Kundenrezensionen bei Amazon:
Die neue Macht der Autoren
«Das ist eines der besten Bücher, das ich seit Jahren gelesen habe. Es wird dich laut lachen lassen und zum Weinen bringen. Ich bitte dich, erzähl deinen Freunden davon, denn du willst dieses Erlebnis teilen. Wenn sich das extrem anhört, dann, weil Rechy sich hier wirklich austobt. Er wirft einen satirischen Blick auf die Welt und ist doch zugleich bewegt von all ihren verlorenen Seelen. Es ist ein großartiges Buch.»
Dieser Text fand sich bis vor einigen Wochen auf einer Seite der kanadischen Vertretung des Onlinebuchhandels Amazon und kommt als begeisterte Kundenrezension zu John Rechys Roman «The Life and Adventures of Lyle Clemens» daher. Fünf Wertungspunkte unterstrichen den Nachdruck, mit dem ein anonymer «customer from New York City» hier seine Begeisterung für ein offenbar äußerst lesenswertes Buch kundtat.
Eine Woche lang dauerte der Störfall auf der kanadischen Seite von Amazon, und er wurde erst behoben, nachdem sich mehrere Autoren von Kundenrezensionen über die Preisgabe ihrer Anonymität beschwert hatten. In der Zwischenzeit aber kam ans Tageslicht, dass es sich bei Rechys vollmundigem Eigenlob nicht um einen Einzelfall gehandelt hatte. Dass sich zahlreiche Schriftsteller zu begeisterten Kritiken ihrer eigenen Werke aufgeschwungen hatten, war aber nur die eine Seite der Medaille. In anderen Fällen zogen Autoren vernichtend über die Bücher ihrer Kollegen her.
Man könnte das alles lediglich als einen bizarren wie typischen Auswuchs einer freien, öffentlichen und wilden Form der Meinungsäußerung im Internet verstehen, wenn Amazon, aufgrund seiner immensen und stetig wachsenden Bedeutung für den Buchmarkt, nicht entscheidend über den Verkaufsrang eines Buches mitbestimmen würde, der für Autoren und Verlage von existenzieller Bedeutung ist. Schließlich, so vermutet man, haben die sogenannten Kundenrezensionen des Onlineversandhauses einen gewichtigen Einfluss auf das Kaufverhalten seiner Kunden.
Neu an Kundenrezensionen im Netz ist wohl eher, dass sich hier ein anderer Ton der Kritik etabliert, den viele Kunden der klassischen Literaturkritik vorziehen. Gerade der oftmals ungehobelte und weniger reflektierte Stil, der das intuitive Geschmacksurteil in den meisten Fällen an die Stelle einer präzisen Analyse setzt, lässt diese Rezensionen als besonders vertrauenswürdig erscheinen. Hier, so scheint es, ist ein Forum von Kunden für Kunden entstanden, das gleichsam einen Komplott von Geistesverwandten ermöglicht: jenseits der Eitelkeiten und intellektuellen Tricks professioneller Kritiker und vorbei an den Werbetexten der Verlage werden Empfehlungen und Warnungen wie aus dem Munde guter Freunde kommuniziert.
Die Kundenrezensionen werden automatisch von einer Software verarbeitet und publiziert, die die Texte auf obszöne und rassistische Begriffe hin scannt und sogar auf falsche Schreibweisen reagiert. Angesichts dieser Minimalzensur reicht die Qualität der Texte, wie James Marcus, ein ehemaliger Amazon-Redakteur, in der «New York Times» schreibt, von hoher stilistischer Eleganz bis hin zu wilden Ergüssen ungefilterten Bewusstseinsstroms.
Auf Platz des amerikanischen Rankings befindet sich mit der abenteuerlich anmutenden Zahl von 6791 rezensierten Büchern eine gewisse Harriett Klausner. Diese gibt über sich zum Besten, eine ehemalige Bibliotheksangestellte zu sein, die nach ihrem Schritt in die Selbstständigkeit mit dem Rezensieren begonnen habe, zwei Bücher am Tag lese und sich ansonsten um ihre zwei Hunde kümmere.
Bedenklich stimmt aber das offenbar völlig geschwundene Unrechtsbewusstsein der Beteiligten. John Rechy jedenfalls hatte nach seinem erzwungenen Outing kein Problem mit dem eigentlich peinlichen Vorfall. Wenn er im Netz ständig anonym verrissen werden könne, dann sei es doch nur recht und billig, dem auf dem selben Wege entgegenzuwirken. Rechys fröhlicher Abgesang auf eine einklagbare Autorschaft im quasi rechtsfreien Raum des Netzes könnte für ihn auf lange Sicht aber auch negativ ausschlagen. Nicht, weil er sich juristisch gegen einen Betrugsversuch verantworten muss, sondern eher weil geleimte Kunden andere Möglichkeiten haben, ihren Unmut kundzutun: durch Umleitung ihrer heißumworbenen Kaufkraft.

