Wahlkampf in den USA:
Wahlen zwischen Paris und Texas
18.03.2004
Herausgeber: netzeitung.de
Franklin Delano Roosevelt erzählte Charles de Gaulle einmal, dass seine Familie «jeden Sommer in Frankreich» verbringe. De Gaulles Antwort beschränkte sich auf den blasierten Hinweis, seine Familie halte sich «schon seit tausend Jahren» in Frankreich auf. Ein halbes Jahrhundert später bietet sich ein anderes Bild: Viele Franzosen sind mit den früheren Sommeraufenthalten eines anderen amerikanischen Aristokraten sehr zufrieden. Der demokratische Präsidentschaftskandidat John F. Kerry hat nämlich als Kind viele Urlaube in der Sommerresidenz seiner Familie in St. Briac-sur-Mer verbracht.
Sogleich vernimmt man im fernen Washington die Stimme eines anonymen Funktionärs aus dem Weißen Haus, der bemerkt, Kerry sehe französisch aus. Der Direktor des Amerika-Zentrums am Französischen Institut für Internationale Beziehungen in Paris, Guillaume Parmentier, erzählt der «New York Post» indessen, seine Landsleute empfänden George Bushs generelles Erscheinungsbild als «nicht-präsidential». Auf die Frage, ob Herr Kerry nun französisch aussehe, oder nicht, antwortet Parmentier nur: «Wie ein Texaner sieht er jedenfalls nicht aus.» Finden die nächsten Wahlen also zwischen Paris und Texas statt?
Beide spielten zusammen auf dem Anwesen, wo ihr Großvater mütterlicherseits, James Grant Forbes, ein international tätiger Anwalt und Banker, ein Haus gebaut hatte, und die amerikanische Familie immer wieder gern den französischen Sommerurlaub verbrachte. John Kerry war inzwischen aber bereits seit zwanzig Jahren nicht mehr in dem Städtchen in der Bretagne, selbst eine große Familienfeier im letzten Jahr ließ er aus: Damals waren die transatlantischen Unstimmigkeiten und Spannungen am größten. Heute ist er damit beschäftigt, einen Pressebericht zu dementieren, in dem er mit der Aussage zitiert wird, ausländische Regierungschefs hätten ihre Präferenzen für den demokratischen Kandidaten bereits deutlich gemacht.
Die Bedeutung der internationalen öffentlichen Meinung für amerikanische Politik ist durch die Wahlen in Spanien erneut ins Bewusstsein gerückt. Das strategische Balancieren mit internationaler Unterstützung durch den Kandidaten Kerry ist daher so heikel, wie der Wahlentscheid in den USA knapp zu werden verspricht. Ersteres ist dennoch nichts Neues, die transatlantischen Beziehungen zwischen dem alten Europa und der Neuen Welt waren immer schon prekär. Im Jahr 1791 etwa beauftragte George Washington seinen revolutionären Freund, den Franzosen Pierre Charles LEnfant, mit der Erstellung eines Masterplans für Washington. Die barocken Strukturen, zeremoniellen Räume und langen radialen Boulevards, die Washington heute definieren, gehen tatsächlich auf LEnfants Konto.
Ein britischer Botschafter kritisierte Thomas Jefferson daher einmal für sein «schlampiges Erscheinungsbild». In der Tat kleidete sich Jefferson absichtlich wie die Jäger und Trapper, die damals den Weg nach Westen bahnten. In den folgenden Dekaden kam aber auch das als fürstliches Glanzstück konzipierte Washington langsam in der Ära des gemeinen Mannes an. Unter Andrew Jackson, der für die gewaltsame Umsiedlung der Indianer verantwortlich war, verwandelte sich Washington in eine eher ländlich erscheinende Stadt, die tatsächlich eher an Texas erinnerte als an die imperiale Atlantikküste.

