Stroemfeld/Roter Stern:
Hölderlin vom Roten Stern
16. Dez 2004 07:40
 | Verleger KD Wolff | Foto: Ute Schendel |
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Früher war KD Wolff ein linker Revolutionär. Heute ist sein Verlag Stroemfeld/Roter Stern eine der ersten Adressen für historisch-kritische Editionen – und wieder einmal in finanziellen Schwierigkeiten.
Von Jan Süselbeck«Von 1848 sind Bayreuth und Wagner geblieben. Von 1968 KD Wolff und der Verlag Stroemfeld/Roter Stern», scherzte der Ostberliner Schriftsteller Friedrich Dieckmann 1993. Heute kämpft Karl Dietrich Wolff, der ehemalige Vorsitzende des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), bereits seit 34 Jahren auf den Barrikaden des Verlagsgeschäfts. Nicht der Bestseller-Mainstream ist sein Metier, sondern rare Projekte wie Michael Stritts Studie «Die schöne Helena in den Rom-Ruinen. Überlegungen zu einem Gemälde Maarten van Heemskercks», die das aktuelle Verlagsprogramm ziert. Stritt arbeitete vier Jahre am Druckbild seiner kunsthistorischen Publikation.
Die zwei Bände im Schuber dürften als eines schönsten Bücher des Jahres prämiert werden – einen Verkaufserfolg garantiert dies jedoch noch lange nicht. Harte Zeiten konnten Wolff aber nie von risikoreichen Projekten abhalten. 1993 stand der Verlag Roter Stern, durch Klaus Theweleits legendäre «Männerphantasien» und die Historisch-Kritische Friedrich-Hölderlin-Ausgabe berühmt geworden, vor dem finanziellen Ruin. Doch Wolff schaffte es, den Konkurs noch einmal abzuwenden, indem er den 1979 gegründeten Baseler Partnerverlag Stroemfeld mit einer Reihe von Fördervereinen flankierte.
Hauptsache Vorsitzender
Der Zusammenbruch des wissenschaftlichen Buchmarkts macht dem «Himmelfahrtskommando» Stroemfeld («FAZ») aber auch heute weiter zu schaffen. In einem aktuellen Hilferuf teilt Wolff mit, im Frühjahr habe es im Verlag über Monate eine große Steuerprüfung gegeben. «Natürlich war nicht recht etwas zu finden, bis die Prüfer darauf kamen, Zuschüsse für Projekte mit Mehrwertsteuer zu belasten. Jetzt sind die Steuerbescheide gekommen, und wir sollen kurzfristig fast 30.000.- Euro nachzahlen.»Sicher hat Wolffs großer Ehrgeiz, in Zeiten strikt gewinnorientierten Wirtschaftens immer noch so kostpielige Prestigeprojekte wie eine auf vierzig Bände veranschlagte Faksimile-Ausgabe der Werke Franz Kafkas zuende zu bringen, auch etwas mit seiner turbulenten Biographie zu tun. 1967 wurde er Bundesvorsitzender des SDS. «Meine Mutter, von der ich heute aufgrund des Briefwechsels weiß, den sie mit meinem Vater zur Zeit des Zweiten Weltkriegs führte, dass sie damals eine begeisterte Nationalsozialistin gewesen sein muss, fand das toll. Dass wir Studenten linke Revolutionäre waren, war ihr egal. Hauptsache, ich wurde Vorsitzender», erzählt er nachdenklich.
Für einen unter denjenigen der prominenten 68er, «die den politischen Konflikt zwischen Kriegs- und Nachkriegsgeneration zu einem politischen Konflikt verschärft hatten», wie die «FAZ» glaubt, muss dies eine zwiespältige Erkenntnis sein.
Marx und Engels in Raten
Wir sitzen in der Kantine des seit seinem Bezug 1972 legendär gewordenen Verlags- und Wohnhauses in der Frankfurter Holzhausenstraße Nr. 4. Hier haben sie also schon vor Jahrzehnten Rotwein getrunken, die Hausautoren des Verlags: Peter Kurzeck etwa, dem man den Preis der Literaturhäuser 2004 zuerkannt hat. Oder auch Klaus Theweleit, der auch schon einmal für längere Zeit einzog, um bei der Produktion seiner Bücher mitzuhelfen. «Wohnraum-Zweckentfremdung» hat das einst eine Frankfurter Behörde argwöhnisch genannt – als sei die Vermischung von Arbeit und Privatleben, von Privatem und Politischem, zumal in einem solchen Verlag, vermeidbar. Ein leichtes Flair von Kommune weht den Besucher an. Und im Regal eines ehemaligen Kinderzimmers, zwischen eingeschweißten Kafka-Faksimilebänden, steht sie tatsächlich noch – Wolffs alte Ausgabe der Marx-Engels-Werke. «Die habe ich damals gleich im ersten Freiburger Semester beim kommunistischen Buchhändler gekauft und brav jahrelang in Raten abbezahlt».
Küchenpsychologie
Wolff, der im letzten Jahr sechzig geworden ist, erzählt viel aus seinem Leben. Als Verleger der Werke des «wilden Analytikers» Georg Groddeck (1866-1934), jenes Autors des «Buchs vom Es» (1923), aus dem Sigmund Freud seinen gleich lautenden Terminus für das Unbewusste borgte, verrät er dabei auch Dinge, die andere womöglich lieber für sich behalten würden. «Von meinem fünfzigsten bis zu meinem fünfundfünfzigsten Lebensjahr habe ich mich in psychoanalytische Behandlung begeben», sagt er gefasst. «Ohne diese Erfahrung wäre ich heute nicht der, der ich bin.» Wolff tritt als ein Mann auf, der von seiner hart erkämpften Zuversicht allen etwas weitergeben möchte. «Schon als Bub bin ich zum nächsten IG-Metall-Büro im hessischen Biedenkopf gegangen. Ich habe mich vor denen aufgebaut und gesagt: 'Ich möchte Ihnen helfen!'», erinnert er sich schmunzelnd. «Die haben mich damals natürlich ausgelacht. Aber weil sie merkten, dass ich es ernst meinte, durfte ich dann auf der nächsten 1.Mai-Veranstaltung 'Brüder zur Sonne, zur Freiheit' als Gedicht vortragen. Weil ich zu klein war, um über das Podium zu linsen, stellte man mich auf eine Kiste.»
Fotoalbum 1968
Wenn man den Almanach «15 Jahre Stroemfeld/Roter Stern» von 1985 durchblättert – «ein Buch, das damals komischerweise nicht einmal rezensiert worden ist» (Wolff) – taucht man ein in alte Zeiten. Hier, KD Wolff mit langen Haaren auf Diskussionspodien. Dort, Herren mit Lederjacken bei der Redaktionskonferenz der verlagseigenen Zeitschrift «Erziehung und Klassenkampf». Und da: Der Fahnen schwenkende KD auf dem Dach eines Gebäudes (das Frankfurter PX der US Army). Unten die Masse der Demonstranten, die gegen die US-Intervention in Kambodscha protestiert: Mai 1970. Es war das Jahr der Verlagsgründung. Jörg Schröder hatte sein Gündungsmitglied Wolff im März-Verlag gefeuert. Was hier politische Differenzen waren, was persönlicher Streit, ist heute nur noch schwer nachzuvollziehen. Der Schriftsteller Peter O. Chotjewitz, der damals bei März als Autor ein- und ausging, erinnert sich in einem Gespräch auf der Frankfurter Buchmesse: «Der KD war ein ganz orthodoxer Marxist, während ich ihm schon damals gesagt habe, dass das so nun auch wieder nicht geht.» Wolff kann sich vor Lachen über diese Behauptung kaum halten: «Das ist ja allerhand. Der soll mal hier am Stand vorbei kommen, damit wir das ausdiskutieren!» Chotjewitz kommt dann aber lieber doch nicht.
Mit Hölderlin zum Verlag
1970 stieg Wolff endgültig aus der hoffnungslos zersplitterten Studentenbewegung aus. Seine endgültige Befreiung von der politischen »Selbstinstrumentalisierung«, wie er sie später kritisch nannte, kam erst mit der Idee einer Faksimile-Ausgabe der Werke Hölderlins, herausgegeben von D.E. Sattler. Dem Jakobiner Hölderlin als «missverstandenem Revolutionsdichter» editorisch gerecht zu werden, wurde zum neuen Verlagsziel. Erschien es doch als der ideale Weg, die politische Überzeugung zwar nicht zu verleugnen, gleichzeitig aber an verlegerischem Renommée zu gewinnen: Für Wolff war es die «Frankfurter Hölderlin-Ausgabe, die aus dem Verlagsnamen einen Verlag werden ließ». Heute gehört Stroemfeld/Roter Stern zu den ersten Adressen für Historisch-Kritische Editionen. Die Liste der Werkausgaben kann sich mittlerweile sehen lassen: Heinrich von Kleist, Gottfried Keller, Karoline von Günderode, Georg Trakl, Sigmund Freud und Georg Groddek werden hier in definitiven Faksimileausgaben oder als akribische Transkriptionen mit diplomatischer Umschrift zugänglich gemacht.
Dokument der Aufklärung
Ein weiteres Prestige-Projekt ist der Code Napoléon, den Wolff 2002 als originalgetreuen Faksimile-Nachdruck der zweisprachigen Straßburger Ausgabe von 1808 neu auflegte. «Der stand eines Tages in einem Frankfurter Antiquariatskatalog, zu einem erschwinglichen Preis. Wir haben das Buch sofort ersteigert – was nicht weiter schwer war, weil niemand außer uns geboten hat», lacht Wolff. Wir sitzen in seinem geleasten Alfa Romeo und fahren nach Koblenz. Dort gibt es einen Staatsakt zu Ehren des zweihundertjährigen Jubiläums des Code Civil. Napoléons Gesetzeskodex brachte dem deutschen Bürgertum nach der französischen Eroberung samt seiner jüdischen Minderheit 1794 die Rechte der Aufklärung. Er blieb in manchen linksrheinischen Gebieten bis 1900 in Kraft. Ein ideales Editionsprojekt für Wolff also, den «ehemaligen Frankfurter Revoluzzer» (so die Zeitschrift «Literaturen»). «Nach den so genannten Befreiungskriegen hat man den Code in Deutschland vernichtet, nationalistische Burschenschaften organisierten hier nach 1813 die ersten deutschen Bücherverbrennungen», erklärt Wolff. «Deshalb waren wohl, als wir unser Exemplar ersteigert hatten, davon überhaupt nur noch zwei in Frankfurt nachweisbar – unseres und eins im Max-Planck-Institut für Rechtsgeschichte.»
Deutsche Bank für Napoleon
Dennoch hielt sich das Leserinteresse in Grenzen. «Wir hatten gerade mal 66 Vorbestellungen. Damit konnten wir das Buch nicht finanzieren. Schließlich hat uns die Deutsche Bank 1200 Exemplare abgekauft und damit den Druck ermöglicht», freut sich Wolff. «Es gab dann sogar eine riesige Buchpräsentation in der Pariser Académie Francaise. So kam die französisch-deutsche Ausgabe des Code Napoléon mit Hilfe Frankfurter Linksradikaler nach Paris zurück!» In Koblenz verkauft Wolff an diesem Vormittag eine ganze Reihe seiner feuerroten Code Napoléons an interessierte Minister. «Erst allmählich wagte ich zu begreifen, dass unser Verlag zu einer gemeinnützigen Organisation in privatrechtlicher Form geworden war, der Aufgaben im öffentlichen Interesse wahrnimmt – öffentliche Interessen, an die zu erinnern manchmal schon fast obsolet erscheint», schrieb Wolff 1995. Wohl selten hat man sich in der Holzhausenstraße über jede einzelne Buchbestellung so gefreut, wie heute. Entwarnung kann es tatsächlich nur noch bei «öffentlichem Interesse» geben – wenn es denn wirklich noch besteht.