21. Mai 2004 11:02
Wie kein anderes Medium strukturieren Suchmaschinen unseren täglichen Informationsfluss. Grund genug, auf mehr Transparenz und Regulierung zu dringen, sagt Professor Marcel Machill im Gespräch mit der Netzeitung.
Netzeitung: Die Bertelsmann-Stiftung hat bereits im letzten Jahr einen Verhaltenscodex für die Betreiber von Suchmaschinen entwickelt. Worauf zielt dieser Code of Conduct ab?Marcel Machill: Er zielt darauf ab, dass wir eine stärkere Transparenz im Netz bekommen, dass die Internetuser besser mit Suchmaschinen umgehen können, und dass die Betreiber von Suchmaschinen sich zu einer größeren Qualität Ihrer Produkte verpflichten.
Netzeitung: Vor kurzem haben Bertelsmann Stiftung und die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen zu einer Konferenz über Suchmaschinen geladen. Was waren die wichtigsten Ergebnisse?Machill: Es ging insbesondere um die Fragestellung, welche Marktmacht Suchmaschinen mittlerweile eigentlich erlangt haben. Wir haben auf der Konferenz herausgearbeitet, dass heute eine Handvoll Suchmaschinen, allen voran Google, eine Marktmacht erlangt haben, die im klassischen Medienbereich schon längst die Medienkontrolleure und die Medienaufsicht auf den Plan gerufen hätte. Google hat einen Marktanteil von 70 Prozent und das ist eine Monopolstellung, die weder im Printbereich noch bei den elektronischen Medien zugelassen werden würde.
Die Suchmaschinen sind aber ein sehr neues Instrument, ein neuer Medienbereich, mit der sich die Medienaufsicht noch nicht wirklich auskennt. Viele haben noch gar nicht durchschaut, welche Strukturierungsgewalt hinter den Suchmaschinen steckt.
Netzeitung: Eine der Forderungen, die Ihr Code of Conduct stellt, lautet: «Nach nationaler Gesetzgebung als illegal geltende Seiten werden aus den Ergebnislisten entfernt, sobald die Suchmaschinenbetreiber Kenntnis davon erhalten.» Google China kam – soweit man weiß – im Jahr 2002 den Sicherheitsbedürfnissen der chinesischen Regierung entgegen. Soll Google also auch deutschen, englischen und amerikanischen Usern jene Seiten vorenthalten, die die chinesische Regierung für illegal erklärt? Oder sollen die Betreiber national zuordnen, welchem User was gezeigt werden soll?
Machill: Letzteres, und eben dies wird auch bereits gemacht. Es gibt eine sehr gute Studie der Harvard University. Die Wissenschaftler haben Google von verschiedenen IP-Adressen aus angesurft. Sie fanden heraus, dass Sie abhängig vom Land, von dem aus Sie Google ansurfen, unterschiedliche Ranking-Listen als Ergebnis bekommen. Damit reagiert Google schon auf nationale Gesetzgebung, es gibt es nur nicht zu, weil das Unternehmen nicht transparent machen will, was letztendlich ausgeblendet wird. Hier argumentieren wir wiederum: Einerseits ist das ein Schritt in die richtige Richtung, andererseits verschärft das Unternehmen damit wieder die Intransparenz. Warum erklärt Google nicht öffentlich, nach welchen Kriterien es in nationalen Bereichen bestimmte Websites ausblockt. Wir wollen wissen, nach welchen Kriterien die Ranking-Listen zustande kommen, damit mehr Transparenz herrscht.
Netzeitung: Nun ist das Netz ja gerade deswegen als Errungenschaft gepriesen worden, weil erstens jeder publizieren kann und zweitens ein globaler medialer Raum entsteht, in dem man sich außerhalb der alten Kanäle informieren kann. Wenn wir nun akzeptieren, dass nationales Recht das ungeschriebene Recht des Netzes bricht, müssen wir dann auch chinesische Zensur akzeptieren? Heißt es im Netz: Universalismus ade?
Machill: Gegenfrage: Wollen wir akzeptieren, dass im Internet Enthauptungen von Amerikanern – oder nehmen wir mal an es wären Deutsche – verbreitet werden, weil islamistische Terroristen Angst und Schrecken verbreiten wollen? Wollen wir uns nicht vorbehalten, so etwa zu sperren? Ich würde erstens argumentieren, dass sehr viele Menschen damit überfordert sind, und zweitens, dass man sich damit vor den Karren von Terroristen sperren lässt. Da muss man auch die Möglichkeit haben, so etwas auszublocken.
Netzeitung: Spätestens hier stellt sich aber die Frage, wer die Instanz ist, die festlegt, was von Suchmaschinen geblockt werden soll und was nicht? Traditionell ist es in der Demokratie die Presse selbst, die sich überlegen muss, was sie veröffentlicht.
Machill: Das stimmt nicht so ganz, denn wir haben ja die eigentlichen Kontrollebenen in den Medien. Natürlich üben sie keine Zensur aus, aber es findet sehr wohl eine Debatte darüber statt, was in den Medien gezeigt werden darf und was nicht. Im Pressebereich haben wir den Presserat, im Bereich des kommerziellen Fernsehens haben wir die staatlichen Landesmedienanstalten, die für die Regulierung und Aufsicht zuständig sind.
Mir schwebt im Fall der Suchmaschinen eine Selbstregulierung vor. Wenn von Regulierung die Rede ist, heißt das ja nicht, dass von staatlicher Regulierung gesprochen werden muss. Ich plädiere hier für ein Verlegerprinzip: Verantwortliche Verleger in unseren seriösen Zeitungen machen sich natürlich Gedanken darüber, was man zeigen und was man drucken kann. Das findet bei den Suchmaschinen noch nicht in ausreichendem Maß statt. Die Betreiber der Suchmaschinen haben selbst noch nicht erkannt, welch wichtige Gatekeeper-Funktion sie inzwischen innehaben.
Netzeitung: Google Watch kritisiert die fragwürdige Datenschutz-Politik Googles: Bei jeder Suche speichert Google die Identität des Cookie, die IP-Adresse, Datum und Uhrzeit, die Suchbegriffe und die Browser-Konfiguration. Google hat sich zu keinerlei Datenschutzpolitik bekannt und weigert sich außerdem, darüber Auskunft zu geben, wofür diese Daten benutzt werden. Gibt es Kontakt zu Google bezüglich dieser Fragen?
Machill: Google war die einzige Suchmaschine, die an unseren Vorbereitungsrunden nicht teilgenommen hat. Alle anderen, sei es Microsoft, sei es Yahoo, sei es Lycos, sei es T-Online und andere haben in verantwortlicher Weise an den Runden teilgenommen, nur der Marktführer verweigert sich jeder Diskussion. Diese Art von Arroganz und Intransparenz eines Marktführers ist es letztendlich auch, die weitere Befürchtungen nährt.
Netzeitung: Suchmaschinen sind für Internetnutzer heute vermutlich die entscheidenden Werkzeuge. Gleichzeitig haben viele User offenbar überhaupt keine Ahnung, so haben Sie in einer Studie herausgefunden, wie diese funktionieren. Das scheint doch ein gewichtiger Teil des Problems zu sein, wenn es um die Macht und ihren möglichen Missbrauch von Suchmaschinen geht?
Machill: Das ist völlig richtig. Die «Schuld» liegt auch auf Seiten der User. Aus der Medienrezeptionsforschung aus der Zeit, als das Fernsehen noch neu war, wissen wir, dass in den Sechzigern das, was im Fernsehen verbreitet wurde, ein extrem hohes Glaubwürdigkeitspotenzial hatte. Erst nach und nach haben die Menschen ein medienkritischeres Rezeptionsverhalten gelernt. Man wusste auf einmal: Auch hinter der tagesschau steckt eine Redaktion. Da sitzen Menschen, die darüber befinden müssen, was in die 15 Minuten der Tagesschau hineinkommt und was nicht. Es wurde etwa diskutiert über Selektionskriterien, journalistische Qualität und so weiter. Heute wissen wir mehr oder weniger, wie das Fernsehen funktioniert. Das ist bei den Suchmaschinen heute noch anders. Die Menschen tappen noch im Dunkeln, Suchmaschinen sind für sie eine Black Box. In Umfragen haben wir etwa festgestellt, dass die Leute auf die Frage, wie sich Suchmaschinen finanzieren, nicht wirklich Bescheid wissen. Wir haben das auch in unseren Laborexperimenten bestätigt gesehen: Die Ein-Wort-Suchanfrage etwa dominiert heute noch. Wie soll aber Suchmaschine wissen, ob jemand mit der Suche Nach «Golf» nach der Automarke, dem Sport oder der Meeresbucht sucht. Dazu will unser Projekt auch beitragen, dass wir in der Öffentlichkeit eine stärkere Verantwortung dafür erlangen, was mit diesen neuen Instrumenten gemacht wird.
Prof. Dr. Marcel Machill lehrt Journalistik an der Universität Leipzig und ist Berater der Bertelsmann Stiftung. Mit ihm sprach Ulrich Gutmair.