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Was von Auschwitz bleibt: 

Das Zeugnis der Entwürdigten

06. Nov 2003 00:33
Primo Levi, Zeuge der Sprachlosen
Während immer neue Provokateure immer wieder Vergessen für Deutschland einfordern, versucht der italienische Philosoph Giorgio Agamben die Frage zu beantworten, «was von Auschwitz bleibt».

Von Ulrich Gutmair

Die aktuellen Debatten unter anderem über die haltlosen Vergleiche des Volksvertreters Hohmann zeugen von einer Inkongruenz zwischen Selbstwahrnehmung und Realität. Die deutschen Provokateure der Normalisierung bleiben auf die Nation fixiert, die nun angeblich lange genug als kriminelle Vereinigung stigmatisiert wurde. Als Vehikel dienen ihnen dabei eingebildete Schuldzuweisungen: Irgendwer, so die Behauptung, bezichtigt die Deutschen ständig, nie etwas anderes als Täter gewesen zu sein. Und was ist mit den deutschen Opfern?

Mit solchen Formeln der Verrechnung von Schuld und Opfer wird implizit die historische Singularität von Auschwitz geleugnet. Das ist unter anderem deswegen so schäbig, weil es auch deutsche Täter waren, die sich des Konzepts der «Kollektivschuld» bedienten, um sich selbst juristischer Verantwortung zu entziehen. Denn ein Täter wie Eichmann bot an, sich «öffentlich selbst aufzuhängen», um den «Schulddruck der deutschen Jugend wegzunehmen». Er hatte überhaupt kein Problem damit, eine ganz allgemeine «moralische Schuld vor Gott» zu übernehmen. Sie falle als solche allerdings keinesfalls in die Zuständigkeit der irdischen Justiz, behauptete er.

Welche ethischen Konsequenzen hat Auschwitz?

In Eichmanns Schuldeingeständnis zeige sich beispielhaft die «säkulare Ethik (in der betulichen und selbstgerechten Form, wie sie heute vorherrscht)», schreibt Giorgio Agamben in seinem vor kurzem auf Deutsch erschienenen Buch «Was von Auschwitz bleibt». Sein Buch ist vor dem Hintergrund der immer wiederkehrenden Abwehr einer vermeintlichen Zuweisung von Kollektivschuld als solches bereits ein Beweis des Gegenteils. Denn in seinem Buch versucht Agamben der Frage nachzugehen, welche ethischen Konsequenzen sich aus der historischen Tatsache der Vernichtungslager ergeben, welche Aktualität Auschwitz hat: Diese Frage richtet sich per definitionem an alle.

Thema:
  • Juden im Kommunismus: Wie es wirklich war
  • Schuld um Schuld: Hohmann als Menetekel
  • Vergleichbar oder nicht? Völkermord in Fakten und Zahlen
  • Agambens solchermaßen vorgenommene «Universalisierung» zeigt sich unter anderem darin, dass er die nationalsozialistische Vernichtungspolitik in gewisser Hinsicht als beispielhaft für das Wirken der modernen «Bio-Macht» begreift. Aus diesem Grund stellt er gar gewagte Verbindungen zum Umgang etwa mit Komapatienten her. Es ist ein in vielerlei Hinsicht aufschlussreiches philosophisches Unternehmen, das nicht nur ethische Kategorien einer minutiösen Untersuchung unterzieht.

    So wendet sich Agamben vehement gegen die Benutzung des Begriffs des Holocaust, dessen ursprüngliche Bedeutung des Brandopfers der Vernichtung unzulässigerweise einen abstrakt-religiösen Sinn verleiht. Da er außerdem schon in den ersten christlichen Jahrhunderten für antijüdische Propaganda eingesetzt wurde, plädiert Agamben dafür, diesen Begriff ein für alle mal aufzugeben. Auch wenn das hebräische «Schoah», das Katastrophe bedeutet, biblisch häufig im Kontext einer göttlichen Bestrafung erscheint, fehle ihm doch die Konnotation des Spotts, die «Holocaust» etymologisch eigen ist.

    Das ganze Leid unserer Zeit

    Agamben will die in eine «wohlfeile Sakralisierung» mündende Mystifizierung dessen, was sich in den Vernichtungslagern abspielte, nicht zulassen. Gleichzeitig ist er skeptisch gegenüber denjenigen, die «zu viel und zu schnell verstehen wollen». Denn Auschwitz steht in den Augen Agambens für die Aporie historischer Erkenntnis selbst, konkret für die «Nicht-Koinzidenz von Fakten und Wahrheit, von Konstatieren und Verstehen». Die historische Wahrheit, die Agamben hier im Blick hat und die als solche von uns nicht nachvollzogen und verstanden werden kann, ist das Erleben und Erleiden der planmäßigen Vernichtung von Menschen in den Lagern. Sie kann von den Opfern selbst nicht mehr bezeugt werden.

    Diejenigen, die aus den Vernichtungslagern zurückgekehrt sind, um über sie zu berichten, sind lediglich stellvertretende Zeugen. Zu ihnen zählt Primo Levi, der in verschiedenen Schriften über die Paradoxie der Zeugenschaft gesprochen hat: «Jetzt sprechen wir, als Bevollmächtigte an ihrer Stelle.» Agambens Überlegungen kreisen um das Verhältnis der Zeugen zur Figur des sogenannten «Muselmanns». Als Muselmänner bezeichneten die Insassen der Lager jene Menschen, die ihr Menschsein bereits verloren zu haben schienen, bevor sie durch Hunger, Stiefeltritte oder Gaskammer von der SS ermordet wurden.

    Es waren diejenigen, die mit ausdruckslosen Gesichtern, gebeugt und ohne nennenswerte Kommunikation mit anderen vor sich hin vegetierten, weil sie ihren Lebenswillen verloren hatten. «Sie bevölkern meine Erinnerung mit ihrer Gegenwart ohne Antlitz; und könnte ich in einem einzigen Bild das ganze Leid unserer Zeit einschließen, würde ich dieses nehmen, das mir vertraut ist: Ein verhärmter Mann mit gebeugter Stirn und gekrümmten Schultern, von dessen Gesicht und Augen man nicht die Spur eines Gedankens zu lesen vermag,» schrieb Levi einst. Für ihn ist der Muselmann dennoch «der vollständige Zeuge.»

    Stellvertretendes Zeugnis

    Primo Levi hingegen ist Agambens wichtigster Kronzeuge, man könnte sogar noch weiter gehen, und dieses Verhältnis umkehren: Agamben denkt über weite Strecken nur das zuende, was Levi lange vor ihm formuliert hat. Es gelingt ihm damit, dem Leser das Problem nahe zu bringen, das Levi zeitlebens umtrieb und nicht zur Ruhe kommen ließ: Wie verhält es sich mit seinem Zeugnis, das eben immer nur ein stellvertretendes Zeugnis sein kann?

    Brisant ist diese Frage auch deswegen, weil sich in den letzten Jahren immer wieder herausgestellt hat, wie ungenau die Zeugnisse mancher Überlebender sind. Levi zählt nicht zu den unzuverlässigen Zeugen, die die Historiker inzwischen nicht mehr als Quellen benutzen, vielleicht gerade aus dem Umstand heraus, dass er, der selbst in Auschwitz war, immer genau unterschieden hat zwischen dem eigenen Erleben und seinem Status als Stellvertreter für diejenigen, die nicht mehr sprechen konnten, wie Agamben nahe legt.

    Wo es Würde nicht mehr gibt

    Für Agamben spricht Levi für die, «bei denen von Würde und Anstand zu sprechen unanständig wäre.» Denn die «ethische Aporie von Auschwitz», also der unauflösbare ethische Widerspruch, den Agamben aus Levis Überlegungen schließt, besteht darin, dass es dort eben nicht mehr anständig war, anständig zu bleiben. Das Lager ist der Ort, «an dem diejenigen, die glaubten, Würde und Selbstachtung zu bewahren, Scham denen gegenüber empfinden, die diese sofort verloren.»

    Agambens Argumentation beginnt eigentlich hier: Der Muselmann bleibt auch in seinem Zustand weiterhin ein Mensch, denn spräche man ihm das Menschsein ab, wiederholte man die Operation der SS, die Bürger in «Nichtarier», dann in Juden und in Muselmänner verwandelte, um sie schließlich zu töten. Der Mensch existiert also auch dort, wo es Würde und Selbstachtung nicht nur nicht mehr gibt, sondern wo diese Begriffe «nutzlos geworden sind». Ist das aber der Fall, so Agamben, dann kann es sich hierbei um keine ethischen Begriffe (mehr) handeln. Agambens radikale Analyse zieht so Konsequenzen, die uns noch lange beschäftigen werden.

    Er versucht mit seiner Lektüre der banalen Feststellung, dass nach Auschwitz die Welt unwiderruflich eine andere geworden ist, eine exaktere Bedeutung zu geben. Die «Grauzone», die mit den Vernichtungslagern in die Welt kam, ist nicht verschwunden. Ihre Chiffre erblickt Agamben in einem Fußballspiel, das in Auschwitz zwischen SS-Leuten und Angehörigen des Sonderkommandos ausgetragen wurde. Also jenen Insassen, die von der SS gezwungen wurden, ihre Mitgefangenen in die Gaskammern zu führen, nachher ihre Leichen zu waschen, in den Körperöffnungen nach Wertgegenständen zu suchen, Haare abzuschneiden, Goldzähne herauszubrechen und dann die Leichen zu verbrennen.

    Absolut wahres Zeugnis

    Für Agamben hat dieses Fußballspiel niemals geendet, Auschwitz hat sich für immer in unsere Realität eingeschrieben, und «wenn es uns nicht gelingt, dieses Spiel zu begreifen, wird es niemals Hoffnung geben». Der Leser mag diese eher kryptisch anmutende Problemstellung als Hinweis darauf lesen, dass die Moderne nach Auschwitz in ihre eigenen Abgründe blicken musste: Die Vernichtungslager sind nicht einem «Wahnsinn» der Naziführung entsprungen, sondern letzte Konsequenz einer Rationalität, die sich unter anderem auf damals anerkannte Theorien wie den Sozialdarwinismus und die Eugenik berief, letzte Konsequenz auch der Masterpläne von Agrar- und Bevölkerungsexperten, Wirtschaftsstäben und Rassenforschern.

    Aber darauf will Agamben nicht hinaus. Er weist wohl inhaltlich darauf hin, dass das rassistische Konzept eines zu erweiternden deutschen «Lebensraums» – wobei er eben diesen Begriff allerdings nicht zu kennen scheint – der «innere Motor» der Vernichtungslager war. Doch gleichzeitig interessiert ihn das Ineinandergreifen von Wehrmacht, SS, Behörden und Wissenschaftlern nicht, dem sich die jüngere Forschung vielfach angenommen hat.

    Agamben liest die Zäsur Auschwitz beinahe ausschließlich von den Opfern her und von denjenigen, die ihren Tod bezeugen. Ihn interessiert die ebenso wichtige, weniger historiographische als philosophische Frage, was in den Lagern in Bezug auf den Menschen und unser Verständnis vom Menschen geschah. So wirft etwa ein Zitat von Grete Salus ein grelles Licht auf die «einzigartige Realität» des Lagers, «die es nach dem Zeugnis der Überlebenden absolut wahr – und gleichzeitig unvorstellbar macht», wie Agamben schreibt. Salus erklärte: «Nie soll ein Mensch soviel aushalten müssen, wie er aushalten kann, und nie soll ein Mensch sehen müssen, wie dieses Leiden höchster Potenz nichts Menschliches mehr hat.»

    Das Selbst ist ein Rest

    Agambens Interpretation dieses ethischen Imperativs mündet in einer abstrakten philosophischen Indizienkette. Das schwierige Verhältnis zwischen Wahrheit und Unmöglichkeit des Zeugnisses wird ihm schließlich zu einer ganz allgemeinen Bedingung des Menschlichen. Ausgehend von der Scham der Überlebenden, die ihr Überleben mit sich gebracht hat, versucht Agamben sich in nicht weniger als einer Definition dessen, was die abendländische Philosophie Subjekt nennt: «In der Scham hat das Subjekt einzig seine Entsubjektivierung zum Inhalt, wird es Zeuge des eigenen Untergangs, erlebt mit, wie es als Subjekt verloren geht.» Denn Agamben versteht die Scham als ein Ausgeliefertsein an etwas, das «wir nicht auf uns nehmen können», als Ausdruck einer unmöglichen Flucht vor dem eigenen Sein.

    Agamben greift hier vor allem auf Emile Benveniste zurück, der sich die Frage gestellt hatte, auf welche Realität sich ein Wort wie «ich» bezieht, das kein Begriff ist. Das Subjekt, das «ich» sagt, existiert nur in diesem Aussprechen, weil das von den Linguisten zu den Shiftern gezählte «ich» sich auf nichts bezieht als eben das Sprechen selbst. In der Subjektivität wirkt ein Paradox, weil sich eine Entsubjektivierung gerade in dem Moment vollzieht, in dem ein Sprecher sich mit diesem «ich» als Subjekt der Rede identifiziert, das selbst wiederum «von der Sprache gesprochen wird» und im eigentlichen Sinn keinerlei Bezug hat zur physischen Realität des Sprechers.

    «Subjektivität und Bewusstsein», schließt Agamben, beruhen auf keiner wie auch immer gearteten Substanz, sondern dem «Prekärsten der Welt: dem sprachlichen Ereignis.» Ein Subjekt schließt sozusagen gleichzeitig die Positionen des Muselmanns und des Zeugen ein, das Menschliche existiert nur als Schwelle, das Selbst ist ein Rest. Spätestens hier schleicht sich beim Leser ein leises Unbehagen ein, der sich fragt, ob die Zeugnisse der Überlebenden hier nicht instrumentalisiert werden, um einer abstrakt-philosophischen Argumentation, die ihres Beispiels womöglich nicht bedarf, mehr Plausibilität oder gar Eleganz zu verschaffen.

    Ein Zeugnis, das nicht geleugnet werden kann

    Doch Agambens Text ist in seiner Gänze weit davon entfernt, Auschwitz als wirksames Vehikel zu benutzen. Er zeigt am Auseinanderfallen von Zeugnis und der Erfahrung des nackten Lebens und Sterbens die Konsequenzen der nationalsozialistischen Lebensraumpolitik im einzelnen Menschen auf. Der Muselmann ist für ihn «eine Art absoluter biopolitischer Substanz, die in ihrer Isolierung die Zuweisung jeglicher demographischer, ethnischer, nationaler oder politischer Identität zulässt».

    Sein Exkurs über das Wesen des Subjektiven dient so dem Verständnis dessen, was in den Lagern geschah: Hier wurde den Menschen ein reines Überleben aufgezwungen. Die hier wirkende «Bio-Macht» äußerte sich eben darin, das Lebewesen vom sprechenden Wesen zu trennen, um so sprachlose Muselmänner, Nicht-Menschen zu produzieren. Die Geschichte der Lager sollte am Ende nur die nationalsozialistische Propaganda schreiben oder eben verschweigen können, nachdem der neue «Lebensraum» durch das Entfernen «überzähliger» Bevölkerungen erst geschaffen worden war.

    Am Ende ist es aber gerade die Tatsache, dass im Zeugnis der Überlebenden «eine Sprache als Ereignis einer Subjektivität» stattfindet, die die Leugnung der Lager unmöglich macht. «Wenn der Überlebende nicht von der Gaskammer oder von Auschwitz Zeugnis ablegt, sondern für den Muselmann, wenn er allein von der Möglichkeit zu sprechen her spricht, dann kann sein Zeugnis nicht geleugnet werden», glaubt Agamben. Die Leugner von heute allerdings zeichnen sich gerade nicht dadurch aus, dass sie solche Zeugnisse anzweifeln, sondern dadurch, dass sie uns auffordern, sie möglichst gründlich zu ignorieren. Dabei war es Primo Levi, der erklärte, es sei nicht nur sinnlos, von kollektiver Schuld zu sprechen, sondern auch gefährlich: Man müsse persönlich für Schuld und Irrtum einstehen, weil «sonst jede Spur von Zivilisation vom Erdboden verschwinden würde.»

    Giorgio Agamben: Was von Auschwitz bleibt. Das Archiv und der Zeuge, Suhrkamp 2003. 158 Seiten, 9 Euro.

     
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