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Dialog der Religionen: 

Moslems und Juden müssen gemeinsame Wege gehen

11. Jan 2005 07:39
Walter Homolka
In Brüssel haben sich 150 Rabbiner und Imame getroffen und für ein Frühwarnsystem für religiöse Konflikte ausgesprochen. Rabbiner Homolka hält davon wenig, wie er in der Netzeitung schreibt.

Von Walter Homolka

Letzte Woche berichtete Daniela Weingärtner für die «Tageszeitung» aus Brüssel: «Wir sind eigentlich ein anständiges Land», sagte ihr der liberale Rabbiner von Den Haag, Awraham Soetendorp, in Anspielung auf den Mord an Theo van Gogh. Soetendorp wurde 1943 in Holland geboren. Das Kind jüdischer Eltern verdankt sein Leben einer deutschen Katholikin. Aus diesem Grund fühle er sich dem Dialog zwischen den Religionen besonders verpflichtet: «Gerade als Juden können wir die Stigmatisierung von Muslimen nicht hinnehmen.» Diesem Ziel fühlte sich das Zusammentreffen von 150 Imamen und Rabbinern verpflichtet, das Anfang Januar im Brüsseler Hilton Hotel stattfand.

Der erste Weltkongress der Imame und Rabbiner verdankt sich dem Engagement und der Vision des französischen Katholiken Alain Michel. In einer gemeinsamen Erklärung vom sechsten Januar werden nun Gewalt im Namen der Religion und religiöse Intoleranz in deutlichen Worten verurteilt. Außerdem verpflichteten sich die Teilnehmer darauf, interreligiöse Zellen in ihren Heimatländern zu bilden.

Das Unverständnis wächst

Ziel der Versammlung ist es, ein «Frühwarnsystem» für religiöse Konflikte zu schaffen, berichtete die «taz» am 7.1.05: Hohe Würdenträger beider Religionen sollen als Polizisten außerdem dort eingreifen, wo sich religiöse Intoleranz in Form von Gewalt Bahn bricht. Als konkrete, präventive Maßnahmen ist unter anderem die Herausgabe eines gemeinsamen Wörterbuchs religiöser Fachausdrücke geplant. Friedensreisen etwa entlang der historischen Reiseroute Abrahams sollen das interreligiöse Verständnis fördern. Gemischte Schulbuch- und Universitätskomitees schließlich sollen dazu beitragen, den Informationsstand über die jeweils andere Religion zu erhöhen.

Die Urheberschaft eines Franzosen kommt hier nicht von ungefähr. Gerade Frankreich hatte in den vergangenen Jahren die Schlagzeilen beherrscht mit bedrückenden Meldungen über jüdisch-muslimische Spannungen. Im Januar 2003 wurde der junge Pariser Rabbiner Gabriel Farhi von der jüdisch-liberalen Bewegung Frankreichs von Islamisten niedergestochen, sein Wagen in Brand gesteckt. Farhi hatte überlebt, doch spekulierte die Polizei öffentlich darüber, ob er sich die Wunden vielleicht selbst zugezogen haben könnte.

Dies ist nur ein Beispiel für Angriffe auf Synagogen und jüdische Einrichtungen in Frankreich und ganz Mitteleuropa und für die mangelnde Sensibilität staatlicher Stellen, die uns aufhorchen lassen sollte. Weniger als je können wir uns heute sicher sein, dass Dialog und gemeinsamer Umgang von Religionen untereinander zur Normalität werden. Der Abraham-Geiger-Preisträger von 2004, Alfred Grosser, hat Recht: die Zeichen mehren sich, dass das Unverständnis wächst. Und das ist gefährlich für die Zivilgesellschaft in Mitteleuropa.

Religionen mit flachen Hierarchien

Den einen erscheint die Stärkung des staatlichen Laizismus nach dem Vorbild Frankreichs als erfolgversprechendstes Rezept, andere betreiben partielle Ausgrenzung. Deutschlands Debatte um das Kopftuch war symptomatisch: Mit dem Kopftuch muslimischer Frauen gerieten auch Habit und Kippa ins Kreuzfeuer der öffentlichen Auseinandersetzung. Deutsche Kirchenführer wie der Ratsvorsitzende der EKD scholten gar deutsche Muslime, nicht eindeutig gegen Intoleranz und Gewalt zu protestieren. Und Deutschlands Innenminister winkte mit dem Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts für Muslime, wenn sie ihre Strukturen nur den staatlichen Erwartungen anpassten: Schiiten, Sunniten und Alawiten unter dem einen Hut staatlicher Patronage - eine typisch deutsche Antwort auf das Problem von Integration in eine pluralistische Gesellschaft.

So schön es ist, wenn sich religiöse Führer zusammensetzen und Pläne für eine gemeinsame Zukunft schmieden: Der Wert der Ergebnisse muss sich daran messen lassen, was zu Hause passiert. Judentum und Islam sind Religionsgemeinschaften mit flachen Hierarchien. So könnten Eingreiftrupps von außen wohl wenig bewirken, wenn sich Konflikte in den einzelnen Ländern Europas nicht regeln lassen.

Trilaterale Begegnungskultur

Wir selbst sind aufgerufen, den Weg zu Verständigung und Toleranz beständig neu zu ebnen. Was sich an interreligiöser Begegnungskultur in Deutschland nach 1945 gebildet hat, ist imposant. 80 lokale Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit bilden den Deutschen Koordinierungsrat und richten alljährlich im März die Woche der Brüderlichkeit aus. Seit den achtziger Jahren etablierte sich parallel dazu ein bilateraler christlich-muslimischer Dialog, der zur Gründung von christlich-islamischen Gesellschaften geführt hat und weiterhin führt. Seit 25 Jahren arbeitet der Gesprächskreis Juden und Christen beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken, ähnlich lange am Ball sind die jüdisch-protestantischen Arbeitsgruppen, zum Beispiel im Umfeld von Kirchen- und Katholikentagen.

Seit den neunziger Jahren stabilisiert sich auch eine trilaterale Kultur der Begegnung. Kaum übersehbar ist die Zahl der Einrichtungen, die damit experimentieren. So blickt die «Ständige Konferenz von Juden, Christen und Muslimen in Europa» bereits auf mehr als dreißig Jahrestagungen zurück. Wir haben den Tag der Offenen Moschee am dritten Oktober und freuen uns, wenn Muslime uns zum Iftar-Essen beim abendlichen Fastenbrechen während des Ramadan einladen. Im November 2004 eröffnete Bundestagspräsident Wolfgang Thierse in Bamberg das neue Zentrum für Interreligiöse Studien, das dem trialogischen Miteinander gleich einen ganzen Studiengang widmet.

Ein gemeinsamer Gott

Die Militärseelsorge der Bundeswehr hat seit letztem Jahr sogar eine Handreichung herausgegeben, in der Gebete aus Judentum, Christentum und Islam zusammengeführt sind, die sich im Kontext dieses staatlichen Exekutivorgans zur Benutzung anbieten. Doch machen die Querelen rund um die Einführung dieser Gebetssammlung auch die Grenzen deutlich, die solche Schritte des Miteinanders erfahren können. So stellte Friedrich Kardinal Wetter aus München tatsächlich die Frage, ob denn Christen und Muslime wirklich zum selben Gott beteten.

Zur Gemeinsamkeit des einen Gottes auch mit den Muslimen hat sich offiziell erst 1964 das Zweite Vatikanische Konzil in «Lumen gentium» geäußert. Wenig später folgte der Ökumenische Rat der Kirchen. Im Schlussdokument von Cartigny 1969 steht programmatisch. «Judentum, Christentum und Islam gehören nicht nur historisch zusammen; sie sprechen von demselben Gott, Schöpfer, Offenbarer und Richter.» Was theologisch schon lange als erreicht galt, wird in Zeiten der Spannung leider zu schnell vergessen.

Eingreiftruppe überflüssig

Zwischen Christen und Juden bestehen quasi familiäre Bindungen, doch Judentum und Islam stehen sich ebenfalls sehr nah, was grundlegende religiöse Vorstellungen und deren Ausübung betrifft: In beiden Religionen offenbart sich Gottes Barmherzigkeit in religionsgesetzlichen Geboten, die vom Gläubigen fordern, sich auf Gott auszurichten. Jenseits der heutigen politischen Konflikte im Nahen Osten können Juden und Muslime auf Zeiten fruchtbarer Symbiose blicken.

Wir nehmen Christen gerne hinein in diese Gemeinsamkeit des Einen Gottes.
Das verlangt Zähigkeit und guten Willen von allen, die in religiöser Verantwortung stehen. Deshalb ist die einzige religiöse Schlichtungsstelle für Intoleranz, die funktioniert, der gelebte Alltag vor Ort. Einen Eingreiftrupp aus Brüssel brauchen wir nicht. Wir brauchen unser eigenes Frühwarnsystem, das Gewissen, und den Mut, aufeinander zu hören und die umfassende Heilsabsicht Gottes mit uns allen zu erspüren.

Rabbiner Alan Unterman aus Manchester hatte sicher recht, als er in Brüssel Daniela Weingärtner sagte: «Unsere Sicht auf die Welt wird nie mehr dieselbe sein, da wir nun wissen, dass wir alle mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben.» In der Realität gehen Moslems und Juden schon jetzt manchmal ganz pragmatisch gemeinsame Wege. Im französischen Troyes etwa ist es Rabbiner Abba Samoun, den die Moslems der Stadt auch über die Einhaltung des islamischen Halal-Gebotes wachen lassen. Denn die Speisevorschriften der Juden umfassen die Regeln des Islam und laden zu solcher Gemeinschaft im Alltag ein.

Rabbiner Dr. Walter Homolka ist Gastprofessor am Kanonistischen Institut der Universität Potsdam und Rektor des Abraham Geiger Kollegs zur Ausbildung von Rabbinern. Er ist Mitglied im Gesprächskreis Juden und Christen beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken und Ritter der Ehrenlegion.

 
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