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Kundenrezensionen bei Amazon: 

Die neue Macht der Autoren

19. Apr 2004 07:56, ergänzt 07:59
John Rechy
Eine technische Panne des Buchhändlers Amazon enthüllte, dass Schriftsteller wie John Rechy dort anonym ihre eigenen Bücher in den Himmel loben. Die Werke von Kollegen werden hingegen verrissen.

Von Ronald Düker

«Das ist eines der besten Bücher, das ich seit Jahren gelesen habe. Es wird dich laut lachen lassen und zum Weinen bringen. Ich bitte dich, erzähl deinen Freunden davon, denn du willst dieses Erlebnis teilen. Wenn sich das extrem anhört, dann, weil Rechy sich hier wirklich austobt. Er wirft einen satirischen Blick auf die Welt und ist doch zugleich bewegt von all ihren verlorenen Seelen. Es ist ein großartiges Buch.»

Dieser Text fand sich bis vor einigen Wochen auf einer Seite der kanadischen Vertretung des Onlinebuchhandels Amazon und kommt als begeisterte Kundenrezension zu John Rechys Roman «The Life and Adventures of Lyle Clemens» daher. Fünf Wertungspunkte unterstrichen den Nachdruck, mit dem ein anonymer «customer from New York City» hier seine Begeisterung für ein offenbar äußerst lesenswertes Buch kundtat.

Eigenlob und Kollegenschelte

Ein zunächst nicht weiter bemerkenswerter Vorgang mit einem allerdings schwerwiegenden Schönheitsfehler: Durch eine Computerpanne bei Amazon war plötzlich auch die Email-Adresse des vermeintlichen Hobbykritikers zu lesen, und es stellte sich heraus, dass dieser hier nicht lediglich über eines der «besten Bücher» sprach, das er «seit Jahren gelesen» habe – nein, es handelte sich um das letzte Buch, das er selbst geschrieben hatte. Der Schriftsteller John Rechy sprach in der dritten Person über sich selbst.

Eine Woche lang dauerte der Störfall auf der kanadischen Seite von Amazon, und er wurde erst behoben, nachdem sich mehrere Autoren von Kundenrezensionen über die Preisgabe ihrer Anonymität beschwert hatten. In der Zwischenzeit aber kam ans Tageslicht, dass es sich bei Rechys vollmundigem Eigenlob nicht um einen Einzelfall gehandelt hatte. Dass sich zahlreiche Schriftsteller zu begeisterten Kritiken ihrer eigenen Werke aufgeschwungen hatten, war aber nur die eine Seite der Medaille. In anderen Fällen zogen Autoren vernichtend über die Bücher ihrer Kollegen her.

Gesteuertes Kaufverhalten

Mit einem Schlag war für die Öffentlichkeit sichtbar geworden, dass die Kundenrezensionen – zumindest auf den kanadischen Seiten von Amazon – nicht lediglich ein Informationsinstrument für interessierte Kunden waren. Hier hatte sich unversehens ein Schlachtfeld, für anonym geführte Literaturfeden aufgetan, in denen das Netz Schriftstellern endlich die Chance bot, sich von der Abhängigkeit von der hergebrachten Literaturkritik zu emanzipieren, und selbstbewusst der unumschränkten Urteilsmacht von Rezensenten entgegenzutreten. Auf einmal schien es möglich zu sein, selbst auf die öffentliche Meinungsbildung über Bücher Einfluss zu nehmen.

Man könnte das alles lediglich als einen bizarren wie typischen Auswuchs einer freien, öffentlichen und wilden Form der Meinungsäußerung im Internet verstehen, wenn Amazon, aufgrund seiner immensen und stetig wachsenden Bedeutung für den Buchmarkt, nicht entscheidend über den Verkaufsrang eines Buches mitbestimmen würde, der für Autoren und Verlage von existenzieller Bedeutung ist. Schließlich, so vermutet man, haben die sogenannten Kundenrezensionen des Onlineversandhauses einen gewichtigen Einfluss auf das Kaufverhalten seiner Kunden.

Komplott der Geistesverwandten

Das Phänomen, dass Schriftsteller eigene Bücher rezensieren, ist nicht neu. John Rechy kann sich hier in der guten Gesellschaft von Anthony Burgess oder Walt Whitman fühlen, der gleich drei anonyme Rezensionen seines Buches «Leaves of Grass» veröffentlicht und diese in der zweiten Auflage des Buches auch noch dreist zitiert hatte.

Neu an Kundenrezensionen im Netz ist wohl eher, dass sich hier ein anderer Ton der Kritik etabliert, den viele Kunden der klassischen Literaturkritik vorziehen. Gerade der oftmals ungehobelte und weniger reflektierte Stil, der das intuitive Geschmacksurteil in den meisten Fällen an die Stelle einer präzisen Analyse setzt, lässt diese Rezensionen als besonders vertrauenswürdig erscheinen. Hier, so scheint es, ist ein Forum von Kunden für Kunden entstanden, das gleichsam einen Komplott von Geistesverwandten ermöglicht: jenseits der Eitelkeiten und intellektuellen Tricks professioneller Kritiker und vorbei an den Werbetexten der Verlage werden Empfehlungen und Warnungen wie aus dem Munde guter Freunde kommuniziert.

Stilistische Eleganz und wilde Ergüsse

In den Gründerjahren des Unternehmens hatte in der amerikanischen Zentrale von Amazon noch ein größerer Stab von eigenen Rezensenten gearbeitet, zumeist ehemalige Zeitungsjournalisten, die in ihrer neuen Aufgabe gefordert waren, die Balance zwischen Kritik und Verkaufsempfehlung zu halten. Diese wurden aber größtenteils entlassen, als das Unternehmen mit gratis gelieferten Kundenrezensionen geradezu überschwemmt wurde, die nun neben professionell produzierten Texten, etwa von «Publisher's Weekly», die Seiten füllen.

Die Kundenrezensionen werden automatisch von einer Software verarbeitet und publiziert, die die Texte auf obszöne und rassistische Begriffe hin scannt und sogar auf falsche Schreibweisen reagiert. Angesichts dieser Minimalzensur reicht die Qualität der Texte, wie James Marcus, ein ehemaliger Amazon-Redakteur, in der «New York Times» schreibt, von hoher stilistischer Eleganz bis hin zu wilden Ergüssen ungefilterten Bewusstseinsstroms.

Zwei Bücher, zwei Hunde

Zwischen diesen Polen bieten Kundenrezensionen Privatleuten aber auch ein Forum, sich zu ungeahnter Prominenz aufzuschwingen. Anders als die bekannten Schriftsteller, die die Anonymität von Decknamen nutzen, um Selbstlob oder Kollegenschelte an den Mann zu bringen, geben diese häufig ihre bürgerlichen Namen an, und erhalten durch Amazon zusätzlich die Möglichkeit, sich mit einer Art Persönlichkeitsprofil bekannt zu machen. Ein Ranking, das über die Anzahl der rezensierten Bücher und die interaktive Funktion eines Kundenfeedbacks auf diese Texte («Fanden Sie diese Rezension hilfreich?») erstellt wird, bildet den Anreiz für Hobbykritiker, möglichst häufig aktiv zu werden.

Auf Platz des amerikanischen Rankings befindet sich mit der abenteuerlich anmutenden Zahl von 6791 rezensierten Büchern eine gewisse Harriett Klausner. Diese gibt über sich zum Besten, eine ehemalige Bibliotheksangestellte zu sein, die nach ihrem Schritt in die Selbstständigkeit mit dem Rezensieren begonnen habe, zwei Bücher am Tag lese und sich ansonsten um ihre zwei Hunde kümmere.

Geschwundenes Unrechtsbewusstsein

Klausner und Rechy haben völlig unterschiedliche Interessen, denen Amazon gleichermaßen entgegenkommt. Während die eine ihrer häuslichen Anonymität zu entkommen versucht, ist der andere aus allzu naheliegenden Gründen gerade am Inkognito der elektronischen Virtualität interessiert. Amazon, das aus technischen Gründen nicht in der Lage ist, den Identitäten seiner Nutzer und Beiträger auf den Grund zu gehen, ist in dieser Sache nichts anzulasten. Die Firma funktioniert so wie das Netz selbst, das sich zu seinen Inhalten gezwungenermaßen indifferent verhalten muss.

Bedenklich stimmt aber das offenbar völlig geschwundene Unrechtsbewusstsein der Beteiligten. John Rechy jedenfalls hatte nach seinem erzwungenen Outing kein Problem mit dem eigentlich peinlichen Vorfall. Wenn er im Netz ständig anonym verrissen werden könne, dann sei es doch nur recht und billig, dem auf dem selben Wege entgegenzuwirken. Rechys fröhlicher Abgesang auf eine einklagbare Autorschaft im quasi rechtsfreien Raum des Netzes könnte für ihn auf lange Sicht aber auch negativ ausschlagen. Nicht, weil er sich juristisch gegen einen Betrugsversuch verantworten muss, sondern eher weil geleimte Kunden andere Möglichkeiten haben, ihren Unmut kundzutun: durch Umleitung ihrer heißumworbenen Kaufkraft.

 
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