Islam in Deutschland:
Leitkultur der Engstirnigen
25. Nov 2004 07:34
 | Muslimas beim Fußball: Japan gegen Türkei, Sony Center Berlin, WM 2002 | Foto: ddp |
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Wer «Leitkultur» als christliches Projekt zum Heimatschutz versteht, hat ein Problem mit der Realität. Denn die multikulturelle Gesellschaft existiert längst – mit allen ihren konkreten Problemen.
Von Joachim Widmann Der Mord an dem niederländischen Filmemacher Theo van Gogh war so falsch wie ein Großteil der Debatte, die er ausgelöst hat. Die rohe Bluttat bewies eine Menschenverachtung, wie sie keineswegs nur die Spezialität islamischer Extremisten ist. Sie einigt alle, die sich im Besitz einer allein selig machenden Ideologie wähnen und all jenen Entfaltungs- und Lebensrecht absprechen, die ihre Ideologie nicht teilen. Der islamische Extremismus ist verwandt mit Faschismus, Stalinismus und den unbedingten Reinheitsgeboten, mit denen das organisierte Christentum Jahrhunderte lang die Missionierung Ungläubiger und Ketzer mit Flamme und Schwert rechtfertigte.
Ein «Ende der Toleranz», wie es nun in der Debatte gefordert wird, darf es jedoch nicht geben. Toleranz steht im Zentrum der einzigen, aus bitteren Erfahrungen erwachsenen «Leitkultur» des demokratischen, pluralistischen Westens. Und damit könnten wir uns von dem paradoxen Begriff der Leitkultur gleich verabschieden, wenn er nicht längst als nebelhafte Dominanzformel gebräuchlich wäre, die gegen Eigenarten von Minderheiten in Stellung gebracht wird. Die multikulturelle Gesellschaft hingegen ist eine Realität, keine Parallelwelt, in der Toleranz und Pluralismus in Frage gestellt werden. Wer freudig verkündet, die multikulturelle Gesellschaft sei gescheitert, offenbart damit nur, dass er selbst ein Integrationsproblem hat und seine Toleranz da aufhört, wo sein unmittelbarer Lebens- und Erfahrungsbereich endet.
Toleranz und Hysterie
Nun heißt Toleranz nicht, dass man alles Fremde prinzipiell gutzuheißen habe. Sie gebietet nur, Andersartigkeit hinzunehmen, so lange sie das friedliche Zusammenleben nicht gefährdet. Das wäre eine Binsenweisheit, gäbe es nicht das Vorurteil, dass eine solche Gefährdung schon vom Patriarchat in vielen islamisch geprägten Familien ausgeht. Teile der Debatte drohen in diese Richtung zu kippen, obwohl jede Form friedlichen Privatlebens absoluten Freiheitsschutz genießt, auch männliche Macht und weibliche Unterwerfung, die dem Abendland keineswegs fremd sind. Statt mit den Patriarchen zu reden und sie als Verbündete zu gewinnen, werden sie pauschal diffamiert. Unterdrückung der Frau, Jugendkriminalität, mangelnde Sprachkenntnisse und islamischer Extremismus werden in dieser Argumentation verallgemeinert und unzulässig verbunden, und die Melange der Vorwürfe passt irgendwie auf 90 Prozent aller Einwanderer und Einwandererkinder islamischer Konfession.
Das verstellt den Blick auf die Tatsachen. Selbst Schwarzseher in den deutschen Sicherheitsbehörden halten gerade einige Hundert Moslems in Deutschland für gewaltbereite Extremisten, ihre Anhängerschaft wird auf einige Zehntausend Menschen geschätzt. Das ist ein ernstes Problem. Aber es ist so unangebracht, jeden konservativen türkischen Familienpascha für mitverantwortlich zu erklären, wie es unangebracht wäre, von – je nach Region – sieben bis fünfzehn Prozent rechtsextremer Wähler auf den vorherrschenden Geisteszustand der Deutschen zu schließen.
Bis vor kurzem waren sie «Gastarbeiter»
Man muss genau hinschauen. Die von Gutwilligen jetzt häufig angeführten Biographien Modell-Integrierter, von der türkischen Abiturientin, die in Berlin in diesem Jahr den besten Abschluss aller Schüler hatte, von türkischstämmigen Unionspolitikern, türkischen Studentinnen und Investmentbankerinnen mit und ohne Kopftuch und erfolgreichen türkischen Wissenschaftlern, Ärzten und Unternehmern, geben auch kein objektives Bild.Tatsache ist, dass der Ausländeranteil am breiten Bildungs- und Wohlstands-Mittelstand in Deutschland unterproportional ist. Ausländer gehören zum überwiegenden Teil nicht dieser tragenden Schicht der Gesellschaft, sondern – sehr oft ausweglos – der Unterschicht an. Die Integrationsdebatte ist auch daher ohne Zweifel zum Beispiel für jene Deutschen hoch konkret, die in Vierteln wie Berlin-Kreuzberg oder Köln-Ehrenfeld leben und ihre Kinder auf Kindergärten und Schulen schicken müssen, in denen Deutsch eine Sprache von vielen ist.
Die Frage ist nur, was zuerst da war: der angeblich mangelnde Integrationswille der Einwanderer oder eine mangelhafte Integrationspolitik? Jahrzehntelang war in Deutschland von «Gastarbeitern» die Rede. Integration war kein Thema, weil man davon ausging, dass die Menschen, die man als Arbeitskräfte holte, ohnehin in ihre Heimatländer zurückkehren würden. An dieser Haltung änderte sich paradoxerweise auch dann lange nichts, als durch Familienzuzug und ausgedehntes Bleiberecht längst ganze Wohnviertel mit sehr hohem Ausländeranteil entstanden waren und «Gastarbeiter» an den Werkbänken und Produktionsbändern längst nicht mehr im alten Umfang gebraucht wurden.
Ursachen der Sprachdefizite
Anstatt die Realität anzuerkennen, pflegte die Linke die Illusion vom Verschwinden eventueller Spannungen durch das Zusammenleben selbst und durch die «interkulturelle Begegnung», während die Rechte sich grundsätzlich weigerte, Deutschland als Einwanderungsland zu betrachten. Währenddessen geschah zu wenig, die konkreten Probleme zu lösen. Ein Kind aus einer Familie, in der türkisch gesprochen wird, hat es naturgemäß schwer in einer deutschen Schule. Anerkennung findet es nur unter anderen Kindern mit demselben Problem. Es erbt gewissermaßen den sozialen Stand seiner Eltern. Woher sollte bei denen das deutsche Sprachvermögen kommen, wenn es für den türkischen Arbeiter unter anderen Türken in einem deutschen Betrieb in der Regel vollkommen ausreicht, den begrenzten Wortschatz der Weisungen seines deutschen Vorarbeiters zu verstehen? Woher sollte bei den Eltern unter diesen noch erschwerten Umständen die Ambition kommen, sich der deutschen Lebensart anzunähern, wenn sie zudem ohnehin zu jenen Landflüchtlingen aus Ostanatolien gehören, die auch in türkischen Großstädten als rückständig und konservativ gelten?
Die mancherorts florierende «ethnische Wirtschaft» bietet oft lediglich ein Einkommen, kaum jedoch Integrationsmöglichkeiten. Man bleibt unter sich. Zu schweigen von der gerade unter Einwanderern besonders hohen Arbeitslosigkeit, durch die die Arbeitswelt als stärkstes Moment gesellschaftlicher Kommunikation ganz ausfällt.
Auch Toleranz in Glaubensfragen ist gefragt
Am Ende greifen Ursachen und Wirkungen teufelskreisartig ineinander: Vor allem sprachbedingte Bildungsdefizite sorgen dafür, dass gesellschaftlicher Erfolg überdurchschnittlich vielen Einwanderern unerreichbar bleibt, was wiederum bei vielen auf Dauer dazu führt, dass sie sich in die Perspektivlosigkeit fügen und sich nur in ihren Kreisen bewegen. Sie suchen nur dort Selbstbestätigung und tragen tatsächlich selbst dazu bei, dass sie für Generationen Fremde bleiben. Das ist keine Spezialität der Moslems in Deutschland, den deutschstämmigen Aussiedlern aus Russland geht es genauso. Da bilden sich nicht bedrohliche Parallelgesellschaften, sondern stille Inseln bemitleidenswerter, beständiger Heimatlosigkeit.Es bedarf daher einer Sozialarbeit, die nicht erst bei augenfälligen Problemfällen ansetzt, es bedarf einer flächendeckenden Sprachförderung vor allem von Einwandererkindern und Heranwachsenden, aber auch bei Erwachsenen. Stärkster Anreiz könnte eine deutliche Erleichterung der Einbürgerung sein, mit umfassenden deutschen Sprachkenntnissen als einziger Voraussetzung.
Den organisierten Wortführern der Moslems in Deutschland muss überdies klar sein, dass auch sie sich dem Problem stellen müssen. Das heißt nicht, dass sie sich für Osama bin Laden entschuldigen müssten oder von den Kindermorden von Beslan zu distanzieren hätten, mit denen sie absolut nichts zu tun haben. Doch vertreten sie Toleranz in Glaubensfragen nicht immer mit der Entschlossenheit, die in einer pluralistischen Gesellschaft angebracht ist. Es geht zum Beispiel nicht, deutschen Gesetzen zum Trotz etwa die Zwangsehe und die Züchtigung von Ehefrauen und Töchtern irgendwie für akzeptabel zu erklären, weil sie halt Spielarten islamischer Lebensführung sind. Toleranz und Fundamentalismus sind Gegensätze, also kann es keinen tolerierten Grenz-Fundamentalismus geben.
Sollen die Imame doch predigen, in welcher Sprache sie wollen. Sie können auch nach Gusto konservativ und tiefreligiös sein. Sie müssen vertrauensvoll in die Debatte eingebunden werden. Wer jedoch in Deutschland seine extreme Auslegung des Korans als eigentliches Grundgesetz durchsetzen will, und sei es nur in einem Teil der Bevölkerung, muss die Schärfe des Gesetzes zu spüren bekommen wie jeder andere Volksverhetzer auch, gleich welcher Religion oder politischer Richtung. Es liegt vor allem an den Moslems an der Spitze der Verbände, die die Schnittstelle zwischen Einheimischen und Einwanderern bilden, diesen Grundsatz unter den Ihren ohne Wenn und Aber gegen die kleine Minderheit der Fundamentalisten zu vertreten. In so fern haben sie es auch selbst in der Hand, Pluralismus und Toleranz gegen die zu verteidigen, die das Wort «Leitkultur» als Kampfparole ihrer Engstirnigkeit missbrauchen.