Baudrillards Amerika:
Malibu oder Pompeji
Beinahe zwanzig Jahre ist es her, da machte sich der französische Philosoph Jean Baudrillard auf die Reise in die Neue Welt. Mit dem Auto und dem Flugzeug bereiste er die Vereinigten Staaten von Amerika, und er tat es ganz im Sinne jenes ehrgeizigen touristischen Vorhabens, dessen Ziel es ist, immer und immer wieder die Bewegung der ersten Siedler zu reproduzieren – Amerika from coast to coast. Baudrillard hat die Metropolen New York und Los Angeles bei dieser Gelegenheit ebenso bereist, wie ihre kleineren Ausgaben Porterville, Santa Monica oder Minneapolis.
Vor allem aber zog es den Denker immer wieder in die Wüste, die ihm der Inbegriff des nordamerikanischen Kontinents, der Kultur und des Denkens seiner Bewohner zu sein schien. Baudrillard hielt seine Beobachtungen in einem Reisetagebuch fest, einem literarischen Essay, der sich auch als eine assoziative und unsystematische Philosophie der Neuen Welt lesen lässt. Jetzt hat der kürzlich von München nach Berlin umgesiedelte Verlag Matthes & Seitz das Buch «Amerika» neu herausgegeben. Es besitzt noch immer eine erstaunliche analytische und provokative Kraft, auch wenn es der Autor in zweiter Hinsicht mittlerweile längst übertroffen hat: Baudrillards Ausführungen zum 11. September, die den Terrorismus als einen nahezu zwangsläufigen Effekt der Globalisierung erklärten, produzierten jüngst große Aufregung und brachten ihm den Vorwurf eines ebenso amoralischen wie unspezifischen Strukturalismus ein.
In aller Ruhe also entwickelt er eine sehr europäische Sicht auf Amerika, und es geht Baudrillard dabei um nicht weniger als die Zukunft der Weltgemeinschaft, die ihm in Amerika bereits auf modellhafte Art und Weise verwirklicht zu sein scheint. Ob man Baudrillards Analysen zustimmen möchte oder nicht: Sein Buch sagt exemplarisch nicht nur etwas über die amerikanische Kultur aus, mindestens so aufschlussreich ist es für einen gewissermaßen alteuropäischen intellektuellen Zugang zum Thema, der sich zum Teil in frappierender Weise mit den gängigsten Amerikaklischees deckt.
«Die Geschwindigkeit», sagt Baudrillard, «erzeugt reine Objekte, sie ist selbst reines Objekt, da sie den Boden und die Bezugspunkte auslöscht, da sie in der Zeit zurückgeht, um sie zu vernichten, da sie schneller als ihre Ursache läuft und ihren Ablauf zurückverfolgt, um sie ungeschehen zu machen.» Die einzige Regel dieses durch Geschwindigkeit geschaffenen Raums schreibt vor, «die Spuren zu verwischen. Triumph des Vergessens über das Gedächtnis, barbarischer erinnerungsloser Rausch». Oder anders gesagt: «Fahren ist eine spektakuläre Form von Amnesie. Alles ist zu entdecken, alles auszulöschen.»
Gerade den amerikanischen Intellektuellen traut der Franzose besonders wenig Hellsichtigkeit zu, wenn es um des Verständnis der eigenen Belange geht. Die Amerikaner hätten kein Verständnis und keine Sprache für Simulation, weil sie selbst deren Modell, deren »perfekte Konfiguration« seien. In die Fiktion Amerikas einzusteigen sei also eine Aufgabe für Fremde, insbesondere Europäer, die von ihren amerikanischen Kollegen ja gerade um ihre historische Vorstellungsgabe beineidet würden – und umso wichtiger, als Amerika als Fiktion ja die ganze Welt beherrsche. Insofern weisen Baudrillards Beobachtungen auch über einen Kommentar auf amerikanische Verhältnisse hinaus: Sie sind eine Globalisierungskritik, die in Amerika das Material zu einer Analyse aller vorstellbaren Ausformungen der modernen Welt erkannt hat.
Wenn die Geschwindigkeit der Fortbewegung die Spuren des Realen und Gewesenen verwischt, dann wirkt sich das auf die Amerikaner in Form des abhanden gekommenen Tiefensinns namens historisches Bewusstsein aus. Zusammen mit dem Blick auf die Geschichte, fehle es in Amerika an einer utopische Perspektive auf die Zukunft. Vielmehr sei die Realität bereits nach dem Prinzip der verwirklichten Utopie konstruiert. Dieses Prinzip, so Baudrillard, »erklärt das Fehlen und darüber hinaus die Nutzlosigkeit von Metaphysik und Einbildungskraft für das amerikanische Leben. Es schenkt den Amerikanern eine von unserer verschiedene Realitätswahrnehmung. Das Reale ist nicht an das Unmögliche gekoppelt, kein Scheitern kann es in Frage stellen. Was in Europa gedacht wird, wird in Amerika realisiert – alles, was in Europa verschwindet, taucht in San Francisco wieder auf.«
Der europäische Denker kann da nur noch mit den Schultern zucken. »Wenn die Villa Getty in Malibu plötzlich zugeschüttet würde, welchen Unterschied würde das in einigen Jahrhunderten zu den Ruinen von Pompeji machen?« Diese Kultur, die wie ein Themenpark konfiguriert ist, wird Europa mit einem Lächeln kassieren. Die Menschen, denen der Philosoph auf seiner Reise begegnet ist, sind dazu prädestiniert. Denn aus »Mangel an Identität haben die Amerikaner ein wunderbares Gebiss.«
Jean Baudrillard: Amerika, Matthes & Seitz 2004, 204 Seiten, 12,80
