9. November:
Kurze Frage, große Wirkung
Netzeitung: Am 9. November 1989 hatte Herr Schabowski auf der besagten Pressekonferenz folgendes gesagt: «Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen beantragt werden. Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR in die BRD beziehungsweise nach Berlin (West) erfolgen.» Sie wollten sofort wissen, ab wann das gelte, und Schabowski sagte etwas verwirrt: «Sofort, unverzüglich». Was ging in diesem Moment in Ihnen vor?
Ehrman: Als er das gesagt hat, sind nur zwei Personen aus der Pressekonferenz gleich aufgesprungen und herausgelaufen. Ich und der damalige Presseleiter der Bundesrepublik in Ostberlin. Ich erinnere mich genau. Wir beide haben uns angeschaut und uns gefragt: «Glaubst Du, dass das wahr ist?» Die Kollegen auf der Pressekonferenz haben nicht gleich verstanden, dass das den Fall der Mauer bedeutete. Das lag an der Politbüro-Sprache. Doch es war Gott sei Dank wahr.
Netzeitung: Sie glauben, selbst nach der Pressekonferenz hatten die anderen Journalisten nicht begriffen, was eigentlich gemeint war?
Ehrman: Ja, natürlich. Und meine Nachrichtenagentur ANSA hat eine gewisse Exklusivität genossen, da ich zweimal nachgefragt habe, ab wann das neue Gesetz gelte. Viele Agenturen haben einfach nur von Reiseerleichterungen gesprochen. Aber für mich hieß das ganz klar: Die Mauer war weg. So habe ich es auch in meiner Meldung geschrieben: «Günther Schabowskis Verkündung des neuen Reisegesetzes ist das Äquivalent des Mauerfalls». Ostdeutsche Bürger sind frei, in den Westen zu gehen. Die Mauer ist gefallen.
Netzeitung: Hatten Sie das Gefühl, dass Herrn Schabowski in dem Moment klar war, was er da gesagt hat? Immerhin las er von einem Zettel ab, der erst für den nächsten Tag bestimmt war.
Ehrman: Schabowski hatte das neue Reisegesetz 24 Stunden zu früh verkündet. Bei einem kurzen Treffen später sagte er zu mir: «Herr Ehrmann, Sie haben mich sehr nervös gemacht». Ich war ein bisschen aggressiv und fragte ihn, ob er nicht einen Fehler gemacht hat. Aber in dieser Zeit hat kein Politbürosprecher einen Fehler gemacht. Es waren schwierige Zeiten für ihn. Er war der Sprecher des Politbüros. Er war auch ein journalistischer Kollege. Er war ohne Zweifel eine intelligente Person.
Netzeitung: Was haben Sie gemacht, nachdem Sie die Pressekonferenz verlassen hatten?
Ehrman: Ich bin zuerst zum Telefon gerannt, um das Flash zu geben und dann zum Telexgerät. Dann bin ich vom Pressezentrum in mein Büro gegangen und habe die ganze Nacht gearbeitet.
Netzeitung: Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie aufgeschrieben haben, dass die Mauer gefallen ist?
Ehrman: Ich dachte, in diesem Moment verändert sich die Welt. Und genau das habe ich geschrieben: «The world has changed. Today.»
Netzeitung: Und das war Ihnen schon in dem Moment bewusst, als Schabowski die Worte ausgesprochen hatte?
Ehrman: Ich hatte erwartet, dass es nicht mehr lange so weitergehen konnte wie bisher. Von einem Moment auf den nächsten würde es passieren. Und das war der Moment. Der deutsche Historiker Hans-Hermann Hertle hat ein Buch über den Mauerfall geschrieben. Es enthält eine Widmung an mich, die lautet: Kurze Frage, große Wirkung.
Netzeitung: Wie haben Ihre Kollegen in Italien reagiert?
Ehrman: Die sind durchgedreht und haben es natürlich nicht geglaubt. Mein Chefredakteur hat gesagt: Was ist mit Riccardo los, ist der verrückt geworden? Aber ich konnte meinen Redakteur erfolgreich davon überzeugen, dass dies den Tatsachen entsprach, dass sich die Welt in diesem Moment verändert hatte.
Netzeitung: Als ihre Meldung vom Mauerfall veröffentlicht wurde, haben andere Medien nachgezogen und das Gleiche berichtet. Die Menschen sind in Scharen an die Grenzen geströmt. Was haben Sie gemacht?
Ehrman: Zuerst bin ich zum Platz an der Gedächtniskirche gegangen, wo eine Menge Leute waren. Was viele junge Mädchen aus dem Osten dort mit großen Augen betrachtet haben, waren die Sexshops. Für sie hieß das Freiheit; dass man alles haben oder sehen kann. Ich bin dann zum Grenzübergang in die Leipziger Strasse gegangen, um zu sehen, was passiert ist. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass die Pressekonferenz live im Fernsehen übertragen worden war. Als ich dann an der Grenze ankam, hat mich jemand aus der Menschenmenge erkannt und gerufen: das ist er. Und dann haben sie mich gefeiert und mich in die Luft hochgehoben. Ich fürchte, dass mich dieselben Leute heute wahrscheinlich schlagen würden.
Netzeitung: Tatsächlich sehen viele die Wiedervereinigung heute mit anderen Augen: Zwölf Prozent der Ostdeutschen wünschen sich die Mauer zurück, in Westdeutschland sind es sogar 24 Prozent. Was ist schief gegangen?
Ehrman: Deutschland war über so viele Jahre in zwei Teile geteilt. Klar, dass das nicht gleich klappen konnte. Es war verständlich, dass die Leute im Osten alles wollten, was die Menschen im Westen hatten: dieselbe Arbeit, dieselben Löhne. Ich nehme an, man braucht noch ein bisschen Geduld. Ich wünsche mir für die Deutschen, dass es klappen wird.
Netzeitung: Machen Sie den Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl für die Misere verantwortlich?
Ehrman: Kohl ist ein genialer Staatsmann.
Netzeitung: Er hat aber blühende Landschaften versprochen.
Ehrman: Es ist schwierig. Europa ist größer geworden. Neue Länder sind dazu gekommen, die ärmer sind als wir. Jedes Land hat Probleme. Die wirtschaftliche Lage ist noch nicht so, wie sie sein sollte. Ich arbeite nicht mehr als Kommentator in Deutschland und kann mir kein detailliertes Urteil erlauben. Ich hoffe nur, dass es für die Deutschen klappen wird.
Netzeitung: Das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» charakterisierte die Ostdeutschen kürzlich als «ein Volk ohne Eigeninitiative», das «mit Demokratie nicht zurecht kommt» und eine «paternalistische» und «gönnerhafte» Führung will.
Ehrman: Wir hatten 40 Jahre lang einen kommunistischen Staat, in dem in Wirklichkeit nicht viel gearbeitet wurde. Ich habe es selbst gesehen und erlebt. Während der Arbeit gab es sehr häufig Pausen. Die Löhne waren sehr niedrig, und ein Zugführer hat fast dasselbe verdient wie ein Diplomat. Ostdeutschland war ein Arbeiterland, und Arbeiter sollten alle fast gleich bezahlt werden. Das war Kommunismus.
Netzeitung: Aber gerade deswegen sagen die Kritiker Kohls, dass er den Transfer vom Kommunismus zur Marktwirtschaft zu schnell vollzogen hat.
Ehrman: Kohl hat meiner Meinung nach sehr gut gearbeitet. Er ist ein großer Politiker, ein großer Staatsmann.
Netzeitung: Was empfinden Sie, wenn bei den Landtagswahlen in Sachsen oder Brandenburg Parteien wie die DVU oder die NPD Wahlerfolge erzielen?
Ehrman: Das ist sehr sehr schade. Aber wir leben in einer Demokratie, und Leute haben das Recht zu wählen, wen sie wollen.
Riccardo Ehrman wurde 1929 in Florenz geboren. Er studierte Jura und Musik und war zunächst Reporter für die Florentiner Tageszeitungen «Il Mattino» und «La Nazione». Bevor er zur italienischen Nachrichtenagentur ANSA wechselte, arbeitete er für Associated Press (AP) in Rom und New York. Für ANSA hat er zuerst aus dem kanadischen Ottawa, dann aus Berlin berichtet. Riccardo Ehrmann lebt seit vierzehn Jahren mit seiner Frau in Madrid.
Das Interview führten Tareq Al-Arab und Isabell Witt.

