Kelly-Affäre:
Verlierer Blair
28.01.2004
Herausgeber: netzeitung.de
Auf einer anderen Ebene muss auch Blair zu den Verlierern des Skandals gerechnet werden. Denn es bleibt eine Tatsache, dass der Regierung weithin zugetraut worden war, dass sie bei der Begründung eines Krieges, zu dem sie entschlossen war, wissentlich an der Wahrheit geschraubt und einen Regierungsbeamten mit voller Absicht unter Druck gesetzt habe, um die Affäre sauber zu überstehen. Die Haltung der Öffentlichkeit kam einem Misstrauensvotum gegen Blair gleich, den viele als Zyniker der Macht erkannt zu haben glaubten.
Wie tief dieses Misstrauen ging, machte selbst der juristisch und moralisch über jeden Zweifel erhabene, unabhängige Lordrichter Brian Hutton deutlich. Er räumte bei der Bekanntgabe seines Berichts zur Affäre ein, dass auch er es anfangs für möglich hielt, dass die Regierung sich gegen Kelly verschworen und ihn preisgegeben habe, um den Manipulationsvorwurf der BBC schnell und elegant aus der Welt zu schaffen.
Das Klima, in dem ein solches Grund-Misstrauen gegen die Regierung entstehen konnte, hat Blair selbst geschaffen. Die Kommunikationsstrategie seiner Regierung war schon lange vor der Kelly-Affäre kritisiert worden. Gelegentliche Fehler und Dummheiten oder auch harte Beschlüsse auf gewundene Weise schönzureden und als geniale Leistung oder Segnung für das Land und alle Bürger zu verkaufen, wenn längst die Vernunft und die öffentliche Einschätzung dagegen sprechen, wäre vielleicht für eine Aktiengesellschaft angemessen, der es bei der Rechtfertigung der Vorstandsbeschlüsse systemimmanent statthaft um den Wert des Unternehmens geht. Eine Regierung kann jedoch Fakten nicht ungestraft schminken, ohne sich irgendwann grundsätzlich dem Vorwurf ausgesetzt zu sehen, die eigene Macht um jeden Preis erhalten zu wollen - und sei es um den der Wahrheit.
Blairs Regierung ist im Umgang mit den Massenmedien eine der fortschrittlichsten, ja wahrscheinlich die fortschrittlichste. Keine andere versteht es wie sie, die eigene politische Dynamik zum medienaffinen «Hype» aufzusexen, keine andere vermochte jemals so elegant, ihre Leistungen weltweit in höchste Anerkennung umzumünzen. Sie verzichtete jedoch auf ein gesundes Maß an Selbstkritikfähigkeit und Transparenz, das dies Image nachhaltig hätte festigen können, und zeigte damit geringes Gespür für Stimmungen. Sie war nicht immer wahrhaftig, und in der Kelly-Affäre begründete diese nicht neue Erkenntnis Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit. Ohne dies bereits gefestigte Misstrauen wären der BBC ihre ungeheuerlichen Fehlleistungen wohl nicht unterlaufen.
Blair ist vollständig rehabilitiert, und doch bekommt auch er die Tragik des Skandals zu spüren. Er hatte versucht, sich der mitunter missgelaunt wirkenden, aber immer vernünftigen und produktiven Skepsis, die dem britischen Charakter innewohnt, zu entziehen. Dabei ist es diese Skepsis, die die moderne Demokratie entscheidend prägt: Es gehört zum System, dass die Macht nicht unfehlbar sein muss und nicht dogmatisch sein darf. Sich gegen Kritik und Angriffe durch raffinierte Öffentlichkeitsarbeit unempfindlich zu machen, um die Öffentlichkeit (die Wähler) stets gewogen zu halten, musste sich daher rächen. Die Kelly-Affäre hat Blairs ewiges Lächeln zerstört.
