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Gentechnologie: 

Der Perfektion den Prozess machen

20. Mai 2004 07:32
Schöne neue Menschen in 'Gattaca'
Der amerikanische Politologe Michael J. Sandel argumentiert gegen Designer-Babys als Ausdruck unseres Drangs zur Perfektion. Das Leben muss als Gabe begriffen werden, schreibt er in seinem Essay «The Case against Perfection», das die Netzeitung in Auszügen veröffentlicht.

Von Michael J. Sandel

Die Durchbrüche in der Genetik konfrontieren uns mit einem Versprechen und einem Dilemma. Ihr Versprechen lautet, dass es schon bald möglich sein wird, eine ganze Menge von Krankheiten zu heilen oder zu verhindern. Das Dilemma ist, dass unser neues genetisches Wissen es uns ermöglichen wird, unsere eigene Natur zu manipulieren – unsere Muskelkraft, unsere Gedächtnisleistung und unsere Stimmung zu verbessern; das Geschlecht, die Größe und andere genetische Merkmale unserer Kinder auswählen zu können; uns selbst «besser als gut» zu machen.

Mehr im Internet:
  • Die vollständige Fassung im englischen Original: The Case against Perfection
  • Wenn die Wissenschaft sich schneller voranbewegt als die Moral, wie es heute der Fall ist, ringen Frauen und Männer um die Artikulation ihres Unbehagens. In liberalen Gesellschaften greifen sie zuerst nach den Begriffen der Autonomie, der Chancengleichheit und der individuellen Rechte. Dieser Teil unseres moralischen Vokabulars ist aber ungeeignet, um die schwierigsten Fragen anzusprechen, die die Gentechnologie aufwirft. Die genetische Revolution hat einen moralischen Schwindel ausgelöst.

    Nehmen wir das Klonen. Die Geburt des Klonschafs Dolly im Jahr 1997 löste eine Welle der Besorgnis aus: Bald könnte das Klonen von Menschen möglich sein. Es gibt gute medizinische Gründe, sich darüber Sorgen zu machen, denn die meisten Wissenschaftler sind sich darüber einig, dass das Klonen unsicher ist, und sehr wahrscheinlich Nachkommen mit schweren Abnormalitäten hervorbringt – Dolly starb einen frühen Tod. Nehmen wir aber einmal an, die Technologie würde soweit verbessert werden, dass Klonen die selben Risiken drohen würden wie natürlichen Nachkommen: Würde es immer noch gute Gründe gegen das Klonen von Menschen geben? Was genau ist falsch daran, ein Kind zu schaffen, das ein genetischer Zwilling eines der Eltern ist? Oder eines älteren Geschwisters, das tödlich verunglückt ist? Oder, wenn wir schon dabei sind, eines bewunderten Wissenschaftlers, Sportlers oder Prominenten?

    Klonschaf Dolly
    Manche Leute sagen, Menschen zu klonen sei falsch, weil es das Recht des Kindes auf Autonomie verletzt: Indem die genetische Ausstattung eines Kindes im Voraus festgelegt wird, verweigern die Eltern dem Kind sein Recht auf eine offene Zukunft. Ein ähnliches Argument kann gegen jede Form der Technologie in Anschlag gebracht werden, die es Eltern erlaubt, bestimmte genetische Charakteristika ihres Kindes abzulehnen oder auszuwählen. Es wäre falsch, so das Argument, etwa das musikalische Talent genetisch verbessern zu wollen, weil es das Kind in eine bestimmte Richtung und zu bestimmten Entscheidungen drängen würde. Designer-Kinder wären also nicht frei.

    Auf den ersten Blick scheint das Autonomie-Argument jenen Umstand zu benennen, der in Bezug auf das Klonen von Menschen so beunruhigend ist. Es ist aber aus zwei Gründen nicht überzeugend. Zum einen impliziert es die falsche Vorstellung, in der Abwesenheit von designenden Eltern würden Kinder ihre Eigenschaften selbst wählen. Doch keiner von uns hat sein genetisches Erbe selbst gewählt. Die Alternative zu einem geklonten oder genetisch verbesserten Kind ist nicht ein Kind, dessen Zukunft nicht an bestimmte Talente gebunden wäre, sondern ein Kind, das der genetischen Lotterie ausgeliefert ist.

    Mehr in der Netzeitung:
  • Interview mit Michael Sandel: Die Beherrschung des Lebens muss Grenzen haben
  • Interview mit Gerburg Treusch-Dieter: In der Falle der Biologie
  • Zum anderen kann das Streben nach Autonomie nicht unsere moralischen Zweifel gegenüber Leuten erklären, die genetische Verbesserungen für sich selbst anstreben. Etwa Gentherapien an Körperzellen, also Muskel- oder Gehirnzellen, die defekte Gene reparieren oder ersetzen. Das moralische Dilemma zeigt sich, wenn Leute solche Therapien nicht nutzen, um Krankheiten zu heilen, sondern um ihre physischen und kognitiven Fähigkeiten zu verbessern, um sich selbst über die Norm zu erheben.

    Wie plastische Chirurgie bedient sich auch die genetische Verbesserung medizinischer Mittel zu nicht-medizinischen Zwecken. Genetische Verbesserung geht aber tiefer unter die Haut als kosmetische Chirurgie. Wenn wir ein ambivalentes Verhältnis zu Botox-Injektionen gegen schlaffe Gesichtshaut haben, dann sind wir umso mehr beunruhigt von Genmanipulationen, die auf stärkere Körper, besseres Gedächtnis, größere Intelligenz und bessere Stimmung abzielen.

    Um sich mit der Ethik der Verbesserung auseinander setzen zu können, müssen wir uns mit Fragen konfrontieren, die aus dem Blick geraten sind: Fragen zum moralischen Status der Natur und der Stellung des Menschen zur gegebenen Welt. Da diese Fragen den Bereich der Theologie berühren, tendieren moderne Philosophen und politische Theoretiker dazu, vor eben diesen Fragen zurückzuschrecken. Die neuen Möglichkeiten der Biotechnologie machen es aber unvermeidlich, dass wir uns mit ihnen auseinandersetzen.

    An vier Beispielen, die sich am Horizont zeigen, lässt sich beobachten, warum dies so ist. Es handelt sich dabei um die Verbesserung der Muskelkraft, die Verbesserung der Gedächtnisleistung, Wachstumshormonbehandlung und die reproduktiven Technologien, die es Eltern ermöglichen, das Geschlecht und einige genetische Merkmale ihrer Kinder auszuwählen. In jedem dieser Fälle zeigt sich etwas, das als Versuch begonnen hatte, eine Krankheit zu behandeln oder eine genetische Störung zu verhindern, am Ende als Instrument der Verbesserung in den Händen von Konsumenten. (…)

    Die Wahl des Geschlechts eines Kindes ist womöglich die am wenigsten abwendbare nicht-medizinische Nutzung der neuen Biotechnologien. Eltern haben immer schon versucht, das Geschlecht ihrer Kinder zu bestimmen. Biotechnologie ist dort erfolgreich, wo Hausmittel bisher versagten.

    Die Geschlechtswahl muss nicht notwendig auf Abtreibung zurückgreifen. Paaren, die sich der In-Vitro-Fertilisation unterziehen, ist es möglich, das Geschlecht des Kindes auszuwählen, bevor das befruchtete Ei in die Gebärmutter implantiert wird. Eine Methode bedient sich dabei der Präimplantationsdiagnostik, die entwickelt wurde, um genetisch bedingte Krankheiten zu entdecken und «auszusortieren». Einige Eier werden in einer Petrischale befruchtet und wachsen bis zum Acht-Zell-Stadium heran, was ca. drei Tage dauert. An diesem Punkt werden die Embryos getestet, um ihr Geschlecht zu bestimmen. Diejenigen, die das gewünschte Geschlecht besitzen, werden eingepflanzt. Die übrigen Eier werden üblicherweise weggeworfen.

    Obwohl es wenig wahrscheinlich ist, dass Paare sich der Prozedur der In-Vitro-Fertilisation unterziehen, nur um das Geschlecht ihres Kindes wählen zu können, ist die Selektion von Embryos eine sehr verlässliche Methode, um das Geschlecht auszuwählen. Da unser Wissen ständig wächst, könnte es sehr bald möglich sein, mittels Präimplantationsdiagnostik jene Embryos auszusortieren, die unerwünschte Gene tragen, die man in Zusammenhang bringt mit Fettleibigkeit, Größe und Hautfarbe. Der Science-Fiction-Film «Gattaca» malt eine Zukunft aus, in der Eltern routinemäßig Embryos nach bestimmten Eigenschaften wie Geschlecht, Größe, Immunität gegenüber bestimmten Krankheiten und sogar Intelligenz selektieren. Etwas an diesem Szenario ist beunruhigend. Es ist aber nicht leicht, näher zu bestimmen, was an dieser Selektion von Embryonen moralisch fragwürdig ist. (...)

    Ich glaube nicht, dass das Hauptproblem an der Verbesserung und an der Gentechnologie darin zu suchen ist, dass sie menschliches Streben und menschliches Handeln generell unterminieren. Die größere Gefahr besteht vielmehr darin, dass sie für eine Art von «Überaktivität» stehen – ein prometheisches Streben, die Natur so umzugestalten, dass sie unseren Absichten dient und unser Begehren befriedigt. Das Problem ist also nicht die Tendenz zur Apparatur, sondern die Tendenz zur Herrschaft. Denn der Trieb zur Herrschaft verkennt und zerstört möglicherweise sogar die Wertschätzung der Gabe, die menschliche Macht und menschliche Errungenschaften eigentlich darstellen.

    Die Anerkennung, dass das Leben eine Gabe ist, besteht darin, dass wir erkennen, dass unsere Talente und Möglichkeiten nicht allein Ergebnis unserer Taten sind, auch wenn wir danach streben, sie zu entwickeln. Sie besteht außerdem darin, dass nicht alles in der Welt jeder Nutzung und jedem Wunsch offen und zur Verfügung steht. Indem der Wert dieser Qualität der Gabe geschätzt wird, wird das prometheische Projekt in seine Schranken gewiesen. Dies führt zu einer gewissen Demut. Diese Wertschätzung gehört dem religiösen Empfinden an, weist aber über die Religion hinaus.

    Die vollständige englische Version, «The Case against Perfection», ist in «The Atlantic Monthly» erschienen.

    Aus dem Englischen von Ulrich Gutmair.

     
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