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Antisemitismus und Literatur. Teil zwei: 

Reich-Ranicki trifft Albert Speer

02. Apr 2004 07:56
Marcel Reich-Ranicki
In Teil zwei seines Gesprächs mit Bettina Röhl spricht Marcel Reich-Ranicki über seine Begegnung mit Albert Speer. Der Literaturkritiker nimmt außerdem Stellung zu den im letzten Jahr formulierten Vorwürfen, die Gruppe 47 sei antisemitisch gewesen.

Bettina Röhl: Im letzten Jahr ist von Klaus Briegleb «Mißachtung und Tabu» erschienen, eine Streitschrift zur Frage «Wie antisemitisch war die Gruppe 47?» Er vertritt darin die These, dass die Gruppe 47 antisemitische Tendenzen gehabt habe. Und dies auch, weil sie den Holocaust als Thema ignorierte, gar ausgrenzte. Wie stehen Sie zu dieser These?

Mehr in der Netzeitung:
  • Teil eins des Gesprächs mit Marcel Reich-Ranicki: "Ich habe das Ghetto weggedrängt"
  • Marcel Reich-Ranicki: Was der Briegleb geschrieben hat, ist weitgehend großer Blödsinn. Erstens waren in der Gruppe 47 nicht wenige Juden. Wenn man daran denkt, wie viele Juden es überhaupt damals gab, waren es gar nicht so wenige.

    Wer waren die Juden in der Gruppe 47? Wolfgang Hildesheimer, Peter Weiss, Erich Fried, Jakov Lind, Hans Mayer, und schließlich ich – da haben Sie schon eine ganze Menge. Es haben die Juden, die nicht gerade der Gruppe angehörten, aber als Gäste da waren, gelegentlich aus ihren Büchern gelesen, zum Beispiel Hans Sahl, also ein deutscher Jude, der in Amerika lebte. Und da war noch ein anderer, Michel Stone, aus England, glaube ich. Die Juden, die auf den Tagungen der Gruppe 47 gelesen haben, sind von der Kritik genauso behandelt worden wie alle anderen. Dass Juden auf irgendeine Weise von der Kritik – der mündlichen, es war ja mündlich – auf irgendeine Weise diskriminiert oder benachteiligt wurde, ist absolut ausgeschlossen, ist unwahr. Das ist das Entscheidende.

    Ein anderer Punkt: Klaus Briegleb hat gesagt, es wären manche Juden nicht dabei gewesen. Natürlich nicht. Natürlich waren Hermann Kesten oder Robert Neumann nicht dabei. Das war eine andere Generation. Genauso wie Nicht-Juden wie Luise Rinser oder Rudolf Krämer-Badoni auch nicht dabei waren. Die waren zu alt. Also da ist kein Wort wahr.

    Heinrich Böll
    Nun kommt aber eine andere Sache dazu und die ist viel diffiziler: Der eigentliche Kern der Gruppe waren ja Leute, die im Zweiten Weltkrieg Soldaten der Wehrmacht waren und zum Teil in amerikanischen Kriegsgefangenenlagern gewesen waren. Da waren Leute wie Hans-Werner Richter, wie Alfred Andersch, wie Wolf Dietrich Schnurre, wie Heinrich Böll und viele mehr. Die kamen auch, wie man mir erzählte, in den ersten Jahren der Existenz der Gruppe Ende der vierziger Jahre, Anfang der fünfziger Jahre, noch in Mänteln der Wehrmacht. Das war damals üblich, wenn man sich keinen neuen Mantel leisten konnte.

    Röhl: Wie Helmut Schmidt, von dem es auch heißt, er sei noch im Soldatenmantel zur Universität gekommen.

    Reich-Ranicki: Ja, genau. Und Leute, die also geformt, geprägt wurden durch das Kriegserlebnis, durch die Wehrmacht, wie Christian Ferber, der Sohn der Ina Seidel, der auch dazu gehörte zu dieser Gruppe – für alle diese Leute waren die Juden, ob sie sie gern hatten oder nicht, natürlich irgendwie fremd, aber ich sehe darin noch nichts Antisemitisches.

    Die Juden waren Menschen mit einer anderen Vergangenheit: Hildesheimer war im Krieg in Palästina gewesen und dann Dolmetscher bei den Nürnberger Prozessen, Fried hatte in London während des Krieges als Fabrikarbeiter arbeiten müssen, Peter Weiss war in Schweden – und ich kann mir denken, dass diese Gruppe mit ihrer Erfahrung in der deutschen Wehrmacht abends beim Wein eigentlich lieber unter sich war und nicht so gerne wollte, dass da auch noch die Juden dabei sind, bei denen man aufpassen musste, dass man nicht irgendetwas sagt, was sie eventuell kränken könnte. Das ist alles. Darin sehe ich keine Zeichen des Antisemitismus, sondern eine ziemlich normale Sache und wie gesagt, ich habe – und ich bin nun wirklich für Fragen des Antisemitismus empfindlich – in der Gruppe 47 keine Anzeichen des Antisemitismus gemerkt.

    Und noch ein Punkt: Es ist nie die Frage des Holocaust diskutiert worden. Was soll der Quatsch? Es sind überhaupt keine Fragen diskutiert worden. Es ist auch nicht die Frage der Teilung Deutschlands diskutiert worden, es ist auch nicht die Arbeitslosigkeit diskutiert worden. In der Gruppe sind keinerlei Probleme und Fragen diskutiert worden. Es wurden Texte gelesen. Romankapitel, Gedichte und Novellen und dann wurde darüber geredet. Nur über Texte. Und wer von dem Text abwich, ist von Richter zur Ordnung gerufen worden. Es sollte keine politische Diskussion sein, sondern eine literarische. Wenn Sie wollen, dies ist etwas überspitzt, es wurde diskutiert, ob die Konjunktive richtig waren, und ob die leisen oder die lauten, die hellen oder die dunklen Vokale dominieren.

    Röhl: Paul Celan soll sich beschwert haben, und Ingeborg Bachmann hat laut Briegleb gesagt, die Kritik an ihren Gedichten in der Gruppe 47 seien so schlimm gewesen, dass sie sich wie unter Nazis gefühlt hätte.

    Ingeborg Bachmann
    Reich-Ranicki: Weiß ich nicht. Habe ich nicht von der Bachmann gehört. Bachmann war verliebt in den Celan, und der Celan hat dort gelesen und ist durchgefallen. Weil die Gruppe 47 für seine Poesie, die überhaupt nichts mit der damaligen deutschen zu tun hatte, kein Verständnis hatte. Sie hat damals mit ihm geschlafen. Was wollen Sie? Natürlich hat sie ihn verteidigt. Das war auch kein Philosemitismus und kein Antisemitismus, sondern Erotik.

    Röhl: Gab es unter den jüdischen Schriftstellern auch eine Solidarität?

    Reich-Ranicki: Nein. Erich Fried und ich haben uns kennen gelernt. Wir waren auch bei ihm in London, er war auch bei uns. Ich hatte, als wir in Hamburg lebten, überhaupt keine Kontakte zu Juden. Wir haben mal Rolf Liebermann im Theater guten Tag gesagt oder Ida Ehre. Aber die Juden haben sich auch um mich nicht gekümmert, es gab übrigens nur wenige. Auch in Frankfurt habe ich mich nie um die Juden gekümmert. Ich war nie Mitglied in der jüdischen Gemeinde.

    Röhl: Ganz anders als Ignatz Bubis.

    Reich-Ranicki: Genau. Ja.

    Röhl: Sie und Ignatz Bubis, der 1999 gestorben ist und lange Jahre der Vorsitzende des Zentralrats der Juden war, haben, so unterschiedlich Sie sind, eine Gemeinsamkeit: Sie beide sind nie als Opfer aufgetreten. Oder sehen Sie das anders?

    Teofila und Marcel Reich-Ranicki
    Reich-Ranicki: Nein, ich sehe es gar nicht anders. Es gibt einen Unterschied zwischen Bubis und mir. Einen ganz gewaltigen von anderen abgesehen. Bubis hielt sich viele Jahre lang für einen Deutschen und ich nie. Ich war kein Deutscher und ich bin kein Deutscher. Und wenn das jemand vermutet oder sagt, weise ich dies weit von mir, und lasse mich auch nicht vereinnahmen. Deswegen sind mir viele Enttäuschungen erspart geblieben, die Bubis und seine Frau erlebten. Bubis war schon entsetzt, als ihn die arme (Frankfurter Oberbürgermeisterin) Petra Roth gefragt hat: Sehen wir uns nächste Woche bei Ihrem Botschafter, das hieß den Botschafter Israels in Bad Godesberg. Verstehen Sie?

    Mir werden solche Fragen nicht gestellt. Aber ich habe mich nie als Deutscher gefühlt und niemand kann mir mein Deutschtum bestreiten – das gibt's nicht. Mein Deutschtum besteht nur in meiner tiefen, ein Leben währenden Beschäftigung mit der deutschen Literatur. Ich benutze das Wort deutsch für meine Person nur als Adjektiv. Ich bin ein deutscher Literaturkritiker oder wie Sie wollen. So sieht's aus.

    Röhl: Sie waren nie in einer jüdischen Gemeinde.

    Reich-Ranicki: Nein, in keiner jüdischen Gemeinde, weder vor dem Krieg, während des Krieges oder nach dem Krieg. Ich habe während des Krieges in der jüdischen Gemeinde in Warschau als Übersetzer gearbeitet. Im so genannten Judenrat. Das steht ja auch in dem Buch genau beschrieben, aber ich war nie Mitglied der jüdischen Gemeinde, und das letzte Mal bei einem jüdischen Gottesdienst war ich vor 70 Jahren. Ich habe ein ganz negatives Verhältnis zu allen Religionen auf Erden.

    Röhl: Es gab ein Theaterstück, das in Frankfurt 1985 uraufgeführt werden sollte, «Der Müll die Stadt und der Tod».

    Reich-Ranicki: Das Fassbinderstück, bei dem Bubis und seine Frau auf der Bühne standen und protestierten.

    Röhl: Sie haben dieses Ereignis als Literaturkritiker der «FAZ» sicherlich miterlebt.

    Reich-Ranicki: Ja, ich war an dem Abend da. Ich war bei der Aufführung dabei.

    Röhl: Wie ist Ihre Meinung zu diesem Stück? Und wie ist Ihre Meinung zu diesem Streit gewesen – Bubis und die jüdische Gemeinde haben sich dagegen gewehrt, dass dieses Stück aufgeführt wird.

    Rainer Werner Fassbinder
    Reich-Ranicki: Es war falsch, ein Fehler und eine Dummheit, dass der Intendant des Theaters in Frankfurt, Günther Rühle, mit dem ich viele Jahre in der «FAZ» zusammengearbeitet habe, dieses Stück aufführen ließ. Und der Haupteinwand von mir gegen dieses Stück lautet: Es ist ein so schlechtes Stück. Es ist miserable Literatur. Es ist hingerotzt und es ist überhaupt nicht der Rede wert. Ich wollte bei dieser Generalprobe, dieser öffentlichen, einmaligen Aufführung des Stückes etwas tun, damit das Stück doch aufgeführt werden kann. Es sind ja die Vertreter der jüdischen Gemeinde auf die Bühne gegangen mit Transparenten und haben dagegen protestiert und es verhindert.

    Naja, und nachdem die Vorstellung seit Stunden nicht begonnen hatte, ging ich auf die Bühne und habe – leise – mit Bubis verhandelt. Und sagte ihm: Ihr habt bewiesen, dass Ihr die Vorstellung verhindern könnt, Ihr verhindert Sie nun schon zwei Stunden. Es reicht. Es sind hier viele Journalisten, auch Journalisten aus dem Ausland, und alle wollen das sehen, um sich zu überzeugen, was das eigentlich ist. Bitte gebt die Bühne frei. Bubis hat mir eine Antwort gegeben, die jede Diskussion beendet hat. Er hat gesagt: Und wenn wir bis 6 Uhr früh hier stehen, wir gehen nicht von der Bühne, wir bleiben hier. Denn es ist ein Beschluss der Gemeinde, dass wir diese Vorstellung verhindern sollen, also kann ich nichts machen. Ich kann Ihren Wunsch nicht erfüllen, ich bin gebunden an diesen Entschluss. Da bin ich runter gegangen und habe mich wieder ins Publikum gesetzt.

    Teofila Reich-Ranicki: Und wurde es gespielt?

    Reich-Ranicki: Nein. Das heißt, es wurde dann viel später ein einziges Mal gespielt. Ich habe es gesehen. Es ist ein ganz schlechtes Stück, Sie können es sich nicht vorstellen. So ein Mist. Nirgends auf der Erde hat man das Stück aufgeführt. In New York hat man es dann noch einmal versucht, in einem kleinen schäbigen Theater, doch die Aufführung blieb leer – man hat es nach zwei Vorstellungen abgesetzt.

    Röhl: Die Geschichte ist historisch interessant...

    Reich-Ranicki: Es war das erste Mal, dass Juden so öffentlich protestierend aufgetreten sind, und es gibt ein Wort von Rühle, das in dem Zusammenhang von großer Bedeutung ist. In einer Funkdiskussion mit Bubis hat er gesagt: Die Schonzeit ist vorbei. Haben Sie kapiert? War ein dolles Wort. Die Schonzeit (gemeint war: für die Juden) ist vorbei.

    Röhl: Nicht von ungefähr ist Fassbinders Drehbuch «Der Müll, die Stadt und der Tod» von Suhrkamp schon 1976 wegen «antisemitischer» und «linksfaschistischer» Stellen vom Markt genommen worden. Das Stück handelte vom Häuserkampf in Frankfurt in den Siebziger Jahren. Einer der besonders traktierten Grundstücksbesitzer war damals Ignatz Bubis, der ein paar Jahre zum bevorzugten Feind der Frankfurter Gewaltszene geworden war. Deshalb verstehe ich, dass Bubis sich durch das Stück angegriffen fühlte. Er war angegriffen.

    Reich-Ranicki: Bubis war das Vorbild für die Figur «Der reiche Jude». Die einzige Figur im Stück, die keinen Namen hatte. Der reiche Jude. Ein Typ.

    Röhl: Ist das Antisemitismus?

    Reich-Ranicki: Ja, natürlich war das ein antisemitisches Stück. Selbstverständlich. Na, was denn sonst? Und Bubis ist von Rühle gebeten worden, das Stück nicht zu verhindern. Der Rühle ist umgekehrt vom damaligen Frankfurter Oberbürgermeister Wallmann bekniet worden. Der sagte zu Rühle: Machen Sie das doch nicht. Wir sind die Partnerstadt von Tel Aviv. Verzichten Sie doch auf das Stück! «Nein», sagte Rühle.

    Röhl: Aus der Sicht von Ignatz Bubis, den ich unter anderem zu diesem Stück 1999, ganz kurz vor seinem Tod, ausführlich interviewt habe, war das ein offener linker Antisemitismus. Man kennt immer den Antisemitismus von rechts.

    Reich-Ranicki: Nein. Nein. Joachim Fest hat damals diesen Fehler gemacht. Er hatte in der «FAZ» geschrieben: Der linke Fassbinder hat das Stück geschrieben. Nur war Fassbinder nie links in seinem Leben. Er hat mit den Linken nichts im Sinn gehabt. Jeder der rüpelhaft war, wurde für links gehalten.

    Röhl: Hatten Sie je etwas mit der Szene in Frankfurt um Joschka Fischer und Cohn-Bendit zu tun? Ich frage dies, weil Sie in Frankfurt vor einem Jahr im Schauspielhaus in dem Theaterstück des inzwischen verstorbenen Kabarettisten Matthias Beltz waren: «Die Frankfurter Verlobung». Wie man überall lesen konnte, waren Sie von dem Stück begeistert.

    Reich-Ranicki: Es hat mir sehr gefallen. Es stand sogar in der «Bild»-Zeitung, dass ich ein zweites Mal in die Aufführung gegangen bin.

    Matthias Beltz
    Röhl: Es geht in dem Stück um die linksradikale Vergangenheit von Beltz und Joschka Fischer in den Siebziger Jahren. Matthias Beltz tritt in der Person des «Gerhard», einem Rechtsanwalt mit linksradikaler Vergangenheit quasi selber auf die Bühne, «Bille» ist eine Weggefährtin, mit der er sich verloben will. «Johannes» tritt als Sohn von «Bille» als rebellierendes 68er-Kind auf. «Mascha», seine Freundin, ist TV-Journalistin. Sie will alles über die linksradikale Vergangenheit des «Ministers» wissen. Hinter dieser Figur, die in dem Stück nie auftaucht, verbirgt sich unverschlüsselt Außenminister Fischer. «Gerhard» erzählt «Mascha» in einem langen Monolog von einem Molotowcocktailanschlag von 1975, bei dem ein Polizist lebensgefährlich verletzt wurde. Wussten Sie, dass meine Person in dem Stück als eben diese Journalistin Mascha vorkommt?

    Reich-Ranicki: Mascha, in diesem Stück?

    Röhl: Ja. Ich hatte Beltz vor ein paar Jahren mehrfach und intensiv interviewt und ihm dabei im Scherz erzählt, dass ich ein echtes «Kommunistenkind» sei, da beide Eltern viele Jahre aus Moskau finanziert worden waren. Daher kam er wohl darauf, mich als Russin, als «Stalins Tochter», wie es in dem Stück heißt, zu verfremden. Was mochten Sie an dem Stück so sehr, dass Sie mit Ihrem Wohlgefallen damals in allen Medien zitiert wurden?

    Reich-Ranicki: Es hat mich interessiert, als zeitkritisches Stück, das die Atmosphäre jener Jahre auf der Bühne zeigte. Es war auch sehr gut gespielt, der Schauspieler, der den Beltz spielte, Edgar Selge, und seine Frau, Franziska Walser, waren beide sehr gut.

    Röhl: Und der Inhalt?

    Reich-Ranicki: Liebe, das ist eine Weile her, seit ich das gesehen habe. Das kann ich nicht beurteilen, ich kenne das Milieu nicht so genau. Ich weiß es nicht. Mich hat das Stück sehr interessiert und die Aufführung auch. Ich habe eine Stück Zeitgeschichte und auch Frankfurter Geschichte in dem Stück gesehen. Schluss.

    Röhl: Sie selber sind vor zwei Jahren das Vorbild für eine Romanfigur geworden.

    Reich-Ranicki: Jetzt wollen Sie über Martin Walser reden. Langweilen Sie mich nicht.

    Röhl: Was sagen Sie dazu, dass der Suhrkamp Verlag sich hinter seinen Autor Walser gestellt hat und das Buch sogar ein Verkaufserfolg wurde?

    Reich-Ranicki: Na ja, hören Sie zu! Bei so einer Affäre, das ist natürlich eine dolle Werbung. Der Verlag hat da solche halbherzigen Maßnahmen ergriffen. So gab es keine einzige Anzeige dieses Buches. Der Verlag hat es nicht inseriert, nirgends, kein einziges Mal. Die Ulla Berkewicz hat sich damals zurückgezogen. Sie hat die Entscheidung dem Berg überlassen. Der Günther Berg ist inzwischen rausgeschmissen aus dem Verlag, aber er hat das damals so entschieden. Eine Kritik von Joachim Kaiser in der «Süddeutschen» hat dabei stark mitgewirkt. Ja, ein Autor rächt sich.

    Röhl: Sie sagen Rache, aber war denn Herr Walser wirklich ein literarisches Opfer von Ihnen?

    Martin Walser
    Reich-Ranicki: Nein, ich habe ja manche Bücher von ihm gelobt und gerühmt. Manche habe ich verrissen. Aber er war wütend. Er fand, dass ich sein Unglück sei. Er wollte sich rächen und er hat ausdrücklich erklärt, dass er diese Rache lange vorbereitet hat. Es war ein Racheakt, und ein Racheakt, bei dem eindeutig in dem Roman die Figur ein Jude ist. Es wurden antisemitische Ressentiments bedient von dem Roman: ein Jude, der nicht deutsch sprechen kann, alles, was Sie wollen. Ich fand das Buch infam und niederträchtig und der Walser ist eigentlich nicht mehr salonfähig.

    Röhl: Als Sie Anfang der siebziger Jahre in Frankfurt bei der «FAZ» als Literaturchef begannen, hat Sie «FAZ»-Mitherausgeber Joachim Fest zu der Präsentation seines Buches «Hitler. Eine Biographie» nach Berlin eingeladen. Dort sind Sie und Ihre Frau Albert Speer begegnet. Ich empfinde diese Begegnung als eine der ungeheuerlichsten Erlebnisse in dem Buch überhaupt, diese Zusammenführung auf einem Parkett, wo Albert Speer nicht als Kriegsgefangener oder als Verbrecher vor Ihnen stand, sondern quasi als eingeladener…

    Reich-Ranicki: Als Ehrengast! Was wollen Sie von mir wissen? Es steht alles in meinem Buch!

    Röhl: Ich finde, dass dieser Punkt keine angemessene öffentliche Beachtung gefunden hat, wenn ich das sagen darf. Ist das von Joachim Fest eine Art Koketterie gewesen? Wollte er wissen: Wie reagieren die jetzt?

    Reich-Ranicki: Ich bin überzeugt, dass Joachim Fest sich überhaupt nicht dessen bewusst war, was er mir damit angetan hat. Und ich bin überzeugt, dass es für Joachim Fest eine Ehre war, dass eine so historische Persönlichkeit wie Albert Speer bei der Präsentation seines Buches zugegen war.

    Röhl: Okay, wenn er in Handschellen dort gestanden hätte, in einer Ecke.

    Reich-Ranicki: (lacht) Ich verstehe Sie. Er war ein eleganter Herr ohne Handschellen. Sehr elegant, dezent angezogen, überaus höflich. Eingeladen wurde er von Wolf Jobst Siedler. In dessen Wohnung fand ja die Sache statt. Und der Siedler scharwenzelte um ihn her, um den Ehrengast.

    Röhl: Er bekam die Aufmerksamkeit, er war der Mittelpunkt.

    Reich-Ranicki: So war's.

    Teofila Reich-Ranicki:So war's.

    Röhl: Es gibt kein angemessenes Mittel, darauf zu reagieren. Was macht man in dieser Situation?

    Albert Speer als Angeklagter in Nürnberg
    Reich-Ranicki: Wissen Sie, die Sache war die, dass ich mir einen Augenblick überlegt habe, wie ich reagieren soll. Und da kam von hinten oder von der Seite Siedler und führte mich hin zu ihm, ganz schnell ging das. Ich war schon da! Ich hatte von ihm fünf, sechs Schritte entfernt gestanden – und nun stand ich direkt vor ihm und er grüßte mich. Er war schon darauf aufmerksam gemacht worden, dass da noch ein Jude übrig geblieben ist und jetzt da ist, den er gleich sehen wird.

    Röhl: Er war bestimmt vorher informiert worden.

    Reich-Ranicki: Bestimmt war er das, das weiß ich. Natürlich! Er war vorbereitet. Er war zu mir auf übertriebene Weise höflich.

    Teofila Reich-Ranicki: Natürlich!

    Röhl: Das sprengt den Rahmen, wenn so einer geladen wird als Ehrengast, dann gibt es keine Handlungsmöglichkeiten mehr.

    Reich-Ranicki: Ja. Und denken Sie an die Äußerung von ihm, die ich zitiere! Das Buch war ja aufgebahrt auf einem Pult mit Samt bezogen und er kuckte auf das Buch und dann nach oben und sagte: ER hätte seine Freude dran. Ja, ER, Adolf Hitler.

    Röhl: Sie haben beschrieben, dass Ihre erste Begegnung mit der 68er-Bewegung 1967 war, als die Gruppe 47 in der Nähe von Erlangen tagte.

    Reich-Ranicki: Die sind zu der Tagung gekommen, wo wir uns getroffen hatten, und haben sich vor das Haus gestellt und haben gebrüllt: Die Gruppe 47 ist ein Papiertiger! So ein Blödsinn. Es waren Studenten, die wussten nicht, was sie redeten, und einige Schriftsteller wie Erich Fried und Martin Walser versuchten, Reden zu halten und die zu beruhigen. Später, als ich über diese Tagung in der «Zeit» schrieb, habe ich aus der Sicht dieser Leute den großen «Fehler» begangen, dass ich nur über die Tagung, nicht aber über diesen Zwischenfall schrieb. Ich hielt ihn nicht für bedeutsam. Fried und Walser und einige andere versuchten die Studenten zu verstehen und sich ihnen anzupassen. Ich halte das für falsch.

    Röhl: Zehn Jahre später schrieb Erich Fried ein «Gedicht» über die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback 1977 durch die RAF. Es erschien in der «FAZ». Erich Fried fasste in dieses Gedicht die klammheimliche Freude der Sympathisanten am Mord an Buback zusammen – war das Literatur?

    Reich-Ranicki: Nein, es war ein widerliches Gedicht. Ich entsinne mich noch. Ich hatte Kummer genug wegen dieses Gedichtes. Ich musste die Zusammenarbeit der «FAZ» mit Erich Fried jedenfalls zeitweilig unterbrechen.

    Röhl: Wegen dieses Gedichtes?

    Reich-Ranicki: Wenn ich das nicht getan hätte, hätte ich eine Weisung bekommen. Und ich wollte keine Weisung von den Herausgebern bekommen. Ich habe von mir aus abgebrochen und der Herausgeber Reißmüller hat es mir noch sehr verübelt und gesagt, was solle denn das Wort «einstweilen» bedeuten. Nun, das sollte nur bedeuten, dass die deutsche Literaturgeschichte keine lebenslänglichen Urteile kennt. Ich habe auch noch gesagt: Die «FAZ» hat manchem Journalisten seine Vergangenheit großzügig verziehen. Ich meinte Karl Korn, der viele Jahre lang Herausgeber für Kultur war und der im Dritten Reich die schreckliche «Jud Süss»-Kritik geschrieben hatte, und es waren noch andere Nazis in den frühen Jahren in der «FAZ». Es war ein widerliches, törichtes, dummes Gedicht. Erich Fried war kein sehr kluger Mensch, aber begabt war er schon. Er hat auch manch gutes Gedicht geschrieben.

    Röhl: Wie stehen Sie zu den 68ern?

    Reich-Ranicki: Da sind Sie bei mir an der falschen Adresse. Ich bin in die BRD 1958 gekommen. Ich habe an keiner einzigen Demonstration teilgenommen, an keiner einzigen politischen Versammlung, Kundgebung und dergleichen. Mich haben interessiert: Heinrich Böll, Max Frisch, Ingeborg Bachmann, Friedrich Dürrenmatt, aber nicht die DKP und 68er-Bewegung. Ich habe das, was sich hier in Frankfurt abgespielt hat, aus Hamburg aus großer Distanz gesehen und den Eindruck gehabt, das ist die Freizeitbeschäftigung der Wohlstandskinder gewesen. Die Aufmärsche haben mich an meine Kindheit und Jugend in der Nazizeit erinnert.


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