Wahlkampf in den USA: 

netzeitung.deWahlen zwischen Paris und Texas

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John Kerry am Dienstag in Charleston (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe John Kerry am Dienstag in Charleston
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Viele Franzosen sympathisieren mit dem demokratischen Präsidentschafts-Kandidaten, das Weiße Haus dreht Kerry einen Strick daraus: Er sehe «französisch» aus, heißt es nun.

Von Anjana Shrivastava

Franklin Delano Roosevelt erzählte Charles de Gaulle einmal, dass seine Familie «jeden Sommer in Frankreich» verbringe. De Gaulles Antwort beschränkte sich auf den blasierten Hinweis, seine Familie halte sich «schon seit tausend Jahren» in Frankreich auf. Ein halbes Jahrhundert später bietet sich ein anderes Bild: Viele Franzosen sind mit den früheren Sommeraufenthalten eines anderen amerikanischen Aristokraten sehr zufrieden. Der demokratische Präsidentschaftskandidat John F. Kerry hat nämlich als Kind viele Urlaube in der Sommerresidenz seiner Familie in St. Briac-sur-Mer verbracht.

Sogleich vernimmt man im fernen Washington die Stimme eines anonymen Funktionärs aus dem Weißen Haus, der bemerkt, Kerry sehe französisch aus. Der Direktor des Amerika-Zentrums am Französischen Institut für Internationale Beziehungen in Paris, Guillaume Parmentier, erzählt der «New York Post» indessen, seine Landsleute empfänden George Bushs generelles Erscheinungsbild als «nicht-präsidential». Auf die Frage, ob Herr Kerry nun französisch aussehe, oder nicht, antwortet Parmentier nur: «Wie ein Texaner sieht er jedenfalls nicht aus.» Finden die nächsten Wahlen also zwischen Paris und Texas statt?

Französischer Cousin steht zu Kerry
Viele Franzosen melden sich bereits bei der Pariser Niederlassung der amerikanischen «Demokraten im Ausland», um dort Wahlkampfspenden für John Kerry abzugeben. Die «Demokraten im Ausland» müssen solche Angebote natürlich ablehnen, peinlich bleibt der Vorgang für die Partei zuhause in Amerika allemal. Der Bürgermeister von St. Briac-sur-Mer, der 58-jährige Brice Lalonde, hat hingegen guten Grund, einen «Kerry for President»-Aufkleber am Auto zu führen: Er ist Kerrys Cousin und er erinnert sich daran, wie Kerry früher die Spiele der Kinder organisiert hat und überhaupt die Gang in der Sommerfrische anführte.

Beide spielten zusammen auf dem Anwesen, wo ihr Großvater mütterlicherseits, James Grant Forbes, ein international tätiger Anwalt und Banker, ein Haus gebaut hatte, und die amerikanische Familie immer wieder gern den französischen Sommerurlaub verbrachte. John Kerry war inzwischen aber bereits seit zwanzig Jahren nicht mehr in dem Städtchen in der Bretagne, selbst eine große Familienfeier im letzten Jahr ließ er aus: Damals waren die transatlantischen Unstimmigkeiten und Spannungen am größten. Heute ist er damit beschäftigt, einen Pressebericht zu dementieren, in dem er mit der Aussage zitiert wird, ausländische Regierungschefs hätten ihre Präferenzen für den demokratischen Kandidaten bereits deutlich gemacht.

Die Bedeutung der internationalen öffentlichen Meinung für amerikanische Politik ist durch die Wahlen in Spanien erneut ins Bewusstsein gerückt. Das strategische Balancieren mit internationaler Unterstützung durch den Kandidaten Kerry ist daher so heikel, wie der Wahlentscheid in den USA knapp zu werden verspricht. Ersteres ist dennoch nichts Neues, die transatlantischen Beziehungen zwischen dem alten Europa und der Neuen Welt waren immer schon prekär. Im Jahr 1791 etwa beauftragte George Washington seinen revolutionären Freund, den Franzosen Pierre Charles L’Enfant, mit der Erstellung eines Masterplans für Washington. Die barocken Strukturen, zeremoniellen Räume und langen radialen Boulevards, die Washington heute definieren, gehen tatsächlich auf L’Enfants Konto.

Von Paris nach Texas
Weil der Architekt L’Enfant aber die Herausgabe seiner Pläne vorab verweigerte, weil er den Rausch fürchtete, der für die amerikanische Spekulation mit städtischem Grund und Boden typisch ist, wurde er gefeuert. Sein amerikanischer Assistent erntete hernach die Lorbeeren für die Pläne. George Washington selbst aber wurde mehr und mehr zum Repräsentanten des britischen Ideals eines monarchischen Präsidenten. Sein Nachfolger Thomas Jefferson wurde von seinen Zeitgenossen hingegen als eher französisch, beinahe napoleonisch empfunden. Ihm schien das Ideal der natürlichen Rechte näher zu stehen.

Ein britischer Botschafter kritisierte Thomas Jefferson daher einmal für sein «schlampiges Erscheinungsbild». In der Tat kleidete sich Jefferson absichtlich wie die Jäger und Trapper, die damals den Weg nach Westen bahnten. In den folgenden Dekaden kam aber auch das als fürstliches Glanzstück konzipierte Washington langsam in der Ära des gemeinen Mannes an. Unter Andrew Jackson, der für die gewaltsame Umsiedlung der Indianer verantwortlich war, verwandelte sich Washington in eine eher ländlich erscheinende Stadt, die tatsächlich eher an Texas erinnerte als an die imperiale Atlantikküste.