Frankfurter Buchmesse: 

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Buchmesse oder Touristikbörse? Schwerpunkt Arabien (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Buchmesse oder Touristikbörse? Schwerpunkt Arabien
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Auf der Frankfurter Buchmesse war Arabien zu Gast und es herrschte Eintracht: Europäer und Araber hatten sich darauf geeinigt, alle orientalistischen Klischees zu bedienen.

Von Joachim Helfer

Der Araber lebt in Zelten, wo er am Boden kauernd einfache, aber formschöne hölzerne Gerätschaften schnitzt, geschmackvolle Ranken nach uralten Mustern auf kunstvoll getriebene Messingteller ziseliert, Seife siedet und Weihrauch brennt: So jedenfalls die Präsentation der «Arabischen Welt» im Freigelände der Frankfurter Buchemesse, die besser auf die Berliner Tourismusbörse gepasst, selbst dort aber wohl allzu klischeehaft und gestrig gewirkt hätte. Das im nächsten Zeltsegment ausgebreitete Sammelsurium zeitgenössischer Malerei in allen europäischen Malstilen des letzten und vorletzten Jahrhunderts konnte die geradezu masochistisch anmutende freiwillige Selbstverkleinerung kaum lindern.

Die schwarzweißen Photographien der von der Unesco in den arabischen Ländern als Weltkulturerbe geschützten Stätten sollten die staunenden westlichen Besucher wohl daran erinnern, wo die Wiege der Hochkultur stand, sind die alten Ägypter und Mesopotamier hierzulande doch weithin unbekannt, keines ihrer Bildwerke je von Europäern ausgegraben worden oder gar in ihre Museen gelangt... Dabei hat der Berichterstatter in Arabien doch großartig kühne moderne Architektur gesehen, in Dubai zum Beispiel - und da entdeckt er ja auch schon einen Zeltkoje voller Photographien mit vielen hohen Baukränen über gewaltigen Betonmassen darauf; nur stutzt er, als da, statt einer Universität oder eines Hotels, der in seinen Dimensionen fraglos beeindruckende Neubau der großen Pilgermoscheen in Mekka zu sehen ist, als einziges, alle anderen überflüssig machendes Beispiel neuen Bauens.

High-Tech vor tausend Jahren
Dann aber muss er auch schon zur Lesung in der sogenannten Kulturecke des Souk-Zeltes: der moderne urbane Beiruter Autor Rashid Al-Daif liest mit einer verschleierten Sudanesin, deren literarische Unerhörtheit darin bestehen muss, dass in ihren Texten, den Texten einer Frau, tatsächlich ein Mann neben der Erzählerin im Bett liegt, wenn auch nur im Traum, und wenn auch nur in Gestalt eines Krokodils: 21. und 14. Jahrhundert prallen weniger aufeinander, als folgenlos voneinander ab, zum Schluss liest der mauretanische Moderator, statt auch nur eine einzige Frage zu stellen, ein eigenes Gedicht vor, das der Simultanübersetzerin jedoch nicht vorab eingereicht wurde und folglich unübersetzt bleibt.

Verwirrt flüchtet der Zuhörer in die festen Messehallen, das Forum des Ehrengastes, wo die wundervoll gelassenen alten Theologen Ahmad Kamal Abu-l-Magd (Egypt) und Hans Küng (Switzerland) vor Hunderten Zuhörern eine wundervoll gelassene theologische Disputation über die Frage zelebrieren, ob Muslime je zu dem Schluss gelangen könnten, dass der Koran von Mohammed geschrieben, oder ob das nicht vielmehr die ganz falsche Frage sei. Was der mit halben Ohr Lauschende lieber gewusst hätte, wäre indes, wer die in der angegliederten Volksbibliothek ausliegenden Werke aus jüngerer Produktion verfasst hat, was ihm mangels Arabischkenntnissen aber verborgen bleibt. So hält er sich an die internationale Sprache der Naturwissenschaft und streift durch die schöne Ausstellung nachgebauter Astrolabien, Destillen (Für Rosenwasser!) und Navigationsinstrumente aus jener glorreichen Ära, als Arabien die führende, nebst China einzige High-Tech Nation dieser Erde war.
Der große Orient
Dann stürzt er sich ins Getümmel des eigentlichen Messebetriebs, in die Hallen, wo Bücher als Ware gehandelt werden, und zwar zunächst zu den heimischen Verlagen. Ja, da hat brav jeder sein Regal zum Messenschwerpunkt eingeräumt, und damit es nicht allzu leer aussieht außer den Übersetzungen arabischstämmiger Autoren aus dem Französischen und Englischen auch meist gleich noch die aus dem Persischen dazugepackt, hier und da sogar aus dem Türkischen. Die Messegesellschaft weiß da feinere Unterschiede zu machen, hat die arabischen Verlage sehr wohl von den anderen islamischen Ländern getrennt, dafür mit den Franzosen in eine Halle gelegt, die auch ohne Messeschwerpunkt jede Menge Araber im Programm haben.

Was bei den von Fernsehteams aus der arabischen Heimat und Lesern wohl meist aus der arabischen Diaspora umlagerten arabischen Verlagen im Angebot ist, kann der Nicht-Arabist einem dicken englischsprachigen Katalog entnehmen, der selbstverständlich mit der Rubrik Religion beginnt und unter Literatur Einträge wie diesen verzeichnet: «Candida or optimism/Volteeer: The book contains an English story that concentrates attention morals that includes optimism and pessimism».

Töne wie Weihrauch
Solcherart innerlich gestärkt wagt sich der Leser zur Halle der Amerikaner, Briten, Israelis und Südafrikaner, wo es eine zweite, schärfere Taschenkontrolle gibt, aber auffällig wenig Publikum und kaum ein Display zum Messeschwerpunkt. Dass ein auf Neuhebräisch veröffentlichender Verlag aus New York dort zu finden ist erscheint nur deshalb bemerkenswert, weil ein auf Arabisch publizierender Verlag aus New York bei den Arabern untergebracht wurde.

Jetzt aber schnell, gleich liest Adonis mit seinem deutschen Übersetzer Stefan Weidner im großen Lesezelt, man sputet sich, kann aber trotzdem keinen Platz mehr ergattern, der nebst Machmoud Darwish größte Star der lyrischen Szene lässt sich Zeit, hat einen Lautenspieler und eine Sängerin als Vorgruppe, schon schweben die ersten Töne wie Weihrauch durchs Zelt, diese halbschräg verschobenen arabischen Harmonien, der Spötter schließt die Augen und schwebt ins dankbar Morgenland...