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Hermann Simon: 

Eine Festung wider Willen

08. Sep 2004 07:51
Hermann Simon
In der Berliner Rykestraße steht die größte Synagoge Deutschlands. Zu ihrem 100-jährigen Jubiläum sprach die Netzeitung mit Hermann Simon, Direktor der Stiftung Neue Synagoge – Centrum Judaicum.

Netzeitung: Die Jüdische Gemeinde zu Berlin hat zum 100-jährigen Jubiläum der Berliner Synagoge in der Rykestraße, das am kommenden Sonntag stattfindet, auch den umstrittenen Kunstsammler Friedrich Christian Flick eingeladen, der ja der Enkel eines nationalsozialistischen Kriegsverbrechers ist. Um Ärger von der Jüdischen Gemeinde abzuwenden, hat er nun angekündigt, der Veranstaltung fern zu bleiben. Es wurde auch bekannt, dass Flick eine großzügige Spende für die Renovierung der Synagoge Hüttenweg in Berlin-Zehlendorf geleistet hat. Würden Sie als Vorstandsmitglied der Synagoge in der Rykestrasse eine Spende von Herrn Flick annehmen?

Simon: Darüber müsste der Vorstand der Gemeinde entscheiden. Ich persönlich wäre dagegen. Ich würde kein Geld von Flick annehmen. Er soll lieber in den Zwangsarbeiterfonds einzahlen.

Netzeitung: Nur weil sie im Innenhof und von Wohnhäusern umgeben lag, blieb die Synagoge Rykestrasse in der Pogromnacht des 9. Novembers 1938 erhalten.

Simon: Richtig. Vor allem hat die Tatsache dazu beigetragen, dass die Synagoge sehr eng an die benachbarten Häuser gebaut wurde. Ich denke, dass die Häuser bereits standen und die Synagoge in diese Lücke eingefügt worden ist. In der Kristallnacht wurde die Synagoge zwar angezündet, das Feuer aber schnell gelöscht. Die Feuerwehr ließ sie nicht brennen, weil das Feuer drohte, auf die umliegenden Häuser überzugreifen.

Netzeitung: Dabei wurde die besondere Lage abseits der Straße im Jahr 1904 aus ganz anderen Gründen gewählt.

Simon: Die Synagoge wurde ganz bewusst auf den Hof verlegt, und zwar aufgrund der ruhigen Lage. Direkt an der Strasse wäre es lauter gewesen.

Netzeitung: Was ist von der Gründerzeitatmosphäre in dieser Synagoge, die die größte Deutschlands ist, geblieben?

Simon: Auf jeden Fall der Gesamteindruck. Sie kommen von der Straße und gehen durch ein schmiedeeisernes Tor. Das macht schon einen Eindruck wie um 1900. Man kommt über den Hof und betritt das Gebäude durch Türen, die mit Kupferblech beschlagen sind. Auf der rechten Seite finden Sie ein original erhaltenes Handwaschbecken und gehen durch die Garderobe nach rechts in die Hauptsynagoge.

Gebetsraum der Synagoge Rykestraße
Das alles hat genau dieselbe Anmutung wie zu seiner Entstehungszeit. Sie schauen hoch und sehen die Lampe. Auch die ist original und hat die Form eines Davidsterns. Sie ist sehr schwer und hat einen Mechanismus, um die Glühbirne zu wechseln. Auch der Thoraschrein ist original, ebenso die Mosaikarbeiten und das Gestühl. Das ist eine Synagoge von 1904.

Netzeitung: Wie liberal oder orthodox war diese Synagoge?

Simon: Liberal, orthodox, es ist immer schwierig mit diesen Begriffen. Sie war irgendwie liberox oder orthoral, sie war einfach die Synagoge Rykestrasse. Dem heutigen orthodoxen Spektrum zuzurechnen ist der Umstand, dass es zunächst keine Orgel gab. Darüber hatte aber eine lange Diskussion stattgefunden. Es gab einen Chor, das heißt, einen Knabenchor (aufgrund des verbotenen Frauengesangs, I.A.). Die Frauen saßen selbstverständlich oben, aber nicht abgeschottet. Sie konnten dem Gottesdienst folgen und zusehen, aber was vielleicht noch wichtiger ist: Sie konnten von unten auch gesehen werden. Das ist im Gottesdienst mindestens so wichtig wie im sonstigen menschlichen Miteinander.

Netzeitung: Die Gemeinde in der Rykestrasse war die erste, die eine Frau in den Synagogenvorstand wählte: Martha Ehrlich. Auch sie musste aber auf der Empore sitzen und durfte nicht aus der Thora vorlesen.

Simon: Ja, das war aber schon in den späten Zwanzigern oder frühen dreißiger Jahren. Die Rabbiner waren sowohl orthodox als auch liberal, jeder hatte da seinen Platz gefunden.

Netzeitung: Zu den liberalen Tendenzen kann man die Einführung der Orgel bezeichnen. Das war zu der Zeit, als Sie mit 13 Jahren Ihre Bar Mitzwa feierten.

Simon: Das stimmt. Die Orgel ist Rabbiner Martin Riesenburger zu verdanken, dem Rabbiner der Nachkriegsgemeinde in Ostberlin. (1953 wurden die beiden Berliner Gemeinden in Folge des Kalten Krieges getrennt, I.A.) Bei Riesenburger bin ich Bar Mitzwa geworden. Er war sehr musikalisch, hatte eine richtige Ausbildung als Pianist und konnte wunderbar Orgel spielen. Somit erfüllte er sich einen persönlich Traum. Er spielte selbst an der Orgel, auch zu meinem Bar Mitzwa im April 1962.

Die Orgel wurde nicht fest eingebaut, ist aber historisch und steht oben im Hauptraum der Synagoge. Damals war das eine neue Orgel der Firma Sauer aus Frankfurt/Oder, ein sehr gutes Instrument. Im Laufe der Jahre wurde es nicht mehr gespielt und ist kaputt gegangen. Die Reparatur ist teuer. Ich hoffe, dass wir sie irgendwann reparieren können, obwohl ich nicht glaube, dass wir sie im Gottesdienst einsetzen würden. Für Konzerte sollte man das aber tun.

Netzeitung: Ab 1969 amtierte kein Rabbiner mehr, und an kulturellen Aktivitäten war die Gemeinde nicht interessiert. Die Zahl der Mitglieder sank von 3.000 im Jahre 1961 auf 240 vor der Wiedervereinigung. Am Sabbat kamen nur noch vereinzelt Gemeindemitglieder ins Haus. Was war das noch für eine jüdische Gemeinde?

Simon: Ich möchte die Mitglieder, ohne dass das arrogant klingt, im wesentlichen als einfache Leute charakterisieren, viele mit einer Herzensbildung und Herzenswärme. Sie waren nicht reich und nicht intelligent. Alle waren und überaltert und ein bisschen zickig. Und jeder wollte es so haben, wie er es aus früheren Zeiten kannte. Zum Beispiel koschere Speisen für die Feiertage – die kamen aus Ungarn wie auch der Schlächter. Der Verbindungsmann nach West-Berlin war Kantor Estrongo Nachama, der immer da war, wenn man ihn brauchte, bei Beerdigungen und Konzerten zum Beispiel.

Netzeitung: Seit der Wiedervereinigung mussten sie zum ersten mal Gottesdienste unter Polizeischutz abhalten. Wie haben Sie diese Umstellung erlebt?

Simon: Die damit verbundene Festburgmentalität und die Isolierung von der Umgebung ist entsetzlich. Aber erstens gibt es eine reale Bedrohung, und zweitens gibt es einen Sicherheitsbeauftragten. In diesem Spannungsverhältnis leben wir. Stellen Sie sich nur vor, dass etwas passieren würde.

Netzeitung: Was wünschen Sie der Synagoge Rykestrasse zum 100. Jubiläum?

Simon: Erstens wünsche ich mir, dass sie ihren 200. Geburtstag erlebt und zweitens, dass diese Synagoge wieder stärker in das Bewusstsein der Gesamtgemeinde mit 12.000 Mitgliedern kommt. Das ist bislang noch nicht der Fall. Die meisten von ihnen wissen nicht einmal, wo die Rykestrasse ist.

Mit Hermann Simon sprach Igal Avidan.

 
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