Karfreitagsfürbitte: 

netzeitung.deNeuer Respekt für die «treulosen» Juden

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Karfreitagsfürbitte 

Lupe Neuer Respekt für die «treulosen» Juden

1970 wurde die antisemitische Karfreitagsfürbitte im katholischen Ritus abgeschafft. Das hatte jedoch schon 1928 eine katholische Vereinigung vergeblich vom Papst gefordert, wie der Kirchenhistoriker Hubert Wolf jetzt herausgefunden hat.

«Oremus et pro perfidis Judaeis ...» – «Lasset uns beten für die treulosen Juden, dass Gott, unser Herr, wegnehme den Schleier von ihren Herzen, auf dass auch sie erkennen unsern Herrn Jesus Christus.» Seit 1570 ließ die katholische Kirche alljährlich an Karfreitag für die «treulosen Juden» bitten, ohne sich an dieser antisemitischen Formulierung zu stören. 1928 wurden, unter Beteiligung hoher kirchlicher Würdenträger, erstmals Forderungen einer katholischen Vereinigung, der Amici Israel (Freunde Israel) laut, die Karfreitagsfürbitte zu reformieren. Es sollte aber bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil, genauer zum Jahr 1970 dauern, bis sie in Erfüllung gingen.

Der Kirchenhistoriker Prof. Hubert Wolf aus Münster, der im letzten Jahr mit dem renommierten Leibnitz-Preis ausgezeichnet wurde, hat die Akten aus den geheimen Archiven des Vatikans erstmals aufgearbeitet und das jahrzehntelange Ringen um die Karfreitagsfürbitte untersucht.

Netzeitung: Was macht Ihren Fund in den Vatikanischen Archiven so bedeutungsvoll?

Prof. Hubert Wolf: Die Freunde Israels, eine Gruppe von 3.000 Priestern, 328 Bischöfen, Erzbischöfen und 19 Kardinälen, unter ihnen der Münchner Erzbischof Michael von Faulhaber, haben sich 1926 zusammengeschlossen, um die Versöhnung von Juden und Christen, speziell der Katholiken, zu fördern. In einer Zeit, da überall in Europa, nicht nur in Deutschland, Antisemitismus grassierte, entschied sich eine hohe Zahl katholischer Priester und Ordensleute, einen philosemitischen Akzent zu setzen. Sie wollten deutlich machen, dass zwischen Judentum und Katholizismus enge Brücken bestehen, dass man das Neue Testament nicht ohne das Alte lesen kann, dass Jesus selber Jude war und dass man als Christ immer das Jüdische mitsehen muss, wenn man richtiger Christ und Katholik sein wollte. Diese Initiative blieb bis heute weitgehend unbeachtet.

Netzeitung: Die Gruppe existierte nicht lange, aber sie sorgte für Furore?

Wolf: Wir wussten bisher wenig über sie. Allenfalls standen Teilnachlässe zur Verfügung. Der Vatikan hat 2003 vorzeitig die Akten zum Verhältnis Deutschland – Vatikan geöffnet. In den Akten der Glaubenskongregation, der Nachfolgebehörde der Römischen Inquisition- und Indexkongregation, habe ich einen dicken Faszikel über die Amici Israel gefunden, vor allem über ihre Forderung, die Karfreitagsfürbitte bezüglich der Juden grundsätzlich zu reformieren. Das klingt harmlos, aber man darf nicht vergessen, die traditionelle Fürbitte hieß «Oremus et pro perfidis Judaeis», lasst uns beten für die gott- und treulosen, perfiden Juden. Zu dieser Fürbitte gehörte zugleich der Verzicht auf die sonst übliche Formel – «Beuget die Knie und erhebet Euch» – weil die Juden Jesus bei seiner Kreuzigung angeblich durch die Kniebeuge verspottet hätten. Das aber stimmt nach dem Evangelium nicht, weil es römische Soldaten und nicht Juden waren. Die Forderung der Amici Israel schlug 1928 in Rom wie eine Bombe ein.

Netzeitung: Wie ging der Vatikan damals damit um?

Wolf: Er macht das, was er geschäftsmäßig machen muss. Der Papst überweist den Vorschlag an die für die Liturgie zuständige Ritenkongregation. Ein Gutachter, der damalige Benediktinerabt des Klosters St. Paul vor den Mauern, der spätere Kardinal von Mailand und inzwischen seliggesprochene Alfred Schuster, ein exzellenter Kenner der Liturgie, stellt fest, dass die Initiatoren recht haben. «Perfidus» bedeute inzwischen etwas anderes als ursprünglich in der lateinischen Fassung. Damals habe es mit einem Defizit an Glauben zu tun gehabt, jetzt höre man nur das Wort perfide und nicht den Glaubensaspekt heraus, deshalb müsse man die Formel streichen. Die Kniebeuge sei ursprünglich ohnehin vorhanden gewesen. Die Ritenkongregation begrüßte das Votum und sprach sich für die Reform aus.

Netzeitung: Doch die Glaubenskongregation, das Heilige Offizium, hatte das letzte Wort: Nihil esse innovandum – nichts sei zu verändern.

Wolf: Genau. Das Heilige Offizium übernimmt die Kontrolle des dogmatischen Aspekts. Der päpstliche Hoftheologe Marco Sales warnt zunächst lapidar, da könnte ja jeder kommen. Er beharrt darauf, die Liturgie sei so alt, dass man gar nichts ändern kann und soll. Härter wird die Kritik, als sich der Sekretär der Inquisition, Kardinal Merry del Val, damit befaßt. Er räumt ein, dass es einen Antisemitismus gäbe, der zu verurteilen sei. Aber was die Amici wollten, sei nicht mehr die Konversion der Juden, sondern lediglich ihr Übergang vom Reich des Vaters in das Reich des Sohnes. Das sei auf jeden Fall abzulehnen. Del Val führte Argumente an, die sich antisemitisch und antizionistisch lesen. Was machen die Juden, fragt er 1928, wenn sie das Reich Israel wieder aufrichten? Sie werden von dort aus die Kirche vernichten, so seine Antwort. Juden seien in der Öffentlichkeit, in Ämtern und Parlamenten überrepräsentiert. Man müsse aufpassen, dass sie nicht die Übermacht bekämen. Das sind mehr als bedenkliche Positionen, mit denen er die Reform der Karfreitagsfürbitte ablehnt.

Netzeitung: Was macht Papst Pius XI.?

Wolf: Der Papst schließt sich dem Votum an. Die geforderte Reform wird aber nicht einfach nur zurückgewiesen. Die Antragsteller, die Amici Israel und Gutachter Schuster werden vor das Heilige Offizium zitiert und müssen abschwören. Zusätzlich werden die Amici wegen anstößiger Äußerungen als Vereinigung verboten. Der Papst hat aber sofort verstanden, dass ihre Zurückweisung in der Öffentlichkeit als antisemitischer Akt interpretiert werden könnte. Deshalb folgt dem Aufhebungsdekret der Amici sogleich die eindeutige Ablehnung des rassistisch motivierten Antisemitismus, und die Erklärung, dass die Kirche sich immer und überall gegen die Verfolgung der Juden wenden werde. Der wahre Grund für die Erklärung, der Ruf nach Veränderung der Karfreitagsfürbitte, wird jedoch erst gar nicht erwähnt.

Netzeitung: Ein dialektisch-vatikanischer Winkelzug. Kann er die Reform der Fürbitte aufhalten?

Wolf: Sie bleibt unverändert bis 1959. Dann läßt Johannes XXIII. in seinem ersten Karfreitagsgottesdienst als Papst das Wort «perfidis» in der Karfreitagsfürbitte einfach weg und schreibt dies ab 1960 für die ganze Kirche vor. Auch die Kniebeuge lässt er zu. Auf dem Zweiten Vatikanum wird schließlich ganz neu über das Verhältnis von Katholiken und Juden nachgedacht, was dazu führt, dass im Messbuch von 1970, in Deutschland 1975 erschienen, die Karfreitagsfürbitte für die Juden neu lautet: «Lasst uns beten für die Juden, zu denen Gott unser Herr zuerst gesprochen hat. Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu denen sein Ratschluss sie führen will. Beuget die Knie, erhebet Euch.» Das ist eine grundsätzlich neue Auffassung. Während es vorher immer darum ging, die Juden seien auf dem falschen Dampfer und müssten sich bekehren, wenn sie erlöst werden wollten, wird jetzt von einem eigenständigen Heilsweg gesprochen. Das Volk, zu denen Gott als erster gesprochen hat – das ist eine ganz andere Hochschätzung.

Netzeitung: Warum aber haben Pius XI. und später Pius XII. gezögert? Haben die Kritiker recht, die ihnen einen zumindest heimlichen Antisemitismus unterstellen?

Wolf: Weder Pius XI. noch Pius XII. hatten einen Hang zum Antisemitismus. Pius XI. hat gewiß eine historische Chance vertan, als die Entscheidung getroffen wurde. Er glaubte eben, dass man an der Liturgie nichts ändern kann und darf. Antijudaistische Tendenzen, dass zeigt die Debatte um die Karfreitagsfürbitte, waren durchaus vorhanden. Aber grundsätzlich denken die beiden Päpste naturrechtlich. Sie sind davon überzeugt, dass die Kirche Anwalt aller Menschen sein muss, weil, banal gesagt, alle Menschen von Adam und Eva abstammen. Da gibt es keinen Platz für Rassen und rassistische Argumente. Alle Menschen sind in gleicher Weise Geschöpfe Gottes und die Kirche Gottes muss sich für alle in gleicher Weise engagieren.

Netzeitung: Hat sich die Kirche also 1970 ihrer antijüdischen Vorurteile entledigt?

Wolf: Die Initiative von 1928 wurde zwar äußerlich unterdrückt, aber es gab eben sehr viele dem Judentum gegenüber positiv eingestellte Kräfte, die sich mit den Reformen des Zweiten Vatikanums endlich einen Platz in der Kirche erobern konnten. Vielleicht hat die Kirche auch aus ihrem Versagen im Dritten Reich, aus ihrem Zuwenig-Reden, aus ihrem möglicherweise zu geringen Einsatz für die Juden gelernt und vielleicht war der Holocaust ein Grund dafür, sich von diesem fehlerhaften Verhalten zu lösen. Am Ende eines historischen Lernprozesses steht eine von großem Respekt für das jüdische Volk geprägte Neufassung der Fürbitte. Das gemeinsame Erbe von Juden und Christen wird beschworen und endgültig die Verurteilung der Juden als von Gott verflucht abgelehnt.

Mit Professor Wolf sprach Benedict Maria Mülder.