3rd DRM Conference: 

netzeitung.deDas Digitale Dilemma

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Fred von Lohmann, EFF (Foto: 3rd DRM Conference<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Fred von Lohmann, EFF
Foto: 3rd DRM Conference
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Digital Rights Management soll die Inhalte der Contentindustrien vor Piraten schützen. Ob das aber im Interesse ihrer zahlenden Kunden ist, bleibt heftig umstritten.

Von Klemens Vogel

Was der Mitarbeiter von Vodafone den Teilnehmern der 3rd DRM Conference zu sagen hatte, klang ganz harmlos: Seine Firma, so der Engländer, setze auf die Qualität des Angebots, um Handy-Nutzer zum Download und Kauf von Musik zu überzeugen. Weiter kam er nicht. «Ich brauche ihre Klingelmelodien nicht», unterbrach Fred von Lohmann, Internet-Bürgerrechtler von der Electronic Frontier Foundation den Mann von der Industrie: 68 CDs habe er vergangenes Jahr gekauft, sagte der Amerikaner. Warum solle er dieselbe Musik für sein Mobiltelefon ein weiteres Mal erwerben? Er habe den Content ja bereits ganz legal erworben.

Fakt ist aber tatsächlich: Von Lohmann müsste Teile von Songs, die er als CD bereits besitzt im Klingeltonformat noch einmal kaufen. Denn was ein Konsument mit legal erworbenen digitalen Inhalten – ob Musik, Videos, Bilder oder Texte – tun kann, ist meist durch ein technisches Regime beschränkt. Digital Rights Management (DRM) heißt diese zur Technik gewordene Philosophie.

DRM ist die Antwort der Kulturindustrie auf das «Digitale Dilemma»: Das verfügbare Wissen explodiert, gleichzeitig ist die gerechte Entlohnung der Produzenten bedroht. Der Schock der Musikindustrie angesichts des Erfolgs von Peer-to-Peer-Tauschbörsen wie KaZaa oder Morpheus waren das Ur-Erlebnis für DRM-Verfechter. Eigene, durch DRM gesicherte Download-Angebote sollten die Umsätze stabilisieren.

Ausgleich der Interessen
Der heute gängige Kopierschutz bei CD-ROMs erscheint dabei hausbacken verglichen mit dem, was sich Medienunternehmen und Plattform-Betreiber für die Zukunft wünschen: Einen weltweiten Standard beim Übertragen und Überwachen digitaler Rechte an Endverbraucher. Ein harmonisiertes DRM-System brächte die Verhältnisse zum Tanzen: Erworbene Inhalte wären dann kompatibel zu vielen gängigen Endgräten und Abspielprogrammen.

Das große Geschäft winkt: Daraus machten die Unternehmensvertreter auf der größten europäischen DRM-Konferenz in Berlin in der vergangenen Woche keinen Hehl. Juristen, Informatiker, Wirtschaftsleute und Medienaktivisten debattierten über einen Ausgleich der Interessen von Produzenten, Vertreibern und Usern mittels DRM.

Zwei Erfolgsgeschichten
Zwei Erfolgsgeschichten beflügeln die Unternehmen: Der offene Standard der Mobilfunkbranche und die iTunes-Plattform, das Musikportal von Apple. Im Mobilbereich habe es seine Firma geschafft, «400 Anbieter an einen Tisch zu bringen», erzählt etwa Willms Buhse von CoreMedia aus Hamburg, um einen offenen Standard für die Branche zu schaffen. Dieser wurde 2002 von der «Open Mobile Alliance» (OMA) eingeführt: Inhalte wie etwa Klingeltöne oder Musik werden nach einem standardisierten Verfahren codiert, und ihre Wiedergabe ist damit ausschließlich an Handymodelle gebunden, die am Standard partizipieren.

Bei iTunes hingegen setzt Apple nicht auf einen offenen Standard, sondern auf die hauseigene Verwertungskette. Musik von der iTunes-Plattform spielt unter Apple-Betriebssystemen und vor allem auf iPod-Playern. Vor allem letztere gelten längst als Kult. Von Oktober bis Dezember 2004 steuerten rund viereinhalb Millionen verkaufte Geräte ein Drittel des Apple Konzernumsatzes bei.
Kompatibel durch die Hintertür
Doch Systeme von Sony, Microsoft und anderen sind nicht kompatibel. Wer einen Song von T-Online nicht im schicken iPod abspielen kann, überdenkt womöglich die Anschaffung. «Interoperabilität» heißt daher das Zauberwort, um trotz der Restriktionen von DRM über die Grenzen von Systemen hinweg Inhalte transportieren und nutzen zu können. Die Übertragbarkeit von Gerät zu Gerät, die Vergabe von Abspiel- und Kopierrechten und zeitlich begrenzte Nutzung sollen dabei zwischen Anbietern und Kunden flexibel ausgehandelt werden können.

Ist das bereits ein fairer Deal für den Kunden? Keinesfalls, meinen viele. Fred von Lohmann sagt: «DRM ist nicht der richtige Weg, das digitale Dilemma zu lösen.» Internet-Aktivisten und Wissenschaftler präsentieren eine ganze Reihe von Ungereimtheiten. «Konsumenten wollen selber definieren, was sie mit erworbenem Content machen», glaubt etwa der Ökonom Thorsten Wichmann. Dass «der Markt» ein faires System herausmendeln könne, in dem diese Freiheit des Konsumenten trotz Sicherheitstechnologien gewahrt bleibt, glauben hingegen viele nicht. Von Lohmann befürchtet außerdem Innovationsstillstand und viele nervende Copyright-Schranken. «Der Markt rettet uns nicht», lautet sein Slogan. Die unweigerlich folgende Kartell-Bildung hätte schon bei der DVD seit 1997 technischen Stillstand erzeugt.

Das »Smart Cow Problem«
DRM vereinfacht darüber hinaus die Kontrolle von Usern. Überall, wo elektronisch bestellt, abgerechnet, «gemanagt» wird, wo Signaturen und Lizenzen zwischen Servern und Geräten wandern, fallen private Daten an. Ob und wie dabei «Privacy»-Kriterien erzwungen oder gar technisch implementiert werden können und sollen, ist bislang ungeklärt. Welche Daten braucht der Provider überhaupt, will etwa der norwegische Jurist Lee Bygrave wissen? Pamela Samuelson, US-Professorin für Rechtfragen im Internet, fordert eine Art «Schufa-Stelle», wo Kunden erfahren können, welche Informationen in und zwischen Unternehmen über sie kursieren.

Dann ist da noch das «Smart Cow Problem»: Einer ist immer so clever, den DRM-Schlüssel zu knacken. Ist der Damm erst gebrochen, folgt die Herde der User der schlauen Kuh. Von Lohmann erinnert daher an eine Microsoft-Studie zum von der Branche so genannten «Darknet» der Tauschbörsen, die schon 2002 zu dem Schluss kam: Menschen wollen kopieren, Menschen wollen tauschen. Und jedes DRM-System wird irgendwann geknackt. Die Folge ist ein Wettlauf zwischen Industrie und Hackern.
Legitime Formen des Nicht-Autorisierten
Ein Wertekampf ist das im Kern – ausgetragen im technischen Feld. »Privatheit beim intellektuellen Konsum ist ein sozialer Wert«, sagt Deirde Mulligan aus Berkeley dazu. Menschen stellen sich ihr kulturelles Leben anders vor, als DRM-Systeme funktionieren, hat sie in einer Studie festgestellt. Sie wollen Sicherheitskopien anlegen, Dateien ordnen, mit Freunden tauschen oder nach Gebrauch verschenken. «User sollen dasselbe mit digitalen wie analogen Medien tun können», fordert auch das «Digital Media Manifesto» von 2003. Die Content-Anbieter hingegen beschwören die Begriffe «Legalität» und «Eigentum». Bertelsmann-Vertreter Johannes Mohn etwa will erst einmal «öffentliches Bewusstsein» schaffen, dass «digitaler Inhalt wie physische Güter vor Piraterie zu schützen ist».

Doch offensichtlich versagt digitales Rechtemanagement, wo es um legitime Formen nicht-autorisierter Nutzung geht. DRM verhindert traditionelle und kulturell wichtige Grauzonen, weil es nur zwei Kategorien von Zuständen im Netz kennt: Die kontrollierte, «weiße Weste» nach DRM-Norm – oder das illegale «Darknet». Die Geburtsstätten der Wissensgesellschaft sind davon besonders bedrängt: Bibliotheken und Universitäten. Dass etwa viele Menschen an einem Wissensbestand teilhaben, widerspricht der Anti-Piraterie-Philosophie.

«Früher waren wir Robin Hoods, die Armen Bildung geben. Heute sind wir Feinde», klagt etwa Jan-Ewout van der Putten, Präsident des European Bureau of Library, Information and Documentation Associations. Ein Bibliothek sei eine öffentliche Sphäre, in der Wissen ein öffentliches Gut sei. «Einzelabrechnung von Nutzungen würden den wissenschaftlichen Betrieb bedrohen», warnt auch Eberhard Becker, Mathematikprofessor an der Dortmunder Uni und Organisator des Kongresses. Sollten Texte zukünftig nach DRM-Regeln gehandelt werden, sei eine Zugangspauschale für Studenten und Forscher nötig, um den wissenschaftlichen Betrieb aufrecht zu erhalten.

Copyrigths nach dem Baukastenprinzip
Abzuwarten bleibt, ob sich robuste Alternativen zum Digitalen Rechtemanagement heraus kristallisieren. Beispiele hierfür sind das Light Weight DRM des Fraunhofer Instituts für Integrierte Schaltungen und das flexible Copyright der Non-Profit Organisation Creative Commons. Das «DRM-Light» des Fraunhofer Instituts will durch eine persönliche Signatur den «Fair Use» sicherstellen: Der User kann legal kopieren und versenden, sofern er seine Signatur mitschickt. Taucht allerdings die Datei auf illegalen Börsen auf, fällt der «Piraterie-Verdacht» auf ihn.

Einen anderen Weg geht die Lizenz von Creative Commons: Rechteinhaber können nach dem Baukastenprinzip Copyrights definieren und von vornherein für bestimmte Nutzungsarten freien Zugang erlauben. Seit einem halben Jahr existiert eine deutsche Version im Netz.

Künstler, Autoren, Musiker nahmen als Sprecher nicht an der Konferenz teil. Es kämen keine Künstler, obwohl man versucht habe, welche einzuladen, entschuldigten sich die Organisatoren. Ein Teilnehmer aus dem Publikum vermutet: «Viele Künstler waren womöglich ganz zufrieden mit Peer-To-Peer.»