Immanuel Kant:
Die Kunst der Begriffe
In der Flut der Kant-Literatur des Jahres 2004 anlässlich seines 200. Todesjahrs und 280. Geburtstags wird der Ethiker und Rechtsphilosoph, der am 12. Februar 1804 in seiner von ihm nie verlassenen Heimatstadt Königsberg starb, zweifellos im Zentrum weltweiten Interesses stehen. Nicht zu Unrecht: Immanuel Kant kommt als Rechts- und Friedensdenker eine ungebrochene, weltweit anerkannte Autorität zu. In seiner kleinen, aber einflussreichsten politischen Schrift «Zum ewigen Frieden» (1795) stehen Dinge, die weder damals noch heute selbstverständlich waren.
In den drei «Definitivartikeln» dieser Schrift fordert Kant: 1. Republikanische Verfassung und Beistimmung der Staatsbürger zum Beschluss über Krieg und Frieden. 2. Einen Friedensbund freier Staaten, also einen Völkerbund, der nicht etwa als Unterdrückungsinstrument der mächtigen Staaten dienen darf. 3. Ein Weltbürgerrecht, das aber «auf die Bedingungen der allgemeinen Hospitalität eingeschränkt sein soll», d.h. zwar ein globales Gastrecht der Weltbürger wie Aufnahme bei Verfolgung (Asyl), jedoch keineswegs ein globales Heimatrecht aller, das zur Nivellierung der Nationen und Kulturen führen würde.
Kant verurteilt außerdem aufs Schärfste den Kolonialismus. Heute ist das im Hinblick auf den klassischen Kolonialismus keine Leistung mehr, wenngleich ein Neokolonialismus ungebrochen im Gewande einer neoliberalen Wirtschaft fortblüht. Ihn aber anno 1795, lange vor dem Höhepunkt des «klassischen» Kolonialismus, als ein kolossales Unrecht und eine Überheblichkeit der westlichen Nationen zu charakterisieren, zeugt von großer sozialethischer Klarsicht und Unabhängigkeit des Denkens.
Wir sollten uns klar machen: Der Mangel an eigenem wachen Urteil, der in Deutschland einst einen Führer an die Macht brachte, dieser (keineswegs den Deutschen vorbehaltene) Herdentrieb ist nicht etwa ausgestorben. Er ist im Zuge des «außengeleiteten», im Gegensatz zum «innengeleiteten» Bewusstseinstypus der Kant-Zeit, um die Ausdrücke des amerikanischen Soziologen David Riesmann zu verwenden, eher in seiner Gefährlichkeit gewachsen. Jeder mag hier, der Kürze halber, seine eigenen Beispiele heranziehen.
«Bisher nahm man an, alle unsere Erkenntnis müsse sich nach den Gegenständen richten. (...) Man versuche es einmal, ob wir nicht in den Aufgaben der Metaphysik besser fortkommen, daß wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unserem Erkenntnis richten.(...) Es ist hiermit ebenso als mit den ersten Gedanken des Kopernikus bewandt, der, nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegungen nicht gut fort wollte, wenn er annahm, das ganze Sternenheer drehe sich um den Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser gelingen möchte, wenn er den Zuschauer sich drehen, und dagegen die Sterne in Ruhe ließ», heißt es in der «Kritik der reinen Vernunft».
Die im Subjekt, genauer in der Subjekt-Objekt-Relation, begründete Erkenntnistheorie und die daraus folgende systematische Kategorienlehre Kants ist zunächst trocken und in vielem noch schleierhaft. Doch hängt nach Kants vielfacher Betonung seine ganze weitere Systematik von den Kategorien ab, die den Grundformen der Verbindung von Begriffen in Urteilen nahe stehen. Leider hat die derzeitige, eher philologische als philosophische Beschäftigung mit dem Theoretiker Kant weder die Unklarheit noch die Begründbarkeit noch überhaupt die «praktische» Bedeutung der Kantischen Kategorienlehre ins rechte Licht gerückt. Wobei dieser eklatante Mangel gegenüber den Studenten durch einen Wust von Philologie verschleiert wird.
Kants Kategorienlehre bedarf allerdings des Weiterdenkens von Elementen, die bei Kant noch implizit bleiben. Letztlich gründet sie so meine, freilich bisher von der Kant-Philologie ignorierte These seit 1986 in der Reflexionsstufenstruktur des menschlichen Selbstbewusstseins. Dies wird eigentlich erst in einem Anhang über die «Reflexionsbegriffe» deutlich sichtbar. Die Stufenfolge dieser «Titel aller Vergleichung und Unterscheidung» lautet in jenem Anhang, allerdings mitten in der «Kritik der reinen Vernunft»: 1. Einerleiheit und Verschiedenheit, 2. Einstimmung und Widerstreit, 3. Inneres und Äußeres, 4. Form und Inhalt. Mehr als auf diese «Titel» kommt es aber auf die reflexive Stufenfolge an. Diese zeigt sich bei den Kategorien als die von 1. Quantität, 2. Qualität, 3. Relation, 4. Modalität.
Das alles scheint sehr formal-trocken aber es erweist sich als die Trockenheit von Dynamit, wenn man erst einmal begriffen hat, dass in diesen «Kategorien» nichts Geringeres als eine Grundstruktur des menschlichen Selbstbewusstseins zum Ausdruck kommt, die alle Bereiche des Denkens, besonders des inneren und äußeren Handelns des Menschen, strukturiert: Erkenntnisvermögen, seelische Vermögen überhaupt, Handlungen, Sprache, Kunst und natürlich alles Gesellschaftliche.
Allerdings hat man Kant nicht weniger verfälscht als Marx. War es bei diesem etwa die staatliche Planwirtschaft, die man ihm unterschob, so folgerte man aus Kants neuem Denken in Relationen einen Relativismus oder aus seinem Begriff von «Kritik», der sich gegen traditionellen Dogmatismus richtete, die Unmöglichkeit systematischer Strukturerfassung der Welt und die Notwendigkeit endlosen «kritischen» Geschwätzes ins Ungefähre, also Kritik als sich selbst genügendes Prinzip. Nichts wäre Kant mehr zuwider.
Kant war ein Systematiker, der die Philosophie als Grundlage der Geisteswissenschaften in den gleichen «sicheren Gang der Wissenschaften» bringen wollte wie die Naturwissenschaften. Die kritische Systematik hätte allerdings weitergedacht werden müssen. Stattdessen wurde sie ebenso wie die große Philosophie der «kritischen» Kant-Nachfolger Fichte, Schelling, Hegel zwischen der unheiligen Allianz von philosophiefeindlicher Naturwissenschaft, zur Begriffslosigkeit «emanzipierter» Philologie und dogmatischer Theologie zerrieben.
Die historischen Folgen für das große Projekt der Aufklärung waren auf allen Gebieten des Lebens erheblich und wirken bis heute fort. Wir brauchen neue, konstruktive Aufklärung darüber, dass Denken ernsthaft ist, auch in Geistes- und Sozialwissenschaften. Wir brauchen eine neue «Kunst der Begriffe», welche die derzeit total unmöglich gewordene Verständigung zwischen diesen Disziplinen wieder ermöglicht.
Von Dr.
Johannes Heinrichs erscheint in Kürze: Das Geheimnis der Kategorienlehre, Maas Verlag. Im letzten Jahr erschien ebenfalls im Maas Verlag: Revolution der Demokratie. Eine Realutopie für die schweigende Mehrheit. 444 Seiten, 22,80 Euro.
