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Prora: 

Eine ungeheure Verwurstung von Geschichte

18. Jan 2005 07:48
Prora auf Rügen
Die monumentale Ruine des KdF-Bades Prora soll nun privatisiert werden. Über mangelhafte Gedenkstättenkultur auf Rügen sprach die Netzeitung mit dem Leiter des Dokumentationszentrums Prora, Jürgen Rostock.

Netzeitung: Seit 1992 befasst sich Ihre Stiftung Neue Kultur mit dem ehemaligen Seebad Prora und kümmert sich mit einem Dokumentationszentrum am Ort, aber auch Tagungen und Symposien um die historische Aufbereitung dieses Ortes. Worin sehen Sie die Bedeutung dieses ehemaligen geplanten KdF-Bades und späteren NVA-Geländes?

Jürgen Rostock: Zum einen ist Prora als Baudenkmal interessant. Es ist ein Beispiel für die Monumentalarchitektur des Dritten Reiches. Es ist aber auch ein Beispiel für die Aneignung der Moderne durch den Nationalsozialismus. Denn wenn das Bauhaus in der Theorie auch grundsätzlich abgelehnt wurde, wurden seine Prämissen in der Praxis doch stellenweise verwendet, das kann man in Prora hervorragend studieren. Sozialgeschichtlich ist Prora als Ergebnis der Kraft-durch-Freude-Organisation von Bedeutung. KdF galt ja damals als die 'schärfste Waffe' der Nationalsozialisten für die Auseinandersetzung mit der Opposition im Inneren. Das KdF-Programm umfasste Reise- und Ferienangebote, aber auch Theaterbesuche, Malkurse und andere Beschäftigungen. All das wurde dazu genutzt, den Arbeiter ideologisch zu umwerben.

Der zweite Aspekt der Organisation – das ist in zeitgenössischen Quellen zu lesen – war die Stärkung des mentalen Zustandes des deutschen Volkes. Die Bevölkerung muss starke Nerven haben, so hieß es, und die bekommt es am besten in der Freizeit. Von all dem ist viel im gegenwärtigen Denken erhalten geblieben. Als wir in Prora einmal eine Ausstellung eröffnet haben, war auf einer rechten Website zu lesen, dass hier wohl die hervorragende Sozialpolitik des Dritten Reiches verunglimpft werden solle. Die Deutsche Arbeitsfront (DAF) ist ja historisch aus der Zerschlagung der Gewerkschaften entstanden, und war, weil sie sich deren Vermögen einverleibt hatte, die wohlhabendste Organisation im Dritten Reich.

Zugleich war die DAF eine Art Zwangsorganisation, für die auch Beiträge erhoben wurden. Wenn man im Dritten Reich arbeiten wollte, konnte man kaum existieren, ohne DAF-Mitglied zu sein. In die KdF-Schiffe oder auch Prora ist natürlich nur ein kleiner Teil der Geldmittel dieser Organisation geflossen. Das aber wurde propagandistisch bis zum Äußersten ausgereizt. Diese Illusion, dass der Arbeiter nun einen privilegierten Status bekommt, das ist eine der Legenden, die in rechten Kreisen noch immer hoch gehalten werden.

Jürgen Rostock
Viele Leute, die in Prora mit uns diskutieren wollen, sind der Ansicht, dass hier doch einmal die guten Seiten des Nationalsozialismus zu besichtigen seien. Man muss klar machen, was längst der Stand der historischen Forschung ist: Der Nationalsozialismus hat keine guten Seiten, und auch die KdF-Organisation stand letztlich im Dienst von Zerstörung, Krieg und Terror. Insofern ist Prora, politisch betrachtet, noch bedeutender als etwa das Nürnberger Reichsparteitagsgelände, denn es repräsentiert beispielhaft die soziale Demagogie des Dritten Reiches.

Netzeitung: Wer interessiert sich für diese historischen Zusammenhänge?

Rostock: Alljährlich kommen etwa anderthalb Millionen Touristen nach Rügen und viele davon nach Prora, und die wollen natürlich wissen, was es mit diesem Ort auf sich hat. Diesem Informationsbedürfnis nehmen sich hier momentan gleich mehrere Ausstellungen an. Kurt Meyer, der nun versucht, das Kernstück der Anlage, den Block 3, in dem auch unser Dokumentationszentrum sitzt, zu kaufen, betreibt auch eines dieser so genannten Museen.

Netzeitung: Zu DDR-Zeiten wurde das Gelände von der NVA genutzt. Welche Bedeutung hat diese Epoche für Ihre historische Arbeit auf Prora?

Rostock: Wir haben uns nur peripher mit der NVA in Prora befasst. Diese Geschichte spielt für Herrn Meyer allerdings eine wesentlich größere Rolle, bei ihm steht sie geradezu im Zentrum des Interesses. Natürlich: Prora wurde die längste Zeit von der NVA genutzt. Aber entstanden ist der Ort ja aus dem Geist des Dritten Reiches. Die architektonische Umsetzung dieser Ideologie ist das Brisante an diesem Gelände. Ob sich dort später die NVA oder ein Bienenzüchterverein niedergelassen hat, ist eigentlich nicht so wesentlich.

Geschnitzter NVA-Soldat, in Auftrag gegeben von Kurt Meyer
Insofern lenkt eine Beschäftigung mit diesem historischen Aspekt von den entscheidenden und wesentlichen Fragestellungen eher ab. Die NVA-Historie Proras hat natürlich auch eine ganz praktische, touristische und kommerziell verwertbare Dimension. Viele ehemalige NVA-Soldaten kommen hier her, weil sie ihren Freunden und Verwandten noch einmal zeigen wollen, wo und wie sie damals gelebt und gewohnt haben.

Netzeitung: Vor einigen Tagen sind Mitglieder des Haushaltsausschusses des Deutschen Bundestages nach Prora gefahren, um den Block 3 des «KdF-Seebads» in Augenschein zu nehmen, den Kurt Meyers «Inselbogen GmbH» vom Bund erwerben will. Der Besuch fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, die Herr Meyer erst über seine konkreten Nutzungsabsichten informieren will, wenn er den Zuschlag für den Verkauf bekommen hat. Was hat Herr Meyer dem Haushaltsausschuss in Prora wohl erzählt?

Rostock: Da ich nicht dabei war, kann ich nur aus einem Brief des Bundesvermögensamtes zitieren, der mir hier vorliegt. Die Käuferin «Inselbogen GmbH», so steht hier, «beabsichtigt im Rahmen ihres Projektes Einrichtungen für Jugend, Sport, Kultur und Soziales sowie besondere Beherbergungseinrichtungen für Alleinerziehende, Behinderte und ältere Menschen zu schaffen.» Man muss sich also wohl eine Einrichtung für unterprivilegierte Leute vorstellen: Alleinerziehende mit sozialen Schwierigkeiten, Behinderte und ältere Menschen. Dazu muss man sich vergegenwärtigen, dass es in Prora keinerlei Infrastruktur gibt.

Prora: Kolossalbau ohne Infrastruktur
Diese Menschen sollen also hierhin abgeschoben werden, wo sie – besonders im Winter - irgendwo in der Taiga sitzen. Das ist die Idee. Ziemlich durchschaubar ist dieses Ziel natürlich, weil für solche Zwecke Fördergelder abgegriffen werden können, und zwar in erheblichem Umfang. Herr Meyer hat dem Vernehmen nach gesagt, dass er beabsichtigt, vierzig Millionen Euro zu investieren, konnte aber auf Nachfrage keine Auskunft darüber geben, wo er dieses Geld hernehmen will und wofür genau es ausgegeben werden soll. Eine solche Zahl animiert Haushaltsexperten natürlich sehr.

Netzeitung: Kann ein kultureller Auftrag der Vermittlung der Geschichte Proras unter solchen Bedingungen in Zukunft noch erfüllt werden?

Rostock: Herr Meyer betreibt sein sogenanntes Museum momentan noch in der Nachbarschaft verschiedener anderer Informationseinrichtungen in Block 3, und er möchte auf diesem Feld wohl konkurrenzlos werden. Wenn es tatsächlich dazu käme, hätte das eine ungeheuerliche Verwurstung von Geschichte zur Folge. Durch seine vogelscheuchenartige Werbung ist Meyer in der Vergangenheit schon häufig mit seinem direkten Nachbarn in Konflikt geraten, dem «Museum Prora», das von Herrn Dr. Joachim Wernicke betrieben wird. Aber welcher Geist bei einigen Ausstellungsmachern in Prora herrscht, kann man aus einer älteren Ausgabe der Ostseezeitung ersehen: «In einer der historischen Ausstellungen sind Eisenbahnen, Tische, Stühle, alte Sackkarren zu sehen. In diesem Stil wird die alte DDR gleich mit abgefertigt. »Friedensbewegung, SS-20-Raketen, und was sonst so anfiel. 17. Juni, Mauerbau, Aktion Rose. 'Solche Dinge verheizen wir mit', sagt der Ausstellungsmacher, 'wir springen hier und dort hin.'« Das ist das aktuelle Niveau der historischen Dokumentationsarbeit in Prora, und dieser Fall ist wahrlich noch nicht der schlimmste.

Netzeitung: Ist denn von Seiten der Politik kein Interesse an einer seriösen historischen Arbeit in Prora erkennbar? Welche Erfahrungen haben Sie mit Ihrem Dokumentationszentrum gemacht?

Rostock: Es war eigentlich nur ein einziger Bundestagsabgeordneter, der sich über die Jahre immer wieder in diese Richtung engagiert hat: Lothar Mark von der SPD, der früher Bürgermeister in Mannheim und Sprecher für Kultur im Haushaltsausschuss war. Herr Mark, der momentan hauptsächlich außenpolitisch tätig ist, hat uns damals empfangen, ist nach Prora gefahren und hat dem Gelände eine ungeheuere volkswirtschaftliche und kulturelle Chance bescheinigt, zu der allerdings eine umfangreiche Gesamtplanung gehöre. In dieser Sache ist er dann beim Bundeskanzler, beim Finanzminister und über die Jahre immer wieder bei den wechselnden Kulturstaatsministern von Herrn Naumann bis zu Frau Weiß vorstellig geworden. Das Engagement von Herrn Mark ist aber bei den entscheidenden Stellen nie richtig angekommen. Ein einziges Mal hat uns der Staatsminister für Kultur Naumann mit einer größeren Summe für ein Projekt unterstützt, das war aber leider keine nachhaltige Förderung. Erst zu Ende des vorigen Jahres habe ich aus dem BKM eine Nachricht erhalten, dass man sich nach Ablauf der schwierigen Verkaufsverhandlungen von Block 3 mit uns zusammensetzen wolle, um über Unterstützungsmöglichkeiten für unser Dokumentationszentrum zu sprechen.

Netzeitung: Wenn Herr Meyer das Gelände kauft, müssen Sie ausziehen.

Rostock: Ja, vielleicht nicht im selben Monat, aber das ist unvermeidlich. Dieser Vorgang ist übrigens auch wirtschaftlich gesehen, ungeheuerlich. Denn alleine in unserem Dokumentationszentrum stecken, von der ehrenamtlichen Arbeit abgesehen, etwa anderthalb Millionen Euro. Herr Meyer soll aber für das komplette Gelände kurioserweise nur 340.000 Euro zahlen. Bei 64.000 Quadratmetern Nutzfläche kann man sich den Preis pro Quadratmeter ausrechnen. Der liegt ungefähr bei dem für einen Teppichboden oder noch darunter. Das nenne ich Verschleuderung von Volksvermögen. Ein solcher Kaufpreis ist auch für das Bundesfinanzministerium ein Betrag für die Portokasse. Man hat das Gefühl, dass es vor allem darum geht, sich diese unbequeme Immobilie vom Hals zu schaffen. Um das zu rechtfertigen werden vom Bundesvermögensamt völlig überzogene Angaben über den finanziellen Aufwand für notwendige Sanierungsarbeiten gemacht.

Netzeitung: Wie kommt es denn, dass manche deutsche Gedenkstätten, wie etwa das Nürnberger Reichsparteitagsgelände, geradezu vorbildlich aufbereitet und dokumentiert sind, andere, wie Prora, hingegen dermaßen stiefmütterlich behandelt werden?

Rostock: Man muss sich klarmachen, dass der Gedenkstättenbereich in Deutschland bereits strukturiert ist. Gewisse Orte, insbesondere die KZ-Gedenkstätten sind sozusagen auf die Budgets abonniert, und dort achtet man auch darauf, dass das so bleibt. Das führt dazu, dass immer wieder dieselben gefördert werden und andere gar nicht. Diese Struktur ist bereits alt, und so spielt auch der Aspekt der Wiedervereinigung eine gewisse Rolle. Denn insbesondere die hinzugekommenen ostdeutschen Gedenkstätten werden nicht im ausreichenden Maße bedacht. In Mecklenburg-Vorpommern ist es momentan noch so, dass sich beinahe die ganze Aufmerksamkeit auf Peenemünde richtet und Prora leer ausgeht. Um noch einmal auf Bayern und die dortigen Gedenkstätten zurückzukommen. Der Historiker Professor Wolfgang Benz hat sich hier einmal sehr über das Desinteresse der zuständigen Politiker gewundert. Man würde sich in Mecklenburg-Vorpommern sicher nur ungern daran erinnern lassen: Aber in Bayern sei die Gedenkstättenkultur nun einmal wesentlich fortschrittlicher. In einem Land also, in dem die Kulturpolitik in den Händen der CSU liegt. Das im Dezember 04 signalisierte Interesse des BKM am Dokumentationszentrum Prora und auch zuversichtlich stimmende Äußerungen aus Mecklenburg-Vorpommern – es gibt darüber ein Schreiben des Landesvorsitzenden der SPD, Till Backhaus - deuten erfreulicherweise eine Änderung in der Haltung der Politik in Land und Bund an und zeigen, dass unsere langjährige Arbeit auf Zustimmung und Anerkennung stößt.

Mit Jürgen Rostock sprach Ronald Düker.

 
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