Christoph Heins 'Landnahme': 

netzeitung.deDie Sitten der Provinz

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Christoph Hein (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Christoph Hein
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Christoph Heins DDR-Roman «Landnahme» beschreibt den Lebensweg eines schweigsamen Mannes. An den Kollektivierungsmaßnahmen der SED nimmt er nicht aus Überzeugung, sondern aus Rache teil.

Von Manuel Karasek

Als der Roman «Die Verteidigung der Kindheit» von Martin Walser 1991 erschien, erntete der Autor landesweit Lob, ja wurde nahezu von der Literaturkritik besungen: Walser habe mit diesem Buch den Roman über die deutsche Einheit geschrieben. Der Autor schilderte in seinem 500-seitigen Werk das Schicksal des unscheinbaren Alfred Dorn, eines Mannes, der während der Fünfzigerjahre in Dresden aufwächst, Jura studiert, in den Westen der Republik flüchtet, dort keine große Karriere macht, und am Ende, ohne je einen wirklichen Gegner oder einen wahren Freund gehabt zu haben (von Frauen ganz zu schweigen), einsam und still stirbt.

Ein Lamm, so die letzte Verfügung Dorns, soll seinen Grabstein zieren. Vielleicht erinnerte sich der eine oder andere, als er diese anrührende Stelle las, an das Johannesevangelium: «Seht, da ist das Lamm Gottes.»

Exemplarisches Mittelmaß
Wirft man nun den Blick auf die Literaturkritiken, die in den letzten Wochen zu Christoph Heins Roman «Landnahme» erschienen sind, dann befällt einen leiser Argwohn: In der «Süddeutschen Zeitung» etwa heißt es, dass «alle» von Christoph Hein das «große Wende-Epos» erwartet hätten. Nun sei es zwar da, aber was für eine Enttäuschung breite sich vor dem Leser aus: Statt großer Geschichten bekomme man «hölzerne Dialoge» – die Hauptfigur in «Landnahme» ist übrigens Tischler –, und statt große deutsche Geschichte präsentiert zu bekommen, erhalte man «graues Mittelmaß». Das Fazit der Rezensentin fällt entsprechend aus: «Das, was uns eint», sei eben kein Stoff für große Literatur.

Einmal abgesehen von wenigen Ausnahmen waren sich die Rezensenten einig: Einiges an dem Buch von Hein sei gelungen, manches jedoch nicht. Erzählerischer Aufwand und Pointen stünden im Missverhältnis, heißt es etwa in der «Neuen Zürcher Zeitung». Christoph Hein erzählt in «Landnahme» die Geschichte von Bernhard Haber, der Ende der Vierzigerjahre mit seinen Eltern aus Schlesien in eine sächsische Kleinstadt flüchtet. Der Vater hat in russischer Kriegsgefangenschaft seinen rechten Arm eingebüßt, nun baut er sich in einer fremden Umgebung eine Tischlerwerkstatt auf.

Kein Opportunist
In Guldenberg werden die Umsiedler nicht gerne gesehen und man würde sie am liebsten fortjagen. Guldenberger Bürger zünden den kleinen Betrieb des Vaters an, in der Schule erklärt ein Mathematiklehrer, die Umsiedler würden einer armen Stadt doch nur den letzten Pfennig rauben. Bernhard lernt die Feindseligkeit seiner neuen Nachbarn noch genauer kennen: Sie vergiften seinen Hund und durch eine unglückliche Verkettung von Zufällen stirbt sein Vater eines gewaltsamen Todes.

Der 1944 geborene Hein erzählt uns über einen Zeitraum von 50 Jahren das Werden eines Burschen, der nicht viel redet und sonst auch der Mann ohne Eigenschaften zu sein scheint. Kaum aus der Schule heraus, schließt sich Bernhard Haber den Kommunisten an, ohne von ihrem Programm überzeugt zu sein. Mitte und Ende der Fünfzigerjahre spielt er eine aktive Rolle bei der Zwangsenteignung der Bauern. Man könnte jetzt meinen, in dem Roman den Weg eines Opportunisten zu verfolgen, doch weit gefehlt: Haber nimmt an der Enteignung lediglich teil, weil einer der Bauern die Familie, als sie gerade nach Guldenberg geflüchtet war, miserabel behandelt hatte.

Sieht man da etwa einen Racheengel? Doch das ist Haber schon im nächsten Kapitel nicht mehr: Da verdient er sich sein Geld mit einer kriminellen Tätigkeit und schleust Flüchtlinge in den Westen. Also, so könnte man schlussfolgern, ist die Hauptfigur ein Gauner. Aber auch diese Charakterisierung wird schnell in Frage gestellt, denn Haber wird bald zum erfolgreichen Tischler und angesehenen Bürger.

Unangestrengt in die Tiefe
Hein erzählt diese fiktive Biographie aus der Perspektive von fünf verschiedenen Figuren. Es berichten unter anderen ein ehemaliger Schulkamerad, eine Jugendfreundin sowie ein Geschäftspartner von Bernhard Haber. Durch diese Methode bekommt die Figur eine Tiefe und eine Dichte, so dass man ihr unangestrengt und mit Interesse folgt. Das liegt zum einen daran, weil nicht nur starrsinnig der Lebensweg Bernhard Habers geschildert wird, sondern weil man gleichzeitig auch sehr viel über die Nebenfiguren erfährt.

Auch sie sind minutiös und meisterhaft ausgearbeitet. Hein vermag zu erzählen, und der Leser sieht alles deutlich vor sich. Er erkennt die Motivation einer Figur, er versteht, warum sie so und so reagiert und nicht anders. Hein nimmt nie dem Leser etwas weg, er braucht nichts zu erklären, es liegt ganz klar und evident vor dem Leser.

Da wird zum Beispiel die Geschichte eines jungen Autoschlossers erzählt, der sich in ein Mädchen verliebt. Diese wird schwanger. Als der junge Mann das Kind das erste Mal sieht, erscheint es ihm etwas dunkel zu sein. Die Frau erklärt, dies hänge mit einer Pigmentverschiebung zusammen, die sich nach den ersten Monaten legen werde. Doch der Rest der Welt kann es gar nicht übersehen: Der Autoschlosser ist sicher nicht der Vater des Kindes.

Die Krakenarme des Regimes
Das sind amüsante, munter erzählte und lesenswerte Geschichten. Es gibt noch zahlreiche weitere dieser Episoden, Berichte von Friseusen, Beischlafszenen, Ehebrüche, Geschäftsabschlüsse, krumme Dinger und krummgearbeitete Rücken. Hein zeichnet, da ja der größte Teil des Romans in den Fünfzigerjahren spielt, eine Gesellschaft, die gerade im Entstehen ist. Und er macht das gekonnt: Abwechslungsreich und amüsant, intelligent und vielschichtig kommt sein Roman daher. Liest man die Episoden, die die Zwangsenteignung der Bauern schildern, erfährt der Leser, wie die Krakenarme des totalitären Regimes allmählich und allmächtig zugriffen.

Sieht man dann die Reaktionen der Guldenberger Bürger, die diese Politik missbilligen, aber nichts dagegen unternehmen, so mag das manchem Kritiker nicht genug Tiefendimension zu haben. Aber das ist eher ein Problem der Literaturkritik als des Romans. Denn Hein beantwortet die Frage der Schuld auf elegante Weise: In den dauernden Erklärungen der Figuren, sich in die Politik nicht einmischen zu wollen, spiegelt sich ein historisch bedingtes urdeutsches Verhalten, das jedem undemokratischen Regime entgegen kommt.
Das Leben der Menschen
Dass dieses Buch darüber hinaus völlig unangestrengt Klassiker zitiert, lässt einen schier fassungslos, aber auch sehr vergnügt davor stehen: Der Anfang von «Landnahme» gleicht dem Beginn von Flauberts «Madame Bovary». Wenn man sich nur den Untertitel dieses Meisterwerks anschaut – «Sitten der Provinz» – , dann begreift man auch, was Hein mit der Anspielung wollte und was ihm auch gelungen ist.

«Landnahme» ist ein Sittenbild der DDR, das genau und liebevoll das Leben der Menschen festhält. Nichts Ätzendes oder Moralisches wird über die Figuren gegossen, sie werden nicht verurteilt oder diskriminiert. Jede Handlung gleitet ganz natürlich und mit schriftstellerisch sicherer Hand in eine andere Handlung. Jede Beschreibung ergibt ein unendliches Feld von Assoziationen. Nicht die Sprache, wie bei Martin Walser, spielt hier die entscheidende Rolle – Heins Sprache ist eher klar und schnörkellos, viele Alltagsausdrücke befinden sich darin –, sondern das schier atemberaubende Ineinandergreifen der Szenen und Figuren, die ein komplexes Bild der DDR entstehen lassen.

Unscheinbar und voller Hass
In Martin Walsers «Die Verteidigung der Kindheit» stand eine blasse Figur im Zentrum. Man sah keinen Buddenbrook, der ein Handelsimperium aufbaut, keinen diabolischen, blechtrommelnden Zwerg Matzerath. Letzterer war das Symbol für ein Deutschland, das nicht groß werden wollte und nicht erwachsen werden konnte, das alle seine imperialistischen Träume begraben musste.

Alfred Dorn hingegen war das Symbol eines Deutschland, das vor allem nicht auffallen wollte und sich selbst für gutmütig erklärte: «Seht nur, da geht das Lamm Gottes». Bernhard Haber scheint auch so eine blasse und unauffällige Figur zu sein. Aber Hein belässt es nicht dabei. Sein Protagonist ist ein Chamäleon, getrieben vom Durst nach Rache, einer, der in der DDR mehrere Rollen spielt, beseelt vom diabolischen Hass desjenigen, der die Anerkennung seiner Mitbürger sucht, aber nicht erhält.

Hass auf die Gesellschaft
Am Ende des Romans kommt der Priester des Ortes auf Haber zu und erzählt ihm, dass ein Mann zu ihm gekommen sei, der in der Beichte erklärt habe, Bernhards Vater umgebracht zu haben. Auch in «Madame Bovary» kommt am Ende ein Priester zu Charles Bovary, um ihn über den Tod seiner Frau zu trösten. «Ich hasse ihn, euren Gott», antwortet Charles. In einer Szene in «Landnahme» schimpfen die Einwohner wieder mal über die Umsiedler, der erwachsene Bernhard Haber steht daneben, mit vor Hass glühenden Augen.

Dass am Ende dieser Mann das Land übernehmen würde, das ihm und seiner Familie anfangs verweigert wurde, ist den Umständen der Geschichte zuzuschreiben. Doch Bernhard Haber ist immer da, wo sich Macht formiert, ein Umstand, der von Hein allerdings nicht ins oberflächliche Bild des Opportunisten gefasst wird. Dass in einer sozialistischen Gesellschaft, die jeden Gott und jeden Glauben verbannt hat, die Gesellschaft selbst zum Gott wird, den man hassen, in dessen Namen man aber auch die eigenen Interessen verfolgen kann, hat durchaus etwas Ironisches.