Klartext!:
Die Paradoxien überwinden
19.01.2005
Herausgeber: netzeitung.de
Erinnert man sich dereinst an die Nuller-Jahre zurück, ihre Kulturkonferenzen und Kunstfestivals, wird der Hang zum Ausrufezeichen wohl eine offene Frage bleiben. Den Programmen des Medienkunstfestivals Transmediale etwa waren in den letzten Jahren kontinuierlich Slogans wie «play global!», «go public!», «fly utopia!» oder «do it yourself!» vorangestellt. Ein internationaler Kulturkongress, der im November 2003 in Frankfurt/Main stattfand, hatte das Motto «indeterminate! Kommunismus».
Am vergangenen Wochenende schließlich versammelten sich im Berliner Künstlerhaus Bethanien und in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz mehrere hundert Zuhörerinnen und Zuhörer, um an der Konferenz «Klartext! Der Status des Politischen in aktueller Kunst und Kultur» teilzunehmen.
Die Kuratorinnen Marina Sorbello und Antje Weitzel organisierten die Konferenz als «Gesprächsreihe mit internationalen KünstlerInnen, AktivistInnen, KuratorInnen und TheoretikerInnen». Maßgeblich gefördert vom Hauptstadtkulturfonds und der Bundeszentrale für politische Bildung sollte die Veranstaltung «den gegenwärtigen Gebrauch der Kategorie des 'Politischen' in der zeitgenössischen Kunst und Kultur» hinterfragen. Dabei wurde mit der Wahl des Titels nicht nur auf ein möglichst gebrauchsoffenes und dementsprechend unverfängliches Wort zurückgegriffen, mit welchem bis vor kurzem Bücher von Laurenz Meyer ebenso beworben werden konnten wie Kleinmachnower HipHop-Blogs.
Umso interessanter war es also zu beobachten, ob es gelingen könnte, das Thema grundsätzlich neu zu rahmen: Ob die Wahl des Themas also einem über die Organisation einer Veranstaltung hinaus reichenden Anliegen folgen kann statt vordergründig einer Ökonomie der Aufmerksamkeit zu gehorchen. Im Konferenzpapier hatten Sorbello und Weitzel ihrer Vermutung einer Hausse des Politischen in Kunst und Kunstkritik viele Fragen angeschlossen. Unter anderem fragten sie dort, welche Wechselwirkungen von Kunst und Aktivismus bestehen können und wer die Adressaten eines nicht näher definierten «Widerstands» überhaupt seien.
Dass diese so alte Frage nach dem Engagement erst so spät in den Raum gestellt wurde, die Konferenz sich also der historischen Verortung ihres Themas wenig bewusst war, kann man durchaus als eine Tendenz in der aktuellen Kunst und Kultur deuten. Zwar zitierte man im Laufe von «Klartext!» immer wieder eine globalisierungskritische politische Kraft als «Bewegung der Bewegungen» herbei. Politische Themen scheinen auf stiftungsgefördertem Wege derzeit aber eher «kuratiert» und «verwaltet» zu werden, als dass sie tatsächlich aus einem Prozess entstehen, bei dem soziale Bewegungen das initiierende Subjekt darstellen würden.
Dennoch waren die eingeladenen Sprecherinnen und Sprecher meist eher darum bemüht, der These einer aufgekommenen Repolitisierung der Kunst zuzusprechen, als deren Gegenteil zu beweisen. So unternahm der Berliner Kunstkritiker und Kurator Marius Babias in seinem Vortrag am Eröffnungsabend eine Analyse kritischer Kunst im deutschsprachigen Raum, bei der die politisch einst von der RAF formulierte und weiterhin relevante Frage, «wie weit man gehen möchte», auch auf kultureller und künstlerischer Ebene, im «Hipsterparadies Berlin» längst in diverse «Distinktionsfallen» geraten sei: Das aus sich selbst schöpfende, derzeit meist der Malerei oder der Fotografie zusprechende künstlerische Einzelsubjekt sei ebenso wenig die Lösung wie eine interventionistische Kunstpraxis, die oftmals zu Elitenbildung und Ausklammerung führe. Vielmehr gelte es, einen Ansatz zu stärken, bei dem sich die Kunst der Sozialpolitik zuwende.
Dass das Problem der «Repräsentation» mit den Statements von Holmes und Babias als durchgehendes Motiv der Veranstaltung benannt werden konnte, war umso weniger verwunderlich, wie dessen Einführung für die Konferenz notwendig war: handelt es sich dabei doch einerseits um eine Kernfrage der Delegierung und Abbildung politischer Macht, andererseits um eine der ältesten Darstellungsmodi der Kunst.
Man stritt außerdem darüber, wie es gelingen kann, ein Publikum nicht nur zu adressieren, sondern vielmehr als kritische Masse zu produzieren. Auch dies entspräche der Benjaminischen Vorstellung des öffentlichen Intellektuellen. Als ein Beispiel für medienaktivistische Strategien wurde die US-amerikanische Gruppe «Yes Men» vorgestellt, die zuletzt in einem BBC-Interview als Vertreter von Dow Chemical aufgetreten waren und dort die volle Verantwortung für das Giftunglück in Bhopal übernahmen. Die australische Künstlerin Deborah Kelly wiederum protestiert mit subversiven Plakataktionen unter anderem gegen die gesellschaftliche Gewalt gegenüber Homosexuellen.
Die Debatten des Kongresses brachten aber zumindest eine Erkenntnis hervor: Das Kunstfeld ist derzeit durch ein Schisma geteilt, wie unter anderem Holger Kube Ventura von der Kulturstiftung des Bundes bei der Abschlussdiskussion bemerkte. Freie, «autonome», also marktorientierte Kunst und «kritische Kunstpraxen» seien derzeit so weit voneinander entfernt wie nie zuvor. Beide Welten existieren zwar in gegenseitiger Toleranz, jedoch nebeneinander her. Beide hätten sich auch, so Kube Ventura, von den Konsequenzen ihrer Verfasstheit als Waren in einem Markt einerseits und ihrem realpolitischen Wirkunganspruch andererseits verabschiedet. Dort aber, wo dieses Verabschieden thematisiert werde, werde die Kunst gerade politisch.
Begriffe wie «Galerie», «Messe», «Mehrwert» oder «Sammler» fielen in der Tat während der Konferenz kaum. Kube Venturas Schlussfolgerung, man müsse den Begriff einer «Autonomie der politischen Kunst» erlernen, der sich gerade durch die Funktionslosigkeit dieser Kunst bestimme, schien zwar eher spekulativ gemeint und wurde von Moderator Buden als «Heroismus der Enttäuschung» interpretiert. Jedoch war die Begriffsschöpfung in ihrer Suche nach Überwindung der Paradoxie der mithin überraschendste Moment bei «Klartext!»
Die vor wenigen Wochen ebenfalls gut besuchte und beachtliche Veranstaltung «Heil Dich doch selbst! Die 'Flick Collection' wird geschlossen» in Berlin konnte gerade aufgrund ihrer Zuspitzung zeigen, dass es durchaus gelingen kann, dem Wunsch nach einem einzutretenden Szenario auch eine konkrete politischen Forderung folgen zu lassen.

