Der Untergang:
Emotionen bringen die Wahrheit ans Licht
13.09.2004
Herausgeber: netzeitung.de
Wie hat eigentlich Ihr Vater die Zeit des Nationalsozialismus erlebt?
Eichinger: Mein Vater war Arzt. Er hat den Krieg an vorderster Front erlebt, war aber nur damit beschäftigt, Leute zusammen zu flicken. Mein Vater war ganz bestimmt kein Nazi. Ihn hat das Ganze angeekelt, und er hat seinen Job gemacht, so gut er konnte. Die Erlebnisse, die er zu dieser Zeit hatte, müssen so traumatisch gewesen sein, dass er mit mir nicht darüber geredet hat, bis er achtzig war. Bei uns zu Hause ist aber nicht wirklich politisch gesprochen worden. Mein Vater ist, wenn man das so sagen kann, ein apolitischer Mensch. Meine Mutter hat schon eher ihre Ideen zu den Dingen. Was ich mit vielen anderen aus meiner Generation gemeinsam erlebt habe, ist der unglaublich große Riss, der sich zwischen der Nachkriegsgeneration und der Generation der Eltern aufgetan hat.
Trotzdem haben Sie nicht wie viele andere deutsche Regisseure einen autobiografisch gefärbten Film über den Nationalsozialismus gedreht. Warum?
Eichinger: Ich habe mich selbst nie als so wichtig empfunden, dass ich das Gefühl gehabt hätte, einen autobiografischen Film drehen zu müssen. Ich habe auch nicht gelitten, sondern einfach nur nicht mitgemacht. Direkt nach dem Abitur bin ich auf die Filmhochschule gegangen, das war alles, was mich interessiert hat. Dann habe ich versucht, so schnell wie möglich so viele Filme zu drehen, wie es überhaupt geht. Meine Person in einer solchen Geschichte hätte mich einfach nie so interessiert wie die Geschichte selbst.
Um noch einmal auf den Generationenkonflikt zurückzukommen: Seit 68 spricht man ja immer von der Befreiung, Joachim Fest nennt es aber den Untergang. Sie übernehmen das, und dem Pressematerial zum Film ist ja sogar das Motto «Vom Untergang der Welt» vorangestellt. Aber ist denn nicht die Welt schon vor diesen letzten Bunkertagen untergegangen?
Eichinger: Ich empfinde die letzten Tage des Nationalsozialismus eindeutig als Untergang. Von Befreiung kann man ja nur sprechen, so weit es die Westalliierten betrifft. Denn das, was durch die rote Armee stattgefunden hat, kann ja wohl nicht als Befreiung bezeichnet werden. Im Osten ist man von einer Diktatur in die nächste gekommen.
Aber beklagt man, wenn man von Untergang spricht, nicht einen Verlust?
Eichinger: Nein, das tut man nicht. Ein Untergang ist ein Untergang. Mich hat einfach interessiert, wie so etwas zu Ende geht. Wer sagt, dass endgültig Schluss ist? Wie geht so ein System endgültig zugrunde, und was passiert da noch, wenn alles zusammen bricht? Wenn gar nichts mehr da ist, kein Strom, keine Wasserversorgung wie überleben das die Leute, und wie reorganisieren sie sich? Die letzten zwölf Tage haben mich deshalb so interessiert, weil sie mir den Schlüssel für einen Film über das Dritte Reich gegeben haben. Natürlich kann ein Film einfach im Dritten Reich spielen, das hat mich nie besonders interessiert. Das Buch von Fest hat mir da insofern geholfen, als ich gesehen habe: Du musst gar nicht die ganzen zwölf Jahre betrachten, sondern einfach nur den Schluss. In intensivster und verkürzter Form habe ich in den letzten zwölf Tagen alle Mechanismen vorgefunden, die für das Regime eine Rolle gespielt haben. Das findet da alles noch einmal statt wie in einem Zeitraffer. Das war dann auch dramaturgisch zu bewältigen.
Sie haben immer betont, dass es sich um einen überaus authentischen Film handelt. Wie viele von den Dialogen sind denn explizit historische Zitate?
Eichinger: Ich glaube, dass nicht einmal zehn Prozent des Drehbuchtextes historisch genau verbürgt ist. Die Dialoge muten zwar authentisch an, sind aber alle erfunden. Natürlich sind die Situationen durch die Geschichte vorgegeben, das ist ja das Konzept des Films. Es gibt nur einige wenige Dialogstellen, die so markant sind, dass ich sie wörtlich zitiert habe.
Sie haben selbst gesagt, dass es Ihnen wichtig war, dass Sie als Deutscher diesen Film gemacht haben und nicht jemand aus Hollywood.
Eichinger: Der Zusammensturz von 1945 hat ja das gesamte deutsche Volk betroffen. Das war ja kein Krieg, wie man ihn von früher kannte, sondern ein Ausrottungskrieg, der das ganze Volk in ein Trauma versetzt hat. Warum sollen jetzt andere Leute über dieses Trauma sprechen? Wir Deutschen sollten in der Lage sein, mit unseren eigenen kreativen oder künstlerischen Kräften einen Ansatz zu finden, das in den Griff zu bekommen. Damit meine ich jetzt nicht, dass der «Untergang» der ultimative Film zum Thema sein soll. Es geht aber vor allem darum, einen Zugriff auf die eigene Geschichte zu finden. Das schaffen die Amerikaner und andere auch nur wir schaffen es nicht. Das kann nicht sein.
Soll denn dabei das Ziel sein, dass dieses Thema nicht tabuisiert wird?
Eichinger: Ja, deshalb haben wir ja auch diese Form der Darstellung gewählt. Der Film bietet die Möglichkeit, sich mit diesen Leuten zumindest teilweise identifizieren zu können. Denn eine Betrachtung, die aus der Kälte heraus kommt, bringt nicht die Wahrheit. Die Wahrheit kommt dann ans Licht, wenn man sich auf Emotionen einlässt. Das ist etwas, was nur der Spielfilm leisten kann: Die Vergangenheit in die Gegenwart zu holen. Anders als ein Dokumentarfilm liefert mein Film ja keinen Kommentar. Der Film zeigt: Es passiert hier und jetzt, jetzt siehst du es, bild dir deine Meinung!
Wie hat Ihren Eltern der Film gefallen?
Eichinger: Meine Mutter hatte große Angst davor, mein Vater war aber sehr interessiert, den Film zu sehen. Schließlich waren beide sehr beeindruckt.
Hat man nicht, wenn man ein solches Projekt angeht, auch Angst vor der Verantwortung?
Eichinger: Man spürt die Verantwortung schon. Trotzdem habe ich mich auf sicherem Terrain gefühlt. Schließlich habe ich mich an die Fakten gehalten und mir nichts aus den Fingern gesaugt. Die größte Schwierigkeit bestand darin, den Sprachduktus der einzelnen Personen zu finden. Dazu muss man sich in jede Figur hinein versetzen und sich auch mit ihrer Herkunft beschäftigen. Außerdem war ja die Diktion zu dieser Zeit noch eine andere. Mir ist diese Arbeit aber relativ leicht gefallen.
Gab es auch die Versuchung, selbst Regie zu führen?
Eichinger: Ich habe daran gedacht. Das hätte mich aber mindestens für ein Jahr von jedem anderen Projekt ferngehalten, und das können wir uns momentan nicht leisten. Das Projekt hatte aber eine Dimension, dass es einen Regisseur und einen Produzenten vertragen konnte. Als das Drehbuch etwa zur Hälfte fertig war, habe ich dann Oliver Hirschbiegel als Regisseur engagiert. So konnten wir uns die Bälle zuspielen.
Für das Web ediert von Ulrich Gutmair

