Kill Bill: 

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Uma Thurman ist "Die Braut" (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Uma Thurman ist "Die Braut"
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

«Kill Bill» ist das Testament eines Videojunkies. Tarantino zitiert aber nicht nur Spaghettiwestern, Kung-Fu- und Samuraifilme, sondern auch die Literatur des 18. Jahrhunderts.

Von Ronald Düker

«Revenge is a dish best served cold» – Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird. So lautet das gleich zu Beginn eingeblendete Motto von Quentin Tarantinos neuem Film «Kill Bill Vol.1». Die Quelle dieses Sinnspruchs wird mit philologischer Genauigkeit nachgereicht: «altes klingonisches Sprichwort». Damit hat der Regisseur Recht und führt den Zuschauer zugleich in die Irre.

In «Star Trek II, The Wrath of Khan» sagt ein sogenannter Khan Noonien Singh tatsächlich diesen Satz, die Trekkies dieser Welt dürfen sich also über die Zitierfähigkeit ihrer Lieblingsserie freuen. Doch viele von ihnen werden dabei vermutlich übersehen, dass Tarantino zugleich aus Choderlos de Laclos' «Gefährliche Liebschaften» zitiert.

Uma Thurman als Zitat
«La vengeance est un plat qui se mange froid» heißt es in dem 1782 veröffentlichten Briefroman, in dem die jungfräuliche Cécile de Volanges den Intrigen des Vicomte de Valmont und der Marquise de Merteuil zum Opfer fällt. Am Vorabend ihrer Hochzeit muss sie sich den perfiden Verführungstechniken des Vicomte geschlagen geben.

Doch darf sich auch der literaturbeflissene Kinobesucher hier noch nicht als Sieger im Zitateraten fühlen. Ihm könnte seinerseits entgangen sein, dass Laclos' Roman längst verfilmt ist: Dieselbe Uma Thurman, die damals die gedemütigte Cécile gab, heißt unter Tarantinos Anleitung einfach «Die Braut» und begibt sich auf einen grausamen Rachefeldzug – und zwar erneut für eine gewaltsam zerstörte Hochzeit.

Tarantino hätte zudem kein treffenderes Motto für seinen Film finden können. Dieser Satz nimmt der unseligen Debatte über die Legitimation von Gewalt im Kino, die nun dem sozialpädagogisch ambitionierten Zweig des Feuilletons wieder droht, von vornherein den Wind aus den Segeln. In «Kill Bill» geht es, wie schon bei Choderlos de Laclos, nicht um Moral, sondern um Technik.

Die Ästhetik der Schwerter
Der große Sergio Leone, dem «Kill Bill» in mehr als einer Sequenz seinen Respekt erweist, liebte derartige Filme und sprach in diesem Zusammenhang von «cinema cinema»: Kino also, das nichts zum Inhalt hat als das Kino, und schwerlich mit der Realität zu verwechseln ist. Tarantino selbst bezeichnet – angesichts der Zitatendichte seiner früheren Werke wohl etwas überspitzt – «Kill Bill» als seinen ersten Film, der ausschließlich in der Welt des Films spiele und mit dem von Menschen bewohnten Universum nichts zu tun habe.

Tatsächlich haben fernöstlicher Schwertkampf und Kung Fu mit der amerikanischen Alltagswirklichkeit wohl ebenso wenig zu schaffen wie mit jener in Japan und China, und das weiß sogar eine Figur im Film. Der Schwertmacher Hattori Hanzo, gespielt von der Martial-Arts-Legende Sonny Chiba, verwahrt seine edlen Samuraischwerter auf dem Dachboden. Dies tut er, wie er sagt, nur noch aus Passion für die Ästhetik dieser längst aus dem Kampfbetrieb genommenen Waffen.

Doch wenn Chiba zärtlich den Schaft seiner scharfen Schwerter streichelt, läuft allen Fans noch einmal die Größe des japanischen Samuraifilms der siebziger Jahre über die Erinnerungsspur – dazu muss sich der Schauspieler längst nicht mehr selbst ins Kampfgetümmel stürzen.

Warten auf die Dietrich
Sogar die Pannen während der Produktion von «Kill Bill» überführt Tarantino ins Format eines Filmzitats. Noch der Tatsache, dass die ausufernde Produktion in zwei Teile geteilt werden musste, von denen jetzt erst einmal der erste in die Kinos kommt, gewinnt der Regisseur etwas Gutes ab. Eine Länge von 90 Minuten sei dem Format der Kampfkunst-Filme, vor denen «Kill Bill» den Hut zieht, einfach angemessener. Ein dreistündiger Film hingegen wäre gleichsam als Majestätsbeleidigung eines gesamten Genres erschienen.

Über den ungeplanten Aufschub, der sich aus Uma Thurmans Schwangerschaft ergab, sagt der Regisseur: «Kill Bill ist so etwas wie mein Josef von Sternberg-Film. Angenommen, Sie sind Josef von Sternberg und schicken sich im Jahr 1930 an, 'Marokko' zu drehen, und dann wird Marlene Dietrich schwanger – was würden Sie tun? Machen Sie einfach weiter und nehmen jemand anderen für die Rolle? Natürlich nicht. Sie warten auf die Dietrich. Und die Geschichte wird es Ihnen danken.»
Frauen wie King Kong
Tarantino hat gewartet, und erzählt wie in «Jackie Brown» noch einmal die Auferstehung der Großen Mutter, für die er 1997 die längst vergessene Pam Grier aus der filmgeschichtlichen Mottenkiste geholt hatte. Uma Thurman, deren Vater sich als Religionswissenschaftler mit dem Buddhismus beschäftigt hat, bleibt es überlassen, in Interviews die entsprechenden Mythen nachzutragen. Sie habe an die Göttin Kali gedacht, mit ihren roten, heraustretenden Augen und vier Armen, von denen einer einen abgeschlagenen Kopf, ein anderer ein blutiges Schwert halte.

Nun ist die Männerphantasie des weiblichen Racheengels, die hier in der Beschwörung matriarchaler Urszenen durchscheint, auch im Film nicht gerade neu. Kaum war das Medium den Kinderschuhen entwachsen, bevölkerte die Figur des männermordenden Vamps auch schon die Leinwände. B-Movies wie «Attack of the 50 ft. Woman» transportierten diese Phantasie in den fünfziger Jahren in pure Action: Hier wächst eine gedemütigte Frau dank galaktischer Strahlungen auf die Körpergröße von King Kong an, um dann ihr spießiges Heimatdorf im Mittleren Westen dem Erdboden gleichzumachen. Und als Linda Hamilton 1991 in James Camerons zweitem «Terminator» als austrainierte Kampfmaschine zu bewundern war, rief Peter Sloterdijk gar das Hollywood-Matriarchat aus.
L'art pour l'art
Auch der gelbe Anzug mit den schwarzen Streifen, den Uma Thurman in «Kill Bill» trägt, war schon einmal zu sehen. Thurman beerbt hier niemand geringeren als Bruce Lee. Dieser trug einen solchen Anzug und auch die gleichen gelben Asics-Tiger-Turnschuhe in seinem letzten Film «Game of Death». Bei genauerem Hinsehen ist aber auch ein entscheidender Unterschied zu erkennen: Was bei Bruce Lee ein Trainingsanzug war, der dem Kung-Fu-Kämpfer beste Bewegungsfreiheit garantierte, ist an Thurman zu einem schweren Motorradanzug geworden, ähnlich eng geschnitten, doch nicht annähernd so elastisch. Die motorisierte Braut kämpft unter anderen, härteren Bedingungen als ihr großer Vorgänger, das Martial-Arts-Idol aus Hongkong.

Dabei geht es weder um Rache oder Gewalt an sich, noch um die lebensweltlichen Entsprechungen, die der Filmplot in einer Welt gewalttätiger Jugendlicher und potentieller Nachahmungstäter haben mag. Sondern es geht buchstäblich um das Rezept für die beste Form der Darstellung, also die Frage, in welchem Aggregatzustand das Thema Gewalt am besten auf den Tisch zu bringen ist. Letztlich ist dies aber einzig eine Frage des Geschmacks - in guter dekadenter Tradition erweist sich Tarantino als Verfechter der l'art pour l'art.
Aus tausend Filmen einen machen
Nahezu alles in «Kill Bill» war schon mal da, und doch hat man nichts davon auf genau diese Weise bereits gesehen. Die Tatsache, dass dies erst sein vierter Film ist, begründet Tarantino schlicht damit, dass er so viel Zeit braucht, um sich andere Filme anzusehen. «Kill Bill» ist damit so etwas wie das Testament eines Videojunkies.

Die Frage ist, ob es auch nur ein Film für Videojunkies ist. Dann stünde zu befürchten, dass sich das Erraten von mehr und weniger transformierten Filmzitaten für Normalsterbliche schnell erschöpfen könnte. Was dagegen spricht: Tarantinos handwerkliches Talent, sein Tempo, seine Schnitte und die Fähigkeit, aus tausend Filmen einen einzigen zu machen, der auch für sich funktioniert. Er könnte darüber hinaus auch einigen hier zitierten Filmen, die es verdient hätten, neue Aufmerksamkeit bescheren.

Der Soundtrack als Kommentar
Ganz große Kunst ist es, wie Tarantino Bilder und Soundtrack miteinander verzahnt. Dieser bildet gewissermaßen den Klebstoff, der die heterogenen Stilelemente zusammenhält und gibt zugleich einen ironischen Kommentar auf die todernsten Sujets des Filmes ab. Wenn der Zuschauer mit dem Abspann zu den scheußlich-schönen Panflötenklängen von Zamfirs «The Lonely Shepherd» aus dem Kino gespült wird, verwandeln sich die Kämpferikonen in einsame und melancholische Schafshirten. Alles halb so wild also.

Der Soundtrack wird vermutlich aber auch einigen Schaden anrichten. Zwar ist es zunächst erfreulich, welche Perlen von Santa Esmeralda, Quincy Jones bis Nancy Sinatra hier zusammengetragen worden sind. Doch wird die schon bald niemand mehr hören können. Zu viele öde Partys haben bereits die gutgemeinten Soundtracks von «Pulp Fiction» und «Jackie Brown» unerträglich gemacht.

Kill Bill Vol.1 läuft am 16. Oktober bundesweit im Kino an.
Der Soundtrack ist bei Warner erschienen.