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Juden in der Wehrmacht: 

Zwischen Ritterkreuz und Judenstern

13. Apr 2004 07:43
Werner Goldberg, mit seinem Foto verherrlichte die Presse den
Tausende von Männern, die den Nazis als «Mischlinge» galten, dienten in der Wehrmacht. Manch einer überlebte in der Uniform der SS den Krieg, wie «Hitlers jüdische Soldaten» zeigt.

Von Igal Avidan

Heinz-Günther Löwy glaubt an Gott. Der Gnade des Allmächtigen ist er dankbar, den Zweiten Weltkrieg überlebt zu haben – als Sturmmann in der Waffen-SS. «Hätten meine Kameraden gewusst, dass ich Jude bin, hätten sie mich am nächsten Baum aufgehängt», sagte er dem US-Historiker Bryan Mark Rigg. Löwy habe sich seinen Kameraden verbunden gefühlt, da sie sich gegenseitig das Leben gerettet haben. Seine ganze Familie mit Ausnahme seiner Mutter wurde von den Deutschen ermordet. Obwohl er von Vergasungen in Auschwitz wusste, blieb er weiter bei der SS, um zu überleben. Aufgrund seiner Erfahrungen wurde Löwy zum frommen Juden, seine letzte Ruhe will er auf einem jüdischen Friedhof finden.

Für die Nazis war Karl-Heinz Maier ein Jude, weil sein Vater Jude war. Für die Israelis hingegen war er ein Deutscher, weil seine Mutter Deutsche und keine Jüdin war. Maier ist einer von rund 40 Soldaten, die sowohl in der Wehrmacht als auch in den israelischen Streitkräften gedient haben. Ein Dutzend von ihnen hat Rigg in Rahmen seiner Forschungsarbeit befragt. Trotz seiner Verdienste als Major im Unabhängigkeitskrieg 1948 wurde Maier im Judenstaat nicht eingebürgert, da er als Nichtjude galt. Später kehrte er in die Bundesrepublik zurück, wo er das Berliner Büro der Deutschen Welle und die West-Berliner Pressekonferenz leitete.

Von der Wehrmacht nach Auschwitz

Als Peter Scholze Nazi-Deutschland verlassen wollte, hielt ihn seine jüdische Mutter Olga Gertrud davon ab: Er müsse zuerst seinen Wehrdienst leisten. Nachdem er als «Halbjude» von der Wehrmacht entlassen worden war, wandte er sich an seinen wohlhabenden «arischen» Vater in der Hoffnung, einen Arbeitsplatz zu finden, und das, obwohl die Eltern seit mehreren Jahren geschieden waren. Als es während des Gesprächs zu einem Streit kam, schrie ihn der Vater an: «Hinaus mit dir, du dreckiger Jude!»

Historiker Bryan Rigg
Werner Eisner, der im Dienst der Wehrmacht schwer verwundet wurde und dessen Schwiegervater bei der SS war, galt aufgrund seines jüdischen Vaters als «Halbjude». Weil er mit einer «Arierin» geschlafen habe, wurde er im Dezember 1942 wegen «Rassenschande» nach Auschwitz deportiert. Als er selektiert wurde und sich in die Gruppe einreihen musste, die in die Gaskammer ging, zog er ein Foto von sich in Wehrmachtsuniform hervor und schrie: «Jetzt vergast ihr einen Wehrmachtssoldaten!» Ein SS-Mann schaute das Foto an und rettete ihm das Leben. Sein Sohn Michael wanderte nach Israel aus und diente in der israelischen Armee.

Unterschiedliche Motive

«Hitlers jüdische Soldaten» ist die erste umfassende Studie dieser Menschen, die zwischen der deutschen und der jüdischen Welt lebten. Sie beruht auf 430 Interviews mit jüdischstämmigen und einzelnen jüdischen Wehrmachtssoldaten, die Rigg zwischen 1994 und 1997 interviewte. In den darauf folgenden Jahren untersuchte er die Geschichten weiterer 1.200 Soldaten, die zum Teil mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet wurden, während ihre Eltern den Judenstern tragen mussten. Manche von ihnen wurden durch die NS-Verfolgungen zum Judentum gebracht, andere wurden selbst zu Antisemiten, um dadurch ihr Leben zu retten. So heterogen die «Mischlinge» waren, so unterschiedlich waren ihre Motive, in Hitlers Armee zu dienen: Patriotismus, Vertrauen in Hitler, Angst, außerhalb der Armee noch stärker gefährdet zu sein und Opportunismus.

Egon Bahr
Der Wehrmachtsunteroffizier und spätere Bundesminister Egon Bahr hatte unter anderem ganz praktische Gründe: Er konnte Lebensmittelkarten für seine jüdische Mutter besorgen. Sie traute sich nicht mehr auf die Straße, weil sie den Judenstern tragen musste. Ganz anders verhielten sich die Brüder Heinz und Joachim. Heinz ging nämlich zur Gestapo und erklärte, seine Mutter sei «eine Schlampe» und habe als Prostituierte gearbeitet. In Wirklichkeit waren beide Brüder aber von ihrem jüdischen Vater gezeugt worden. «Die Gestapo überprüfte unseren Fall und erklärte uns für deutschblütig», erzählt sein Bruder Joachim. An dieser schweren Prüfung zerbrach seine deutsche Mutter. Beide Brüder – Heinz war Oberscharführer der Waffen-SS und Joachim kämpfte als Unteroffizier – verleugneten ihren jüdischen Vater, um ein leichteres Leben führen zu können. Seinen wirklichen Namen wollte Joachim im Buch nicht benannt haben, zu groß ist anscheinend immer noch seine Scham.

Widersprüchliche Politik

Um seine Forschungszielgruppe zu definieren, musste Rigg NS-Begriffe verwenden, denn von ihnen hing das Schicksal dieser Menschen ab. Für Hitler war das Judentum keine Religion, sondern eine «Rasse», die er «ausrotten» wollte. Als «Halbjuden» deklarierten die Nazis durch die Nürnberger Rassengesetze 1935 Deutsche, die zwei jüdische Großeltern hatten. «Vierteljude» war, wer einen jüdischen Großelternteil hatte. Beide Gruppen galten als «Mischlinge» und wurden teils weniger verfolgt als die so genannten «Volljuden», weil sie die «reine arische Volksgemeinschaft» weniger gefährdeten. Hitlers Rassentheorie stand zum Teil aber im Widerspruch zu seiner Machterhaltung, denn er brauchte die Unterstützung Tausender von «Ariern» in Schlüsselpositionen, deren Verwandten «Mischlinge» waren. Daher war die NS-Politik gegenüber den «Mischlingen» widersprüchlich.

Feldmarschall Erhard Milch wurde erst als
Die drei Phasen der Rassenpolitik gegenüber «Mischlingen» bilden den Kern der systematischen Studie Riggs. So wurden nach der Einführung der Wehrpflicht 1935 «Halb-» und «Vierteljuden» in die Wehrmacht aufgenommen, durften aber keine Vorgesetzte werden. 1940 ordnete Hitler jedoch an, alle «Halbjuden» aus der Armee zu entlassen. Er wollte dadurch verhindern, dass durch ihren Dienst an der Front ihre jüdische Verwandten Vergünstigungen erhielten. 1944, als Deutschland jeden Mann brauchte, wurden sie teilweise wieder rekrutiert. Viele mussten ihre Loyalität jedoch in Strafbataillonen beweisen, aus denen nur selten jemand lebend zurückkehrte. Gleichzeitig gewährte Hitler aber Tausende von «Deutschblütigkeitserklärungen», die «Halbjuden» per Dekret zu «Ariern» machte. In seinem Rassenwahn studierte er über Jahre hinweg immer wieder Photos und Dokumente von Tausenden von «Mischlingen», um persönlich über Ausnahmegenehmigungen zu entscheiden.

Nicht jeder Hakenkreuzträger war ein Nazi

Faszinierend an diesem Buch sind nicht nur die dramatischen Schicksale, die Rigg leider zu kurz in seinen akademischen Text einstreut. Trotz der zahlreichen Fotos, der ausführlichen Anmerkungen und des Namensregisters bleiben die meisten Protagonisten unsichtbar. Denn Riggs Anliegen ist vor allem, die komplizierte und teils widersprüchliche Politik gegenüber den «Mischlingen» – in der Wehrmacht, der Staatsverwaltung, der SS und der NSDAP – zu beleuchten: Nicht jeder, der eine Uniform mit dem Hakenkreuz trug, war ein Nazi. Nicht jeder, der jüdische Vorfahren hatte, fiel den Vernichtungslagern zum Opfer. Nicht jeder deutsche Offizier war ein «reinrassiger Arier», und nicht jeder «arische» Offizier war ein fanatischer Antisemit. «Das Leben im Dritten Reich war komplex», stellt Rigg fest.

Riggs Schlussbemerkung sprengt den Rahmen seiner Studie, ist jedoch eine notwendige Mahnung. Da Hitler den «Mischlingen» so viel Zeit widmete, sagt Riggs, muss er noch viel mehr viel Zeit darauf verwendet haben, die Vernichtung der Juden zu planen.

Bryan Mark Rigg: Hitlers Jüdische Soldaten, Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn, 439 Seiten, 38 Euro.

 
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