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Billers 'Esra': 

Die Tatsachen des Intimen

22. Okt 2003 00:44
 Maxim Biller, hier im Telekolleg des Bayerischen Rundfunks
Maxim Billers Roman «Esra» wurde erneut verboten, das ist so gerecht wie bedauerlich. Denn sein großer Roman weiß besser als er selbst um die Komplexitäten des Verhältnisses von Kunst und Leben.

Von Ulrich Gutmair

Erwachsenwerden heißt für den eher intellektuell veranlagten jungen Menschen unter anderem: Die grausame Erkenntnis, dass gute Kunst oft nicht von guten Menschen gemacht wird. Sondern dass gerade die schönen, aufregenden, wichtigen, radikalen, bahnbrechenden Kunstwerke gern von reaktionären, herrschsüchtigen, egozentrischen und sonstwie gestörten oder emotional gehandicapten Leuten produziert werden: Manche Künstler haben einfach einen schlechten Charakter.

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  • Diese eher banale Beobachtung, so wichtig sie für das Verständnis von Kunst und Leben auch sein mag, bleibt allerdings einer rein psychosozialen Ebene verhaftet, sie sieht den Autor nur als soziologisches Phänomen. Sie stellt noch nicht die Frage, inwiefern die Persönlichkeitsstruktur eines Künstlers möglicherweise in ursächlichem Zusammenhang steht mit seinem Werk. Und schließlich: Inwiefern ist es das spezifische Werk selbst, das ganz konkret bestimmte Eigenschaften des Autors herausfordert und im Produktionsprozess aktualisiert – weil das Wahre in der Kunst vielleicht genau dadurch konstituiert wird?

    Porträt von Defiziten

    All das sind Fragen, die sich unweigerlich im Fall von Maxim Billers Roman «Esra» stellen. Das Gros der Rezensenten hat dem Roman bescheinigt, ästhetisch zu überzeugen, viele, wie etwa Uwe Wittstock von der «Welt», halten es sogar für Billers bestes Buch. «Esra» ist tatsächlich Literatur, die nicht nur dem durchschnittlichen deutschen Poproman um Längen voraus ist, gerade weil sich sein Autor nicht davor scheut, sich die Finger schmutzig zu machen.

    Biller, der eben dies lange geübt hat, geht unbarmherzig mit seinen Figuren um und errichtet eine komplexe narrative Struktur: Er beschreibt die Verhältnisse in der Familie seiner Geliebten als von Macht und Unterwerfung geprägt. Die Mutter Esras – in der ungekürzten Fassung noch als Türkin eingeführt – ist herrschsüchtig, egomanisch und unglücklich. Die politischen Kampagnen, die ihr öffentliche Anerkennung bringen, werden zwar kurz gewürdigt, verblassen aber vor dem Porträt ihrer Defizite.

    Esra selbst wird von den Herrschaftsverhältnissen in ihrer orientalischen Familie in eine Sklavenmentalität gezwungen, sie hat Angst vor jeder Entscheidung und flüchtet vor der Realität in eine Traumwelt. Auch der Ich-Erzähler ist von irrationalen Wünschen geprägt. Er, der Jude, bildet sich ein, seine deutsch-türkische Geliebte stamme mütterlicherseits von einer jener Familien ab, die in Nachfolge des selbsternannten Messias Schabbatai Zwi seit Jahrhunderten im Geheimen ihr Judentum praktizieren und nur zum Schein Muslime sind. Diesen Konflikt hat Biller schon im Namen seiner Protagonistin verdichtet: Esra ist nicht nur ein beliebter türkischer Mädchenname, auch der Schriftgelehrte trug ihn, der für Ordnung im Volk Israel sorgen sollte, als es aus dem babylonischen Exil nach Juda zurückkehren durfte. Esras erste Amtshandlung war es, die Mischehen zu verdammen.

    In vollem Bewusstsein

    Frido und Thorben, die deutschen Männer, verwirrte wie unterwürfige und selbstzufriedene Typen, zeichnen sich durch negative Eigenschaften aus, über sich selbst erklärt der Ich-Erzähler kurz und bündig: «Ich war in dieser Nacht ein unerträgliches Arschloch.» Diese «Arschlochhaftigkeit» des Ich-Erzählers, die nur einmal beim Namen genannt wird, ist der blinde Fleck dieses Romans und seine treibende narrative Kraft: Wenn man also davon ausgehen wollte, dass Biller in «Esra» seine Figuren denunziert, muss man auch zur Kenntnis nehmen, dass er damit auch seinen Ich-Erzähler denunziert, mit dem er sich ganz offensichtlich identifiziert. Leute haben Angst, Leute tyrannisieren andere Leute, Leute sind feige und Leute benehmen sich täglich wie dieses fiktive «Arschloch».

    «Esra» versucht so nicht nur, reale Zustände sichtbar zu machen, Liebe, Hass, das Leben alleinerziehender Mütter, die Probleme von Vätern, die ihre Kinder kaum sehen, weil die Mutter mit einem Neuen zusammen ist. «Esra» verhandelt auch die Frage, wie wir im öffentlichen Diskurs mit real erlebtem Leben und den Tatsachen der Macht, der kaputten Menschen, der Angst und der Feigheit umgehen. Als Christoph Schlingensief vor einigen Jahren Asylbewerber einlud, sich einige Zeit in einem Container aufzuhalten, den er mitten in Wien aufgestellt hatte, lud er sich damit prompt den Vorwurf auf, diese armen Leute für die Vermarktung des Produkts Schlingensief zu missbrauchen.

    Die intelligente Antwort darauf lautete, dass Schlingensief eben diesen Vorwurf, vielleicht sogar diese Schuld, auf sich genommen habe, um etwas zu thematisieren, was ohnehin jeden Tag passiert, sonst aber kaum im Zentrum unseres netten Alltagslebens repräsentiert wird. Schlingensief war in dieser Perspektive kein Heiliger geworden, gerade die Unsauberkeit der Situation, in die er sich in vollem Bewusstsein der damit einhergehenden ethischen Fragen gebracht hatte, sprach am Ende für ihn.

    Esra und die Medien

    Auch «Esra» weiß als Text sehr wohl um die Fragen, die er aufwirft. «Esra hatte von Anfang an zu mir gesagt, ich dürfe nie etwas über sie schreiben», heißt es bereits auf Seite 14. Es geht in diesem Roman auch um eine Erzählung des Ich-Erzählers, die das Leben von Esras Familie zum Thema hatte, was diese ihm nicht verzeiht und außerdem zu weiteren Verwicklungen führt. Später wiederum liest man: «Viele Leute haben gedacht, mein letzter Roman sei autobiografisch, doch das ist ein Irrtum.» Während einer Lesereise erklärt der Ich-Erzähler: «Ich sagte sehr höflich, das Leben und das, was man beim Schreiben daraus macht, seien wie Zwillinge, die bei ihrer Geburt auseinandergerissen wurden, oder ich dachte mir ähnlichen Unsinn aus.»

    Es gibt Realitäten, die in diesem Zusammenhang mitbedacht werden sollten: Es gibt in Deutschland eine Zeitung, die jeden Tag die Persönlichkeitsrechte irgendwelcher Leute mit Füßen tritt, ohne je mit einem Verbot rechnen zu müssen. Es gibt in Deutschland Fernsehsendungen, in denen Leute dazu überredet werden, ihr Intimstes offen zu legen, damit die Quote stimmt. Es gibt sogar Pfarrer, die solchen Veranstaltungen vorstehen. Biller hasst das Fernsehen und seine Manipulationen, er hasst Harald Schmidt, den «reaktionären schwäbischen Bildungsspießer», der glaube, einen «FAZ-Artikel im Fernsehen vorzulesen, sei bereits eine intellektuelle Handlung.»

    Diese Gesellschaft hält es also einerseits für selbstverständlich, dass das Intime und Persönliche heilig ist, gleichzeitig ergötzt sie sich an Talkshows und Dieter Bohlens intimen Bekenntnissen. Das Persönliche, unter anderem Ausdruck der liberalen Ideologie von Leistung und Eigentum, scheint die ritualisierte Überschreitung zu benötigen, um wirksam bleiben zu können.

    Bekannt durch Entblößung

    Nun hat ein Gericht entschieden, dass auch die Lösung, das Buch in der zweiten Auflage mit «Schwärzungen» (bei denen es sich in Wirklichkeit um Lücken handelt) zu versehen, nicht mehr zulässig sei. Den Klägerinnen, die sich völlig zurecht mit intimsten Details in die Öffentlichkeit gezerrt sahen, wurde Recht gegeben. Das hat seine Logik: Wäre «Esra» von Anfang an ohne die inkriminierten Stellen erschienen, hätte man sich fest an Billers Seite stellen können. Nun aber streiten sich die Feuilletons weiter, was davon zu halten sei. Manch einer glaubt, es sei ausreichend, mit der Freiheit der Kunst zu argumentieren, was ganz offensichtlich zu kurz gedacht ist. Richtig stellte Andreas Zielcke in der «Süddeutschen Zeitung» fest, im Gegensatz zu den klassischen Schlüsselromanen, in denen öffentliche Handlungen von Personen des öffentlichen Lebens literarisch verarbeitet werden, arbeite die Literatur heute gerade mit der Öffentlichmachung des Privaten: «Der Entblößte wird allein durch die Entblößung bekannt gemacht.»

    Doch längst sei «diese Beschäftigung mit dem Privaten die entscheidende Quelle der Individualisierung», aber auch des «des Ernstes jeder sozialen Kommunikation» geworden. Man könne der Literatur also schlecht verbieten, «diese Quelle anzuzapfen.» Allerdings könne sich gerade der Autor nicht auf das Paradox berufen, dass die Betroffenen den Weg in die Öffentlichkeit eines Gerichtsverfahrens wählen müssen, um ihre Privatsphäre verteidigen zu können.

    Eben das befürchten viele Autoren: Das Urteil gebe «von Literatur Betroffenen die Möglichkeit, durch ihre Einstweilige Verfügung gegen ein Buch 'berühmt' zu werden und dann bei der eigentlichen Feststellungsverhandlung vor Gericht mit der so erworbenen Berühmtheit erfolgreich zu argumentieren», erklärt etwa einer, der eben an einem zeitgeschichtlichen Roman arbeitet.

    Präzise, auch ohne Daten

    So beruft sich Autor Biller weiterhin darauf, sein Werk sei schließlich nur Fiktion, und wer sich als Inspirationsquelle oute, sei eben selber schuld. Doch Maxim Biller wusste ganz genau, was er tat. Es hat ihm offenbar nicht gereicht, seine Fragen auf einer ästhetischen Ebene zu verankern. In voller Absicht gab er seinen «fiktiven Charakteren» Eigenschaften, die denen seiner Inspirationsquellen bis ins kleinste Detail gleichen.

    Dabei bezeugen die Lücken in der zweiten Auflage seines Romans, an denen sich einst die Daten aus der Wirklichkeit befanden, dass dieser Roman nicht durch sie den Charakter eines Werks erhält, das uns präzise Auskunft gibt über die Leute, das Land und die Zeit. Gleichzeitig stehen sie für die Hybris des Autors, der glaubt, allein das Etikett «Literatur» unterscheide ein Werk schon von den Produkten der Industrien des Intimen.

     
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