Christoph Heins 'Landnahme':
Die Sitten der Provinz
Als der Roman «Die Verteidigung der Kindheit» von Martin Walser 1991 erschien, erntete der Autor landesweit Lob, ja wurde nahezu von der Literaturkritik besungen: Walser habe mit diesem Buch den Roman über die deutsche Einheit geschrieben. Der Autor schilderte in seinem 500-seitigen Werk das Schicksal des unscheinbaren Alfred Dorn, eines Mannes, der während der Fünfzigerjahre in Dresden aufwächst, Jura studiert, in den Westen der Republik flüchtet, dort keine große Karriere macht, und am Ende, ohne je einen wirklichen Gegner oder einen wahren Freund gehabt zu haben (von Frauen ganz zu schweigen), einsam und still stirbt.
Ein Lamm, so die letzte Verfügung Dorns, soll seinen Grabstein zieren. Vielleicht erinnerte sich der eine oder andere, als er diese anrührende Stelle las, an das Johannesevangelium: «Seht, da ist das Lamm Gottes.»
Einmal abgesehen von wenigen Ausnahmen waren sich die Rezensenten einig: Einiges an dem Buch von Hein sei gelungen, manches jedoch nicht. Erzählerischer Aufwand und Pointen stünden im Missverhältnis, heißt es etwa in der «Neuen Zürcher Zeitung». Christoph Hein erzählt in «Landnahme» die Geschichte von Bernhard Haber, der Ende der Vierzigerjahre mit seinen Eltern aus Schlesien in eine sächsische Kleinstadt flüchtet. Der Vater hat in russischer Kriegsgefangenschaft seinen rechten Arm eingebüßt, nun baut er sich in einer fremden Umgebung eine Tischlerwerkstatt auf.
Der 1944 geborene Hein erzählt uns über einen Zeitraum von 50 Jahren das Werden eines Burschen, der nicht viel redet und sonst auch der Mann ohne Eigenschaften zu sein scheint. Kaum aus der Schule heraus, schließt sich Bernhard Haber den Kommunisten an, ohne von ihrem Programm überzeugt zu sein. Mitte und Ende der Fünfzigerjahre spielt er eine aktive Rolle bei der Zwangsenteignung der Bauern. Man könnte jetzt meinen, in dem Roman den Weg eines Opportunisten zu verfolgen, doch weit gefehlt: Haber nimmt an der Enteignung lediglich teil, weil einer der Bauern die Familie, als sie gerade nach Guldenberg geflüchtet war, miserabel behandelt hatte.
Sieht man da etwa einen Racheengel? Doch das ist Haber schon im nächsten Kapitel nicht mehr: Da verdient er sich sein Geld mit einer kriminellen Tätigkeit und schleust Flüchtlinge in den Westen. Also, so könnte man schlussfolgern, ist die Hauptfigur ein Gauner. Aber auch diese Charakterisierung wird schnell in Frage gestellt, denn Haber wird bald zum erfolgreichen Tischler und angesehenen Bürger.
Auch sie sind minutiös und meisterhaft ausgearbeitet. Hein vermag zu erzählen, und der Leser sieht alles deutlich vor sich. Er erkennt die Motivation einer Figur, er versteht, warum sie so und so reagiert und nicht anders. Hein nimmt nie dem Leser etwas weg, er braucht nichts zu erklären, es liegt ganz klar und evident vor dem Leser.
Da wird zum Beispiel die Geschichte eines jungen Autoschlossers erzählt, der sich in ein Mädchen verliebt. Diese wird schwanger. Als der junge Mann das Kind das erste Mal sieht, erscheint es ihm etwas dunkel zu sein. Die Frau erklärt, dies hänge mit einer Pigmentverschiebung zusammen, die sich nach den ersten Monaten legen werde. Doch der Rest der Welt kann es gar nicht übersehen: Der Autoschlosser ist sicher nicht der Vater des Kindes.
«Landnahme» ist ein Sittenbild der DDR, das genau und liebevoll das Leben der Menschen festhält. Nichts Ätzendes oder Moralisches wird über die Figuren gegossen, sie werden nicht verurteilt oder diskriminiert. Jede Handlung gleitet ganz natürlich und mit schriftstellerisch sicherer Hand in eine andere Handlung. Jede Beschreibung ergibt ein unendliches Feld von Assoziationen. Nicht die Sprache, wie bei Martin Walser, spielt hier die entscheidende Rolle Heins Sprache ist eher klar und schnörkellos, viele Alltagsausdrücke befinden sich darin , sondern das schier atemberaubende Ineinandergreifen der Szenen und Figuren, die ein komplexes Bild der DDR entstehen lassen.
Alfred Dorn hingegen war das Symbol eines Deutschland, das vor allem nicht auffallen wollte und sich selbst für gutmütig erklärte: «Seht nur, da geht das Lamm Gottes». Bernhard Haber scheint auch so eine blasse und unauffällige Figur zu sein. Aber Hein belässt es nicht dabei. Sein Protagonist ist ein Chamäleon, getrieben vom Durst nach Rache, einer, der in der DDR mehrere Rollen spielt, beseelt vom diabolischen Hass desjenigen, der die Anerkennung seiner Mitbürger sucht, aber nicht erhält.
Dass am Ende dieser Mann das Land übernehmen würde, das ihm und seiner Familie anfangs verweigert wurde, ist den Umständen der Geschichte zuzuschreiben. Doch Bernhard Haber ist immer da, wo sich Macht formiert, ein Umstand, der von Hein allerdings nicht ins oberflächliche Bild des Opportunisten gefasst wird. Dass in einer sozialistischen Gesellschaft, die jeden Gott und jeden Glauben verbannt hat, die Gesellschaft selbst zum Gott wird, den man hassen, in dessen Namen man aber auch die eigenen Interessen verfolgen kann, hat durchaus etwas Ironisches.

