie nicht mit Ruhm bekleckert. Von Beginn an setzte man auf eine rassistisch geprägte Segregation. Anhand zahlreicher Beispiele werden im Deutschen Historischen Museum die unterschiedlichen Lebensverhältnisse von Schwarzen und Weißen damals wie heute illustriert. Das deutsche Wesen, an dem sprichwörtlich die Welt genesen sollte, war für die Afrikaner bestimmt durch Reservate, Landverluste und tägliche Diskriminierung.

Im Jahr 1904 geriet das Fass zum Überlaufen. Unter Samuel Maharero probten die Herero den Aufstand. Mit Überfällen auf deutsche Farmen und Militärstationen begann der erste Widerstandskrieg in der Geschichte des heutigen Namibias. Er sollte der Auftakt zu einem grausamen Genozid werden. Nicht nur, dass die Herero bereits im August des gleichen Jahres bei der Schlacht am Waterberg endgültig geschlagen wurden. Der aus Deutschland gesandte Generalleutnant Lothar von Trotha befahl zudem ihre physische Vernichtung: «Ich vernichte die aufständischen Stämme mit Strömen von Blut und Strömen von Geld», so von Trotha in einem Brief an den deutschen Gouverneur Theodor Leutwein.
Umsiedlung und Internierung
Die Vorgehensweise war perfide. Tausende fanden den Tod, weil die deutschen Truppen sie in ein karges Wüstengebiet abdrängten: Ähnlich erging es den Angehörigen der Nama, die sich noch im gleichen Jahr in einem Guerillakrieg erhoben. Genaue Zahlen sind bis heute nicht bekannt. Historiker gehen aber davon aus, dass die Hälfte der Nama- und fast Dreiviertel der Hererobevölkerung diesem Kolonialkrieg zum Opfer fielen. Denen, die überlebten, drohte eine düstere Zukunft. Sie mussten ihr Land und ihre Viehherden abgeben und wurden in deutsche Konzentrationslager gesperrt.

Leider beleuchtet die Ausstellung dieses finstere Kapitel in der deutsch-namibischen Geschichte nur ganz am Rande. Zwar werden einzelne Fotos von den Lagern gezeigt, im Gros aber bleibt das gesamte Ausmaß dieser zweiten Phase der Vernichtung ausgespart. Die Idee zu diesen Lagern war nicht spezifisch deutsch. Sie wurden von der englischen Kolonialmacht in Südafrika sowie von den Spaniern auf Kuba übernommen. 1895 machte sich das spanische Imperium erstmals die Methode der «reconcentración» in ihrer kubanischen Kolonie zu Nutze. Eine Reihe von Aufständen sollten mittels Umsiedlung und Internierung brutal niedergeschlagen werden.
Ärzte experimentieren mit den Internierten
In der deutschen Kolonie Südwestafrika wurde diese barbarische Strategie weiter pervertiert. Hier wurden die aus ausschließlich «rassischen» Gründen Internierten nicht nur zu unmenschlichen Arbeitsdiensten abgeurteilt. An ihnen wurden auch medizinische Experimente vorgenommen. Die Mediziner Theodor Mollison und Eugen Fischer hatten es sich in den Konzentrationslagern zum Ziel gesetzt, den Mythos von der Überlegenheit der weißen Rasse zu untermauern.

Dass ihre Gedankengänge von der weißen Übermenschlichkeit aus wissenschaftlicher Sicht Humbug waren, muss nicht erwähnt werden. Dennoch sollten ihre Namen noch einmal in der deutschen Geschichte auftauchen. Mollison und Fischer, der spätere Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, waren die einflussreichsten Lehrer des Arztes in Auschwitz, Josef Mengele.

Noch eine weitere Linie führt von den Lagern im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika zur Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten. Sie trägt den Namen des damaligen Reichskommissars in der Kolonie, Heinrich Göring. Was dieser weit entfernt von der Öffentlichkeit in Berlin oder München an Kontroll- und Vernichtungsmaßnahmen ersann, dass sollte sein Sohn, der spätere Preußische Innenminister Hermann Göring, mitten unter den Augen der Deutschen wiederholen.

Schwarz-weiß schattiert
Obwohl Deutsch-Südwestafrika während des Ersten Weltkriegs an den Völkerbund ging und Südafrika später das Mandat für das Land übernahm, sind die Spuren der deutschen Kolonialzeit bis heute sichtbar. Der Stadtplan von Namibias Hauptstadt Windhoek ist unterschwellig noch immer schwarz-weiß schattiert. Und auf dem Land gehören 75 Prozent des landwirtschaftlich genutzten Areals weißen Farmern. Die gemeinschaftlich genutzten Kommunalgebiete, auf denen die Schwarzen ihren Lebensunterhalt erwirtschaften, lassen hingegen keinen Privatbesitz zu. Anhand der Gegenüberstellung von zahlreichen Alltagsobjekten aus weißen wie aus schwarzen Haushalten – vom Kinderspielzeug bis zu Kommunikationsmedien – dokumentieren die Ausstellungsmacher, wie sich der Kolonialismus von einst mittels der stets präsenten sozialen Ungleichheit bis in die Gegenwart hinein verlängert.

Die Bundesrepublik hat sich jahrelang ihrer besonderen Verantwortung gegenüber Namibia und seiner Geschichte zu entziehen versucht. Heidemarie Wieczorek-Zeul, Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, hat anlässlich der Gedenkfeierlichkeiten zum 100. Jahrestag der Herero-Aufstände am 14. August 2004 in Namibia die Nachkommen der Überlebenden um Vergebung gebeten.

Ein Gang durch das Deutsche Historische Museum verdeutlicht eindringlich: Namibia liegt nicht irgendwo in Afrika. Seine Geschichte ist nicht nur mit der Geschichte der Deutschen verbunden. Viele Irrwege deutscher Politik sind hier vorweg genommen worden.

«Namibia – Deutschland. Eine geteilte Geschichte» ist noch bis zum 13. März im Deutschen Historischen Museum in Berlin zu sehen. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.