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Stierkampf in Südfrankreich: 

Tod am Nachmittag

22. Aug 2003 07:55
Spanischer Torero: El Juli
Nach wie vor hat der spanische Stierkampf auch in Südfrankreich Hochkonjunktur. Über dem blutigen Ritual geraten die sozialen Probleme der Vorstädte für kurze Zeit in Vergessenheit.

Von Ronald Düker

Im südfranzösischen Béziers sorgte in der vergangenen Woche nicht nur die immer weiter ansteigende Rate der Hitzetoten für Aufregung. Kurz nachdem die vielen Besucher der Tour de France, die dieses Mal im nahegelegenen Narbonne Station machte, von der Bildfläche verschwunden waren, stand das regionale Großereignis des Jahres auf dem Programm: die Feria. Neben Dax, Bayonne und vor allem Nîmes und Arles, wo die beinahe ausnahmslos spanischen Akteure in antiken römischen Amphitheatern auftreten, ist Béziers, das im verschlafenen Languedoc wenige Kilometer vom Mittelmeer entfernt liegt, eine der traditionellen Stierkampfhochburgen Südfrankreichs.

Wer in diesen Tagen einen Gang durch die historische Altstadt unternimmt, wird kaum glauben, es mit einer Stadt von lediglich 76.000 Einwohnern zu tun zu haben. Eine dichte Menschenmenge schiebt sich durch die Straße, die den erhöht gelegenen historischen Hauptplatz mit der angegrauten Stierkampfarena verbindet. Provisorisch errichtete Bodegas, Bars und Imbissbuden im spanischen Stil, säumen den Weg, und während riesige Sangriapfützen auf dem heißen Asphalt in der Sonne trocknen, amüsiert sich eine Mischung aus Touristen, Einheimischen und Besuchern, die aus der ganzen Region zu dieser größten Party des Jahres angereist sind. Alle zehn Meter donnert Musik aus hoffungslos überlasteten Boxen: es mischen sich Rai mit Flamenco und mediterran gefärbtem Eurotrash der billigsten Sorte.

Der Rambo von Béziers

Auch am frühen Abend hat es sich kaum abgekühlt, und insbesondere die lokale Jugend aus den Vorstädten scheint unter einer Spannung zu stehen, hinter der sich die Probleme erahnen lassen, die Béziers seit Jahren zu einem sozialen Brennpunkt mit einer immensen Kriminalitätsrate gemacht haben. Das Imponiergehabe braungebrannter und nur mit kurzer Turnhose und Badelatschen bekleideter junger Männer entstammt einer Kultur der Vorstädte, die vor zwei Jahren eine gewaltsame Kulmination erlebt hatte. Mit einem Raketenwerfer hatte der 25-jährige Safir Bghiouia, der sich selbst als «Rambo de Béziers» bezeichnete, den Bürochef des Bürgermeisters getötet und war anschließend von der Polizei erschossen worden. Obwohl die brachiale Tat damals weitgehend durch den 11. September überschattet wurde, schreckte sie doch die Öffentlichkeit auf und lenkte die Aufmerksamkeit auf die mangelhafte Integration der arabisch-stämmigen Bevölkerung der südfranzösischen Vorstädte.

Béziers: nur scheinbar beschaulich
«Exclusion sociale» heißt in diesem Zusammenhang das politische Stichwort, und die ist auch an Stierkampftagen in Béziers zu spüren. Während sich am frühen Abend 13.000 Zuschauer in der ausverkauften Arena eingefunden haben, überlässt sich der größere Teil der Menge lieber draußen seinem Rausch – wohl auch ein Effekt der beträchtlichen Eintrittspreise, die zwischen 28 und 65 Euro liegen. Wer allerdings die Kosten für einen Platz in der alten Arena nicht gescheut hat, erlebt beim Betreten einen atmosphärischen Kontrast, der stärker kaum sein könnte. Drei Toreros, allesamt Spanier, kämpfen an diesem Nachmittag gegen sechs Stiere. Natürlich sind angesichts der Ferienhauptsaison auch Touristen im Publikum, doch bleiben diese in der Minderzahl, und es wird bald deutlich, dass es sich überwiegend um ein kompetentes und konzentriertes Publikum handelt.

Kniefall vor dem Stier

Die Toreros enttäuschen an diesem Tag, und insbesondere die berittenen Picadores sorgen für Unmut. Ihre Aufgabe ist es, den Stier im ersten Drittel des Kampfes mit einer Lanze in den Nacken stechen, ihn so zu schwächen und dazu zu zwingen, den Kopf so weit gesenkt zu halten, dass der Torero schließlich überhaupt eine Chance hat, die vorgeschriebene Stelle im Nacken des Tieres von vorne mit seinem Degen zu treffen. Als ein Picador einen kräftigen schwarzen Stier viel zu lange mit der Lanze malträtiert, kommentiert ein älterer Mann im Publikum dies nur mit einem resignierten «Voilà» – er weiß bereits, dass von einem derart geschwächten Tier kein interessanter Kampf mehr zu erwarten ist.

Ivan Garcia: Todesmutig
Trotz allen Unmuts des Publikums über solche Aktionen: Wenn die Kämpfe im Rund der Arena in ihre kritische Phase gehen und die Kapelle auf der Tribüne jäh zu spielen aufhört, ist es beinahe gespenstisch still. Jedes Wort, das der Torero an den Stier richtet, ist nun bis auf den letzten Platz zu hören. Ein einziges Mal schlägt die Konzentration der Zuschauer in Aufregung und Begeisterung um. Der junge Ivan Garcia, der ein noch unbeschriebenes Blatt ist und nur als Ersatzmann eine Chance bekommen hat, kämpft gegen den ersten Stier buchstäblich um sein Leben. Nachdem er bereits zweimal vor dem heranrasenden Tier auf die Knie gesunken und erst im letzten Moment die schwere rosa Capa vor dem Kopf des Stieres herumgerissen und seinen Körper aus der Angriffslinie gebracht hat, ist er einen Moment lang unachtsam. Der gerade einmal zwanzigjährige Torero wird von dem 500 Kilo schweren Stier auf die Hörner genommen und wirbelt einen schrecklichen Moment lang durch die Luft. Humpelnd und an der Hüfte blutend bringt der leichtsinnige Garcia daraufhin nicht nur diesen, sondern auch seinen zweiten Kampf noch über die Runden.

Französische Spielart

Das gefällt dem Publikum von Béziers. Vielleicht auch, weil die beinahe noch jugendlichen Spanier in ihren traditionellen Kampftrachten für einen Moment lang die ungeregeltere Gewalt in den Hochhaussiedlungen der eigenen Vorstadt vergessen lassen. Weniger versöhnlich geben sich hingegen die überregional organisierten französischen Tierschützer. So kämpft die Präsidentin der Antistierkampfgruppe ASACC, Claire Starozinski, bereits seit Jahren für ein Verbot des spanischen Rituals in Frankreich. Sie verweist auf eine Umfrage, nach der sich 83 Prozent aller Franzosen gegen den Stierkampf ausgesprochen haben und erinnert daran, dass bereits 1850 ein Verbot dieser blutigen Veranstaltungen erlassen worden war. Damals war die Anordnung aber auf erbitterten Widerstand aus Südfrankreich gestoßen und schließlich wieder aufgehoben worden.

Mehr in der Netzeitung:
  • Gewalt in BéziersDer Sturz des Kriegers 14. Sep 2001 11:54
  • Zum Unmut seiner Gegner hat der Stierkampf heute aber insbesondere in den großen politischen Parteien eine starke Lobby, und nichts deutet derzeit auf die Möglichkeit eines generellen Verbotes hin. Immerhin, so findet Starozinski, könne man doch die spanische Tradition gänzlich gegen eine französische Spielart eintauschen. Beim unblutigen «Course Camarguaise» versuchen die Kämpfer lediglich, einen Ring von den Hörnern des Stieres zu angeln. Nicht nur den knorrigen Bewohnern des Languedoc mag dies so attraktiv erscheinen wie der Konsum von alkoholfreiem Rotwein.

    Der Star der Saison

    Doch auch die Medien machen es den französischen Tierschützern nicht gerade leicht. Im Süden tritt die überall erhältliche Tageszeitung «Midi Libre» gar als Sponsor der Stierkämpfe auf. Die Besucher einer Corrida in Béziers bekommen beim Betreten der Arena einen Sonderdruck des Blattes in die Hand gedrückt, in dem es ausführlich um die Kämpfe und die begleitenden Festivitäten in der Stadt geht.

    Doch auch die größten überregionalen Zeitungen berichten affirmativ über die blutigen Spektakel im Süden der Republik und feiern die Toreros der Stunde: In diesem Jahr avancierte der 21-jährige Sébastien Castella, der in Béziers und Dax zu sehen war, zum Star der Saison. Ein begeisterter Kommentator in «Le Monde» lobte ihn für seinen ruhigen, souveränen und eleganten Kampfstil.

     
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