Rafik Schami: 

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Rafik Schami 

Lupe Liebe im Schatten der Clanherrschaft

Zwei Liebende, zwei verfeindete Clans und sich abwechselnde Diktaturen. Rafik Schamis neuer Roman erzählt die jüngere Geschichte Syriens.

Von Manuel Karasek

Es ist eine alte Geschichte, vielleicht ist sie sogar eine der ältesten Geschichten der Menschheit: Da verlieben sich zwei junge Menschen ineinander, doch die Familien sind verfeindet. Der Liebe ist kein Glück beschieden, sie endet tragisch. Wir alle kennen das Stück, Romeo und Julia heißt dieser Stoff, von dem sich ungezählte Variationen auf Zelluloid und Papier wieder finden. In Rafik Schamis großem, neunhundert Seiten langen Romanepos «Die dunkle Seite der Liebe» heißen die beiden jungen Menschen, die vom Blitz, der Liebe und Leidenschaft auslöst, getroffen werden, Rana und Farid.

1953 treffen sich beide zufällig im Haus eines gemeinsamen Freundes. Als die beiden Dreizehnjährigen sich gegenübersitzen, sucht Farid unter dem Tisch die Hand Ranas. Er berührt sie, sie nimmt die seine in die ihre, und «für eine Minute», schreibt Rafik Schami, «blieb die Erde stehen und die Welt wurde zu einem unendlichen Raum der Ruhe». Der beglückte Leser ahnt schon zu Beginn dieses wunderschönen Romans, dass diese zarten Empfindungen bald heftigen Störungen ausgesetzt werden. Denn Farid entstammt der Sippe der katholischen Muschtaks, und Rana gehört zum Clan der orthodoxen Schahins. Die Familien, die beide zur christlichen Minderheit Syriens gehören, spaltet eine uralte, tiefe und unüberbrückbare Feindschaft. Blutfehden vergiften jeden Kontakt.

Eine Geschichte Syriens
Mit dieser klassischen Konstruktion, in der sich auf der einen Seite die arglos Liebenden befinden und auf der anderen die zerstrittenen Sippen, kopiert Schami allerdings nicht Shakespeares Drama. So kapriziert sich der Autor, der seit 1971 in Deutschland lebt und auf Deutsch schreibt, nicht allein auf die Liebesgeschichte. Der Schriftsteller erzählt darüber hinaus ausführlich, wie es zur unversöhnlichen Feindschaft zwischen den Muschatks und den Schahins kam.

Georg Muschtak und Jusuf Schahin waren um 1900 die konkurrierenden Großbauern im Dorf Mala, anfangs mögen sich die Clanführer sogar. Eine Lappalie wird jedoch zum Auslöser einer tiefen Feindschaft. Schami arbeitet die verletzten Gefühle der beiden Patriarchen als den psychologischen Ursprung des alttestamentarisch anmutenden Konfliktes zwischen den Großfamilien plausibel heraus. Ein Stammbaum der beiden Clans ist dem Roman beigefügt, so dass der Leser nie die Übersicht verliert.

Die Geschichten um Rache und verletzten Stolz lesen sich aber auch nicht allein wie eine großartige Saga, sondern all diese Episoden spiegeln syrische Geschichte wider. Anhand der Schicksale von Schamis Figuren erfahren wir in exemplarischer Weise etwas von der syrisch-arabischen Gesellschaft im 20. Jahrhundert, ohne dass etwaige Klischees oder Vorurteile bedient werden. Das ist eine der unvergleichlichen Stärken dieses Buches.

Buch der Liebe und des Todes
Eine weitere Stärke dieses Romans ist, dass der Autor seinen Stoff nicht linear behandelt. Beispielsweise wird die bittersüße Liebesgeschichte zwischen Rana und Farid, die sich immerhin über einen Zeitraum von fast zwanzig Jahren erstreckt, immer wieder durch andere Episoden unterbrochen. Darin erzählt Rafik Schami unter anderem über die anderen Familienmitglieder: Die schlechte Vater-Sohn-Beziehung zwischen Elias Muschtak – dem Vater von Farid – und Georg Muschtak schildert er ausführlich. Ebenso erfahren wir, wie Faris Schahin seinen Bruder Basil als Clanführer ausschaltet: Viele solcher Episoden beeindrucken in ihrer Fülle.

Schami berichtet auch über das Schicksal der Freunde von Rana und Farid. Plastisch beschreibt er Damaskus. In parodistischer Weise schildert er die zahllosen Putsche und Militärdiktaturen Syriens, die tatsächlich die Geschichte des Landes bestimmten. Und als wäre das alles nicht genug an verarbeitetem Stoff: Rafik Schami lässt es sich nicht nehmen, immer wieder syrische Witze nachzuerzählen.

Die Kapitelüberschriften lauten entsprechend der Themenvielfalt «Buch des Lachens», «Buch der Liebe» oder «Buch des Todes». Sein Roman bekommt durch diese Struktur den Charakter eines Mosaiks und erinnert an den Klassiker der arabischen Literatur schlechthin, der Sammlung von Geschichten in «1001 Nacht».

Emotion und Erfahrung
Es gibt die schöne wie spitzfindige Bemerkung von Voltaire, der meinte, die erste Pflicht eines Autors, seinen Leser nicht zu langweilen, bestehe darin, nicht alles zu erzählen. Doch Rafik Schami erzählt auf über 900 Seiten zwar alles, langweilt aber dabei nie. Sein Riesenwerk entgleitet ihm nicht.

Man fragt sich, woran das liegt. Und die Antwort fällt überraschend simpel aus: Der Leser fiebert einfach mit, wenn Farid und Rana – sie sind zu dem Zeitpunkt gerade Dreizehn – von Damaskus nach Beirut flüchten. Er leidet mit den beiden Liebenden, als sie von der Polizei gefasst und ihren Eltern zurückgegeben werden. Wie bei einem Roman von Charles Dickens ist man schließlich empört, wenn Farid von seinem Vater zur Strafe in ein Kloster geschickt wird, wo er den unmenschlich strengen Bedingungen des Benediktinerordens ausgesetzt ist. Rafik Schamis Roman emotionalisiert ständig.

In diesen Zusammenhang passt auch die schöne Bemerkung des amerikanischen Romanciers John Irving, der sagte, dass Autoren wie Dickens oder Tolstoi sich für Originalität – sprich: für den Stil – nicht so sehr interessiert hätten wie für das Schicksal ihrer Figuren. Das trifft auch auf den Autor Schami zu. Sein Stil mag einfach sein, er ist jedoch das Ergebnis langjähriger Erfahrung.

Die Absurditäten der Diktatur
Im letzten Kapitel des Buches erzählt der 1947 geborene Schriftsteller, wie «Die dunkle Seite der Liebe» entstanden ist. Schon in den sechziger Jahren, als Schami noch in Syrien lebte, hatte er den Plan verfolgt, eine Liebesgeschichte zu schreiben, die unter den autoritären Bedingungen der arabischen Sippengemeinden und den jeweiligen Diktaturen steht. Doch mit dem literarischen Ergebnis war er schließlich höchst unzufrieden. Schami berichtet, dass er damals dazu geneigt habe, stets für die Guten Partei zu ergreifen. Er habe moralisiert.

Die Gefahr besteht bei einer solchen Geschichte tatsächlich, denn die Liebenden Rana und Farid werden immer wieder gewaltsam von einander getrennt. Rana muss einen ihrer Cousins heiraten, der sie mit Billigung der Mutter vergewaltigt. Farid gerät als Sympathisant der Kommunisten in die Fänge des syrischen Geheimdienstes. In einem Lager erträgt er Folter, Hunger und unglaubliche Demütigungen. Es ist schier meisterhaft, mit welch ruhiger Hand Rafik Schami diese Passagen behandelt, ohne zu moralisieren oder gar Partei ergreifen zu müssen.

Wirkung erzielt der Roman vielmehr durch seine Kontraste zwischen Passagen, die auf realistische Weise das nackte Grauen der Diktatur demonstrieren, und solchen, in denen parodistisch die Absurditäten autoritärer Regime beschrieben werden. So lädt eine der Töchter Jusuf Schahins den Alleinherrscher Schaklan, der zu Beginn der fünfziger Jahre das Land regiert, nach Mala ein, damit der Generalissimo dort seinen Geburtstag feiern kann. Zweck der Veranstaltung ist es, den Potentaten weich zu stimmen. Er soll einen der Schahins, der wegen Korruption im Gefängnis sitzt, begnadigen. Doch beim Festessen, das auf dem Marktplatz Malas stattfindet, trinkt der Diktator zu viel irischen Whisky und schläft schließlich ein.

Die Leibgarde – befangen in ihren abstrusen Ängsten - befürchtet ein Attentat und befiehlt, dass keiner der Gäste, während der General schläft, seinen Platz verlassen darf. Die groteske Szene, die nun folgt, erinnert an Romane von Garcia Marquez. Niemand wagt es aufzustehen, niemand traut sich, einen Laut von sich zu geben. Über die ganze Nacht hockt das halbe Dorf an der Festtafel und wartet auf das Erwachen des Generals.

Syrien ist nicht die Schweiz
Was schließlich ein wenig verwundert, ist, dass Schami historische Persönlichkeiten wie zum Beispiel Nasser, der in den fünfziger und sechziger Jahren der Präsident Ägyptens war, nicht beim Namen nennt. Zwar beschreibt der Autor etwa, wie Syrien 1958 in die von Ägypten dominierte «Vereinigte Arabische Republik» eintrat, die sie 1961 wieder verließ, doch Nasser erscheint im Roman als «Satlan». Warum das so ist, bleibt ein Rätsel. Im letzten Kapitel, das den Charakter eines «Making-Off» hat, verweist der Autor auf dichterische Freiheiten. Tatsächlich ist ja für den Leser nicht von Belang, wie der Kommandant des Folterlagers «Tad», welches in der Wüste seinen berüchtigten Standort hatte, in Wirklichkeit hieß. In Schamis Roman heißt er Garassi.

Bei einem Gefangenenaufstand überreichen die Häftlinge Garassi eine Liste mit ihren Forderungen. Unter anderem wird darin bessere Verpflegung für alle und ein monatlicher Besuchstag für die Angehörigen gefordert. Garassi liest sich die Liste durch und lächelt. «Sind wir hier etwa in der Schweiz?», fragt er seine Untergebenen. Man darf gespannt sein, wie Schamis Roman in Syrien aufgenommen wird, falls er dort erscheinen kann. Denn Syrien ist bekanntlich noch immer nicht die Schweiz.

Rafik Schami: Die dunkle Seite der Liebe. Roman. Carl Hanser Verlag, München, 2004. 896 Seiten. 25,90 Euro.