Schlingensief im Gespräch: 

netzeitung.deDer Ruhrgebietler ist erst mal skeptisch

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Christoph Schlingensief eröffnet die Wagner-Rallye 2004 (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Christoph Schlingensief eröffnet die Wagner-Rallye 2004
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Der DGB will die Ruhrfestspiele loswerden, und das Land zeigt kein Profil, sagt Christoph Schlingensief im Gespräch mit der Netzeitung. Castorf selbst habe die Mentalität des Ruhrgebietlers unterschätzt.

Netzeitung: Nach einer Saison als künstlerischer Leiter bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen soll Frank Castorf wieder gehen. Ein bisschen Castorf wäre in Ordnung gewesen, aber ein ganzes Festival im Castorf-Stil sei einfach zuviel für die Menschen im Ruhrgebiet, hieß es. Wie finden Sie das?

Christoph Schlingensief: Ich komme aus dem Ruhrgebiet, und ich glaube, dass die Leute aus dem Ruhrgebiet, ich inklusive, dazu tendieren, skeptisch zu sein, das gehört zum Naturell. Man trinkt erst mal ein Bierchen und geht nächstes Jahr gucken. Die Zeit muss man haben.

Nicht nur das Eröffnungswochenende hat gut geklappt. Wenn man sich aber ansieht, was von der Lokalpresse da schon vorab alles losgetreten wurde, muss man sich fragen, was für eine Grundstimmung dort herrscht. Ich weiß, dass von vornherein eine schlechte Stimmung aufgebaut wurde, bevor Castorf da eigentlich losgelegt hat. Aber der Ruhrgebietler und insbesondere der Recklinghausener neigt wie gesagt dazu, erst einmal abzuwarten. Hinzu kommt, dass ein Herr Heyme, der ehemalige Leiter der Ruhrfestspiele, das Ruhrgebiet über Jahre und Jahrzehnte hinweg mit Peter Maffay und Konsorten bestückt hat. Was woanders schon abgespielt war, kommt dann eben auch mal dahin.

Dass jetzt Frank Castorf unter demselben Verdacht steht, er sei abgespielt, kann wohl nicht sein. Denn die Volksbühne hat einen so guten Ruf, dass sie auf der ganzen Welt gerade ankommt. Außerdem gilt die Volksbühne immer noch als Vorbild für andere Theater, die auch gerne mal so wären wie sie.

Was den DGB angeht, habe ich den starken Eindruck, dass sie aus den Ruhrfestspielen herauszukommen versuchen. Sie wollen das Festival nicht mehr, es ist ihnen zu teuer, ihnen laufen die Mitglieder weg und sie sehen in dem Festival eine Belastung. Es ist auch eine Belastung, denn was soll der DGB, eine Gewerkschaft mit einem Festival in Recklinghausen, wo aus Oberhausen oder aus Bochum, vielleicht Essen noch Besucher kommen.

Aber sonst fährt doch niemand so schnell und ohne sensationellen Anlass nach Recklinghausen. Das Problem ist schon in erster Linie der Ort: Man fährt nicht von Oberhausen nach Recklinghausen, um brasilianisches Theater zu sehen, oder den neuen Pollesch. Da warte ich lieber, bis der Pollesch irgendwann in Duisburg gezeigt wird. Sie sollten sich da neu organisieren, man sollte das Festival vielleicht in Essen machen, das wäre wenigstens im Zentrum.

Ich bin aber fest davon überzeugt, dass der DGB einen Vorwand sucht, aus dieser verhältnismäßig teuren Angelegenheit herauszukommen.

Netzeitung: Ist es so, dass die prestigeträchtige und finanziell besser ausgestattete RuhrTriennale den Ruhrfestspielen Konkurrenz gemacht hat?

Schlingensief: Das ist mit Sicherheit so. Jürgen Flimm will die RuhrTriennale daher als vorbeugende Maßnahme in den Herbst verlegen, wie er mir gesagt hat, damit man sich nicht selbst Konkurrenz macht. Bei diesem Thema muss man auch sehen, dass auch die RuhrTriennale in den ersten Jahren sehr schlecht besucht war, und vor allem sehr aufgesetzt gewirkt hat. Da habe ich als Ruhrgebietler genauso reagiert wie die Leute heute gegenüber den Ruhrfestspielen unter Castorf: Das kam einem manchmal so vor, als wären hier Leute im Ruhrgebiet zu Gast, die unsere Hochöfen nur für ihren Kokolores nutzen wollen. Da haben wir aber unsere Ehre, weil die Hochöfen, das ist da, wo wirklich gearbeitet wurde. Und plötzlich sind da die Bekloppten oder die Pseudo-Kultur-Fuzzis. Dieses Gefühl gibt es, das habe ich am eigenen Leib erlebt.

Das hat aber Mortier dann in den Griff bekommen und dazu gelernt, und die Leute haben auch angefangen, das Festival zu mögen und fühlen sich jetzt auch zu Höherem berufen. Das ist aber genau der Punkt: Die Gewerkschaft hat nicht wirklich ein Interesse, die Festspiele weiterzuführen, und man hat sich eben nur für einen Moment darauf eingelassen, sagen zu können, man sei besonders fortschrittlich. Castorf wiederum hat vielleicht ein bisschen zu stark darauf gesetzt, dem Westen mal zu zeigen, wie man ihn als Ossi früher angeschaut hat. Das kann man hier kaum verstehen, weil sich das Ruhrgebiet bestimmt nicht wie der Osten vorkommt, auch wenn es da sicher die eine oder andere Parallele gibt..

Ich habe zu ihm immer gesagt, es ist wichtig, die einzelnen Städte im Ruhrgebiet miteinander zu verbinden und nach draußen zu gehen. Die Wagner-Rallye war auf den Titelseiten einiger Zeitungen. Zu sagen, die Ruhrfestspiele hätten sich nur in Recklinghausen abgespielt und keine Außenwirkung gehabt, ist also falsch. Es gab Veranstaltungen, die diese Außenwirkung hatten.

Netzeitung: Wie wurde die Idee, mit Wagnerfragmenten aus Dachlautsprechern durchs Ruhrgebiet zu fahren, denn von der Bevölkerung aufgenommen?

Schlingensief: In Bochum war es eher schlecht, da wurden wir auf einem Platz am Bahnhof abgestellt, es gab üble Behauptungen, wir hätten gerne die Einkaufszone stürmen wollen. Die Berichterstattung war ähnlich, die Einstellung war: Leander Haußmann ist hier gescheitert, Schlingensief hat Haußmann das Haus gesegnet und ist außerdem so ein Provotyp, dann schicken wir den auf so einen kleinen Abstellplatz am Bahnhof. Da waren zwischen 60 und 80 Leute, was ich unter den Umständen viel fand. In Mülheim dagegen kamen einige hundert Leute, in Oberhausen, meiner Heimatstadt, hat es leider stark geregnet, trotzdem waren 150 Leute da.

Die Fahrer haben berichtet, dass sie auf der Fahrt selbst stark unterstützt wurden. Leute haben bei Radiostationen angerufen und wussten sofort: Das sind die von der Rallye. Damit haben wir sehr viele Leute erreicht. Der Saal zum Schluss war immerhin zu zwei Dritteln voll, und es kamen Leute aus allen Städten. Verwandte waren da und es wurden zwei Transparente entrollt. Über das Fernsehen, im Morgenmagazin, haben es über 1,4 Millionen Menschen gesehen.

Netzeitung: Unter anderem die Theaterwissenschaftler an der Ruhr-Uni Bochum haben protestiert, Castorf habe ein hervorragendes Programm gemacht, Kulturpolitik brauche andere Argumente als das der Kasse. Das Argument, der heftige Besucherrückgang gefährde die Gesellschaft und die nächste Saison, lässt sich aber schlecht ignorieren, wenn man als künstlerischer Leiter an einem Theater oder Festival tätig ist.

Schlingensief: Das ist ja klar, aber in Recklinghausen ist das fast ein Ding der Unmöglichkeit. Ich habe mal vorgeschlagen, auch wenn ich andere Musik höre, Grönemeyer zur Eröffnungsveranstaltung einzuladen. Dann können die Leute sagen: Herbie war da, das kann ja nicht so schlimm sein.

Ich habe genau deswegen dafür plädiert, dass man möglichst viele Veranstaltungen im Außenfeld macht, damit sich das Ruhrgebiet als Ganzes begreift, anstatt sich zum Kreis der erlauchten Volksbühnenfans bekennen zu müssen.

Vor allem muss in diesem Zusammenhang der grüne Kulturminister Vesper mal was auf die Klappe bekommen. Entweder hat man den Atem für so ein Festival und man will es wirklich, dann muss man eben auch genügend Geld bereit stellen. Da fehlt das Profil. Letzten Endes, es tut mir Leid das zu sagen, weil ich ja eher links orientiert bin, schaffen es SPD und Grüne immer wieder, im Notfall den Kopf in den Sand zu stecken. Dann heißt es: Wir konnten nichts machen. Wer sitzt denn da an der Macht, wer ist derjenige, der solche Probleme regeln könnte? Das ärgert mich so an diesen Geschichten. Man hört, Herr Vesper habe sich verhältnismäßig ruhig verhalten. Nach außen gibt es vielleicht ein bisschen Tamtam, aber er weiß auch, dass die Gewerkschaft ihre Macht hat, und dann will man sich keinen Ärger leisten – es ist ja auch bald wieder Wahl – anstatt jetzt nach vorn zu gehen.

Netzeitung: Frank Castorf hat jetzt gesagt, so leicht gibt er nicht auf: Er will als künstlerischer Leiter weitermachen. Was denken Sie über seinen Durchhaltewillen?

Schlingensief: Bei der Ablösesumme sollte er sich das gut überlegen.

Mit Christoph Schlingensief sprach Ulrich Gutmair.