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Kopftuchstreit: 

Heute das Kopftuch, gestern die Jeans

27. Apr 2004 07:48
Zwei Schülerinnen in der Pause: Esra mit Kopftuch, Jenny mit Guevara-Shirt
Die Diskussionen um Kopftuchverbote in der Schule erinnern ehemalige Bürger der DDR an ein anderes Verbot: Bis in die Sechziger war das Tragen von Jeans im Klassenzimmer nicht möglich.

Von Konrad Weiß

Als ich zur Schule ging, das war in den fünfziger Jahren in der DDR, da waren Jeans nicht nur unerwünscht, sondern verboten. Es gab Schulen, da stellten sich morgens der Direktor und die aufsichtsführenden Lehrer an die Tür und kontrollierten die Schüler. Wer in Jeans kam, wurde nach Hause geschickt und musste sich umziehen. Weil man dann zwangsläufig zu spät zum Unterricht kam, gab's einen Eintrag oder eine Fünf in Betragen. Nietenhosen, wie das verächtlich hieß, galten als dekadent und Ausdruck westlicher Unkultur. Wer sie trug, geriet in Verdacht, mit dem Klassenfeind zu sympathisieren.

Beim Volksaufstand vom 17. Juni 1953 geiferte Karl-Eduard von Schnitzler im DDR-Rundfunk, die aufständischen Arbeiter seien in Wahrheit westliche Provokateure, «Burschen in halblangen Amihosen und bunten Texashemden». Die unausweichliche Konsequenz solch staatlicher Mißbilligung war, daß Jeans vom modischen Kleidungsstück zur Bekenntnissache mutierten. Wer auf sich hielt, zog sie an. «Jeans sind eine Einstellung und keine Hosen», heißt es bei Ulrich Plenzdorf in den «Neuen Leiden des jungen W.». Erst Jahre später ließ sich die SED herab, die Produktion landeseigener Plagiate zu genehmigen und schließlich sogar den Import des amerikanischen Originals.

Angst und Verbot

Der Kopftuchstreit, der seit Monaten in Deutschland verbissen geführt wird, erinnert mich fatal an das kommunistische Jeansverbot. Mit einer freien, einer selbstbewußten demokratischen Gesellschaft hat das eine wie das andere nichts zu tun. Solche Verbote sind immer ein Zeichen von Schwäche und Angst. Und eigentlich ist es doch nur lächerlich, wenn sich Behörden und Parlamente und selbst das höchste deutsche Gericht ernsthaft mit ein paar Quadratzentimetern Stoff beschäftigen.

Wie jemand sich kleidet, ob mit Anzug oder mit Jeans, mit Kopftuch oder Talar, kann in einer aufgeklärten, toleranten Gesellschaft kein Maßstab sein, auch für einen Lehrer nicht. Selbstverständlich haben auch Lehrerinnen und Lehrer die Freiheit der religiösen, weltanschaulichen und politischen Überzeugung. Und niemand kann sie hindern, diese Überzeugung zu leben und zu praktizieren. Das ist auch kein Widerspruch zum weltanschaulichen Neutralitätsgebot, das aus gutem Grund für unsere Schulen gilt. Gerade das gelebte Vorbild gehört doch zum Wesen einer jeden Erziehung. Erst wenn jemand sein Amt mißbraucht und Kinder zu indoktrinieren sucht, dürfen und müssen Eltern, Schulbehörde oder Staat einschreiten. Und selbstverständlich auch dann, wenn Lehrer Positionen vertreten, die eindeutig im Widerspruch zum Grundgesetz stehen. Ein Kleidungsstück allein ist dafür kein Beweis.

Enormer Schaden

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Der Schaden, den man anrichtet, wenn man von Lehrern oder Schülern verlangt, ihre Überzeugung an der Schulpforte abzugeben, ist enorm. Die Schüler, jedenfalls die älteren, haben ein sehr genaues Gespür dafür, wenn ein Lehrer vor der Klasse heuchelt. Das untergräbt nicht nur jede Autorität, sondern bringt auch die Schüler dazu, sich entweder unterzuordnen und anzupassen oder sich radikal abzuwenden. Mündige Menschen und mündige Staatsbürger erzieht man so nicht.

Im Grunde offenbart auch der Streit um das Kopftuch eine fatale staatsbürgerliche Unmündigkeit. Er zeigt, dass wir noch immer keine tolerante Gesellschaft sind und dass viele Deutsche noch immer Angst vor allem Fremden haben. Deutschland als multikulturelle Gesellschaft – das ist eine Fiktion. Andererseits schaffen wir es nicht, uns der wirklichen Feinde der Demokratie wirksam zu erwehren. So hat auch diese eigentlich abstruse und irrationale Debatte um ein Tuch eine üble Nebenwirkung: Sie lässt die Minderheiten in unserem Land, die Ausländer, die Moslems unter Generalverdacht geraten. Manchmal hat es den Anschein, eben dies sei gewollt: Weil man die wirklichen Probleme nicht zu lösen vermag, muß ein Popanz her.

 
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