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Der weiße Stuhl 

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Die Colaflasche war das Symbol des Imperialismus. Der gemeine weiße Plastikstuhl hingegen ist das Emblem einer Globalisierung, die kein Zentrum mehr zu kennen scheint.

Von Ronald Düker

In der platonischen Ideenlehre spielen Stühle eine nicht unwesentliche Rolle. Stühle, so heißt es in Platons «Politeia», gibt es viele. Die Idee des Stuhles ist aber nur einmal vorhanden. Sie kommt in der Welt der konkreten Dinge zwar nicht vor, existiert aber zum Beispiel im Kopf des Schreiners, der den Stuhl angefertigt hat. Der Stuhl als phänomenologisches Konkretum ist also nur ein mehr oder weniger gelungenes Abbild dieser Urform, wie überhaupt die Welt der sichtbaren Gegenstände eine zumeist schlechte Kopie der Welt der Ideen ist. Zugleich bildet die Ideenwelt die Voraussetzung der ästhetischen Wahrnehmung: Gäbe es die Idee vom Stuhl nicht, so wäre niemand, der einen Stuhl vor Augen bekäme, in der Lage, diesen als solchen zu erkennen.

Man darf vermuten, dass das Objekt, das den Platonlesern aller Zeiten hier vor Augen getreten ist, eine klare Kontur hat: Ein Stuhl mit vier Beinen, und einem rechtwinkligen Verhältnis zwischen Sitzfläche und Rückenlehne. Dabei ist nun seit etwa dreißig Jahren ein Ding in der Welt, auf das die platonische Analyse viel besser passt, nicht nur, weil ein führender Hersteller dieses Dings, eine Gartenmöbelfirma, sich den Namen «Idea» gegeben hat. Die Rede ist vom meistverbreiteten, erschwinglichsten und dabei nicht unbequemsten Sitzmöbel der Welt. In Ermangelung einer allgemeinverbindlichen Bezeichnung wollen wir vom weißen Plastikstuhl sprechen – auch wenn er tatsächlich in vielen verschiedenen Farben anzutreffen ist.

Als ob er dazu gemacht sei, den Beweis der platonischen Ideenlehre anzutreten, erkennt man ihn, obwohl er in ungezählten abweichenden Formen vorkommt, auf den ersten Blick. Möbelhistorikern ist es indes noch nicht gelungen, ein Original dieses Objekts ausfindig zu machen oder einen Designer, auf den ein möglicher erster Entwurf zurückgehen könnte. Der weiße Plastikstuhl ist ein gleichermaßen ursprungs- wie vaterloses Ding, dessen Idee ganz platonisch in der Luft hängt.
Das selbstreinigende Objekt
Der Versuch, in wenigen Strichen eine Beschreibung des weißen Plastikstuhls zu zeichnen, kann daher nur auf Annäherungswerte spekulieren, und Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel. Der weiße Plastikstuhl ist, salopp gesagt, ein seltsam unförmiges Ding. Die leicht abschüssige Sitzfläche verjüngt sich nach hinten. Die Rückenlehne ist ebenfalls in einer Rundung nach hinten geschwungen, sie besteht in einer Fläche, die mittels vertikaler Streben, runder oder anders geformter Löcher durchlässig gemacht ist. Das Rückenteil findet in Nackenhöhe einen ovalen Abschluss. Die Stuhlbeine sind allesamt nach außen ausgestellt, so dass der ganze Stuhl sich nach unten hin verbreitert. Die Beine sind in sich U-förmig gebogen, deuten also eine hohle Rohrform nur an. Ebenso die gebogenen Armlehnen, die nach unten hin in die vorderen beiden Stuhlbeine übergehen.

Den Stuhl zur Seite oder nach hinten umzustoßen, ist kein leichtes Unterfangen, und bei einer außerordentlich starken Windböe wird er eher nach hinten wegwehen als umzufallen. An keiner Stelle soll sich, so will es die wetterfeste Konstruktion, Wasser ablagern. Es fließt durch die Perforierung im hinteren Teil der Sitzfläche ab. Es handelt sich der Idee nach um ein durchlässiges und gleichsam selbstreinigendes Objekt. Der Stuhl ist rostfrei, und er verblasst nicht im Sonnenlicht. Mit einem Gewicht, das zwischen 900 Gramm und drei Kilo liegt, ist er so leicht, dass er auch von sehr jungen oder sehr alten Menschen getragen werden kann. Man kann ihn stapeln und so in großer Stückzahl Platz sparend aufbewahren und transportieren. Wird der Stuhl in den Swimmingpool geworfen, so fügt ihm das ebenso wenig Schaden zu, wie Hitze, Frost und Regen.
Masse macht's möglich
Der weiße Plastikstuhl ist ungemein günstig. In manchen Teilen der Welt kostet er weniger als einen Euro. In den Vereinigten Staaten ist sein Preis von ehemals etwa 30 auf rund 5 Dollar gefallen, man kann ihn in jedem Wal Mart oder Gartencenter, aber auch in kleineren Gemischtwarenläden bekommen. Seine Herstellung, die von Beginn der siebziger Jahre durch das neue Spritzgussverfahren möglich geworden war, rentiert sich erst ab einer großen Produktionsmenge, denn die Maschinen sind teuer. 300.000 Dollar kostet eine, und sie hat sich erst amortisiert, nachdem sie eine Million Stühle aus flüssigem Polypropylen gegossen hat.

Nach der Produktion von noch einmal einer Million wird sie üblicherweise für etwa 50.000 Dollar in die Dritte Welt verkauft, wo die Herstellung von Plastikstühlen weiter geht. Allein aus wirtschaftlichen Gründen muss der weiße Plastikstuhl also in einer ungeheuren Stückzahl in die Welt gesetzt werden.

So verbreitet der weiße Plastikstuhl auch ist – seine Zahl übersteigt Schätzungen zufolge mittlerweile diejenige der Weltbevölkerung – so unmöglich scheint es, diesen Gegenstand für schön zu erachten. Vielmehr gibt es, wie der Schriftsteller Ingo Niermann sagt, «nichts unbedingt Ironischeres als die Liebe zum weißen Plastikstuhl». Anders als so genannte Klassiker des modernen Designs, deren klare Form – dem ersten Gebot der Produktgestaltung gehorchend – Funktion ist, ist der Stuhl zwar funktional, aber zugleich auch reich an überflüssiger Kontur. Seine Verschnörkelungen muten wie ein ins Ausdruckslose verkommener Zierrat an, der barocken Möbelstücken nachempfunden ist, und einen gewissen Luxus in geradezu lächerlich gescheiterter Weise behauptet.

Zeugen des Alltags
Das Missverhältnis, das zwischen formaler Unausgegorenheit, um nicht zu sagen Hässlichkeit, und der Omnipräsenz des weißen Plastikstuhls besteht, ist bemerkenswert genug, ein Forschungsprojekt zu begründen, wie es unter dem Namen functionalfate.org im vergangenen August ins Leben gerufen worden ist. Auf der Website werden Bilder und Geschichten gesammelt, die das Schicksal des Möbelstücks in seinem kulturellen und ökonomischen Kontext beleuchten sollen. Im Winter des nächsten Jahres ist eine Ausstellung und ein illustrierter Katalog geplant. Schon jetzt versammelt functionalfate.org erläuternde Texte und Essays zum Thema.

Diese erörtern unter anderem die Frage, wie der weiße Plastikstuhl zum Zeugen weltpolitischer Schlüsselszenen wurde: Ein erboster Yassir Arafat hält irgendwo im Westjordanland die Reste eines Plastikstuhls in die Kameras, der bei einem Angriff des israelischen Militärs zu Bruch gegangen war – wie zum Beweis, dass seine Lebensdauer kurz ist. Ein anderes Bild zeigt die Teilnehmerinnen der nigerianischen Miss-World-Ausscheidung auf solchen Stühlen sitzend, kurze Zeit später werden bei Ausschreitungen 200 Menschen getötet. In Bagdad thront der amerikanische Militäradministrator Paul Bremer wie ein Monarch in einem Plastikstuhl und überblickt eine Feier zu Ehren irakischer Rekruten.

Weißer Stuhl, weißes Haus?
Eine im Internet kolportierte Verschwörungstheorie rührt gerade in der Schlichtheit ihrer Beweisführung an ein grundlegendes erkenntnistheoretisches Problem. Der vor laufenden Kameras enthauptete Nicholas Berg, so lautet die These, sei nicht muslimischen Terroristen zum Opfer gefallen, sondern der amerikanischen Armee. Der Beweis: Das im Internet verbreitete Video zeige den Geschäftsmann schließlich auf einem weißen Plastikstuhl. Ein eben solcher Stuhl habe auch den amerikanischen Folterern von Abu Ghraib als Sitzgelegenheit gedient.

Die Diskussion eines ganzen Weblogs widmet sich folgerichtig einzig und allein der Frage, ob es sich hier nur um den gleichen oder tatsächlich um denselben Stuhl gehandelt habe. Die Diskutanten weisen etwa auf die Ab- oder Anwesenheit auch minimaler Abweichungen zwischen den beiden Modellen hin, erörtern die Frage, ob solche Stühle im Irak vorhanden seien oder nicht, ob das etwas mit dem internationalen Handelsembargo zu tun habe und wo die Stühle hergestellt worden seien, ob in Amerika, Asien – oder gar in Irak selbst?

Hier ist ganz offensichtlich eine ebenso gründliche wie systematische Verkennung am Werk. Denn das gerade macht ja das Wesen des weißen Plastikstuhls aus: Er ist, wie der amerikanische Designer Kevin Walz sagt, überall auf der Welt zu Hause – «vom Markusplatz in Venedig» bis in den «Privatbereich des Weißen Hauses», er lauert uns, die wir keinen Gedanken an ihn verschwendeten, sogar in den eigenen Hinterhöfen auf. Was sagen, so fragt Walz, «diese gewöhnlichen Stühle über die Zukunft der Menschheit aus? Sind sie ein Symbol für die Auflösung einstigen Reichtums, die Aufopferung bestimmter Sichtweisen zum Wohle kostengünstiger Globalisierung? Oder haben wir es hier mit der ersten weltweiten Zustimmung zu einem essentiellen Objekt zu tun?»

Kein Logo
Dieses Essentielle, eigentümlich Unfassbare, um nicht zu sagen, Ideale, haftet den Stühlen vielleicht deshalb an, weil sie so präsent und doch «ursprungslos» zugleich sind. Sie stammen aus der anonymen Tiefe der Industriegeschichte und haben weder Designer noch Logo vorzuweisen – auch wenn manchen von ihnen der Schriftzug «Idea» eingraviert sein mag. Somit ist der weiße Plastikstuhl ein Symbol für Globalisierung und unterläuft zugleich jene Kritik an ihr, die unter der Parole «No Logo!» zum Widerstand bläst.

Im Unterschied zu Coca Cola oder Nike hat der weiße Plastikstuhl seinen Siegeszug von keinem identifizierbaren spezifischen Territorium aus angetreten, und das, obwohl auch er ein global player ist. Seine Verbreitung verläuft ungesteuert. Sie wuchert abseits jener Kanäle, die Konsumgüter der Ersten Welt gemeinhin auf die Absatzmärkte der armen Länder transportieren. Den weißen Plastikstuhl zu verstehen, heißt, die Welt als ein Ganzes zu begreifen.