Was von Auschwitz bleibt:
Das Zeugnis der Entwürdigten
Die aktuellen Debatten unter anderem über die haltlosen Vergleiche des Volksvertreters Hohmann zeugen von einer Inkongruenz zwischen Selbstwahrnehmung und Realität. Die deutschen Provokateure der Normalisierung bleiben auf die Nation fixiert, die nun angeblich lange genug als kriminelle Vereinigung stigmatisiert wurde. Als Vehikel dienen ihnen dabei eingebildete Schuldzuweisungen: Irgendwer, so die Behauptung, bezichtigt die Deutschen ständig, nie etwas anderes als Täter gewesen zu sein. Und was ist mit den deutschen Opfern?
Mit solchen Formeln der Verrechnung von Schuld und Opfer wird implizit die historische Singularität von Auschwitz geleugnet. Das ist unter anderem deswegen so schäbig, weil es auch deutsche Täter waren, die sich des Konzepts der «Kollektivschuld» bedienten, um sich selbst juristischer Verantwortung zu entziehen. Denn ein Täter wie Eichmann bot an, sich «öffentlich selbst aufzuhängen», um den «Schulddruck der deutschen Jugend wegzunehmen». Er hatte überhaupt kein Problem damit, eine ganz allgemeine «moralische Schuld vor Gott» zu übernehmen. Sie falle als solche allerdings keinesfalls in die Zuständigkeit der irdischen Justiz, behauptete er.
So wendet sich Agamben vehement gegen die Benutzung des Begriffs des Holocaust, dessen ursprüngliche Bedeutung des Brandopfers der Vernichtung unzulässigerweise einen abstrakt-religiösen Sinn verleiht. Da er außerdem schon in den ersten christlichen Jahrhunderten für antijüdische Propaganda eingesetzt wurde, plädiert Agamben dafür, diesen Begriff ein für alle mal aufzugeben. Auch wenn das hebräische «Schoah», das Katastrophe bedeutet, biblisch häufig im Kontext einer göttlichen Bestrafung erscheint, fehle ihm doch die Konnotation des Spotts, die «Holocaust» etymologisch eigen ist.
Diejenigen, die aus den Vernichtungslagern zurückgekehrt sind, um über sie zu berichten, sind lediglich stellvertretende Zeugen. Zu ihnen zählt Primo Levi, der in verschiedenen Schriften über die Paradoxie der Zeugenschaft gesprochen hat: «Jetzt sprechen wir, als Bevollmächtigte an ihrer Stelle.» Agambens Überlegungen kreisen um das Verhältnis der Zeugen zur Figur des sogenannten «Muselmanns». Als Muselmänner bezeichneten die Insassen der Lager jene Menschen, die ihr Menschsein bereits verloren zu haben schienen, bevor sie durch Hunger, Stiefeltritte oder Gaskammer von der SS ermordet wurden.
Es waren diejenigen, die mit ausdruckslosen Gesichtern, gebeugt und ohne nennenswerte Kommunikation mit anderen vor sich hin vegetierten, weil sie ihren Lebenswillen verloren hatten. «Sie bevölkern meine Erinnerung mit ihrer Gegenwart ohne Antlitz; und könnte ich in einem einzigen Bild das ganze Leid unserer Zeit einschließen, würde ich dieses nehmen, das mir vertraut ist: Ein verhärmter Mann mit gebeugter Stirn und gekrümmten Schultern, von dessen Gesicht und Augen man nicht die Spur eines Gedankens zu lesen vermag,» schrieb Levi einst. Für ihn ist der Muselmann dennoch «der vollständige Zeuge.»
Brisant ist diese Frage auch deswegen, weil sich in den letzten Jahren immer wieder herausgestellt hat, wie ungenau die Zeugnisse mancher Überlebender sind. Levi zählt nicht zu den unzuverlässigen Zeugen, die die Historiker inzwischen nicht mehr als Quellen benutzen, vielleicht gerade aus dem Umstand heraus, dass er, der selbst in Auschwitz war, immer genau unterschieden hat zwischen dem eigenen Erleben und seinem Status als Stellvertreter für diejenigen, die nicht mehr sprechen konnten, wie Agamben nahe legt.
Agambens Argumentation beginnt eigentlich hier: Der Muselmann bleibt auch in seinem Zustand weiterhin ein Mensch, denn spräche man ihm das Menschsein ab, wiederholte man die Operation der SS, die Bürger in «Nichtarier», dann in Juden und in Muselmänner verwandelte, um sie schließlich zu töten. Der Mensch existiert also auch dort, wo es Würde und Selbstachtung nicht nur nicht mehr gibt, sondern wo diese Begriffe «nutzlos geworden sind». Ist das aber der Fall, so Agamben, dann kann es sich hierbei um keine ethischen Begriffe (mehr) handeln. Agambens radikale Analyse zieht so Konsequenzen, die uns noch lange beschäftigen werden.
Er versucht mit seiner Lektüre der banalen Feststellung, dass nach Auschwitz die Welt unwiderruflich eine andere geworden ist, eine exaktere Bedeutung zu geben. Die «Grauzone», die mit den Vernichtungslagern in die Welt kam, ist nicht verschwunden. Ihre Chiffre erblickt Agamben in einem Fußballspiel, das in Auschwitz zwischen SS-Leuten und Angehörigen des Sonderkommandos ausgetragen wurde. Also jenen Insassen, die von der SS gezwungen wurden, ihre Mitgefangenen in die Gaskammern zu führen, nachher ihre Leichen zu waschen, in den Körperöffnungen nach Wertgegenständen zu suchen, Haare abzuschneiden, Goldzähne herauszubrechen und dann die Leichen zu verbrennen.
Aber darauf will Agamben nicht hinaus. Er weist wohl inhaltlich darauf hin, dass das rassistische Konzept eines zu erweiternden deutschen «Lebensraums» wobei er eben diesen Begriff allerdings nicht zu kennen scheint der «innere Motor» der Vernichtungslager war. Doch gleichzeitig interessiert ihn das Ineinandergreifen von Wehrmacht, SS, Behörden und Wissenschaftlern nicht, dem sich die jüngere Forschung vielfach angenommen hat.
Agamben liest die Zäsur Auschwitz beinahe ausschließlich von den Opfern her und von denjenigen, die ihren Tod bezeugen. Ihn interessiert die ebenso wichtige, weniger historiographische als philosophische Frage, was in den Lagern in Bezug auf den Menschen und unser Verständnis vom Menschen geschah. So wirft etwa ein Zitat von Grete Salus ein grelles Licht auf die «einzigartige Realität» des Lagers, «die es nach dem Zeugnis der Überlebenden absolut wahr und gleichzeitig unvorstellbar macht», wie Agamben schreibt. Salus erklärte: «Nie soll ein Mensch soviel aushalten müssen, wie er aushalten kann, und nie soll ein Mensch sehen müssen, wie dieses Leiden höchster Potenz nichts Menschliches mehr hat.»
Agamben greift hier vor allem auf Emile Benveniste zurück, der sich die Frage gestellt hatte, auf welche Realität sich ein Wort wie «ich» bezieht, das kein Begriff ist. Das Subjekt, das «ich» sagt, existiert nur in diesem Aussprechen, weil das von den Linguisten zu den Shiftern gezählte «ich» sich auf nichts bezieht als eben das Sprechen selbst. In der Subjektivität wirkt ein Paradox, weil sich eine Entsubjektivierung gerade in dem Moment vollzieht, in dem ein Sprecher sich mit diesem «ich» als Subjekt der Rede identifiziert, das selbst wiederum «von der Sprache gesprochen wird» und im eigentlichen Sinn keinerlei Bezug hat zur physischen Realität des Sprechers.
«Subjektivität und Bewusstsein», schließt Agamben, beruhen auf keiner wie auch immer gearteten Substanz, sondern dem «Prekärsten der Welt: dem sprachlichen Ereignis.» Ein Subjekt schließt sozusagen gleichzeitig die Positionen des Muselmanns und des Zeugen ein, das Menschliche existiert nur als Schwelle, das Selbst ist ein Rest. Spätestens hier schleicht sich beim Leser ein leises Unbehagen ein, der sich fragt, ob die Zeugnisse der Überlebenden hier nicht instrumentalisiert werden, um einer abstrakt-philosophischen Argumentation, die ihres Beispiels womöglich nicht bedarf, mehr Plausibilität oder gar Eleganz zu verschaffen.
Sein Exkurs über das Wesen des Subjektiven dient so dem Verständnis dessen, was in den Lagern geschah: Hier wurde den Menschen ein reines Überleben aufgezwungen. Die hier wirkende «Bio-Macht» äußerte sich eben darin, das Lebewesen vom sprechenden Wesen zu trennen, um so sprachlose Muselmänner, Nicht-Menschen zu produzieren. Die Geschichte der Lager sollte am Ende nur die nationalsozialistische Propaganda schreiben oder eben verschweigen können, nachdem der neue «Lebensraum» durch das Entfernen «überzähliger» Bevölkerungen erst geschaffen worden war.
Am Ende ist es aber gerade die Tatsache, dass im Zeugnis der Überlebenden «eine Sprache als Ereignis einer Subjektivität» stattfindet, die die Leugnung der Lager unmöglich macht. «Wenn der Überlebende nicht von der Gaskammer oder von Auschwitz Zeugnis ablegt, sondern für den Muselmann, wenn er allein von der Möglichkeit zu sprechen her spricht, dann kann sein Zeugnis nicht geleugnet werden», glaubt Agamben. Die Leugner von heute allerdings zeichnen sich gerade nicht dadurch aus, dass sie solche Zeugnisse anzweifeln, sondern dadurch, dass sie uns auffordern, sie möglichst gründlich zu ignorieren. Dabei war es Primo Levi, der erklärte, es sei nicht nur sinnlos, von kollektiver Schuld zu sprechen, sondern auch gefährlich: Man müsse persönlich für Schuld und Irrtum einstehen, weil «sonst jede Spur von Zivilisation vom Erdboden verschwinden würde.»
Giorgio Agamben: Was von Auschwitz bleibt. Das Archiv und der Zeuge, Suhrkamp 2003. 158 Seiten, 9 Euro.

