US-Wahlkampf:
Die Blogger gegen die Armee der Rechtschaffenen
10.02.2004
Herausgeber: netzeitung.de
Seit das Rennen um die demokratische Präsidentschaftskandidatur sich einer Entscheidung nähert, wenn auch zugunsten des eher farblosen John Kerry, hat in gewissem Sinn der Wahlkampf begonnen. Dessen Regeln aber haben sich in den letzten Monaten auf subtile wie profunde Weise verändert. Ein politisches System, das vom Fernsehen dominiert wird, beginnt langsam auf die basisdemokratischen Trends zu antworten, die von der vom Internet beeinflussten demokratischen Kampagne ausgehen.
Die Bush-Regierung reagiert vor diesem Hintergrund zunehmend sensibel auf Anwürfe, sie würde die Fernsehbilder manipulieren. Am vergangenen Wochenende willigte George W. Bush zu einem Fernsehinterview mit dem Anchorman von NBC ein, der im Ruf steht, die unliebsamsten Fragen im amerikanischen Fernsehen zu stellen. Bush verteidigte seine Politik mit Bemerkungen wie der, er sei eben in der Position, ein «Präsident in Kriegszeiten» zu sein. Er verteidigte seine Außenpolitik sowie die beiden Kommissionen, die den Wissensstand der Geheimdienste sowohl vor dem 11. September als auch vor dem Irakkrieg untersuchen sollen. Beide Kommissionen werden ihre Ergebnisse erst nach den Wahlen bekannt geben.
Der Präsident, der all seine Auftritte vorher detailliert plante, etwa seine Landung im Fliegeroverall oder seine Bitte an mit ihm konferierende Geschäftsleute, die Krawatten abzunehmen, um hemdsärmeliger zu erscheinen, hat nun die direkte Konfrontation mit der Presse ermöglicht. Er hoffte offenbar darauf, demonstrieren zu können, was er für seine besten Eigenschaften hält: Entschlussfreudigkeit und Klarheit.
Viele der Infanteristen der Deanschen Netzkampagne, die sich den Namen «Perfect Storm» gegeben hatte, machen nun eine Erfahrung des Schocks, die derjenigen der Soldaten in Afghanistan und Irak gleicht, die plötzlich feststellen mussten, dass sie sich nicht mehr in den virtuellen Trainingsumgebungen der Armee, sondern im Feld befanden.
Die Intellektuellen des Cyberspace sprechen jetzt also von der vernachlässigten «Politik des echten Lebens», während die Bush-Regierung plötzlich der Tatsache Aufmerksamkeit widmet, dass sie sich zu Zeiten möglicherweise in der Echokammer ihrer eigenen Macht befindet, ohne die Außenwelt wahrzunehmen. Fünfzig Prozent der Amerikaner nutzen das Netz, um sich politisch zu informieren, die andere Hälfte tut dies nicht. John Perry Barlow von der Bürgerrechtsgruppe Electronic Frontier Foundation schreibt heute, man müsse in Zukunft hin und wieder den Computer ausschalten, um zu Wählern außerhalb des Netzes Kontakt aufzunehmen.
Soros glaubt, neue Wählerschichten an die Urnen zu locken, sei der richtige Weg, um George Bush aus dem Weißen Haus zu katapultieren. Er vergleicht diese Strategie mit seinen Aktionen in den Achtzigern, als er ungarische Dissidenten mit Kopiergeräten ausstattete und russischen Lehrern Netzzugänge verschaffte.
Sie formen laut einem Bericht von CBS nicht nur in der Politik eine Subkultur. Im Buchmarkt wird das Phänomen beobachtet, dass von einer Gruppe von Bestseller-Romanen, die man in der Branche als «Left Behind»-Romane bezeichnet, in den letzten Jahren zusammen 40 Millionen Exemplare verkauft wurden, nicht mitgerechnet 17 Millionen Comics und andere Zweitverwertungen. Sie alle haben gemeinsam, dass sie sich vom Buch der Offenbarung inspirieren ließen. In einem dieser Bücher wird etwa ein transatlantischer Flug beschrieben. Plötzlich verschwindet ein Drittel der Passagiere, darunter alle Kinder unter 12 Jahren spurlos, lediglich ihre Kleider bleiben zurück. Die so Verschwundenen sitzen nun zur rechten Hand Gottes, während die anderen Passagiere «zurück geblieben» sind. Die Politik im echten Leben hat mit solchem Gedankengut zu rechnen.

