Billers 'Esra':
Die Tatsachen des Intimen
22.10.2003
Herausgeber: netzeitung.de
Erwachsenwerden heißt für den eher intellektuell veranlagten jungen Menschen unter anderem: Die grausame Erkenntnis, dass gute Kunst oft nicht von guten Menschen gemacht wird. Sondern dass gerade die schönen, aufregenden, wichtigen, radikalen, bahnbrechenden Kunstwerke gern von reaktionären, herrschsüchtigen, egozentrischen und sonstwie gestörten oder emotional gehandicapten Leuten produziert werden: Manche Künstler haben einfach einen schlechten Charakter.
Biller, der eben dies lange geübt hat, geht unbarmherzig mit seinen Figuren um und errichtet eine komplexe narrative Struktur: Er beschreibt die Verhältnisse in der Familie seiner Geliebten als von Macht und Unterwerfung geprägt. Die Mutter Esras in der ungekürzten Fassung noch als Türkin eingeführt ist herrschsüchtig, egomanisch und unglücklich. Die politischen Kampagnen, die ihr öffentliche Anerkennung bringen, werden zwar kurz gewürdigt, verblassen aber vor dem Porträt ihrer Defizite.
Esra selbst wird von den Herrschaftsverhältnissen in ihrer orientalischen Familie in eine Sklavenmentalität gezwungen, sie hat Angst vor jeder Entscheidung und flüchtet vor der Realität in eine Traumwelt. Auch der Ich-Erzähler ist von irrationalen Wünschen geprägt. Er, der Jude, bildet sich ein, seine deutsch-türkische Geliebte stamme mütterlicherseits von einer jener Familien ab, die in Nachfolge des selbsternannten Messias Schabbatai Zwi seit Jahrhunderten im Geheimen ihr Judentum praktizieren und nur zum Schein Muslime sind. Diesen Konflikt hat Biller schon im Namen seiner Protagonistin verdichtet: Esra ist nicht nur ein beliebter türkischer Mädchenname, auch der Schriftgelehrte trug ihn, der für Ordnung im Volk Israel sorgen sollte, als es aus dem babylonischen Exil nach Juda zurückkehren durfte. Esras erste Amtshandlung war es, die Mischehen zu verdammen.
«Esra» versucht so nicht nur, reale Zustände sichtbar zu machen, Liebe, Hass, das Leben alleinerziehender Mütter, die Probleme von Vätern, die ihre Kinder kaum sehen, weil die Mutter mit einem Neuen zusammen ist. «Esra» verhandelt auch die Frage, wie wir im öffentlichen Diskurs mit real erlebtem Leben und den Tatsachen der Macht, der kaputten Menschen, der Angst und der Feigheit umgehen. Als Christoph Schlingensief vor einigen Jahren Asylbewerber einlud, sich einige Zeit in einem Container aufzuhalten, den er mitten in Wien aufgestellt hatte, lud er sich damit prompt den Vorwurf auf, diese armen Leute für die Vermarktung des Produkts Schlingensief zu missbrauchen.
Die intelligente Antwort darauf lautete, dass Schlingensief eben diesen Vorwurf, vielleicht sogar diese Schuld, auf sich genommen habe, um etwas zu thematisieren, was ohnehin jeden Tag passiert, sonst aber kaum im Zentrum unseres netten Alltagslebens repräsentiert wird. Schlingensief war in dieser Perspektive kein Heiliger geworden, gerade die Unsauberkeit der Situation, in die er sich in vollem Bewusstsein der damit einhergehenden ethischen Fragen gebracht hatte, sprach am Ende für ihn.
Es gibt Realitäten, die in diesem Zusammenhang mitbedacht werden sollten: Es gibt in Deutschland eine Zeitung, die jeden Tag die Persönlichkeitsrechte irgendwelcher Leute mit Füßen tritt, ohne je mit einem Verbot rechnen zu müssen. Es gibt in Deutschland Fernsehsendungen, in denen Leute dazu überredet werden, ihr Intimstes offen zu legen, damit die Quote stimmt. Es gibt sogar Pfarrer, die solchen Veranstaltungen vorstehen. Biller hasst das Fernsehen und seine Manipulationen, er hasst Harald Schmidt, den «reaktionären schwäbischen Bildungsspießer», der glaube, einen «FAZ-Artikel im Fernsehen vorzulesen, sei bereits eine intellektuelle Handlung.»
Diese Gesellschaft hält es also einerseits für selbstverständlich, dass das Intime und Persönliche heilig ist, gleichzeitig ergötzt sie sich an Talkshows und Dieter Bohlens intimen Bekenntnissen. Das Persönliche, unter anderem Ausdruck der liberalen Ideologie von Leistung und Eigentum, scheint die ritualisierte Überschreitung zu benötigen, um wirksam bleiben zu können.
Doch längst sei «diese Beschäftigung mit dem Privaten die entscheidende Quelle der Individualisierung», aber auch des «des Ernstes jeder sozialen Kommunikation» geworden. Man könne der Literatur also schlecht verbieten, «diese Quelle anzuzapfen.» Allerdings könne sich gerade der Autor nicht auf das Paradox berufen, dass die Betroffenen den Weg in die Öffentlichkeit eines Gerichtsverfahrens wählen müssen, um ihre Privatsphäre verteidigen zu können.
Eben das befürchten viele Autoren: Das Urteil gebe «von Literatur Betroffenen die Möglichkeit, durch ihre Einstweilige Verfügung gegen ein Buch 'berühmt' zu werden und dann bei der eigentlichen Feststellungsverhandlung vor Gericht mit der so erworbenen Berühmtheit erfolgreich zu argumentieren», erklärt etwa einer, der eben an einem zeitgeschichtlichen Roman arbeitet.
Dabei bezeugen die Lücken in der zweiten Auflage seines Romans, an denen sich einst die Daten aus der Wirklichkeit befanden, dass dieser Roman nicht durch sie den Charakter eines Werks erhält, das uns präzise Auskunft gibt über die Leute, das Land und die Zeit. Gleichzeitig stehen sie für die Hybris des Autors, der glaubt, allein das Etikett «Literatur» unterscheide ein Werk schon von den Produkten der Industrien des Intimen.

