Anschläge in Istanbul:
Public Relations des Terrors
Lange bevor New York kultureller und wirtschaftlicher Mittelpunkt der Welt wurde, hatte Konstantinopel diese Rolle gespielt. Dort kreuzten sich die wichtigsten Karawanenstraßen zwischen Asien und Europa, die Stadt am Bosporus war ein politisches und kulturelles Zentrum, heute würde man sagen: Ein Melting Pot, an dem Völker, Religionen, Warenströme, geschäftliche und politische Interessen einander begegneten, sich mischten, vereinten und miteinander arrangierten.
Davon ist viel geblieben, nicht zuletzt dank der Bemühungen der modernen Türkei, sich bei allen weltanschaulichen und kulturellen Differenzen zwischen Ost und West nicht fundamentalistisch hier- oder dorthin zu neigen. Sie sucht den Kompromiss in einer eigenen, überwiegend westlich orientierten Politik und einem nicht minder einmaligen Nationalcharakter, der zwischen staatlich verordneter Religionsferne und im Volk tief verwurzeltem, relativ weltoffenen Islam vermittelt.
Die Anschläge vom vergangenen Wochenende und vom heutigen Donnerstag zielen auf die Substanz dieses schwierigen türkischen Kompromisses, die schon lange bedroht ist. Islamische Fundamentalisten innerhalb und außerhalb des Landes hassen den türkischen Sonderweg. Aus ihrer Sicht ist ein Staat gottlos, der auf einem Gesellschaftsvertrag nach westlichem Muster basiert, keine Staatsreligion kennt, die Scharia nicht achtet, gute partnerschaftliche Beziehungen zu Israel und den USA unterhält und in die EU eintreten möchte.
Überdies verachten sie den türkischen Staat für seine Toleranz. Schon gemäßigt islamistisch auftretende Parteien müssen in der Türkei zwar mit harschen, rechtsstaatlich problematischen Verboten rechnen das heißt jedoch nicht, dass die freie Religionsausübung derer systematisch unterdrückt wird, die den Koran enger auslegen. Solche Liberalität kommt bei Fundamentalisten, deren Wesenszug es ist, dass sie die Freiheit nicht ertragen können, als Auflösungserscheinung, als Schwäche an.
Diese Schwäche wollen die Terroristen beweisen. Ihre Anschläge sind Public Relations in eigener Sache. Indem sie die gesellschaftliche und weltanschauliche Auflösung, die sie diagnostizieren, durch Anschläge forcieren, möchten sie die Türkei schwanken machen in ihrer dem Westen zugeneigten Haltung zwischen den Kulturen. Es lag aus ihrer Sicht nahe, ihre Kampagne in Istanbul, dem Ort zwischen Europa und Asien, zu lancieren, der nicht nur Welthandelszentrum dieser Region und eine der Hauptstädte des Islam ist, sondern zugleich für viele Probleme steht, für die der Westen von einfach strukturierten Geistern verantwortlich gehalten wird. Denn abseits des prosperierenden Zentrums, in dem die Anschläge stattfanden, leben Millionen Menschen in Slums, die die Hoffnung auf ein besseres Leben in die Metropole gelockt hatte, die ihnen nun vielfach keinen anderen Weg zur Selbstbehauptung bieten kann als jenen in den Hass auf die Glitzerwelt der Istanbuler Banken, Basare, Restaurants und Nachtclubs, die für die meisten von ihnen unerreichbar bleibt.
Diese Schicht der Chancenlosen ist es, aus denen der Terrorismus seine «Märtyrer» rekrutiert. Bislang war dies kein spezifisch türkisches Thema gewesen. Das gesellschaftliche Phänomen der Massenverelendung des unteren Mittelstandes und der Unterschicht und der völligen Perspektivlosigkeit junger Menschen durchzieht als Leitmotiv den islamisch geprägten Teil der Welt. Dies war aber auch darum in der Türkei kaum Thema, weil sie als einziger Staat der Region ernsthafte Bemühungen erkennen lässt, des Problems Herr zu werden, das hier wie überall durch Staatsverbrecher, Korruption, Misswirtschaft, mangelnde Bildung und mangelnde demokratische Kultur entstanden ist.
Die Fundamentalisten sehen, wo die reformerischen Bemühungen der Türkei hinführen: Sie entziehen dem Fundamentalismus die Basis und widerlegen seine ideologischen Irrlehren vom sündhaften, jüdisch-ausbeuterischen Westen, indem sie die Türkei allmählich zum ersten islamisch geprägten Staat zu machen versprechen, wo nach westlichen Muster Wohlstand und Freiheit herrschen.
Die Türkei ist auf dem Weg dorthin das schwächste Glied in der Sperrkette des Westens gegen den Terror. Dass internationale Terrornetzwerke nun junge Kurden zu rekrutieren scheinen, steht für eines ihrer vielen ungelösten Probleme. Ein weiteres Problem aber ist, dass sie sich im Westen nicht immer willkommen fühlt, etwa angesichts der kaum nachvollziehbaren Arroganz, in der die EU die Türkei zur Mitgliedschaft mal irgendwie einlädt, mal verhalten zurückweist.
Umso beeindruckender ist die Entschlossenheit der türkischen Führung, den Weg nach Westen zu gehen. Es liegt nicht an ihr, wenn viele Türken diesen Weg nicht oder nicht ganz mitgehen wollen: Der Westen muss dies Misstrauen zerstreuen. Es ist an uns, den Public Relations des Terrors die Entschlossenheit der freien Welt entgegenzusetzen. Die Türkei darf darin nicht nur Zweck-Alliierter sein, dessen Territorium geografisch günstig als Stützpunkt nutzbar ist. Sie braucht Unterstützung, politisch und finanziell, um ihren Weg nach Westen auch wirtschaftlich und sozial erfolgreich fortzusetzen.
Bei aller Kritik, der die Türkei zu Recht auf diesem Weg noch nachgeben muss, verdient sie schon jetzt, auch über diplomatische Sonntagsreden hinaus als vollwertiger Partner ernst genommen zu werden. Ihre großen Potenziale anzuerkennen, sollte man nicht den Terroristen überlassen, die sie zerstören wollen, um sie in die Schranken ihres Wahns zu zwingen.

