29.01.2005
Herausgeber: netzeitung.de
Thomas Ruff: Zeitungsfoto 152, 1991
Foto: Katalog
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Die in Berlin eröffnete Ausstellung «Zur Vorstellung des Terrors: Die RAF» will nicht halten, was die mediale Skandalisierungsmaschine verprach. Vor allem die jüngere Generation hat zum Terror und seinen Bildern wenig zu sagen.
Von Ulrich Gutmair«Nach einer heftigen Kontroverse wird an diesem Wochenende die Ausstellung zur Roten Armee Fraktion (RAF) in Berlin eröffnet.» Das meldete dpa am Freitag, wobei «Kontroverse» vielleicht nicht der richtige Begriff für die Welle der Empörung ist, die sich 2003 an einzelnen Passagen aus einem unveröffentlichten Arbeitspapier für eine Ausstellung entzündete, die sich noch im Stadium der Recherche befand. Das Papier enthielt recht naive Passagen, die unter anderem vom «Mythos RAF» und den «Idealen» aus dieser Zeit sprachen.
Mit einem Bericht in «Bild», die sich damals unverhofft zur obersten kunstkritischen Instanz in Deutschland aufschwang, wurde eine Kaskade aufgebrachter Einlassungen losgetreten, die von ferne an die Tage des deutschen Herbsts 1977 erinnerten. Wenn es irgendeinen Schluss aus dieser «Kontroverse» zu ziehen galt, dann den, dass eine Ausstellung, die sich dem Phänomen RAF als Medienereignis widmete, offenbar bitter nottat.
Bilder, die sich verselbständigt habenNun wird «Zur Vorstellung des Terrors. Die RAF-Ausstellung» eröffnet. Die Ausstellung, das sei vorab gesagt, ist in ihrer Gänze so unspektakulär und wenig skandalträchtig, dass selbst - oder vielleicht gerade - ihre Gegner enttäuscht sein dürften. Sie zeigt Arbeiten von 55 Künstlern aus dem In- und Ausland, von den siebziger Jahren bis heute. Dabei wird recht schnell deutlich, dass das Gros der jüngeren Künstler offenbar nur auf der Ebene der ästhetischen Oberfläche mit der RAF umzugehen vermag, was kaum zu Erkenntnissen führt und im schlimmsten Fall banal zu nennen ist.
Wenn Hans Niehus in seinem «Hollywood Boulevard» von 2001 einen fiktiven Eintrag des RAF-Guerilleros Holger Meins im kalifornischen Asphalt zeigt, und mit dieser Parallele von Filmstar und Terrorist auf den Starcharakter von RAF-Mitgliedern verweist, den diese im Zeichensystem von Pop in den letzten Jahrzehnten hie und da erringen konnten, illustriert er nur die Beobachtung, die der Ausstellung von Anfang an zugrunde lag: Dass die RAF nicht nur von Anbeginn auch ein Medienphänomen war, sondern dass sich die Bilder auf unkontrollierbare Weise längst verselbständigt haben. Auch die meisten anderen Arbeiten der jüngeren Generation weisen nicht über den mythologisierenden, ikonenhaften Charakter dieser Bilder hinaus.
Auf der AutobahnInteressanter sind die Arbeiten der Zeitgenossen, die sich oftmals mit der Frage beschäftigten, ob Staat und Gesellschaft mit ihrer heftigen Reaktion auf den Terror sich diesem nicht auf unheimliche Weise annäherten. Unter den gegebenen Umständen noch erstaunlich humorvoll tat dies etwa Sigmar Polke in «Ohne Titel (Dr. Bonn)». Das Gemälde im Stil eines Comics zeigt einen Mann in einem Büro, der mit einer Zwille auf die wie Poster an seiner Wand hängenden Fahndungsplakate von Andreas Baader und Jan-Carl Raspe zielt, ohne sie dabei eines Blickes zu würdigen.
Thomas Bayrles «Stern» von 1977 gelingt es, sich von den von der RAF und den Medien produzierten Bildern zu lösen, und so den Raum für Assoziationen zu öffnen. Der fünfzackige «Stern» erweist sich als Muster aus schmalen Streifen, auf denen Modellautos auf einer Miniaturautobahn zu sehen sind. Man mag hier an die gesättigte deutsche Konsumgesellschaft denken, den Fetisch Auto, an Kleinbürgeridyll, Modelleisenbahn, Fortschritt und Kraftwerks «Autobahn».
Der Staat, der Terror und die KunstAufschlussreich sind die Aufnahmen, die im «Schleyerband», einer frühen Videoarbeit von Klaus vom Bruch, zu sehen sind. Es sind allesamt Mitschnitte von Fernsehsendungen aus den Jahren 77/78, in denen unter anderem Otto Schily in einer Fernsehsendung des österreichischen Fernsehens auftritt. Die inquisitorisch vorgetragene Frage nach der Legitimität des Terrors beantwortet er mit der Eloquenz des Staranwalts erst in einem Nebensatz abschlägig, um dann die rhetorische Frage nach der Legitimität der Gegenseite zu stellen, die immerhin freundliche Beziehungen mit einem Regime in Südafrika unterhalte, das Kinder auf offener Straße tötet.
Es mögen auch solche Verwicklungen gewesen sein, die den Kanzler im Zuge der Empörungswelle gegen die geplante Ausstellung dazu bewogen, auf die Streichung staatlicher Mittel für die Ausstellung hinzuwirken. Peter Weibel, der einerseits als Künstler vertreten ist und andererseits für die Übernahme der Ausstellung in die neue Galerie des Landesmuseum Joanneum in Graz gesorgt hat, sprach in diesem Zusammenhang schlicht von «Repression». Die Kunst-Werke reagierten darauf auf beispiellose Weise, indem sie sich der staatlichen Einflussnahme auf die Kunst einfach entzogen.
Mittels einer Auktion von Kunstwerken von solidarischen, aber in der Ausstellung nicht vertretenen Künstlern über Ebay im Dezember des letzten Jahres erwirtschafteten die Kunst-Werke einen beträchtlichen Teil des Budgets der Ausstellung selbst. Dies dürfe nicht Schule machen, forderte der Initiator der Ausstellung und ehemalige Leiter des Hauses, Klaus Biesenbach, auf einer Pressekonferenz am Freitag. Kunst zeichne sich gerade dadurch aus, als Freiraum für Kontroversen zu dienen. Das sahen wohl auch die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia und die niederländische Mondriaan Foundation so, die das Projekt ebenfalls unterstützten.
(Keine) InterpretationenDie Ausstellung sei ohnehin keine historische Ausstellung über die RAF, sondern eine Ausstellung über die Bilder der RAF in den Medien und vor allem über die Verarbeitung dieser Bilder durch die Kunst: «Wir machen keine Interpretationen», erklärte Biesenbach. Für ihn ordnet sich auch diese Ausstellung ein in ein bereits lange währendes Programm, das auf der theoretisch etwas wackligen Hypothese fußt, dass «Medienbilder den Blick auf die Welt verstellen». Diese Idee ist womöglich selbst jenem avantgardistischen Drang nach Überwindung von Vermittlung und Repräsentation geschuldet, den manche künstlerische Strömung des 20. Jahrhunderts mit der RAF teilte.
Nichtsdestotrotz dokumentiert die Schau, die von Ellen Blumenstein und Felix Ensslin kuratiert wurde, in einer Zeitleiste anhand ausgewählter Tage die Reaktionen deutscher Medien auf Anschläge der RAF und stellt damit einen zeitgeschichtlichen Rahmen her. Das hier versammelte Material kann in Band 1 des Ausstellungskatalogs nachgelesen werden. Weitaus informativer dürften jedoch die prägnanten Aufsätze des zweiten Bandes sein. Er leistet das, was das Gros der Kunst nicht zu leisten vermag: Die Auseinandersetzung mit der Programmatik und dem Denken der RAF. Die Historikerin Dorothea Hauser etwa kommt in ihrem kurzen Aufsatz «Rechte Leute von links?» zum Schluss, dass der rechtsradikale Horst Mahler von heute sich «in Teilen durchaus zu Recht auf die RAF berufen kann».
1968 erscheint Mahler nach dem 17. Juni 1953 als «der zweite deutsche Aufstand gegen eine Besatzungsmacht» in der Nachkriegszeit. Die RAF könne man mit Fug und Recht als «Waffen-SDS» bezeichnen. Der nationalrevolutionäre Impuls innerhalb der radikalen Linken war tatsächlich seit jeher stark. 1976 erklärten die Gefangenen der RAF aus Stammheim: «Die Besatzungsmacht trat der deutschen Bevölkerung in den Reeducation-Kampagnen nicht anders gegenüber als kolonialistische Eroberer der autochthonen Bevölkerung eines besetzten Landes in der Dritten Welt.» Den Amerikanern sei es darum gegangen, «die Kultur, das Geschichtsverständnis, das Bewusstsein der historischen Existenz und Identität nicht nur zu verändern, sondern vor allem und zuerst zu brechen.»
Ein deutscher VolkskriegDer «Volkskrieg» der RAF richte sich dagegen, dass «ein Staat mit dem ökonomischen Potenzial der Bundesrepublik (...) über keine eigene Direktionsgewalt verfügt». Der politischen Befreiung musste dabei eine ganz andere Befreiung vorausgehen. Ulrike Meinhof erklärte 1972, man müsse das deutsche Volk «vom Faschismus freisprechen - denn die Leute haben ja wirklich nicht gewusst, was in den Konzentrationslagern vorging». Der Antisemitismus erscheint da nur als nachrangiger Fehler einer im Kern richtigen Überlegung: «Die Juden wurden mit ihren Geschäften identifiziert. Der Antisemitismus war seinem Wesen nach antikapitalistisch.»
Die RAF selbst wurde dabei spätestens in Haft von «Auschwitzphantasien» (Meinhof) beherrscht, denen unter anderem der Soziologe Christian Schneider in seinem Beitrag «Zwischen den Toden» nachgeht. Gudrun Ensslin etwa erklärte aus der Haft: «Unterschied toter Trakt und Isolation: Auschwitz zu Buchenwald. Der Unterschied ist einfach: Buchenwald haben mehr überlebt als Auschwitz... Wie wir drin ja, um das mal klar zu sagen, uns nur darüber wundern können, dass wir nicht abgespritzt werden.»
Den «Judenkomplex» mit Bomben verschwinden lassenDie RAF wollte Deutschland vom Faschismus befreien, das nächste «33» wähnte man bereits gekommen. Um sich selbst im «Reformtreblinka» sitzen sehen zu können, mussten die wahren Opfer der Nazis irgendwie zum Verschwinden gebracht werden, noch indem man sich auf sie berief: «Mit der Vernichtung von 6 Millionen Juden wurde die Sehnsucht der Deutschen nach Freiheit von Geld und Ausbeutung selbst mit ermordet», hatte Meinhof schon 1972 erklärt.
Bald darauf wurde diese Übernahme des Platzes der Toten in konkrete Maßnahmen übersetzt. Nicht nur Repräsentanten von Staat und Kapital sowie vermeintliche und echte Alt- und Ex-Nazis, sondern auch Vertreter jüdischer Gemeinden in Deutschland standen auf den Todeslisten der RAF. Wenn die BRD ein Marionettenstaat der Amerikaner war, war der Platz der Nazis freigeworden: Israel war nun in der kaputten Logik der «Antifaschisten» zum eigentlichen Vertreter des «Nazi-Faschismus» geworden, und Juden überall auf der Welt gemäß eines runderneuerten antisemitischen Phantasmas dessen Handlanger. Dieter Kunzelmann hatte schon 1969 in einem Brief aus einem palästinensischen Trainingslager sein Bedauern darüber ausgedrückt, dass die Berliner Genossen die «Bombenchance» verpasst hätten, «die Vorherrschaft des Judenkomplexes» zu brechen: Ein Bombenattentat auf die Gedenkfeiern zum Novemberpogrom von 1938 im Jüdischen Gemeindezentrum in West-Berlin war damals gescheitert, wie Gerd Koenen in seinem Beitrag schreibt.
Die Nibelungen in EntebbeSo konnte es den Kombattanten des Kampfs gegen den neuen Faschismus daraufhin gelingen, ganz antiimperialistisch und ohne rassistische Hintergedanken die Vernichtungspraxis der Nazis zu imitieren. Als im Juni 1976 ein in Tel Aviv gestartetes Flugzeug der Air France von einem palästinensischen Kommando nach Entebbe entführt wurde, beteiligten sich die RZ-Kämpfer Böse und Kuhlmann an der Selektion jüdischer Passagiere, die erschossen werden sollten.
Diesen Zusammenhang des verzweifelten Versuchs der Überwindung des Faschismus im revolutionären Subjekt, der dadurch aber zur Matrix des eigenen Handelns werden kann, scheint in der Ausstellung selbst einzig Lutz Dammbeck zu thematisieren. In seiner Arbeit «Nibelungen» sind die Konterfeis von RAF-Kämpfern mit Abbildungen von Breker-Plastiken vernäht. Dass Dammbeck hierfür die biologistische Metapher des Volkskörpers bemüht, ist dabei wohl die Ironie der Geschichte, die er zu thematisieren versucht: Der Terror war für ihn «im klinischen Sinne die Reizung des Organismus durch eine Infektion», also eine Impfung der westdeutschen Gesellschaft.