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Gentechnologie: 

Die Beherrschung des Lebens muss Grenzen haben

19. Mai 2004 07:32
Michael J. Sandel
Wenn die Gesellschaft sich nicht auf Grenzen einigt, werden Eltern ihre Kinder mittels künstlicher Befruchtung bald nach ihren Wünschen auswählen. Davor warnt Michael J. Sandel im Gespräch mit der Netzeitung.

Netzeitung: In Ihrem Essay «The Case against Perfection» argumentieren Sie gegen unser Streben nach Perfektion. Um unser Unbehagen mit der Idee der Verbesserung unserer Nachkommen fassen zu können, müssen wir auf die Idee zurück kommen, dass das Leben ein Gabe ist, schreiben Sie dort. Wie begründen Sie Ihre These?

Michael J. Sandel: Es gibt wichtige Argumente gegen die genetische Verbesserung des Menschen, unter anderem zählt dazu die Gefahr, dass durch genetische Verbesserung die Kluft zwischen reich und arm noch größer werden könnte: Denn diese Technologien werden sehr teuer sein und daher wahrscheinlich vor allem den Wohlhabenden zur Verfügung stehen. Einige Kritiker haben daher davor gewarnt, dass auf diesem Wege sogar zwei neue Klassen von Menschen entstehen könnten: Die genetisch «Verbesserten» und die «nur» Natürlichen.

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  • Dieses Argument, das auf Fairness, Zugang und Gleichheit abzielt, ist ein sehr wichtiges Argument, es berührt aber nicht die diesem Problem innewohnende und wesentliche Frage, ob es an oder in unserer Menschlichkeit selbst etwas gibt, das durch genetische Verbesserung vermindert oder beschädigt wird. Um diesen eigentlichen Einwand gegen Genmanipulation argumentativ erfassen zu können, müssen wir uns mit der Frage auseinandersetzen, wie wir die Stellung des Menschen gegenüber der Natur, inklusive der menschlichen Natur verstehen. Wir müssen darüber hinaus fragen, ob es für das Projekt der Meisterung, der Beherrschung und der Kontrolle Grenzen gibt. Die Antwort auf diese Frage würde ich so beantworten: Ja, es gibt Grenzen für dieses Projekt der Beherrschung. Um diese Grenzen zu erklären, gelange zumindest ich zur Vorstellung des Lebens als Gabe und Geschenk.

    Netzeitung: Impliziert diese Idee des Lebens als Geschenk, das uns gegeben ist, nicht notwendigerweise eine Begründung, die letztlich in den Bereich von Philosophie oder gar der Religion fallen muss?

    Sandel: Das ist eine sehr gute Frage. Denn die Fortschritte in der Biotechnologie und die genetische Revolution zwingen uns dazu, bestimmte letzte philosophische, metaphysische oder sogar theologische Fragen zu stellen. Beispielhaft kann man das an Habermas' kleiner Sammlung von Vorlesungen über Genmanipulation sehen. Er versucht dort, den Widerspruch innerhalb dessen formulieren, was er den post-metaphysischen Rahmen nennt. Er versucht also eben das zu bestimmen, wonach Sie mich eben fragten.

    Ich glaube nicht, dass wir unser Unbehagen gegenüber der Gentechnologie ausreichend begründen können, wenn wir nicht eine Beschreibung dessen entwickeln, was wir die menschliche Natur nennen, wenn wir nicht definieren, wie das angemessene Verhältnis der Menschen zur gegebenen Welt aussieht. Normalerweise versuchen wir, politische und moralische Fragen ohne Bezug auf metaphysische oder theologische Fragstellungen zu klären. Wir versuchen sogar grundsätzliche Fragen über den Menschen, über unsere Vorstellung vom guten Leben zu vermeiden. In diesem Fall aber, und das ist das Interessante daran, müssen wir uns mit diesen Fragen auseinander setzen, zumindest behaupte ich dies. Der Grund hierfür ist, dass alle anderen Versuche, dieses Problem des Unbehagens zu klären, nicht besonders überzeugend sind.

    Netzeitung: In ihrem Text schreiben Sie, wir müssten uns in diesem Zusammenhang die Frage stellen, ob wir in einer Gesellschaft leben wollen, in der Eltern ein Vermögen ausgeben, um völlig gesunde Kinder etwa mittels Hormonbehandlung ein paar Zentimeter größer zu machen. Ist es nicht zu spät, solche Fragen zu stellen? Sobald es Technologien gibt, werden sie auch genutzt.

    Sandel: Es gibt zwei Gründe, warum man diese Fragen stellen sollte. Erstens haben viele Länder, darunter auch Deutschland längst Gesetze verabschiedet, die diesen Bereich regeln, etwa das Klonen. Das Europäische Parlament befindet sich derzeit noch im Prozess der Entscheidungsfindung. Aus politischen Gründen, und das wäre der erste Grund, ist es wichtig, eine öffentliche Debatte darüber zu führen, welche Regelungen ethisch angebracht sind.

    Zweitens ist es auch in Fällen, in denen Technologien bereits genutzt werden, ein legitimes Ansinnen der Kritik, die Frage zu stellen, ob die herrschenden sozialen Normen überdacht werden müssen. Das wiederum gilt nicht nur für Gentechnologie: Viele Leute argumentieren etwa mit dem Vergleich, dass der Versuch, unsere Kinder genetisch zu verbessern, sich prinzipiell nicht davon unterscheide, wie erdrückende und dominierende Eltern heute schon versuchen, ihre Kinder nach ihren Vorstellungen zu formen. Es ist richtig, dass hier eine starke Ähnlichkeit besteht, ich würde allerdings nicht den Schluss daraus ziehen, dass die genetische Verbesserung der Nachkommenschaft damit moralisch erlaubt wäre. Ich würde in diesem Fall vielmehr daraus schließen wollen, dass wir stattdessen jene Praktiken kritisch überprüfen sollen, die wir in der Kindererziehung jetzt schon ausüben.

    Diese Argumentation würde ich auch auf die Umwelt ausdehnen: Die Tatsache, dass die Umwelt bereits erheblich geschädigt ist, sollte uns nicht daran hindern, dies anzuprangern. Ich erwähne das, weil die Frage der Umwelt eine Parallele zur Frage nach der genetischen Verbesserung darstellt: In beiden Fällen bedroht das Projekt der Beherrschung die Wertschätzung der Natur als einer Gabe zu verdrängen – auf der einen Seite der menschlichen Natur, auf der anderen Seite der natürlichen Welt.

    Netzeitung: In Ihrem Essay erwähnen Sie James Watson, einen der Begründer des DNS-Modells. Er hat vor kurzem Dummheit als Krankheit bezeichnet, die man möglichst bald loswerden sollte. Vor einiger Zeit hat er erklärt, dass – falls ein Gen für Homosexualität entdeckt werden sollte – es Frauen erlaubt werden sollte, ein solchermaßen «belastetes» Embryo abtreiben zu dürfen. Es scheint kein Zufall zu sein, dass gerade im Umfeld der so genannten Lebenswissenschaften viele Wissenschaftler immer noch eugenische Projekte im Sinn haben?

    Sandel: Der Schatten der Eugenik schwebt über den aktuellen Debatten über genetischer Manipulation und der genetischen Verbesserung. Ich bin der Ansicht, dass es nicht nur staatlicher Zwang war, der faul war an der Genetik. Heute wird die Frage nach Gentechnologie auch so gestellt: Ist eine Eugenik des freien Markts, die ohne jeden staatlichen Zwang auskommt, moralisch fragwürdig oder nicht? Ich bin der Ansicht, Eugenik ist auch ohne Anwendung staatlichen Zwangs abzulehnen.

    Die genetischen Eigenschaften der nächsten Generation zu bestimmen, ist moralisch beunruhigend, auch wenn Eltern dies «zum Wohl ihrer Kinder» tun, und nicht, weil der Staat eugenische Maßnahmen verordnet.

    In Bezug auf die Wissenschaftler wiederum möchte ich darauf hinweisen, dass es sehr viele verantwortungsbewusste Menschen unter ihnen gibt, von denen sicher viele keine eugenische Orientierung haben. James Watson ist möglicherweise ein extremes Beispiel eines Wissenschaftlers, der mit einer Form von liberaler Eugenik sympathisiert.

    Außerdem gibt es viele neue Entdeckungen in der Genetik, die begrüßt werden sollten. Ich etwa befürworte Stammzellenforschung, die ja in den USA und in Europa sehr kontrovers diskutiert wird. Ich bin generell also der Meinung, dass die moderne Genforschung unterstützt und ermutigt werden sollte – aber ich würde dabei zwischen zwei Nutzungsformen von Gentechnologie unterscheiden: Ihrer Nutzung im medizinischen Bereich, also um Krankheiten zu behandeln oder zu heilen, steht diejenige Nutzung gegenüber, die medizinisch nicht notwendige Verbesserungen des Menschen anstrebt.

    Netzeitung: In der Praxis sind es die Technologien, die im Umfeld dieser Forschungen entstanden sind, die im Sinne der klassischen Eugenik eingesetzt werden: Dass Embryos, die bestimmte schwere Krankheiten haben, aber auch solche, die bestimmte, als Krankheit definierte Handicaps haben, abgetrieben werden, ist heute beinahe Standard geworden. Welche Rolle spielt diese alltägliche Praxis, die mit Gentechnologie gar nicht unbedingt etwas zu tun hat, für Ihre Frage nach der Perfektion?

    Sandel: Manche kritisieren das Screening von Embryos auf genetische Defekte für Paare, die sich der In-Vitro-Fertilisation unterziehen. Ich habe keine Einwände gegen gendiagnostische Verfahren im Vorfeld von Implantationen. Ich habe auch keine Einwände gegen das Screening von Embryos nach genetischen Defekten in Kliniken, aber ich wende mich gegen die Selektion von Embryos, um bestimmte genetische Eigenschaften auszuwählen, etwa das Geschlecht des Kindes, seine Augen- oder Haarfarbe. Ich würde mich aber nicht gegen die Selektion von Embryos wenden, um ernste genetisch bedingte Krankheiten auszuschließen.

    Netzeitung: Spätestens an diesem Punkt aber kommt man in die sehr schwierige Position, entscheiden zu müssen, wo die schweren Krankheiten aufhören und die leichten anfangen. Letztlich geht es dann auch darum, vorab und stellvertretend zu entscheiden, was für das Kind erträglich sein wird und was nicht.

    Sandel: Wir müssen als Gesellschaft die Entscheidung treffen, wo wir diese Grenze ziehen wollen. Wir können uns darauf einigen, im Fall von Down Syndrom und Spina bifida – offener Rücken, so zu entscheiden, im Fall von Kleinwüchsigkeit, Fettleibigkeit, Dyslexie aber anders. Das wird bedeuten, dass wir sehr scharf darüber nachdenken müssen, was «Gesundheit» überhaupt bedeutet und worin menschliches Gedeihen überhaupt besteht. Wenn wir uns diese Fragen nicht stellen, dann werden wir unvermeidlich den Weg zur kosmetischen Selektion von Embryos weitergehen, fernab jeder medizinischen Notwendigkeit.
    Angenommen, man könnte die Tendenz zu Dyslexie oder Gehörlosigkeit bestimmen: die Vorstellung, Embryos nach den entsprechenden Merkmalen zu selektieren, erfüllt mich mit Unbehagen.

    Netzeitung: Ist aber nicht bereits die Annahme, man könne irgendwann jede beliebige Eigenschaft auf bestimmte einzelne Gene zurückführen, eine grobe Verkürzung? Selbst wenn dem genetisch in einzelnen Fällen so sein sollte, «arbeiten» unsere Gene darüber hinaus in Echtzeit in unserem Körper, d.h. in komplexen Interdependenzen mit anderen Genen, sowie unter den Bedingungen kybernetischer Regelkreise im Körper, so dass man nicht von ungefähr eben von «Tendenzen» spricht. Darauf weisen zumindest kritische Molekularbiologen immer wieder hin.

    Sandel: Sie haben recht, abgesehen von solchen Fällen, wo tatsächlich ein Gen bestimmte Eigenschaften hervorruft, von denen uns relativ wenige bekannt sind, scheinen die meisten Eigenschaften Ergebnis vieler verschiedener Gene zu sein. Wenn es also um Verbesserung geht, dann wird man gewünschte Eigenschaften in vielen Fällen tatsächlich nicht durch die Selektion von Embryos erreichen können. In diesen Fällen würde direkte genetische Intervention nötig sein, die uns in Zukunft vielleicht einmal beschäftigen wird.

    Prof. Michael J. Sandel lehrt politische Philosophie an der Harvard University. Derzeit ist er Mitglied des amerikanischen nationalen Ethikrats, dem President's Council on Bioethics.

    Mit ihm sprach Ulrich Gutmair.

     
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