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US-Wahlkampf: 

Die Blogger gegen die Armee der Rechtschaffenen

10. Feb 2004 07:56
Tim Russert, NBC, interviewt George W. Bush
Der amerikanische Wahlkampf beginnt, die Struktur der Wählerschaft hat sich geändert: Internet-Nutzer und eine nicht kleine Zahl apokalyptischer Christen könnten wahlentscheidend werden.

Von Anjana Shrivastava

Seit das Rennen um die demokratische Präsidentschaftskandidatur sich einer Entscheidung nähert, wenn auch zugunsten des eher farblosen John Kerry, hat in gewissem Sinn der Wahlkampf begonnen. Dessen Regeln aber haben sich in den letzten Monaten auf subtile wie profunde Weise verändert. Ein politisches System, das vom Fernsehen dominiert wird, beginnt langsam auf die basisdemokratischen Trends zu antworten, die von der vom Internet beeinflussten demokratischen Kampagne ausgehen.

Die Bush-Regierung reagiert vor diesem Hintergrund zunehmend sensibel auf Anwürfe, sie würde die Fernsehbilder manipulieren. Am vergangenen Wochenende willigte George W. Bush zu einem Fernsehinterview mit dem Anchorman von NBC ein, der im Ruf steht, die unliebsamsten Fragen im amerikanischen Fernsehen zu stellen. Bush verteidigte seine Politik mit Bemerkungen wie der, er sei eben in der Position, ein «Präsident in Kriegszeiten» zu sein. Er verteidigte seine Außenpolitik sowie die beiden Kommissionen, die den Wissensstand der Geheimdienste sowohl vor dem 11. September als auch vor dem Irakkrieg untersuchen sollen. Beide Kommissionen werden ihre Ergebnisse erst nach den Wahlen bekannt geben.

Der Präsident, der all seine Auftritte vorher detailliert plante, etwa seine Landung im Fliegeroverall oder seine Bitte an mit ihm konferierende Geschäftsleute, die Krawatten abzunehmen, um hemdsärmeliger zu erscheinen, hat nun die direkte Konfrontation mit der Presse ermöglicht. Er hoffte offenbar darauf, demonstrieren zu können, was er für seine besten Eigenschaften hält: Entschlussfreudigkeit und Klarheit.

Woran scheiterte Dean?

Auf einem ganz anderen Schauplatz kamen Blogger und so genannte Netzgurus zu ganz ähnlichen Schlussfolgerungen. Am Montag trafen sie sich in San Diego zum «Digital Democracy Teach-In», um die netzaffine Dean-Kampagne einer forensischen Untersuchung zu unterziehen, die in Iowa in der Welt des Fernsehens und der Parteidemokratie mehr oder weniger tot angekommen war.

Viele der Infanteristen der Deanschen Netzkampagne, die sich den Namen «Perfect Storm» gegeben hatte, machen nun eine Erfahrung des Schocks, die derjenigen der Soldaten in Afghanistan und Irak gleicht, die plötzlich feststellen mussten, dass sie sich nicht mehr in den virtuellen Trainingsumgebungen der Armee, sondern im Feld befanden.

Die Intellektuellen des Cyberspace sprechen jetzt also von der vernachlässigten «Politik des echten Lebens», während die Bush-Regierung plötzlich der Tatsache Aufmerksamkeit widmet, dass sie sich zu Zeiten möglicherweise in der Echokammer ihrer eigenen Macht befindet, ohne die Außenwelt wahrzunehmen. Fünfzig Prozent der Amerikaner nutzen das Netz, um sich politisch zu informieren, die andere Hälfte tut dies nicht. John Perry Barlow von der Bürgerrechtsgruppe Electronic Frontier Foundation schreibt heute, man müsse in Zukunft hin und wieder den Computer ausschalten, um zu Wählern außerhalb des Netzes Kontakt aufzunehmen.

Das Territorium der Überzeugungen

Demokratische Politik sollte unter anderem darin bestehen, einer Vielzahl von Interessen Gehör zu geben. Die Fürsprecher einer Internetpolitik glauben, dass Politiker, die ihren Wahlerfolg netzbasierten Bewegungen verdanken, noch intensiver auf die massenhaften Artikulationen ihrer Wähler hören werden. Der konservative Republikaner Jack Kemp sagte einmal: «Es ist egal, was du weißt, wenn es dir egal ist.» Eben dies ist das Territorium der Überzeugungen, um das die Bush-Regierung und die neue amerikanische Avantgarde letztendlich kämpfen.

George W. Bush beim sonntäglichen Kirchgang
Einerseits gibt es nun das Phänomen des Multimillionärs George Soros, der mit seinem persönlichen Geld Internetgruppen wie Moveon.org fördert, die wiederum Fernsehspots lancieren, um Bush zu schlagen. Soros glaubt, Bush sei für die derzeitige «Blase der amerikanischen Vorherrschaft» verantwortlich, indem er den Irakkrieg vom Zaun gebrochen habe. Die Republikaner haben nun die Bundeswahlkommission angerufen, weil sie verhindern wollen, dass Soros die von ihm favorisierten steuerbefreiten Institutionen fördert, die Wähler mobilisieren wollen.

Soros glaubt, neue Wählerschichten an die Urnen zu locken, sei der richtige Weg, um George Bush aus dem Weißen Haus zu katapultieren. Er vergleicht diese Strategie mit seinen Aktionen in den Achtzigern, als er ungarische Dissidenten mit Kopiergeräten ausstattete und russischen Lehrern Netzzugänge verschaffte.

Die Seligen und die Zurückgebliebenen

Doch spielen in diesem Wahlkampf noch ganz andere Fakten eine Rolle. Etwa die 70 Millionen Amerikaner, zu denen auch George Bush gehört, die sich selbst als evangelische Christen bezeichnen. Vierzig Prozent der Stimmen für Bush im letzten Wahlkampf kamen aus dieser Wählerschicht. Der baptistische Harvard-Theologe Peter Gomes sagt über diesen Block: «Das Weiße Haus, der Generalstaatsanwalt, das Talk Radio, die konservativen Fox News, sie alle sind Teil der rechtschaffenen Armee, die nun zeigt, was in ihr steckt.»

Sie formen laut einem Bericht von CBS nicht nur in der Politik eine Subkultur. Im Buchmarkt wird das Phänomen beobachtet, dass von einer Gruppe von Bestseller-Romanen, die man in der Branche als «Left Behind»-Romane bezeichnet, in den letzten Jahren zusammen 40 Millionen Exemplare verkauft wurden, nicht mitgerechnet 17 Millionen Comics und andere Zweitverwertungen. Sie alle haben gemeinsam, dass sie sich vom Buch der Offenbarung inspirieren ließen. In einem dieser Bücher wird etwa ein transatlantischer Flug beschrieben. Plötzlich verschwindet ein Drittel der Passagiere, darunter alle Kinder unter 12 Jahren spurlos, lediglich ihre Kleider bleiben zurück. Die so Verschwundenen sitzen nun zur rechten Hand Gottes, während die anderen Passagiere «zurück geblieben» sind. Die Politik im echten Leben hat mit solchem Gedankengut zu rechnen.

 
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