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Transatlantische Verhältnisse: 

Deutsche Apokalypse

06. Jan 2004 13:13
Stefan Kornelius,
In vielen deutschen Medien artikuliert sich seit dem Irak-Krieg eine kritische Distanzierung von den USA. Als wahre Ursache machte eine Diskussionsrunde nun eine deutsche «Identitätskrise» aus.

Von Manfred Wirbals

Die in den letzten Jahren oft zu hörende Annahme einer interessengeleiteten «Kaperung eines unterbemittelten Präsidenten durch neokonservative Kreise» war eine typische «Berliner Illusion», eine unter vielen. Tatsächlich hätte auch ein demokratischer Präsident Al Gore nach dem Terrorangriff vom 11. September nicht grundlegend anders handeln können, so der Leiter des Außenressorts der «Süddeutschen Zeitung», Stefan Kornelius.

Der medial transportierten Entfremdung von Amerika, die sich in solchen Illusionen äußert, widmete sich am Wochenende eine Diskussion auf Schloss Elmau: «Westentfremdung – Deutsche Medien versus USA?» Dass die amerikanische Außenpolitik, vor allem Krieg und Besatzung in Irak, in Kommentaren und Berichten konservativer wie linksliberaler Zeitungen «meinungsuniform» abgelehnt und der Bündnispartner einer Grundsatzkritik unterzogen werde, war Ausgangsthese eines mit Vertretern bekannter Printmedien hochrangig besetzten Podiums.

Ihren eigenen Medien wiesen die Diskutanten dabei die Rolle zu, «Tendenzen widerzuspiegeln»; generös eingeräumt wurden aber bescheidene Beiträge zur «Meinungsbildung der Eliten» durch die insgesamt «auflagenschwachen überregionalen Zeitungen» – so «FAZ»-Herausgeber Frank Schirrmacher und Stefan Kornelius.

Wann sind wir denn wer?

Die Debatte geriet jedoch unversehens zu einer sprunghaften Selbstbefragung nach deutsch-europäischen Sinn- und Identitätsdefiziten: Das Phänomen der Westentfremdung Deutschlands von den USA zeigt sich in dieser Lesart als Symptom deutscher Entfremdung von sich selbst, als Mangel an national-kultureller «Identität».

Dass die Rede von der «Identität» aber meist ein nett klingender Platzhalter für die Benennung ganz anderer Probleme ist, verdeutlichte Stefan Kornelius: Die aktuelle «Selbstfindungsdebatte» sei nicht zuletzt auch Ausdruck skrupulöser Scheu vor dem Gebrauch von Macht; es fehle in Deutschland an einem klaren Bekenntnis zu ihr, namentlich bei den herrschenden «68ern». Die machtpolitischen Gestaltungskompetenzen wurden über Jahrzehnte an Amerika delegiert, das geostrategisch nicht erst seit dem 11. September, sondern seit dem Mauerfall neue Prioritäten außerhalb eines sich «emanzipierenden Europa» setzt: Mehr «unbeholfen» als geschickt sucht Deutschland nun seine Rolle in einem Feld, das ihm die «lädierte US-Vaterfigur» (Schirrmacher) bereitwillig zu überlassen scheint.

Die Krise in amerikanischer Wahrnehmung

In Amerika werden diese deutschen Debatten laut Ian Johnson, dem Leiter des Berliner Büros des «Wall-Street Journal», zwar durchaus «wahrgenommen» – aber nicht als Lektionen international relevanter Realpolitik, sondern als «Schröders Versuche, die Sozialdemokratie zu retten». Deutschen Äußerungen wird überhaupt mit gemischten Gefühlen begegnet - einerseits wird «gerechte Kritik», etwa an den Verhältnissen in Guantanamo Bay, als «selbstverständlich» begrüßt, andererseits werden laut Johnson «angstvolle Meinungen» über die USA sehr irritiert wahrgenommen, da sie die in der amerikanischen Gesellschaft angelegten Selbstkorrektive übersehen.

Der Wandel ist allgegenwärtig, doch scheint in Deutschland aus amerikanischer Perspektive niemand über eine Strategie, niemand über eine Vorstellung vom Umfang des Wandels zu verfügen. Die Bedrohung des Westens durch islamistisch-fundamentalistische Strömungen ist seit dem 11. September bekannt, doch noch immer fehle hierzu in Deutschland eine klare Bedrohungsanalyse. Die auch Amerika verstörende Einsicht laute, ganz im Tenor der Identitätsthese: «Die Deutschen wissen nur, was sie nicht sind», aber nicht, was sie sein wollen (Johnson).

Zu wenig Selbstbewusstsein für eine Einwanderungspolitik

Wichtiger noch als die diffuse Palette antiamerikanischer Rhetorik wurde von der Runde aber die demografische Entwicklung in Westeuropa erachtet. Vor allem das alternde Deutschland dürfte langfristig eher «noch starrer und unbeweglicher werden und stärker zur Appeasement-Politik neigen» (Schirrmacher). Die anstehenden gesellschaftlichen Veränderungen sind daher nicht nur wirtschaftlich-sozialer, sondern auch demografisch-mentaler Natur, wenn der Altenanteil in der Bevölkerung immer größer wird.

Nur durch Einwanderung könne dieses Problem gelöst werden, so Ian Johnson – doch wie soll man mit ihr tatsächlich umgehen? Bislang erfolge Einwanderung in Deutschland eher zufällig-situativ, «ohne Selbstbewusstsein» – und daher ohne staatliches Konzept. Auch die geradezu uferlose EU-Erweiterung löst nicht das gesamteuropäische Problem der schrumpfenden Bevölkerung; im von Saturiertheit und Bewahrungstendenzen beherrschten Europa verstärkt sie noch dessen Hang zur «Selbstmusealisierung», glaubt Robert von Rimscha, außenpolitischer Experte des «Tagesspiegel» (Berlin).

Europäisierung der Probleme

Ohnehin ist in deutschen Selbstfindungskrisen schnell der Ruf nach der «europäischen Ebene» zu hören. Es schien in Elmau Konsens zu sein, dass der «deutsche Weg zur Europäisierung der Probleme» (Kornelius) nur Scheinlösungen verspricht; das «Brüsseler Desaster» – von der Bundesregierung bestenfalls mit Schweigen bedacht – erweist sich als ein Menetekel der deutschen EU-Maxime, die Mitgliederzahl möglichst schnell zu erweitern: Die «übereilte EU-Erweiterung» war ein «Big-Bang» für die Union und ihre Mitglieder, so Kornelius.

Der gravierende Sachverhalt, dass aller Rhetorik und allen Anstrengungen zum Trotz in Europa nicht Denationalisierung, sondern Renationalisierung auf der Tagesordnung steht, scheint in Deutschland kaum zu beunruhigen. Stattdessen rufen etwa SPD-Traditionalisten die «Systemauseinandersetzung zwischen liberalem Kapitalismus und sozialer Demokratie» aus, oder stellt Gerhard Schröder Deutschland als ein gerechtes, geradezu im Weltmaßstab attraktives Sozialstaatsmodell für ein «starkes Europa» dar – eine laut Rimscha «jeder Realität entbehrende» Propaganda, die lediglich von der realpolitischen Blindheit ihrer Verfechter zeuge.

Deutsche Leidkultur

Das Leiden am angeblich fehlenden kulturellen Leitbild grundiert jede Diskussion über das defiziente Selbstbild der Deutschen. Den entsprechenden klassisch kulturkonservativen Problemaufriss lieferte Frank Schirrmacher: Die kulturelle Überlieferung Deutschlands sei zerstört, die aus der «Verabschiedung vom Normativen» folgenden «destruktiven Tendenzen» allgegenwärtig, die Identität derart mangelhaft, dass beispielsweise die Duldung vielfacher Rechtschreibungsvarianten wichtiger erscheine als der verpflichtende Spracherwerb für Einwanderer. Trotz genereller Übereinkunft auf dem Podium, dass das Phantasma nationaler Identität etwas ganz Reales ist, kritisierten Schirrmachers Gesprächspartner diese Einschätzung dann doch als «falsche deutsche Apokalypse» (Kornelius) sowie als Ausdruck einer «Leidkultur» (Rimscha).

Zwar bedürfe es eines von Kommunikationsbereitschaft zeugenden Dialoges der Kulturen, so Schirrmacher weiter, doch bilde dessen notwendige Basis eine «Selbstvergewisserung der eigenen Werte». Zu ihr zähle zweifellos auch die Beachtung der grundlegenden Tatsache, «dass sich die Supermacht USA bedroht fühlt und entsprechend reagiert«. Aber auch die Beantwortung der Frage, ob «wir die Einschätzung der islamistisch-fundamentalistischen Bedrohung teilen, die uns alle, als deren potentielle Opfer» angeht.

 
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