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11. September in Chile: 

Folter als System

09. Sep 2003 07:43
1973: Internierung und Folter im Fußballstadion von Santiago de Chile
Am 11. September 1973 putschte sich in Chile eine grausame Militärdiktatur an die Macht. Die Netzeitung sprach darüber mit dem Zeitzeugen und Menschenrechtler Helmut Frenz.

Der chilenische Militärputsch vor dreißig Jahren, zerstörte auf der ganzen Welt die Hoffnungen, die auf Präsident Allende und seiner sozialistischen Partei, der Unidad Popular, geruht hatten. Der chilenische Weg war gescheitert, als der Regierungspalast an einem 11. September mit Raketen beschossen und der Diktator Pinochet installiert wurde. Es gilt als offenes Geheimnis, dass die USA die Strippen hinter diesem Putsch gezogen haben. Helmut Frenz war damals als evangelischer Bischof in Chile und hat die Ereignisse aus unmittelbarer Nähe miterlebt.

Er setzte sich für verfolgte Chilenen ein und überreichte Pinochet eine Dokumentation, in der die systematischen Folterungen der Geheimpolizei nachgewiesen wurden. Der heute siebzigjährige Frenz wurde später Generalsekretär von amnesty international und ist momentan Flüchtlingsbeauftragter der schleswig-holsteinischen Landesregierung. Vor kurzem noch war er in Chile, wo er sich für die Entschädigung und Anerkennung der vielen überlebenden Opfer der Militärdiktatur stark macht.

Netzeitung: Am 11. September 1973 wurde der chilenische Regierungspalast bombardiert. Wo waren Sie zu diesem Zeitpunkt, wie haben sie die Situation wahrgenommen, und wie haben Sie darauf reagiert?

Frenz:: Den Beginn des Militärputsches habe ich sehr undramatisch erlebt, obgleich ich zu diesem Zeitpunkt in Santiago gelebt und gearbeit habe. Ich habe eine große Familie, und da dreht sich zur Morgenstunde, zu der sich der Putsch in der Hauptstadt ereignet hatte, alles um die Kinder. Die wurden von mir zur Schule gebracht, wobei ich mich nur wunderte, dass so wenig Verkehr auf den Straßen war. Auf die Idee, das Radio einzuschalten, war ich noch gar nicht gekommen. An der deutschen Schule wurde mir dann mitgeteilt, dass ein Putsch stattgefunden habe und ich die Kinder nehmen und schnell wieder nach Hause fahren sollte. Dann allerdings nahmen die Ereignisse eine rasante Entwicklung.

Helmut Frenz
Panzer fuhren durch die Straßen, Militärflugzeuge kreisten über Santiago, bis dann gegen Mittag Raketen auf die Moneda, also den Regierungspalast, abgeschossen wurden. Ein beachtlicher Vorgang, denn die Moneda ist ein nur zweistöckiges Gebäude, umgeben von Hochhäusern. Da Raketen reinzuschießen bedarf schon einer besonderen militärischen Technik, so dass alle davon ausgehen, dass sowohl die Flugzeuge als auch die Piloten aller Wahrscheinlichkeit nach nordamerikanischer und nicht chilenischer Herkunft gewesen sind. Aber das nur in Klammern, die Historiker müssen das aufarbeiten.

Bereits im Verlauf des ersten Putschtages wurde dann eine Ausgangssperre erlassen, so wurde auch ich direkt mit dem Ereignis konfrontiert. Dieser Zustand dauerte, wenn ich mich richtig erinnere, zwei Tage an. Die Leute sollten in den Häusern gehalten werden, damit sie nicht Zeitzeugen der Unmenschlichkeiten wurden, die in den ersten 48 Stunden begangen wurden. Als ich mich dann nach Aufhebung der Sperre umschauen konnte, sah ich, dass die Kirche, in der ich zu diesem Zeitpunkt als Pastor arbeitete, voll war mit Flüchtlingen. Im Wesentlichen waren das Frauen und Kinder, die davon berichteten, dass ihre Männer und erwachsenen Söhne alle verhaftet worden waren, und einige erzählten auch davon, dass sie zugesehen hatten, wie ihre Männer unter grausamen Umständen ermordet worden waren. Das hat mich damals sehr alarmiert, da ich mir einen Militärputsch dieser Art schwer hatte vorstellen können. Dass sich hier tatsächlich eine grausame Militärdiktatur installieren wollte und nun Blut durch die Straßen floss, schien ungeheuerlich, denn das chilenische Militär hatte ja eine lange demokratische Geschichte hinter sich und war auch demokratisch in die Regierung des Präsidenten Allende eingebunden gewesen.

Netzeitung: Ein Jahr später haben Sie mit Pinochet auch persönlich gesprochen.

Frenz: Von der katholischen und meiner, der evangelisch-lutherischen Kirche war ein Komitee zur Verteidigung der Menschenrechte gegründet worden. Zum einen ging es darum, den Ausländern in Chile Schutz zu gewährleisten, aber mehr noch, den verfolgten Chilenen Hilfe zukommen zu lassen. Unter dem Namen «Komitee zur Zusammenarbeit für den Frieden» sind wir dann auch offiziell in Erscheinung getreten und konnten vielen Tausend Menschen wirklich Hilfe und Rat geben. Zum einen haben wir Leute versteckt, die, wenn sie der Geheimpolizei in die Hände gefallen wären, gefoltert worden wären. Wir haben auch eine große Dokumentation über die Verbrechen, um das beschönigende Wort von den Menschenrechtsverletzungen zu vermeiden, angelegt. Diese Informationen gaben wir dann nach außen, etwa an die Menschrechtskommissionen der UNO und zu amnesty international, weiter. Wir waren zu diesem Zeitpunkt der wichtigste Informationskanal ins Ausland. Unter anderem hatten wir eine Dokumentation erstellt zum Thema «Folter als System in Chile», die den systemischen Charakter der Folter belegte. Schließlich war jeder, der in die Hände der Geheimpolizei fiel, erst einmal dieser Gewalt ausgesetzt.

11. September: Raketen in die Moneda
Diese Dokumentation haben wir dann nicht nur aus dem Land herausgeschickt, sondern auch der Regierung gegeben. In diesem Zusammenhang kam es auch zu einem Gesprächstermin bei Pinochet. Da ich das Amt eines Bischofs innehatte und mit dem katholischen Bischof von Santiago gemeinsam kam, konnte Pinochet unser Anliegen schlecht abschlagen, das ist einfach so, zumal in einem stark katholisch geprägten südamerikanischen Land wie Chile. Zu unserer großen Verwunderung hat Pinochet, als er sich die Dokumentation angesehen hat, die Folter gar nicht geleugnet oder zu verharmlosen versucht, sondern ganz offen ihre Notwendigkeit gerechtfertigt. Schließlich sei das Volk vom Kommunismus befallen, und um diesen Bazillus auszurotten, müsse das Instrument der Folter angewendet werden. Darauf, dass jemand, der sich Staatspräsident nennt, auch die Folter offen verteidigt, waren wir nicht gefasst gewesen. Das haben wir dann im Ausland öffentlich gemacht, was schließlich dazu führte, dass ich 1975 des Landes verwiesen wurde.

Netzeitung: Internierung von Gefangenen in Fußballstadien, die allgegenwärtige Folter – es ist doch auffällig, dass Pinochet auch im Unterschied zu anderen Diktatoren ein besonders unverhohlenes und geradezu obszön demonstratives Gewaltregime ausgeübt hat. Wie ist es zu erklären, dass er sich trotzdem eines starken Rückhalts in der Bevölkerung sicher sein konnte?

Frenz: Das ist leicht erklärbar. Es hat mit der Verteilung der materiellen Ressourcen in der damaligen chilenischen Gesellschaft zu tun. Geld, Macht und die Kontrolle über die Medien waren ausschließlich in den Händen der Reichen und des Mittelstandes. Es lag eine, für die Dritte Welt typische, klare Spaltung der Gesellschaft in Mächtige und Ohnmächtige vor. Das war ja das Projekt von Allende und seiner Unidad Popular gewesen: den Ohnmächtigen endlich die Ohnmacht zu nehmen und ihnen Zugang zu Gesundheitsvorsorge, Bildung und Arbeit zu verschaffen. Unter Pinochet wurde diese Entwicklung rückgängig gemacht, so dass vielleicht – eine erfundene Zahl – zwanzig Prozent der Gesellschaft auf einmal wieder alle Macht in den Händen hielten.

Augusto Pinochet
Das Kräfteverhältnis war nun hundert zu null zugunsten derer, die Pinochet unterstützten. Und gegen die, die das nicht taten, richtete sich die Gewalt des Regimes. Der Taktik der Mächtigen bestand darin, auch dank der Kontrolle über die Medien, den Eindruck zu verbreiten, dass sie die Mehrheit oder doch zumindest eine sehr große Gruppe seien. So konnten sie sich auch weltweit der Unterstützung der Mächtigen sicher sein. Kapitalistische Gesellschaften, sei es in Amerika oder in Europa, haben sich bedingt durch das Schwarzweißdenken zur Zeit des Kalten Krieges auf die Seite Pinochets als Repräsentant des antikommunistischen Chile gestellt.

Netzeitung: Sie haben auf die vermutliche Verwicklung der USA in den Putsch von 1973 hingewiesen. Der chilenische Soziologe Tito Tricot spricht in Bezug auf den 11. September 2001 von einer geraubten Erinnerung der Chilenen durch die zufällige Koinzidenz dieser beiden Daten. Chilenische Feuerwehrleute würden zur Erinnerung der Opfer im WTC an diesem Tag ihre Sirenen ertönen lassen, wo doch zugleich der Opfer der chilenischen Militärdiktatur kaum je angemessen gedacht worden sei. Dass sei skandalös angesichts der amerikanischen Verwicklung in den Putsch, bei dem doch mit 90.000 Toten circa 15 mal mehr Menschen ums Leben gekommen seien, als vor zwei Jahren in New York.

Frenz: In der Tat: das Erinnerungsdatum 11. September ist den Chilenen gestohlen worden, durch eine zufällige Datumsparallele, für die natürlich niemand etwas kann. Was das für das Verhältnis der Chilenen zu den USA bedeutet, vermag ich nicht zu beurteilen. Für uns, deren Anliegen ja immer noch nicht erledigt ist, kann das nur bedeuten, umso nachdrücklicher aufzutreten und den chilenischen Putsch von 1973 gegen das große Vergessen zu schützen. Deshalb werden in allen größeren Städten Europas und in Chile auch, jetzt Veranstaltungen statt finden. Natürlich sind hier auch immer die USA adressiert, die den Putsch ja mit zu verantworten haben. Trotzdem wehre ich mich vehement gegen eine Aufrechnung der Toten, die einige Fanatiker anstellen, und auch gegen Schadenfreude über das Leid der Amerikaner.

Netzeitung: Nur 48 Stunden nach dem Sturz Pinochets waren Sie bereits wieder in Chile. Welche Rolle spielen im Zuge der Redemokratisiserung des Landes seitdem Kirchen und Menschenrechtsorganisationen.?

Frenz: Das Erbe der Militärdiktatur wiegt schwer für die neue Regierung, die sich selbst ohnehin noch nicht einmal als demokratisch, sondern als auf dem Wege dorthin bezeichnet. Die Verfassung, die die Militärdiktatur dem Land noch gegeben hat, ist so raffiniert durchdacht und in den politischen Organen verankert worden, dass es bis heute nicht gelungen ist, sie abzuschaffen. So müssen sich die gewählten Mitglieder der Regierung immer noch mit ernannten Regierungsmitgliedern zu arrangieren, die darauf achten, dass die Machtbalance nicht zu stark in eine demokratische Richtung kippt. So geht nicht, wie in einer Demokratie, alle Macht vom Volke aus, sondern von der Regierung. Das ist das schwere Erbe der Militärdiktatur. Der neue sozialistische Präsident hat es im Senat zum Teil noch immer mit von Pinochet auf Lebenszeit zu Senatoren ernannten Regierungsbeamten zu tun. Von hier aus kann alles verhindert werden, was zukunftsweisend in Richtung einer wirklichen Demokratie geht. Das ist schlimm.

Salvador Allende, 1973 kurz vor dem Sturz
Kirchen und Menschenrechtsorganisationen können auf diesen Zustand hinweisen. Sie werben immer noch um Unterstützung aus dem Ausland, gerade auch um den vielen Opfern des Pinochet-Regimes zu helfen. Immer noch leben viele, die von der Folter traumatisiert sind, vielen sind noch immer nicht die Bürgerrechte zurückgegeben worden, und viele, die unter der Militärdiktatur verurteilt worden sind, sitzen noch heute im Gefängnis. Hier muss aus dem Ausland Hilfe kommen. Nicht zuletzt, weil Chile in den letzten dreißig Jahren immer auch als politisches Symbol wahrgenommen wurde, sei es im positiven, sei es im negativen Sinne.

Netzeitung: Sie persönlich setzten sich in einer Ethikkommission in Chile für die Entschädigung und Anerkennung der Opfer ein, zugleich findet ein Hungerstreik statt, wo Nachkommen der Opfer medienwirksam für die Aufhebung der Amnestiegesetze kämpfen. Wie werden solche Aktivitäten in Chile wahrgenommen, und welche Chancen räumen Sie ihnen ein?

Frenz: Ich wage keine Prognosen. Noch sind drei junge Leute im Hungerstreik, zwei von ihnen werden mittlerweile in Kliniken versorgt. Dies wird in der chilenischen Öffentlichkeit stark wahrgenommen und auch international. Insbesondere das Internet hat zu einer Flut von Solidaritätsbekundungen und einer starken Aufmerksamkeit im Ausland geführt.

Netzeitung: In Argentinien sind ja vor kurzem die Amnestiegesetze aufgehoben worden. Könnte dies ein Modell sein für den kleinen Nachbarn Chile?

Frenz: Natürlich erhöht das Vorgehen in Argentinien den Druck auf die chilenische Regierung. Doch, obwohl die historischen Kontexte der beiden Länder vergleichbar sind, wiegt doch das Erbe der Pinochet-Regierung wesentlich schwerer, als das, was die Militärs in Argentinien zurückgelassen haben. Die amtierende chilenische Regierung geht in dieser Frage momentan den Weg des geringsten Widerstandes. «Punto final» lautet das Stichwort: endlich soll ein Schlusspunkt unter die Ereignisse der Vergangenheit gesetzt und in die Zukunft geschaut werden. Nur lassen sich die Opfer nicht so leicht beiseite wischen, wie das die Regierung will. Zugleich spaziert Pinochet, den man in einem zweifelhaften Verfahren für geistig krank erklärt hat, durch die Straßen von Santiago, als wäre nichts gewesen. Das ist für einen großen Teil der Bevölkerung schon eine starke Herausforderung.

Das Interview führte Ronald Düker.

 
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