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Islam: 

Imame aus Europa gesucht

11. Feb 2005 07:41, ergänzt 11:41
Muhammad al-Sammak
Die traditionelle Auslegung des Islam behindert nicht nur die Entwicklung der arabischen Länder, glaubt der libanesische Intellektuelle Muhammad al-Sammak.

Netzeitung: In Ihrem Essay «The Culture of Dialogue in Islam: Freedom of Choice and the Right to Differ» betonen Sie, dass der Koran die Muslime zu Respekt vor dem Anderen und zum Eingeständnis eigener Fehler auffordert. Das ist ein Hinweis, der kaum nötig wäre, wenn diese Qualitäten noch gelebt würden.

Muhammad al-Sammak: Sie werden individuell gelebt. Übergreifend aber existiert der Dialog mit dem Anderen und der Respekt vor ihm bereits seit Jahrhunderten vorrangig nur noch in der Theorie. Und seit der Explosion des Fundamentalismus treibt sein Gegenteil immer neue Blüten.

Netzeitung: Wahre Gläubige, schreiben Sie, wähnen sich nie im Besitz der alleinigen Wahrheit.

Al-Sammak: Andere Religionen anzuerkennen ist Teil der islamischen Doktrin. Ob deren Propheten nun alle namentlich aufgeführt sind oder nicht. Ich kann nicht argumentieren: Dieser Name steht nicht im Buch, also lehne ich diese Religion ab. So handle ich der islamischen Doktrin zuwider. Genau so verfahren aber die Fundamentalisten: Alle Andersgläubigen behandeln sie als «kafirs», als Ungläubige. Und in jüngerer Zeit greifen sie jeden an, von Christen über Juden bis hin zu den eigenen Leuten. Jeder, der nicht denkt, was sie wollen, ist ein «kafir». Das alles hat mit Islam nun wirklich nichts mehr zu tun.

Netzeitung: Demnach wären die Fundamentalisten die eigentlichen Ungläubigen?

Al-Sammak: Wenn es um ihre Überzeugung geht, als einzige im Recht zu sein, ja. Die so genannten «Hüter des Islam» haben sich meines Erachtens in eine Ideologie verrannt, die den Koran zwar punktuell berührt, ansonsten aber aus politischen und kulturellen Überzeugungen resultiert. Es ist höchste Zeit, dass alle Muslime anfangen, zwischen Religion und Tradition zu unterscheiden.

Netzeitung: Welche Vermengung von Tradition und Religion müsste hier vor allem analysiert werden?

Al-Sammak: Die Scharia. Das ist ein 1200 Jahre altes Regelwerk, das auf menschlichen Interpretationen gründet und uns immer noch in seinen Grenzen gefangen halten will – ungeachtet der gesamten Evolution, die die Menschheit seither durchlief. Genau mit dieser Tradition müsste sich von Somalia bis Marokko jedes muslimische Land intern auseinandersetzen. Denn auch das ist eine traditionelle Verfälschung: Die Araber sind nicht ein Volk, sondern Völker. Sie respektieren nicht einmal ihre interne Andersartigkeit.

Netzeitung: Das klingt nach einem ausufernden Unterfangen. Den generellen Ausgangspunkt für diese Aufarbeitung sehen Sie aber im Koran?

Al-Sammak: Im Ursprungstext, denn Gottes Wort ist absolut, seine Deutung aber stammt von Menschen und ist somit nicht ewig gültig. Das Gebot der Deutung ist mir sehr wichtig, da es ignoriert oder sogar tabuisiert wird. Seit dieser Text einige Interpretationen durchlief, soll er gleichsam unangetastet bleiben. Zeitgleich werden absurderweise aber laufend neue Fatwas zugunsten politischer Um- oder Neuentscheidungen in der Interpretation erlassen. In diesem Kontext wird also sehr viel gedeutelt, nicht aber, wenn es um eine grundlegende Revision geht.

Das Gebot unserer Zeit ist es, einen Weg vom Ursprungstext ins Heute zu finden. Das setzt natürlich einen hohen Bildungsgrad voraus, der hierzulande beschämender Weise fehlt. Es gibt hie und da einzelne Individuen, aber daraus entsteht keine durchsetzungsfähige Bewegung. Hier sind zuerst die Staatsführer und dann die Religionsführer gefragt, denn eine Reform des Bildungswesens liegt in der Hand ersterer.

Das gleiche Problem sehe ich für den so genannten Euro-Islam: Seit zehn Jahren plädiere ich in Paris und London dafür, dass die Imame aus den Reihen der in Europa ansässigen Muslime herangebildet werden. Ein Muslim, der bereits in der zweiten Generation in Deutschland lebt, hat ein anderes Verständnis für die dortige Lebensweise als einer, der frisch aus einem marokkanischen oder saudi-arabischen Dorf eintrudelt und dann wer weiß welche koranfernen Überlieferungen in seiner Freitagspredigt an Muslime in Deutschland weitergibt.

Netzeitung: Als Politikberater und Kolumnist behalten Sie vor allem den politischen Rahmen dieser Entwicklung im Auge. Welche innerarabischen Folgen befürchten Sie angesichts der fundamentalistischen Islaminterpretation?

Al-Sammak: Es ist eine politische Zeitbombe. Es geht mir tatsächlich weniger um irgendeinen «Kampf der Kulturen», das ist mir zu nebulös. Sehr greifbar hingegen ist der innerarabische Kampf der Konfessionen. Es ist dringend erforderlich, die vermeintlich maßgeblichen konfessionellen Zugehörigkeitskategorien als Mittel zum Machtmissbrauch zu demaskieren.

Denn wozu der ganze Konfessions-Hickhack führt, sehen sie etwa am Beispiel Libanon: Jahrzehntelanger Bürgerkrieg. Für Syrien wiederum gilt: Den Sekten dort die Gelegenheit zu geben, sich zu formieren, hätte die selbe Wirkung, als ob man in Deutschland die Rechtsradikalen frei agieren lassen würde. Oder schauen Sie in den Irak, wo Sunniten und Schiiten gerade die historische Gelegenheit verpassen, ihren Konfessionskonflikt beizulegen und gemeinsam eine zivilrechtliche Regierung zu gründen. Das alles gründet in verquasten Traditionen, die wiederum von einer falsche Lesart des Korans am Leben erhalten werden.

Netzeitung: Führt dieser Traditionalismus dazu, dass die Führer in den arabischen Ländern gegenüber den Bevölkerungen weiter gestärkt werden?

Al-Sammak: Die Frage ist nur, wie lange das noch funktionieren kann. Denn was diese Entfremdung der Konfessionen tatsächlich impliziert, ist eine Fragmentarisierung, die Aufspaltung der nationalen Einheit. Die Konsequenz ist der Unrechtsstaat, die Anarchie, sozialer Verfall à la Algerien. Der Irak ist auf dem besten Weg, Algerien nachzufolgen.

All das wiederum spielt der israelischen Vision eines in Konfessionen und Gemeinden aufgesplitterten Nahen Ostens direkt in die Hände, den die jüdisch-israelische Gemeinde, die in sich ja sehr geschlossen ist, wunderbar dominieren könnte. Es gibt diese Vision, ich erfinde hier nichts.

Netzeitung: Entdecken Sie bereits irgendwo Tendenzen hin zu einem Eingeständnis falscher Koraninterpretationen?

Al-Sammak: Eine Entwicklung beginnt. Die meinungsbildende Kairoer Universität für Islamwissenschaften, Al-Azhar, revidierte beispielsweise öffentlich ihre Fatwa, dass Zinsen haram, also im Sinne des Korans verboten seien. Die islamische Liga in Mekka, die von saudi-arabischen Religionsführern dominiert wird, erließ lange Fatwas auf egal welchem Gebiet, ohne die Meinung von Experten einzuholen. Auch das hat sich geändert: Sie haben ein Gremium eingerichtet, das sich aus Experten für medizinische, wirtschaftliche, ja sogar psychologische Fragen zusammensetzt. Ihre Fatwas sind keine Ein-Mann-Show mehr.

Netzeitung: Haben zu dieser Revision auch der 11. September und seine Folgen beigetragen?

Al-Sammak: Beide Beispiele stammen aus der Zeit zuvor. Die Folge des 11. September, nämlich die westliche Gleichsetzung von Islam mit Terror, lähmte zunächst wieder jede Hinterfragung religiöser Traditionen, und stärkte noch die Opferhaltung der Muslime. Tatsächlich sind wir vor allem Opfer einer Kultur – nicht Religion –, die vor allem den Anderen verantwortlich macht. Und das ist auch nicht falsch, denn der Westen hat uns lange genug verraten. Wenn wir uns aber vor lauter Wut selbst vergessen, schwächen wir uns selbst. Daher müssen wir unbedingt die Frage stellen: Wo hört der Islam auf und wo fangen die Muslime an?


Dr. Muhammad al-Sammak ist Kolumnist der libanesischen Tageszeitung «Al-Mustaqbal». Er war unter anderem Berater des Premierministers Rafik Hariri und des Muftis von Libanon. In seiner Funktion als Generalsekretär des Christlich-Muslimischen Komitees für Dialog setzt sich Sammak für interreligiöse Verständigung ein. Der Autor von über zwanzig Büchern befasst sich vor allem mit religiösem Fanatismus, auch im westlichen Lager.

Mit ihm sprach Mona Sarkis.

 
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