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Irwin und Laibach: 

Wir tanzen Ado Hinkel

17. Okt 2003 07:32
Irwin:
Die Neue Slowenische Kunst setzt sich seit zwei Dekaden mit Avantgarde und Totalitarismus auseinander. In Berlin ist nun eine Ausstellung des Kunstkollektivs Irwin zu sehen, Laibach haben ein neues Album veröffentlicht.

Von Ulrich Gutmair

1987 erschien mit «Opus Dei» das sechste Album der slowenischen Gruppe Laibach. Es war allerdings das erste, das vom einflussreichen britischen Independentlabel Mute Records veröffentlicht wurde, das über exzellente Vertriebsstrukturen in Europa verfügt. «Opus Dei» sorgte im Westen prompt für rege, manchmal auch erbitterte Debatten. Denn «Opus Dei» exerzierte mit aller Ernsthaftigkeit das Spiel mit der Faszination durch, die die Ästhetik des Faschismus ausübt.

«Opus Dei» zeichnete sich nicht nur durch einen äußerst langsamen Marschrhythmus aus, durch Pathos und durch eine Gesangsstimme, die der Diktion von Naziführern nahe zu kommen versuchte. Bläser taten das ihre, um darüber hinaus Assoziationen an Heimatlieder und Marschmusik hervorzurufen. War diese Ästhetik schon skandalös, so stellten die Texte sie noch in den Schatten: «Ein Fleisch, ein Blut, ein wahrer Glaube. Ein Ruf, ein Traum, ein starker Wille. Gebt mir ein Leitbild!» heißt es etwa in dem für das Album programmatischen Song «Geburt einer Nation».

Die Sprache der Manipulation sprechen

Ja, das sind faschistische Slogans, dumm nur – und somit sehr erhellend, dass es sich bei den Liedern «Leben ist Leben» und «Geburt einer Nation» um musikalische Interpretationen der Hits «Life is live» der österreichischen Popgruppe Opus, sowie «One Vision» von Queen handelte. Die Texte wurden von Laibach (der im Mittelalter gebräuchliche deutsche Name von Ljubljana) lediglich ins Deutsche übertragen.

Laibach 2003
«Jede Kunst», hatten Laibach lange vorher in ihrem Grundsatzprogramm formuliert, «ist politischer Manipulation unterworfen, außer jener, die die Sprache eben dieser Manipulation spricht.» Im Fall von «Opus Dei» zeigte sich diese Kunst darüber hinaus als äußerst sensibel für untergründige Strömungen im kollektiven Gefühlshaushalt Jugoslawiens: Wer «Opus Dei» wahrgenommen hatte, war wenig überrascht, als wenig später grausame Kriege inklusive «ethnischer Säuberungen» auf dem Balkan tobten, und ständig neue Nationen ihre Wiedergeburten feierten.

Wo stehen sie wirklich?

Nun haben Laibach ein neues Album mit dem Titel «WAT» veröffentlicht, während in Berlin gleichzeitig eine umfassende Retrospektive des Künstlerkollektivs Irwin zu sehen ist, das mit Laibach auf vielfältige Weise verbunden ist. Laibach wie Irwin sind Teil der kollektiven Organisation Neue Slowenische Kunst, die nach dem Auftrittsverbot Laibachs in Jugoslawien in den frühen Achtzigern entstand. Die Aktionen der NSK, glauben zumindest berufene Beobachter, hatten durchaus Anteil an der unblutigen Transformation des slowenischen Staatsgebildes.

Laibach in der Fernsehsendung 'Tednik', 23. Juni 1983
Denn die notwendigerweise absolut unironische «Überidentifizierung» mit ideologischen Versatzstücken des Totalitarismus war eine Herangehensweise, die eine Kritik an der Wirksamkeit der herrschenden Ideologie und ihrer versteckten Prämissen auf individueller Ebene überhaupt erst möglich machen, so die Interpretation des Theoretikers Slavoj Zizek. Laibach stellten keine Antwort dar, Laibach stellten selbst die Frage nach dem täglichen Faschismus: «Durch diesen schwer fassbaren Charakter ihres Begehrens, der Unentscheidbarkeit der Frage 'wo sie wirklich stehen', zwingt Laibach uns, Stellung zu beziehen und über unser Begehren zu entscheiden», schrieb Zizek 1993.

Allegorie des Heldentums

Nachzulesen ist dieser Text wie eine Fülle anderer Schriften zu Laibach, zu Irwin und zur Neuen Slowenischen Kunst im exzellenten Katalog zur Ausstellung «Irwin Retroprincip 1983 - 2003», die derzeit im Berliner Künstlerhaus Bethanien zu sehen ist. Kuratorin Inke Arns hat in der Zusammenarbeit mit den Künstlern dort Werke aus allen Phasen zusammengetragen. Die nicht minder wichtige Debatte über diese Werke und die ihnen zugrunde liegenden «antiaufklärerischen Strategien mit aufklärerischem Impetus» (Arns) sind ausführlich und präzise im Katalog dokumentiert.

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So ist hier etwa das Poster zu sehen, das die Designabteilung der NSK, Novi Kolektivizem (Neuer Kollektivismus), 1986 für den Wettbewerb um das offizielle Plakat für den «Tag der Jugend» einreichte, der in Jugoslawien jedes Jahr am Geburtstag Titos gefeiert wurde. Es wurde von der Jury prompt zum Siegerentwurf gekrönt, weil es die «höchsten Ideale des Jugoslawischen Staats» ausdrücke. Doch bald darauf entdeckte man, dass sich Novi Kolektivizem ein Motiv des Deutschen Richard Klein («Das Dritte Reich. Allegorie des Heldentums») angeeignet und lediglich die Insignien des NS-Staats mit denen Jugoslawiens ausgetauscht hatte.

Avantgarde und Totalitarismus

Doch Laibach Kunst, aus der später Irwin werden sollte, beschäftigte sich nicht nur mit der Aneignung totalitärer Zeichen. Von Anbeginn wurde etwa der bald emblematische Hirsch, den Laibach einem Gemälde Sir Edwin Landseers mit dem Titel «The Monarch of the Glen» entlehnten, mit Variationen suprematistischer Klassiker Wladimir Malewitschs kombiniert. Vor allem das schwarze Quadrat und das Kreuz erscheinen in immer neuen Konfigurationen und Orten. Das schwarze Quadrat etwa wurde 1992 als «Black Square on Red Square» in Form eines 22 x 22 Meter großen Stück Stoffs auf den Roten Platz in Moskau gebracht.

Irwin: 'Malewitsch zwischen zwei Kriegen', Ausschnitt, 1985
Irwin hinterfragten mit diesen Aneignungen und Rekombinationen vor allem das Verhältnis zwischen Avantgarde und Totalitarismus. Kernbegriff dieser Auseinandersetzung mit der Kunstgeschichte ist dabei das «Retroprinzip», das sich äußert als «Nachdenken über vergangene Modelle von Kunst» und als gezielte Wiederholung geschichtlicher Traumata. Als Form des Exorzismus zieht sich diese Idee durch die gesamte Arbeitsweise der NSK, verfolgt wurde er unter anderem mit der Serie «Was ist Kunst?». In ihr widmet sich Irwin der Formulierung eines Kanons, der nicht von ungefähr später gar auf eine Sammlung von «Ikonen» reduziert wird.

Irwin: 'Vade Retro', Ausschnitt, 1988
Seit 2001 geht Irwin auch dazu über, bestimmte Motive nicht mehr nur zu zitieren und zu verarbeiten, sondern Originale zu Ensembles zusammen zu stellen und mit eigenen Rahmen auszustatten. In Zusammenarbeit mit Irwin hat Inke Arns für die Ausstellung nun «Was ist Kunst Deutschland» kompiliert. Gezeigt werden unter anderem Heinrich Maria Davringhausens «Mann im blauen Rock» und Wolf Vostells «Medizinen (Iwan der Schreckliche)».

Die Kunst des Ostens kartographieren

Ebenfalls zu sehen ist die Ausgabestelle für offizielle Dokumente des NSK Staats, der in den frühen Neunzigerjahren als Konzept eines «Staats in der Zeit» entstand. Der NSK Staat eröffnete seither eine Fülle von Botschaften, 1993 etwa wurde die Berliner Volksbühne kurzzeitig zum Staatsgebiet erklärt. Der Legende nach gelang es in den Wirren der Staatenrekonfigurationen in Ex-Jugoslawien sogar einigen Leuten, mit dem NSK-Pass Grenzen zu überqueren.

NSK Garde Pristina, Irwin in Zusammenarbeit mit der kosovarischen Armee, Ausschnitt, 2002
Heute geht es der Gruppe vor allem um den Raum der Repräsentation, in dem die Geschichte des Modernismus als Produkt einer westlichen Kunstgeschichte erscheint. Irwin haben als Antwort auf diesen Umstand in den vergangenen Dekaden die Gründung verschiedener Sammlungen slowenischer und osteuropäischer Kunst initiiert und in jüngster Zeit damit begonnen, osteuropäische Kunst mit der «East Art Map» zu kartographieren.

Schweigen im Fitness-Center

Während Irwin sich somit verstärkt der Auseinandersetzung mit Machtverhältnissen innerhalb der offiziellen Sphäre der Repräsentation zuwendet, widmen sich Laibach mit ihrem neuen Album «WAT» erneut dem Feld des Politischen. Das Terrain ist dabei heute allerdings weit weniger deutlich markiert, als dies in Zeiten des von nationalistischen Mythen unterwanderten realen Sozialismus der Fall war. Es ist wenig verwunderlich, dass Laibach in den letzten Jahren geschwiegen haben. Wo das lichtschnelle Strömen finanzieller Transaktionen mit dem postmodernen Fließen im Meer der Zeichen korreliert, gibt es keine ideologischen Rituale mehr – außer dem Gang ins Fitness-Center, quasi als Ideologie-im-Realen.

Irwin: 'Mystery of the Black Square', Ausschnitt, 1995
Die Slogans, die etwa auf der Single «Tanz mit Laibach» zu hören sind, sprechen daher präzise von einem unübersichtlichen Feld, in dem alte Ideologeme nur noch als Versatzstücke zweiter Ordnung erscheinen. Bei Laibach sind sie heute ein schlechter Witz, der allerdings durchaus seine Komik hat, wenn die Gruppe so die eigene Geschichte ironisiert. Nicht von ungefähr tanzen Laibach hier mit «Ado Hinkel», und verweisen somit auf Chaplins «Großen Diktator» wie auf DAFs «Der Mussolini».

Sprache ohne Inhalt

Eine Analyse der gegenwärtigen Zustände ist aber selbst im burlesken «Tanz mit Laibach» alles andere als ausgeschlossen: «Wir alle sind besessen, wir alle sind verflucht. Wir alle sind gekreuzigt und alle sind kaputt. Von Reiztechnologie, von Zeitökonomie. Von Qualität des Lebens und Kriegsphilosophie.» Wissen, Wahrnehmung und das Leben sind selbst Teil ökonomischer Prozesse geworden, die ihrerseits erneut im Rahmen imperialer Politik verankert werden.

Die ganz reale Machtpolitik, die wir heute erleben, wird im kaputten Deutsch Laibachs so kommentiert: «Amerikano Freunde und deutscher Kamerad. Wir tanzen gut zusammen. Wir tanzen nach Bagdad.» In «Achtung!» scheint hierbei ein Bezug zur propagandistischen neokonservativen Redeweise auf: «Die Sprache ist ohne Inhalt. Gesetz – nur ein Papier. Das Wahre ist nicht immer Wahrheit. Aber wir sind immer hier.»

Der Westen wird überrannt

Zum Soundtrack für «Aktenzeichen XY», wo es nur noch osteuropäische Kriminelle zu sehen gibt, könnte wiederum «Now you will pay» werden: «Barbarians are coming, crawling from the East.» Das alte Spiel der Erregung des Verdachts spielen Laibach schließlich mit dem letzten Stück des Albums, das den Titel «Anti-Semitism» trägt und in Slowenisch vorgetragen wird, das nur wenige Hörer im Westen verstehen dürften. «Sie haben Kinder von hoher Gestalt», heißt es da. «Verengte Pupillen gehen in den Angriff. Das ist die Quelle des Bluts. Das ist die Falle der Heimat.»

Es versteht sich von selbst, dass die Musik Laibachs auch 2003 durch schwere Beats und pathetisches Sprechen gekennzeichnet ist, und Techno in seiner populistischsten wie ödesten Form Pate gestanden hat. Die perfekt arrangierten Chöre wiederum sind nicht all zu weit vom Format pseudoreligiösen Technopops entfernt, der in den letzten Jahren mit Adaptionen gregorianischer Gesänge durch die Charts geisterte.

IRWIN: Retroprincip 1983 - 2003 ist noch bis zum 26.10.2003 im Künstlerhaus Bethanien, Berlin zu sehen. Danach wandert die Ausstellung ins Karl-Ernst-Osthaus Museum, Hagen.

Der Katalog ist bei Revolver - Archiv für aktuelle Kunst, Frankfurt/Main erschienen und kostet ca. 25 Euro.

Laibachs «WAT» ist bei Mute erschienen, die Band ist bis Ende November auf Tour durch Europa.

 
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