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Misshandlungen in Irak: 

Rumsfelds Experiment

11. Mai 2004 12:28
Donald Rumsfeld (links), im Amt gehalten von George W. Bush
Donald Rumsfeld ist der Vater der Besatzungsstrategie in Irak. Alle «nichtstrategischen Aspekte», darunter offenbar die Behandlung der Gefangenen, gelten ihr als zweitrangig.

Von Anjana Shrivastava

In den letzten Tagen haben die Bilder von Misshandlungen aus dem Irak die Medien weltweit überschwemmt, und Donald Rumsfeld hat die Öffentlichkeit schon gewarnt: Es werden noch weitere – und schlimmere – Beweise für das Fehlverhalten amerikanischer Soldaten ans Licht kommen. Donald Rumsfeld versteht sich seit Anbeginn des militärischen Experiments in Irak als leitender Stratege dieses Unternehmens.

Im letzten Jahr etwa wischte er bereits ausgearbeitete Pläne der Armee vom Tisch, die getreu der Powell-Doktrin eine traditionelle Invasion Iraks vorsahen. Rumsfeld kümmerte sich um die kleinsten Details dieser Operation, und seither hat er immer wieder deutlich gemacht, dass ihn daran all das nicht interessiert, was er selbst die «nichtstrategischen Aspekte» seines Experiments nennt. Seine Warnung vor neuen grausamen Bildern erscheint beunruhigend und vorausschauend zugleich, so als ob sein Experiment schicksalhaft weiter seinen Gang gehen müsse.

Die Stimmen, die ein Ende dieses Experiments fordern, werden aber immer lauter. Unter ihnen befindet sich Richard Holbrooke, der unter Clinton als Chefunterhändler in Bosnien tätig war. Er berät inzwischen das Wahlkampfteam John Kerrys und könnte durchaus im Januar den Posten eines amerikanischen Außenministers besetzen. Holbrookes wichtigstes Argument für ein schnelles Ende der Besatzung Iraks beruft sich vor allem auf die öffentliche Meinung in den arabischen Ländern. Dort ist man mehrheitlich der Ansicht dass die Besatzung im allgemeinen keinen positiven Zwecken dient.

Offenbar fallen die Hinweise der Bush-Regierung, immerhin habe man bereits 2.300 Schulen wieder geöffnet, weitere Budgets seien für die Rekonstruktion der irakischen Infrastruktur eingeplant, hier auf taube Ohren. Der Mann, dessen Stern derzeit ebenfalls im Sinken begriffen ist, L. Paul Bremer, war unter anderem mit der Begründung eingesetzt worden, seinem attraktiven Aussehen und seinem energischen Auftreten werde «in der arabischen Welt» mehr Respekt entgegengebracht werden. Mehr Respekt als seinem Vorgänger Jay Garner jedenfalls, der offenbar nicht nur nicht attraktiv genug für den Posten war, sondern außerdem eine möglichst frühe irakische Souveränität auf allen Ebenen anstrebte.

Nun aber ist es nicht die Attraktivität Bremers, sondern es sind ganz andere amerikanische Typen, die Eindruck machen in der arabischen Welt und anderswo. Unter ihnen sind die meist aus der amerikanischen Provinz stammenden Soldaten der 372. Militärpolizeikompanie, die abgesehen von einer kleinen Minderheit niemals zu Gefängnisaufsehern ausgebildet worden waren. Nur eine kleine Gruppe von ihnen brachte Erfahrungen aus Gefängnissen in Virginia und Pennsylvania mit. Im ländlichen Amerika zählt eine Anstellung in der längst privatisierten Gefängnisindustrie zu den sicheren Jobs. Die Wärter treffen auch dort auf Menschen, die anders sind als sie selbst, die nämlich aus der Stadt kommen.

Manche dieser Militärpolizisten sitzen nun selbst in Haft in Camp Victory neben dem Flughafen von Bagdad. Eben hier hält sich seit dem Anwachsen des irakischen Widerstands aus Sicherheitsgründen vermehrt Janis Karpinski auf, die Unternehmensberaterin, die unter anderem für das Gefängnis Abu Ghraib zuständig ist. Karpinski war letztendlich dafür verantwortlich, dass die neue Gefängnisdoktrin implementiert wurde, die unter anderem auf Innovationen des Generalmajors Geoffrey Miller zurückgeht. Als Leiter des Gefängnisses in Guantanamo Bay hat er die sogenannten «Tiger Teams» erfunden, in denen Geheimdienstleute und Militärpolizei zusammenarbeiten.

Die nun durch die Misshandlungsfotos bekannt gewordene Militärpolizistin England und ihr Verlobter etwa nahmen demnach an einem Experiment im Kleinen teil. Sie, die für solche Aufgaben überhaupt nicht ausgebildeten Militärpolizisten, führten den Befehl aus, Gefangene «weich» zu machen für spätere Verhöre. Die Art und Weise, wie dies geschah, scheint ihren persönlichen Geschmack widerzuspiegeln, aber auch ihre schlechte Bildung. Allerdings spiegelt sich in den wiederkehrenden Mustern der Misshandlungen auch die üblichen Verfahren wieder, die auch in amerikanischen Gefängnissen zuhause angewandt werden: Gefangene stundenlang nackt stehen zu lassen, gehört dort zu den üblichen Methoden, um renitente Insassen zu bestrafen.

Die große Stärke Amerikas ist der Platz, der dem Einzelnen in der Gesellschaft eingeräumt wird. Seine größte Schwäche ist hingegen die Schwäche seiner Institutionen. Sie beide treffen hier aufs Schlimmste aufeinander – auf der einen Seite eine enorme Konzentration in den Händen einzelner und auf der anderen Seite die Anarchie, die damit normalerweise einhergeht. Auf der einen Seite finden wir auch Donald Rumsfeld, auf der anderen wiederum «all die Leute, die mit digitalen Kameras herumrennen».

General Peter Schoomaker hat daher ein «einzigartiges Fehlen von Führungsstärke» in Abu Ghraib ausgemacht. Nun wird die Frage gestellt, ob die UN dieses überall in Irak sich auftuende schwarze Loch füllen könne. Und ob die Institution, die das Experiment nicht verhindern konnte, nun in der Lage ist, die inzwischen tatsächlich in Irak etablierten Terrorstrukturen zu bekämpfen. Donald Rumsfeld hat gute Gründe anzunehmen, dass er in einer Welt, in der Gewalt und billige Träume regieren, auch in Zukunft gebraucht wird.

 
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