Stroemfeld/Roter Stern:
Hölderlin vom Roten Stern
«Von 1848 sind Bayreuth und Wagner geblieben. Von 1968 KD Wolff und der Verlag Stroemfeld/Roter Stern», scherzte der Ostberliner Schriftsteller Friedrich Dieckmann 1993. Heute kämpft Karl Dietrich Wolff, der ehemalige Vorsitzende des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), bereits seit 34 Jahren auf den Barrikaden des Verlagsgeschäfts. Nicht der Bestseller-Mainstream ist sein Metier, sondern rare Projekte wie Michael Stritts Studie «Die schöne Helena in den Rom-Ruinen. Überlegungen zu einem Gemälde Maarten van Heemskercks», die das aktuelle Verlagsprogramm ziert. Stritt arbeitete vier Jahre am Druckbild seiner kunsthistorischen Publikation.
Die zwei Bände im Schuber dürften als eines schönsten Bücher des Jahres prämiert werden einen Verkaufserfolg garantiert dies jedoch noch lange nicht. Harte Zeiten konnten Wolff aber nie von risikoreichen Projekten abhalten. 1993 stand der Verlag Roter Stern, durch Klaus Theweleits legendäre «Männerphantasien» und die Historisch-Kritische Friedrich-Hölderlin-Ausgabe berühmt geworden, vor dem finanziellen Ruin. Doch Wolff schaffte es, den Konkurs noch einmal abzuwenden, indem er den 1979 gegründeten Baseler Partnerverlag Stroemfeld mit einer Reihe von Fördervereinen flankierte.
Sicher hat Wolffs großer Ehrgeiz, in Zeiten strikt gewinnorientierten Wirtschaftens immer noch so kostpielige Prestigeprojekte wie eine auf vierzig Bände veranschlagte Faksimile-Ausgabe der Werke Franz Kafkas zuende zu bringen, auch etwas mit seiner turbulenten Biographie zu tun. 1967 wurde er Bundesvorsitzender des SDS. «Meine Mutter, von der ich heute aufgrund des Briefwechsels weiß, den sie mit meinem Vater zur Zeit des Zweiten Weltkriegs führte, dass sie damals eine begeisterte Nationalsozialistin gewesen sein muss, fand das toll. Dass wir Studenten linke Revolutionäre waren, war ihr egal. Hauptsache, ich wurde Vorsitzender», erzählt er nachdenklich.
Für einen unter denjenigen der prominenten 68er, «die den politischen Konflikt zwischen Kriegs- und Nachkriegsgeneration zu einem politischen Konflikt verschärft hatten», wie die «FAZ» glaubt, muss dies eine zwiespältige Erkenntnis sein.
«Wohnraum-Zweckentfremdung» hat das einst eine Frankfurter Behörde argwöhnisch genannt als sei die Vermischung von Arbeit und Privatleben, von Privatem und Politischem, zumal in einem solchen Verlag, vermeidbar. Ein leichtes Flair von Kommune weht den Besucher an. Und im Regal eines ehemaligen Kinderzimmers, zwischen eingeschweißten Kafka-Faksimilebänden, steht sie tatsächlich noch Wolffs alte Ausgabe der Marx-Engels-Werke. «Die habe ich damals gleich im ersten Freiburger Semester beim kommunistischen Buchhändler gekauft und brav jahrelang in Raten abbezahlt».
Wolff tritt als ein Mann auf, der von seiner hart erkämpften Zuversicht allen etwas weitergeben möchte. «Schon als Bub bin ich zum nächsten IG-Metall-Büro im hessischen Biedenkopf gegangen. Ich habe mich vor denen aufgebaut und gesagt: 'Ich möchte Ihnen helfen!'», erinnert er sich schmunzelnd. «Die haben mich damals natürlich ausgelacht. Aber weil sie merkten, dass ich es ernst meinte, durfte ich dann auf der nächsten 1.Mai-Veranstaltung 'Brüder zur Sonne, zur Freiheit' als Gedicht vortragen. Weil ich zu klein war, um über das Podium zu linsen, stellte man mich auf eine Kiste.»
Jörg Schröder hatte sein Gündungsmitglied Wolff im März-Verlag gefeuert. Was hier politische Differenzen waren, was persönlicher Streit, ist heute nur noch schwer nachzuvollziehen. Der Schriftsteller Peter O. Chotjewitz, der damals bei März als Autor ein- und ausging, erinnert sich in einem Gespräch auf der Frankfurter Buchmesse: «Der KD war ein ganz orthodoxer Marxist, während ich ihm schon damals gesagt habe, dass das so nun auch wieder nicht geht.» Wolff kann sich vor Lachen über diese Behauptung kaum halten: «Das ist ja allerhand. Der soll mal hier am Stand vorbei kommen, damit wir das ausdiskutieren!» Chotjewitz kommt dann aber lieber doch nicht.
Heute gehört Stroemfeld/Roter Stern zu den ersten Adressen für Historisch-Kritische Editionen. Die Liste der Werkausgaben kann sich mittlerweile sehen lassen: Heinrich von Kleist, Gottfried Keller, Karoline von Günderode, Georg Trakl, Sigmund Freud und Georg Groddek werden hier in definitiven Faksimileausgaben oder als akribische Transkriptionen mit diplomatischer Umschrift zugänglich gemacht.
Napoléons Gesetzeskodex brachte dem deutschen Bürgertum nach der französischen Eroberung samt seiner jüdischen Minderheit 1794 die Rechte der Aufklärung. Er blieb in manchen linksrheinischen Gebieten bis 1900 in Kraft. Ein ideales Editionsprojekt für Wolff also, den «ehemaligen Frankfurter Revoluzzer» (so die Zeitschrift «Literaturen»). «Nach den so genannten Befreiungskriegen hat man den Code in Deutschland vernichtet, nationalistische Burschenschaften organisierten hier nach 1813 die ersten deutschen Bücherverbrennungen», erklärt Wolff. «Deshalb waren wohl, als wir unser Exemplar ersteigert hatten, davon überhaupt nur noch zwei in Frankfurt nachweisbar unseres und eins im Max-Planck-Institut für Rechtsgeschichte.»
In Koblenz verkauft Wolff an diesem Vormittag eine ganze Reihe seiner feuerroten Code Napoléons an interessierte Minister. «Erst allmählich wagte ich zu begreifen, dass unser Verlag zu einer gemeinnützigen Organisation in privatrechtlicher Form geworden war, der Aufgaben im öffentlichen Interesse wahrnimmt öffentliche Interessen, an die zu erinnern manchmal schon fast obsolet erscheint», schrieb Wolff 1995. Wohl selten hat man sich in der Holzhausenstraße über jede einzelne Buchbestellung so gefreut, wie heute. Entwarnung kann es tatsächlich nur noch bei «öffentlichem Interesse» geben wenn es denn wirklich noch besteht.

