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Im Kino: Wolfsburg: 

Der schreckliche Ort

18. Sep 2003 07:50, ergänzt 07:53
Philip (Benno Fürmann) und Laura (Nina Hoss)
Eine der intensivsten Begegnungen zwischen Menschen ist der Autounfall. Christian Petzolds neuer Film «Wolfsburg» erzählt die Geschichte einer Opferung vor dem Hintergrund deutschen Autokults.

Von Ronald Düker

Wer naiverweise davon ausgeht, dass es sich im Fall von Wolfsburg, ungeachtet der bekannten Tatsache, dass VW der größte örtliche Arbeit- und Geldgeber ist, letztlich doch um eine normale Stadt handelt – etwa vom Kaliber Osnabrücks oder Magdeburgs – kann sich derzeit bequem eines Besseren belehren lassen. Es genügt ein Mausklick auf die Homepage der Stadtverwaltung, wohlgemerkt nicht auf diejenige des heimischen Autokonzerns.

Mehr im Internet:
  • Wolfsburg-Homepage:Golfsburg
  • Hier ist der Ort, anlässlich der Einführung einer neuen Automodellreihe kurzerhand umbenannt worden: Unter dem Stadtwappen prangt stolz der Schriftzug «Golfsburg», und darunter sind allen Ernstes Überschriften zu lesen wie «OB eröffnet Golfsburger Erlebnispostamt». Ein Segen, wird sich Wolfgang Wolf sagen, dass er seit geraumer Zeit nicht mehr die Bundesligakicker der Stadt trainiert und so von einer fiesen Namensentstellung verschont bleibt.

    VW-Werk Wolfsburg
    Wohl in keiner anderen deutschen Stadt, nicht einmal in Leverkusen, ist die Verquickung von privater Industrie und öffentlicher Verwaltung so offensichtlich. Nirgends der Versuch so stark, mit der eigenen Fassade identisch zu werden und die örtliche Realität hinter einer firmengesteuerten Hyperrealität zum Verschwinden zu bringen. Seit der Expo 2000 wird Wolfsburg, das sich schon vorher selbst als Autostadt bezeichnete, von der «Autostadt», einem Erlebnispark auf der anderen Seite des Mittellandkanals, gedoubelt. Obwohl dort de facto Autos verkauft werden, wird die stinkende und niemals sichere Realität der motorisierten Fortbewegung in der besonders konsequent ausgeblendet: Potentielle VW-Kunden bewegen sich per pedes durch das in eine Parkahnlage eingebettete Ausstellungsgelände.

    Fahrerflucht in die Beziehung

    Wolfsburg selbst und das Umland der Kreisstadt sind hingegen keine autofreie Zone. Niedersächsisches Weideland wird hier von kleineren und größeren Landstraßen und dem Zubringer zur Hauptachse zwischen Ost und West, der A2, durchzogen. Auf einer kleineren Landstraße, im Hintergrund sind die riesigen Schlote des VW-Werks auszumachen, beginnt Christian Petzolds neuer Film. Von hier aus schickt sich «Wolfsburg», so der Titel, zu einer Sichtbarmachung des Verdrängten und Gefährlichen hinter der Ideologie des totalen Automobilismus an. Petzold, der hier an der Dekonstruktion der hyperrealen Oberflächen des Autokults arbeitet, hat seinen politischen Blick auf die bundesrepublikanische Nachkriegsgesellschaft durch die Zusammenarbeit mit Harun Farocki geschult. In den achtziger Jahren hat er außerdem bereits an Hartmut Bitomskis Dokumentarfilm über die VW-Werke mitgearbeitet, für «Wolfsburg» nun allerdings das Medium des Spielfilms gewählt.

    Rückkehr an den Ort des Geschehens
    Ein Mann ist mit dem Auto, einem roten NSU Ro 80, unterwegs und streitet sich über die Freisprechanlage seines Handys mit seiner Freundin. Als sich das Telefon während der Fahrt aus der Halterung löst und zu Boden fällt, wird der Beziehungs- zum Verkehrsunfall. Der unkonzentrierte Philip Gerber (Benno Fürmann), von Beruf Autohändler in einer Wolfsburger Audi-Filiale, überfährt einen fahrradfahrenden Jungen. Zum Verbrechen wird dieser tödliche Unfall, als Philip nicht dafür gerade stehen kann oder will. Seine Fahrerflucht führt ihn zunächst zurück in die Beziehung, für die er der Katastrophe ein kathartisches Moment abgewinnen will. Sie führt ihn und seine nichtsahnende Freundin Katja nach Kuba. Doch weiß diese nicht, dass die Reise schon im Planungsstadium zum Scheitern verurteilt ist und übersieht von vornherein, dass noch der tropischen Idylle der drohende Unfall eingeschrieben ist. Auf den Fotos, die den Text ihres Reiseführers illustrieren, ist kaum etwas zu sehen als schrottreife amerikanische Straßenkreuzer.

    Die Schrottplätze der Autostadt

    Das Zerwürfnis der beiden ist perfekt, als Katja entdeckt, dass Philip bereits vor der gemeinsamen Reise die Bekanntschaft mit Laura, der Mutter des getöteten Jungen, gemacht hat. Doch geht es hier nicht, oder nicht nur, wie Katja argwöhnt, um die Anbahnung eines Liebesverhältnisses, sondern um die Tilgung einer Schuld. Philip kümmert sich um Laura, besorgt ihr, die in einem Lebensmittelgroßmarkt Tiefkühlkost in Regale sortiert, einen neuen Job und hindert sie gar an einem Suizidversuch. Zugleich beobachtet er aber auch, wie sie sich auf die Suche nach dem Verantwortlichen ihres Jungen gemacht hat. Wenn Philip und Laura im selben Wagen, dem der Junge zum Opfer gefallen ist, durch die niedersächsische Landschaft fahren, ahnt man, dass das sich anbahnende Verhältnis Lauras übermächtigen Wunsch nach Rache kaum wird überleben können.

    Ratlos zu zweit
    Wie schon in seinem vorangegangenen Kinofilm «Die Innere Sicherheit», erweist sich Petzolds große Kunst darin, die Erzählung einer privaten Geschichte um grundlegende Themen wie Schuld und Sühne, Eifersucht und Liebe konsequent aus dem großen gesellschaftlichen Zusammenhang zu entwickeln. Im Fall von «Wolfsburg» geht es um die Mechanismen, die der trocken formulierte Titel des Films bereits vorgibt. Lauras Verzweiflung und ihre Suche nach Philip schließt die Rückseite der Autostadt Wolfsburg auf: der Mittellandkanal, in dem sie versucht, sich zu ertränken, Schrottplätze, auf denen sie nach dem beschädigten Kotflügel des roten Unfallautos fahndet.

    Auferstanden aus Ruinen

    Ikonisch überragt an einem solchen vernachlässigten Ort ein ausgeschlachteter Trabbi die Szene. In der VW-Stadt erscheint er als Denkmal für den endgültigen Sieg über den real existierenden Sozialismus. Mit Gerbers tadellos gepflegtem NSU Ro 80 kann er nicht mithalten. Auch dieser ist ein Denkmal und gemahnt daran, dass auch die BRD ihre Vergangenheit und deutsche Geschichte nicht erst 1989 beginnt. Den Eindruck könnten Kinobesucher nämlich gewinnen, angesichts der wenigen größeren Erfolge, die die gebeutelte deutsche Filmindustrie derzeit zu feiern hat.

    Christian Petzold
    Wenn Frankfurt an der Oder sich anschickt, zur abgefilmtesten Stadt der Republik zu werden und Produktionen wie «Halbe Treppe», «Good bye Lenin» oder «Lichter» den Eindruck erwecken, als ließen sich interessante Geschichten und lebendige Figuren nur mehr unter den Trümmern eigentlich längst abgefrühstückter Ostalgie hervorzerren.

    Nicht vergessen: Die Zukunft dieses Landes wird immer noch hier zusammengeschweißt. In der Phantasie und am Fließband. Das war in den Dreißigern so, als noch von der «Stadt des KdF-Wagens» die Rede war, und ist heute nicht anders.

    In Wolfsburg läuft der Film bereits. In weiteren deutschen Kinos startet er am 25. September

     
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