Zukunft des Internet:
Experten erwarten große Attacke auf das Netz
«Wo sind die Individual-Hubschrauber, die man uns versprochen hat?» So lautet eine William Burroughs zugeschriebene rhetorische Frage, die immer wieder gern zitiert wird und auch im Netz kursiert. Mit neuen Technologien verbinden sich fast immer Versprechungen, von denen die meisten allerdings nie eintreffen, die ehemaligen Shareholder von längst dem Fortschritt zum Opfer gefallenen Startups können ein Lied davon singen.
Dennoch ist es immer wieder erstaunlich, wie bestimmte Voraussagen, die den Zeitgenossen der Propheten geradezu als lächerlich erscheinen, schließlich doch Wirklichkeit werden. Ein Forschungsprojekt der amerikanischen Elon University unter der Leitung von Jann Quitney Anderson widmete sich daher im Jahr 2003 den Voraussagen, die Experten in der ersten Hälfte der neunziger Jahre über das Internet machten.
Die befragten Experten sind sich in dieser Frage damit mehrheitlich mit dem ehemaligen CIA-Chef Robert Gates einig, der das Netz erst kürzlich und wenig überraschend zu einem Hauptziel von Terroristen erklärt hat. Manche der Teilnehmer der Studie identifizieren vor allem zentrale Knoten der Infrastruktur der Netze als mögliche Ziele, andere sehen Schlüsselanwendungen und -industrien wie etwa das Bankwesen in Gefahr. Eine weitere Gruppe verweist auf die zunehmende Bedrohung, die von Viren, Würmern oder trojanischen Pferden ausgehe.
Die Hälfte der Teilnehmer der Studie wird von den Autoren als «Internetpioniere» eingestuft, die schon vor 1993 online waren. Ein Drittel ist an einer akademischen Institution, ein weiteres Drittel in der Wirtschaft tätig. Das letzte Drittel setzt sich aus Teilnehmern aus den Medien und gemeinnützigen Organisationen und Beamten zusammen. Unter den Befragten finden sich zumindest im Internet bekannte Namen wie Vint Cerf, Esther Dyson, Howard Rheingold und Bob Metcalfe.
So kritisiert der Fachjournalist Fred Hapgood die Prognose eines Angriffs auf das Netz dahingehend, dass «verheerend» kaum der passende Ausdruck sei, wenn damit etwa ein Ausfall des Internet für 24 Stunden gemeint sei. Das Netz sei viel zu dezentral organisiert, um überhaupt jemals im Wortsinn verheerend getroffen werden zu können. Simon Garfinkel, der als Sicherheitsexperte für «Technology Review» schreibt, merkt wiederum an, ein «verheerender Angriff» finde bereits heute alle sechs bis zwölf Monate statt. Dass mit ihrer Zustimmung einer hohen Wahrscheinlichkeit eines «verheerenden» Anschlags auf das Netz in der nächsten Zeit der Tod von Menschen gemeint sein könnte, schlossen andere Kommentatoren dezidiert aus.
Ein weiterer, anonymer Experte sagt den «langsamen Tod» der Zeitung voraus, zu dem unter anderem der weitere Aufstieg der Weblogs beitrage. Aber auch der Musikindustrie droht weiter Unbill, zumindest, wenn es nach den 50 Prozent der Teilnehmer geht, die davon ausgehen, dass anonymes und freies Filesharing auch noch in zehn Jahren zu erwarten sein wird. Auch die Formate der Musikindustrie werden von der Weiterentwicklung der Technologien betroffen sein, glaubt ein Teilnehmer: «Napster, Kazaa und iPod werden das Album-Format obsolet machen.» Das Feld, das nach Ansicht der Experten am wenigsten von radikalen Veränderungen betroffen sein wird, ist übrigens die Religion.
David Weinberger, derzeit Fellow am Berkman Institute for Internet & Society, träumt hingegen weiter den alten Traum von der demokratischen Revolution, die das Internet eingeläutet habe: «Hyperlinks subvertieren die Hierarchie. Das Netz wird alle Institutionen aushöhlen, die vergessen haben, wie man menschlich klingt und wie man sich in ein Gespräch begibt.» Eine philosophische Voraussage macht schließlich Douglas Rushkoff, Professor an der New York University. Er glaubt, wie bei allen Medien seien die größten Veränderungen metaphorischer Natur: «Verhaltensweisen, die wir online entwickeln, können als Modell für Verhaltensweisen dienen, die sich im realen Leben ändern.»
Die Prognosen der Experten lassen sich jetzt auf der Website des Projekts nachlesen. Künftigen Generationen wird allerdings die Entscheidung überlassen bleiben, an welchen Stellen man über die Naivität der Vorväter lächelt oder ihre Weitsichtigkeit bewundert – gesetzt den Fall natürlich, das Netz existiert dann noch.
