Netzeitung Logo
 
DruckenVersenden
 

Bernhard Lewis: 

Im Orient nichts Neues

10. Dez 2003 07:56
Bernard Lewis
Bernhard Lewis kritisiert das weitgehende Fehlen einer Ausdifferenzierung zwischen Staat und Kirche im Islam. Der Dschihad sei zwar legitim, aber nicht mit dem Terrorismus gleichsetzen.

Von Oliver Heilwagen

Vor ausverkauften Sälen zu sprechen, erleben Vertreter so genannter Orchideenwissenschaften selten. Bei Bernard Lewis ist das anders: Dem 87-Jährigen eilt der Ruf voraus, einer der weltweit besten Kenner des islamischen Kulturkreises zu sein. Als mittlerweile emeritierter Professor für «Near Eastern Studies» ab 1949 in London und seit 1974 in Princeton hat der gebürtige Brite seine Disziplin geprägt wie kaum ein zweiter. Zudem lieferte er sich mit seinem akademischen Gegenspieler Edward Said eine erbitterte, zwei Jahrzehnte dauernde Fehde, die in den Feuilletons aufmerksam verfolgt wurde.

Der jüngst verstorbene Amerikaner palästinensischer Herkunft warf Lewis vor, ein typischer Vertreter jener Haltung zu sein, die er 1979 in seiner Aufsehen erregenden Streitschrift «Orientalism» gebrandmarkt hatte. Seit dem 19. Jahrhundert habe der Westen, so Saids These, Klischees über das angebliche Wesen des «Orients», des «Islam» und der «Araber» an sich konstruiert. Sie dienten dazu, den Nahen Osten zu kolonisieren, hätten aber mit der facettenreichen Wirklichkeit wenig zu tun. Dem hielt Lewis entgegen, Said suche nur nach einem Sündenbock für den Niedergang der islamischen Welt. Der sei aber keine Erblast der Kolonialzeit, sondern von der Umma, der muslimischen Glaubensgemeinschaft, selbst verschuldet.

Keine Säkularisierung der weltlichen Sphäre

Die Argumente für seine Gegenthese fasste Lewis in seinen beiden jüngsten Publikationen «The Crisis of Islam» und «What went wrong? The Clash between Islam and Modernity in the Middle East» zusammen. Diese Bilanzen seiner jahrzehntelangen Forschungen sind unter den ebenso melodramatischen wie irreführenden Titeln «Die Wut der Arabischen Welt» und «Der Untergang des Morgenlandes» auch auf Deutsch erschienen. In der aktuellen Debatte über Ursachen des radikalislamischen Terrorismus wirkten diese Beiträge geradezu aufreizend politisch unkorrekt. Kein Wunder also, dass das Berliner Renaissance-Theater bis auf den letzten Platz besetzt war, als Lewis im Rahmen der Vortragsreihe «Berliner Lektionen» seine Auffassungen in Grundzügen vorstellte.

Edward Said: Im Dauerstreit mit Lewis
Im unnachahmlich gelassenen Plauderton, in dem angelsächsische Gelehrte noch über die komplexesten Themen zu reden verstehen, listete er grundlegende Differenzen zwischen dem christlich geprägten Europa und dem geistigen Kosmos der Anhänger Allahs auf. Der Islam kennt keine sprachliche Unterscheidung zwischen der Religion und der von ihr geschaffenen Zivilisation, wie sie in den Wörtern «Christentum» und «Christenheit» zum Ausdruck kommt. Auch die Trennung von Staat und Kirche ist außer in der Türkei nirgends vollzogen worden: Muslimische Machthaber rechtfertigen ihre Herrschaft stets mit dem Anspruch, die Bekehrung der Menschheit zum wahren Glauben voranzutreiben. Die Säkularisierung und Profanierung der weltlichen Sphäre fand nie statt. Islamische Kleriker genießen in allen Fragen des Daseins bis heute eine Autorität, die ihre christlichen Amtskollegen weitgehend verloren haben.

Bin Laden gegen Kreuzfahrer

Wo aber eine heilige Schrift die Richtschnur für jedes Verhalten liefert, werden zeitgenössische Probleme nach 1300 Jahre alten Maßstäben beurteilt: Etwa bei der von Lewis entschieden kritisierten, untergeordneten Stellung der Frau im Islam. Zudem denunziert das Auserwähltheitsbewusstsein dieses Glaubensbekenntnisses jeden Zweifel als ketzerisch. Der Koran ist buchstäblich das Wort Gottes, Mohammed das «Siegel der Propheten» und seine Offenbarung als zeitlich letzte folglich die vollkommenste aller Buchreligionen. Eine reflexiv die eigenen Voraussetzungen hinterfragende Wissenschaft, wie sie im Westen aus dem Geist der theologischen Bibelkritik entstand, konnte daher die muslimische Welt nicht hervorbringen, argumentiert der Forscher.

Dem entspricht eine Fixierung auf die eigene Geschichte. Im irakisch-iranischen Krieg von 1980 bis 1988 etwa berief sich die Propaganda beider Seiten auf historische Vorbilder aus dem 7. Jahrhundert, erzählte Lewis. Ähnlich denke Al-Qaeda-Führer Osama bin Laden, wenn er «80 Jahre anhaltender Demütigungen für Moslems» beklage: Der Zerfall des letzten großen muslimischen Imperiums, des Osmanischen Reiches, 1918 sei für ihn das wichtigste Datum des 20. Jahrhunderts. Bin Ladens Hasstiraden gegen «Kreuzfahrer» zeugten ebenfalls von einem Geschichtsbewusstsein, das die Gegenwart nur als Wiederholung längst vergangener historischer Konstellationen begreife, interpretierte Lewis: In dieser Weltsicht seien Islam und Christentum rivalisierende «Zwillings-Zivilisationen», was die Dauer und Schärfe ihres Konflikts erkläre.

Beste Absichten, verheerende Ergebnisse

Dabei sei der Dschihad, der Heilige Kampf zur Unterwerfung der Ungläubigen, durchaus legitim. Allerdings nicht mit den von Al Qaeda angewandten Methoden: «Tatsächlich widerspricht Terrorismus völlig den theologischen Doktrinen der islamischen Tradition.» Die von ihr erlaubte Kampfführung stimme eher mit der Genfer Konvention überein: Chemische Waffen und sogar Fluggeschosse seien verboten. «Selbstmordattentäter wissen so wenig über die eigene Religion, dass sie ignorieren, dass sie eine Todsünde begehen», betonte der Wissenschaftler.

Die Frontstellung gegenüber dem Christentum hat verhindert, dass der arabische Raum die geistigen und technischen Erfindungen Europas in der Neuzeit übernahm: Bis ins 19. Jahrhundert ziemte es sich für einen Moslem nicht, die Länder der Ungläubigen zu bereisen oder Anregungen von dort aufzugreifen. Als man die Modernisierung nachholen wollte, sei dies «mit den besten Absichten und verheerenden Ergebnissen» geschehen, stellte Lewis fest: Der Ausbau von Staatapparat und Bürokratie habe traditionelle Institutionen zerstört, die der Bevölkerung Mitspracherechte garantierten und der Macht des Herrschers Grenzen setzten.

Die Innovationsschwäche des Islam

Deswegen regierten heutzutage die meisten islamischen Staatschefs diktatorisch. Ein trauriges Beispiel für fatale Folgen der Modernisierung liefere Saddam Husseins Baath-Partei: Sie sei «ein Klon der NSDAP», weil ihre syrischen Gründer unter dem Eindruck des französischen Vichy-Regimes standen, das mit den Nationalsozialisten kollaborierte. Ihre Entmachtung gibt Lewis «Anlass zu vorsichtigem Optimismus»: Nun könne sich die irakische Gesellschaft auf ihre Wurzeln besinnen.

Anhängerinnen der irakischen Baath-Partei
Was er sich vom wieder wachsenden Einfluss schiitischer Geistlicher im Irak verspricht, erläuterte der Gelehrte indes nicht. Sie als Hoffnungsträger zu charakterisieren, widerspricht eigentlich seinen übrigen Überzeugungen. In seinem Buch «What went wrong?» hatte er das Kardinalproblem des Islam als «Mangel an Freiheit – Freiheit des Geistes von Zwang und Indoktrination, die Freiheit, zu fragen, zu forschen und zu sprechen» definiert. Ein Befund, der im vergangenen Jahr von einem Uno-Bericht über «human ressources» gestützt wurde. Demnach ist das Pro-Kopf-Einkommen im arabischen Raum in zwei Jahrzehnten auf das Niveau von Schwarzafrika gefallen. Besserung ist nicht in Sicht: Die Wirtschaftsproduktivität sinkt weiter, dortige Hochschulen forschen wenig und melden praktisch keine Patente an.

Dieser Innovationsschwäche wird mit einer Rückkehr zu islamischen Traditionen kaum abzuhelfen sein. Einen Ausweg aus dieser Sackgasse böte eher der Ansatz aufgeklärter muslimischer Intellektueller, einen neuen Anlauf zu unternehmen, um in der Moderne anzukommen: Nicht im Sinne oberflächlicher Verwestlichung, sondern dem einer konsequenten Verweltlichung der Gesellschaft. Dann dürfte die Religion nur noch den Status beanspruchen, den Europa ihr nach jahrhundertlangen Glaubenskriegen zugewiesen hat: Den einer Privatangelegenheit.

Bernard Lewis: Die Wut der Arabischen Welt. Warum der jahrhundertelange Konflikt zwischen dem Islam und dem Westen weiter eskaliert. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2003. 192 Seiten, 19,90 Euro.
Ders.: Der Untergang des Morgenlandes. Warum die islamische Welt ihre Vormacht verlor. Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 2002. 254 Seiten; 19,90 Euro.

 
Drucken
VersendenSocial Bookmark Mister Wong Yigg Google del.icio.us Oneview Webnews
 
Zu weiteren Bildergalerien
Zu weiteren Bildergalerien
Sie müssen JavaScript aktiviert und Flash 8 installiert haben, um diese Seite in vollem Umfang nutzen zu können.
 
Live Top 5
Aus anderen Ressorts
Zur Autogazette

Geschäftsführer: Dr. Robert Daubner | Chefredakteurin: Domenika Ahlrichs | Impressum | Datenschutz
NZ Netzeitung GmbH · Karl-Liebknecht-Str. 29 · 10178 Berlin · Tel.: 030 23 27 6840 · Fax: 030 23 27 6874
Alle Rechte © 2008 NZ Netzeitung GmbH
 
Vermarktung: DZH Online Media Sales Group GmbH
 
IT & Security by Procado
 
[ai:ti]-Quotes&Charts: IT Future AG
Quellen der Börsendaten: IT Future AG, Standard&Poor's Comstock Inc. und weitere.