03. Okt 2003 07:47
In Mirko Bonnés Lyrikband «Hibiskus Code» finden sich Gedichte, die beunruhigend perfekt mit dem Aneinanderketten von Bildern und Begriffen arbeiten.
Von Hendrik RostMirko Bonné
Doppelhaushälfte
Die Eltern fanden ihr Totes
im nördlichen Weilerfeld,
keine Rufweite von den Gehöften.
Man stellte die Füchse im Hohlweg
unweit der alten Sägemühle,
zwei Geschwister,
und erschlug sie sofort.
Die Kindseltern sind in die Großstadt
in eine Doppelhaushälfte gezogen.
Eine Adresskarte kam.
Zwischen Haus und Carport,
der schöne Brennholzstapel,
von dort sprangen sie in den Boden.
Kaum dass sie den Bau verließen.
Die Füchse waren eingerichtet.
Mirko Bonné betreibt schwarz-weiße Magie. In seinem Lyrikband «Hibiskus Code» blättert er ein Lexikon von Abraxas-Formeln auf, die in den Begriffen liegen. Selten liest man Gedichte, in denen die Wörter so wenig für sich stehen wie in diesem klug komponierten Band. Sein leider zu wenig wahrgenommenes Buch kommt, wie bei DuMonts Lyrik üblich, im überkandidelten Pappschuber daher. Der Buchtitel lässt an einen kybernetischen Romantiker denken. Und tatsächlich ist Bonné das noch nicht vermisste Brückenglied zwischen zum Beispiel Marcel Beyers trockenen Gedichten und denen Thomas Klings, des Altphilologen auf Speed.
Die Spannung zwischen Gedicht und jeweiligem Titel setzt sich in den Texten fort. «Im Ernst» oder «Manöverkritik» lauten zwei von ihnen, und beide sind Blütenlese auf ganz unterschiedliche Weise. «Dank Sterne danke Non-Fiction», so beginnt eine Hymne an die Re-Illusionierung durch Sichtbarmachen. Die Weite wird auf ihre Projektion reduziert, die lichtverschmutzte Nacht erhält erst als Planetariumsevent ihren pathetischen Zauber zurück. Übrig bleibt, was nie mehr rein zu sehen sein wird; zumal in klirren Winternächten, wenn die technisch verlängerte Sichtweite ohnehin am reflektierenden Schnee scheitert. Es sind solche Reaktionen, die den Gedichten ungeheuere Wirkung geben.
Die «Manöverkritik» wird hier von jemandem geleistet, der nicht an ihm teilgenommen hat. Die Schulungskombattanten sind schon weitergezogen, während jemand in ihren Hinterlassenschaften liest. Den Panzerspuren, Rationsresten und Patronenhülsen. Überall, scheint es, haben bei genauer Betrachtung Schlachten stattgefunden, die sich in Schichten überlagern. Die Bauernkriege sind die Jahreszeiten, soweit muss man schon gehen wollen, und was das Käuzchen, die Verkleinerungsform von Weisheit, alles sieht, weist den Weg direkt in die ehemalige Kommandozentrale, die Lagerverwaltung.
Wenn die Fakten klar sind, wie beim Sternenhimmel, ist das Obskure keine Ablenkung mehr, sondern ein zusätzlicher Reiz. «Doppelhaushälfte» arbeitet beunruhigend perfekt mit dem Aneinanderketten von Bildern und Begriffen. Das Haus en bloc gehört den Bewohnern jeweils zur Hälfte und jeder hat ein Recht darauf. Eltern und Kinder hängen, und haften, aneinander, so dass jeder Versuch auszubrechen aus den Verhältnissen zuallererst der Verlust des Arrangements mit diesen Verhältnissen bedeutet, mit denen man sich hinterher aber doch abfinden wird. Der dunkle Schrecken, von dem das Gedicht spricht, kommt in einer sachlichen Sprache daher. Er wirkt um so tiefer.
Mirko Bonné: Hibiskus Code. Gedichte. DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln 2002.