Vorwahlen in den USA:
Ein Wahlkampf zwischen Netz und Fernsehen
27. Jan 2004 19:39
 | Howard Dean, selbstvergessen in Iowa | Foto: AP |
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Die amerikanischen Vorwahlen sind auch ein Wettbewerb zwischen Medien: Netzkandidaten scheitern am Fernsehen, die Traditionalisten daran, dass sie nicht wissen, was ein Weblog ist.
Von Anjana ShrivastavaAmerika ist gespalten wie selten zuvor in seiner Geschichte. Schon die ersten Vorwahlen für die Nominierung des demokratischen Kandidaten sahen eine hohe Mobilisierung in allen Lagern und sozialen Schichten. Währenddessen wohnten demokratische Senatoren mit steinernen Mienen bei, wie der Präsident, den sie im November ablösen wollen, seine Rede zum «State of the Union» hielt.
Schüler wiederum beginnen damit, die Kandidaten zu verspotten, die sie nicht mögen. Republikanisch gesinnte Schüler provoziert etwa Deans basisdemokratisches Bekenntnis: «Die Zukunft Amerikas ist in euren Händen, nicht in meinen!» Bei ihnen wird daraus die von Dean gar nicht beabsichtigte Negieruung jeder Verantwortung: «Hi, ich bin Howard Dean. Die Zukunft Amerikas liegt in euren Händen, nicht in meinen!»
Amerika, digital gespalten
Doch die parteipolitische Spaltung zwischen Demokraten und Republikanern ist nur das eine, das andere ist die digitale Kluft, die sich durch die Nation zieht und konkret daran gemessen werden kann, wie das Internet genutzt wird. Die einen veröffentlichen im Netz publikumswirksam ihre Witze über die neuesten Slogans des politischen Gegners, die anderen, wie etwa die demokratischen Senatoren, bedienen sich des Netzes, um Spenden einzutreiben. Sie haben etwa Zugang zu MoveOn.org, einer Plattform mit zwei Millionen Mitgliedern, die gegründet worden war, um Bill Clinton während des Lewinsky-Skandals zu unterstützen.
Mittels MoveOn können durch das Internet Millionen von Dollar eingesammelt werden, die man für politische Kampagnen braucht. Der demokratische Kandidat Howard Dean baute parallel dazu seine eigene politische Organisation im Netz auf, die 600.000 Mitglieder umfasst, miteinander in Kontakt bringt und motiviert. Doch daneben existiert weiterhin die andere Hälfte des Landes, die sich mittels der traditionellen Medien informiert, vor allem durch das Fernsehen, und schließlich gibt es noch all jene, deren traditionelle Bindung zu einer Partei ihre Wahl vorherbestimmt. Diese Faktoren zeigten sich deutlich im gänzlich unerwarteten Sieg John Kerrys während der Vorwahl in Iowa, der innerhalb der Partei seit langem viele Anhänger hat, aber auch in dem ebenfalls unerwarteten zweiten Platz für den telegenen John Edwards.
Wer gibt den König am besten?
Ohne Frage favorisiert das Fernsehen traditionell denjenigen der Kandidaten, der am Präsidialsten aussieht, also jenen, der vor dem monarchistischen Auge der Kamera majestätischer erscheint als seine Konkurrenten. Das war bereits bei John F. Kennedy der Fall, als dieser Richard Nixon besiegte, es wiederholte sich beim Sieg Ronald Reagans über Jimmy Carter.
 | Meister der Medien: Bush auf der Abraham Lincoln | Foto: ÁP |
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Einer der Gründe, warum viele politische Beobachter unabhängig von ihren Parteipräferenzen bereits einen Sieg Howard Deans über George W. Bush im November voraussagten, liegt paradoxerweise in eben diesem Umstand. Manche prognostizieren gar einen epochalen Zusammenstoß der Kräfte des Alten und des Neuen. Noch mehr als Ronald Reagan beherrscht George W. Bush das Agieren vor jedem Kamerawinkel, ein erklärter Feind wie Norman Mailer pries ihn gar als begnadeten Tänzer. Der Präsident hat außerdem ein Gespür für das richtige Kostüm, wie sein Auftritt in Pilotenmontur auf dem Flugzeugträger USS Abraham Lincoln im letzten Jahr zeigte. Eben diese Form der Kommunikation sei aber eine archaische, glaubt etwa James Moore vom Berkman Center for Internet and Society in Harvard. Er ist so optimistisch zu glauben, dass deren Zeit vorbei sei. «In der traditionellen Demokratie verlaäuft Sinnproduktion von oben nach unten. 'Der Präsident weiß sicher mehr als er sagt', denken die loyalen wie passiven Teilnehmer einer solchen Demokratie. Ihre Form aber wurde im 18. Jahrhundert erfunden, als Erziehung und Information seltene Ressourcen waren. Die gut ausgebildeten und informierten Leute von heute ziehen es hingegen vor, selbst zu denken. Sinnproduktion von oben nach unten erreicht moderne Menschen nicht mehr.»
Emanzipation durchs Netz
Den republikanischen Kids, die sich über die Graswurzeldemokratie lustig machen, indem sie die Verantwortlichkeit ihres Führungspersonals zu schmälern suchen, entgegnen Leute wie Moore: Das alte Symbol des Präsidenten sei der Adler gewesen, ein todbringender Raubvogel, der aus den Höhen herabschießt. Die neue Form der «nahenden Demokratie» ähnele hingegen mehr einer Armee von Ameisen. Jede der Ameiseneinheiten denke für sich, betreibe einen Weblog und trage somit selbst einen Teil der Verantwortung für das Ganze. Diese etwas kitschige und die emnazipatorischen Potenziale des Netzes überschätzende Auffassung basiert auf der romantischen Idee der Netzpioniere, das Netz sei der ultimative Ausdruck der Basisdemokratie: Die «expressive Demokratie» des Netzes, heißt es heute, begrüße offene Formen der Organisation, in denen sich Impulse von unten nach oben bewegen, nicht umgekehrt. In Moores Worten heißt das: «Ideen entstehen im globalen Medienraum. Manche von ihnen setzen sich fest und werden weiter verbreitet. Ihre Verbreitung ähnelt dem Rhythmus von Tanzmusik, der sich über ein Meer von Tänzern fortpflanzt und Muster bildet. .... Eine Vielfalt von Menschen, die wir 'Aktionsagenten' nennen können, sitzt bildlich gesprochen rittlings auf dem Rücken ihrer Community. Sie verfügen über Mechanismen, die eine gegebene soziale Bewegung und ihre Themen in reale Handlungen in der Welt verwandeln können.»
Scheitern in Iowa
Zum Unglück Howard Deans und seiner Anhänger war es eben dieses Image eines Mannes, der «rittlings auf seiner Community» sitzt, das Dean während seiner Rede in Iowa vermittelte. Er peitschte die Leidenschaft seiner Anhänger auf «wie ein alternder Rockstar», wie ein Beobachter feststellte. Der Ausrutscher wurde nicht nur vom Fernsehen übertragen, sondern zirkulierte als Endlosschleife im Netz. Das erinnert an die Videos des peinlichen Auftritts von Microsoft-Chef Steve Ballmer, der vor einer Versammlung von Microsoft-Entwicklern schreiend und tobend über die Bühne hüpfte, um dann atemlos zu brüllen: «I! Love! This! Company!» Dean erschien nicht nur alles andere als würdig und präsidial, nichts von seiner Performance war genügend artikuliert, um ein größeres Publikum anzusprechen. So vergaß Dean selbst die Leitidee seiner eigenen Kampagne, das Netz lediglich als Werkzeug zu benutzen, um mit ihm die Wahl zu beeinflussen. Seine hochgelobte «Interneterotik» war mit den Kameras nicht kompatibel. Er unterschätzte außerdem die zentrale Bedeutung seiner eigenen Person für das Fernsehen, das sich ausschließlich auf den Kandidaten, weniger sein Umfeld oder sein Programm konzentriert.
Paläopolitik chancenlos
So finden sich «Internetkandidaten» also untelegen im Fernsehen wieder, umgekehrt finden sich inzwischen auf allen Websites der Kandidaten, inklusive der Site des Weißen Hauses, Weblogs. Auf diesen interaktiven Seiten kann nicht nur gelesen, sondern auch selbst geschrieben werden. Der einzige Kandidat, der nicht auf einen Weblog setzte, war Richard Gephardt. In Iowa verließ er sich stattdessen auf seine Unterstützung durch verschiedene Gewerkschaften, darunter acht Stahlarbeiter, die in der Kälte Iowas ihre Brust entblößten, auf der jeweils ein Buchstabe seines Namens zu lesen war. Netztheoretiker nennen diese altertümliche Form der Kampagne abschätzig «Paläo-Politik», Gephardts fluchtartiger Rückzug aus seiner Kandidatur lässt diese Einschätzung nicht ganz falsch erscheinen. Gephardt ist außerdem der letzte Politiker in einer langen Reihe, der beweist, dass es bei Präsidentschaftswahlen nichts nützt, langjähriger Fraktionsführer im Kongress gewesen zu sein und seine Kompromissfähigkeit bewiesen zu haben.
Alle sollen nett sein
Amerika scheint sich einen konsensfähigen Parlamentarier als Präsidenten nicht recht vorstellen zu können. Genauso wenig schätzen die Wähler aber einen energisch geführten Wahlkampf: George W. Bush wird oft vorgeworfen, er «dämonisiere» seine Gegner, Umfragen haben ergeben, dass viele Wähler auch Howard Deans «negativen Stil» nicht mögen. CBS hat sich geweigert, während des Großereignisses des SuperBowl einen Anti-Bush-Spot von MoveOn zu senden, und zeigt stattdessen nun einen Antidrogenspot des Weißen Hauses, der weniger kontrovers erscheint. Der immer strahlende demokratische Kandidat John Edwards wiederum ist sich sicher, dass sein Vormarsch in den Meinungsumfragen vor allem auf seine «Botschaft des Optimismus» zurückzuführen sei. Man kann sich also die Frage stellen, ob die Amerikaner generell die Politik nicht mögen, oder ob sie, präziser gesagt, als zu spalterisch erscheint. Die Progressive Gesetzgebung, die im frühen 20. Jahrhundert verabschiedet wurde, zerbrach die Parteimaschinerien in den großen Städten, um den erbitterten Geist, mit denen diese Maschinerien gegeneinander antraten, zu mildern. Die Reformen dienten auch dem Zweck, den einfachen Wählern mehr Macht und Entscheidungsgewalt über die Kandidatenkür zu geben. Sie sorgten damit aber auch dafür, dass amerikanische Wahlkämpfe seither eher fade sind und in den massenmedialen Zirkus gemündet haben, der seither im Turnus von vier Jahren stattfindet.
Die Meinung manipulieren
So verwundert es nicht, dass nun «Fernsehexperten» auftreten, die wiederum «Internetgurus» wie den Wahlkampfmanager John Deans, Joe Trippi, bezichtigen, sie wollten aus ihren Hinterzimmern heraus die öffentliche Meinung manipulieren. Hier wiederholt sich das progressive Unbehagen über die «Hinterzimmerpolitik» in den großen Städten, wo früher an den Parteimitgliedern und Wählern vorbei über die Kandidaten entschieden wurde. Dem stehen die hehren Träume der Internet-Vordenker gegenüber, dass die «Leute an der politischen Story um sie herum teilhaben» sollen. Früher dachte man, Amerika selbst sei der herrschaftsfreie Raum. Die Frage ist geblieben, in Amerika und im Netz: Wie sieht Politik denn aus, in so einem «herrschaftsfreien Raum?»