Drogenpolitik:
Hier Prozac, dort der Skandal
21. Aug 2003 07:23
 | Die Nordallianz empfiehlt: Afghanischer Mohn | Foto: AP |
|
Die derzeitige Drogenpolitik ist nicht nur widersprüchlich, ihre sozialen und politischen Folgen sind immens. Günter Amendt plädiert für eine Legalisierung, die unter anderem dem organisierten Verbrechen einen empfindlichen Schlag versetzen würde.
Von Ulrich GutmairDas mediale Genre des «Drogenskandals», das in Fällen prominenter Drogennutzer wie Christoph Daum, Michel Friedman oder Jürgen Immendorf auf Knopfdruck zum Einsatz kommt, hat seine lächerlichen Seiten. Sobald der Leser vor dem geistigen Auge diejenigen paradieren lässt, die in den Redaktionen in solchen Fällen eifrig moralisieren, stellt er sich unweigerlich die Frage, wie viele von ihnen wohl Drogen konsumieren: Ist es jeder dritte, vierte oder fünfte Journalist? Alkoholiker werden selbstverständlich nicht mitgezählt, ihre Droge ist legal.
Ginge es hierbei nur um Doppelmoral, könnte man es dabei bewenden lassen. Das traurige an diesen Fällen ist erstens jedoch, dass die sie intensiv begleitenden Journalisten die altgediente, deswegen nicht weniger abstruse Idee einer drogenfreien, sauberen Gesellschaft propagieren müssen. Zweitens müssen sie Drogenkonsum als eine Ausnahme darstellen, der er eben nicht ist. Sie tragen so mit dazu bei, den realistischen Blick auf die gesellschaftspolitischen Dimensionen von Produktion und Konsum von Drogen zu verschleiern.
Die Leute brauchen Drogen
Günter Amendt hat es sich nun mit seinem eben erschienenen Buch «No Drugs, No Future» zur Aufgabe gemacht, nüchtern auf das Problem des Drogenkonsums zu blicken. Amendt benennt die gravierenden Fehlentwicklungen in der Drogenpolitik und plädiert für eine Politik der differenzierten Drogenlegalisierung, wie sie bereits 1996 im Bericht der Eidgenössischen Betäubungsmittelkommission skizziert wurde.
 | Günter Amendt | Foto: Universität Lübeck |
|
Auch wenn Amendt ohne Polemik auskommt und über weite Strecken rationale Argumente sammelt, die ohne ideologische Überhöhung auskommen, formuliert er doch eine grundlegende These, die über bloßen Pragmatismus hinausweist: Die Lebensumstände der Menschen in den Gesellschaften des reichen Nordens machten den Gebrauch psychoaktiver Substanzen geradezu erforderlich, «weil anders die Arbeit nicht zu bewältigen und das Leben nicht zu ertragen wäre.» Das kann man unterschreiben, man muss es aber nicht: Amendts Argumentation bleibt in ihren wesentlichen Zügen von dieser Annahme unberührt.
Die Pharmakologisierung des Alltags
Die «Pharmakologisierung des Alltags», die Amendt beobachtet, stützt sich nicht nur auf illegale Drogen, sondern zunehmend auf Substanzen aus den Laboren der Pharmaindustrie, die seit den Sechzigerjahren im seelischen Wohlbefinden der Konsumenten einen vielversprechenden Markt entdeckt hat. Nicht von ungefähr also konsumieren geschätzte 28 Millionen US-Bürger Prozac und ähnliche Anti-Depressiva. «Natürlich sind nicht 28 Millionen US-Bürger depressiv im klinischen Sinne. Es genügt schon, deprimiert zu sein, um den Griff zur Pille zu rechtfertigen», schreibt Amendt.
 | Antidepressivum Prozac | Foto: indystar.com |
|
Dabei sind die Nebenwirkungen Prozacs nicht zu unterschätzen, Prozac sei auch verantwortlich für «Gewichtszunahme, nervöses Gesichtszucken, Vergesslichkeit, sexuelle Störungen, Selbstmord, Gewalttätigkeit und Hirnschäden», zitiert Amendt den amerikanischen Theoretiker Francis Fukuyama, der vor den möglichen Folgen warnt. Der Schweizerische Suchtmediziner Ambros Uchtenhagen glaubt dennoch, dass die allseits geforderte Flexibilität den Gebrauch abhängig machender Substanzen in Zukunft noch werde zunehmen lassen – «im Sinne einer 'sozialen Indikation', das heißt, um mit den Anforderungen des Alltags besser zurechtzukommen.»
Getarnte Arbeit
Der neue Menschentypus muss einen entrhythmisierten Arbeitsablauf und die «Zerschlagung gewachsener und verinnerlichter Zeitstrukturen», den ständigen Wechsel von Arbeitszeit und -ort sowie die «Auflösung sozialer Beziehungen und emotionaler Bindungen» und die damit einhergehenden Stimmungsschwankungen bewältigen. Er kündigt sich im gedopten Sportler an. In den Debatten um das Doping gehe es daher nur vordergründig um die Ausschaltung von Wettbewerbsverzerrungen, sondern vielmehr um die Neuverhandlung des Moralkanons, glaubt Amendt. Als selbständiger Unternehmer beanspruche der Athlet die volle Verfügungsgewalt über sein Kapital, nämlich seinen Körper. Der Erfolgsdruck für den Einzelnen sei heute so hoch, weil jeder Verband mit seinem Apparat, seinen Trainern, medizinischen Abteilungen und Leistungszentren von dessen Erfolg materiell abhängig sei. Hier liege der institutionelle Anreiz, Doping zu fördern und zu dulden, wobei man sich außerdem die Frage stellen müsse, wie leistungsfördernde Substanzen, die sich meist noch im Versuchsstadium befinden, in großen Mengen überhaupt die Labors der Pharmaindustrie verlassen könnten.
Leistungssteigerung ist längst Norm
Amendt liest die Debatten um Doping als Symptom einer Entwicklung, die über den Sport hinausweist. Die derzeitige Modernisierung mit ihrem Abbau der Solidarsysteme fördere die Risikobereitschaft, mittels pharmakologischer Erzeugnisse die eigene Leistung und Anpassungsfähigkeit zu steigern. Der einzelne werde in die Selbstverantwortung entlassen, woraus folge: «Drogen werden im postindustriellen Zeitalter als Mittel der Selbstmedikation gebraucht.» Von Missbrauch zu sprechen, sei damit sinnlos geworden: Die mündigen Nutzer seien längst gewohnt, täglich neue Risikoabwägungen vorzunehmen, die keineswegs nur auf den Bereich entspannender oder leistungssteigernder Substanzen beschränkt bleiben.
 | Auch von Breitensportlern gerne benutzt: Hormon Nandrolon, mit dem Nahrungsergänzungsmittel 'kontaminiert' sind | Foto: nz |
|
Die Strategie der Pharmaindustrie, immer neue Medikamente zu produzieren, die gleichzeitig auch als Rauschmittel benutzt werden können, kommt dieser Entwicklung entgegen und fördert sie: Das Kindern und Jugendlichen in den USA gern verschriebene Ritalin etwa wird von denselben zunehmend auch als Partydroge genutzt. Das Potenzmittel Viagra wiederum wirkt zwar mechanisch, erzeugt aber kein Begehren. Daher plant man bereits, einer neuen Variante des Mittels Opiate beizufügen, die diesen Mangel beheben sollen.
Prohibition finanziert den Terror
Amendt fasst das Offensichtliche knapp zusammen: Niemand glaubt an eine pharmadrogenfreie Gesellschaft, während Cannabis, Heroin und Kokain weiterhin illegalisiert bleiben. Dabei rangierten die illegalen Drogen im unteren Teil der Statistik, wenn man ihre gesundheitspolitischen Kosten zugrunde lege. Gleichzeitig haben sich die Signatarstaaten der UN-Drogenkonventionen mit der Illegalisierung dieser Drogen ein «zusätzliches politisches und ökonomisches Problem geschaffen, dessen Ausmaß und Destruktivität das Ausmaß des Gesundheitsproblems bei weitem übertrifft», glaubt Amendt.Seine Argumentationslinie muss man zwingend nennen: Wer nicht will, dass sich Bürgerkriegsparteien, Guerillagruppen und internationale Terrorgruppen mit immer mehr Waffen ausrüsten, wer nicht will, dass ganze Regionen destabilisiert werden – was etwa der Suchtkontrollrat der Vereinten Nationen beklagt – der muss schon allein aus diesem Grund zum Schluss kommen, dass die bisher illegalen Drogen legalisiert werden müssen. Denn der Handel mit ihnen macht knapp acht Prozent des Welthandelsvolumens aus. Mit den Gewinnen werden Bürgerkriege und Terrorismus finanziert. Wer ihn kontrolliert, hat die Macht – oder umgekehrt, wie das Beispiel Afghanistan zeigt. Mitte der Neunziger kontrollierten die von den USA gedeckten Taliban 75 Prozent des dortigen Mohnanbaus, heute ist es die Nordallianz. Afghanistan ist heute wieder Heroinlieferant Nummer eins.
Der «Krieg gegen Drogen» ist nicht immer einer
Der «Krieg gegen Drogen» ist aber nicht nur dann, wenn er aus politischen Gründen ausgesetzt wird, nicht zu gewinnen. Das haben vor Günter Amendt schon viele Experten erkannt, in den Neunzigern gab es gar eine republikanische Initiative in den USA, die den Gedanken absolut überzeugend fand. Denn zum einen sind die ökologischen, sozialen und politischen Kosten dieses Krieges immens. Sie stehen zum anderen längst in keinem Verhältnis mehr zu den Segnungen, die er verspricht.
 | Kokainkonsument | Foto: varco.ch |
|
Desweiteren ist der «Krieg gegen Drogen» alles andere als ein Unternehmen mit klarer Zielsetzung. In Kolumbien etwa ist er auch ein Krieg zur Sicherung des kolumbianischen Öls. Es ist ein von den USA finanzierter Krieg, der in einem ungeheuren Ausmaß zur Vernichtung des Regenwalds führt, der ganze Regionen vergiftet, zur Verelendung der Bevölkerung beiträgt und außerdem äußerst selektiv geführt wird. Koka-Plantagen, die unter dem Schutz befreundeter Paramilizen stehen, werden immer wieder gezielt von Giftattacken ausgenommen, das haben von den Vereinten Nationen entsandte Beobachter festgestellt. Dies wiederum ist wenig verblüffend und liegt strukturell betrachtet sogar in der Natur der Sache: Die Geheimdienste, allen voran die CIA, sind immer wieder in den Drogenhandel verwickelt, zum Beispiel dann, wenn Stellvertreterarmeen irgendwo auf der Welt Stellvertreterkriege führen, und sich durch Drogenhandel finanzieren. Diese Phänomene rücken den Europäern immer näher: Der Balkan etwa könnte bald ein europäisches Kolumbien werden, in dem dann uneingeschränkt die kriminellen Kartelle herrschen, befürchtet ein albanischer Wissenschaftler.
Die Mafia ist glücklich
Darüber hinaus aber, und das sollte jeden Demokraten bedenklich stimmen, gilt auch in Kern-Europa: «Organisierte Kriminalität wirkt von innen. Hätte die Mafia nicht ihre Referenten in der Politik, wäre sie nie zu ihrer Macht gelangt», zitiert Amendt den früheren Bürgermeister von Palermo, Leolucca Orlando. Die in Europa weit verbreitete Praxis schwarzer Parteikassen und überhaupt das System der Parteienfinanzierung seien ein Einfallstor für Lobbyisten der Mafia. Politiker, die aus welchen Gründen auch immer an einer strikten Prohibitionspolitik festhalten, können sich des Beifalls der Mafia in jedem Fall sicher sein, denn unter dem Strich sichern sie in erster Linie deren Interessen, nicht die der Drogenopfer. «Wenn Vertreter von Elternverbänden drogenabhängiger Jugendlicher sagen, unsere Kinder sind nicht Opfer der Droge, sondern der herrschenden Drogenpolitik, dann ist das zwar polemisch zugespitzt, hat aber einen wahren Kern. Hätten sie den Stoff bekommen, nach dem sie verlangten, sauber und mit Dosierungsangabe, sie würden heute wahrscheinlich noch leben», so Amendt. Diese Erkenntnis ist nicht neu, durch den Nebel der Prohibitionspropaganda dringt sie allerdings nur zu selten.
Staatsmonopol und Werbeverbot
Der guten Gründe für eine rigorose Umkehr in der Drogenpolitik gibt es also viele. Amendt kann anhand des Beispiels Cannabis aber auch nachvollziehbar skizzieren, wie eine bessere Drogenpolitik aussehen könnte, die sich der Gefahren von Drogen wohl bewusst ist. Das Monopol auf Produktion und Verteilung von Drogen muss vernünftigerweise beim Staat liegen, glaubt Amendt: «Der Staat vergibt unter Auflagen Lizenzen an Produzenten und Händler, und er sorgt für die Überwachung und Durchsetzung dieser Auflagen». Defensive Vermarktung von Drogen mache außerdem ein Werbeverbot nötig, das alle Drogen einschließt. Des weiteren müssten staatlich fixierte Preise «so kalkuliert sein, dass sie keinerlei Anreize bieten, einen Schwarzmarkt aufzuziehen.» Warnendes Beispiel seien die Zigaretten: Treiben Steuern die Preise immer weiter in die Höhe, entsteht ein Schwarzmarkt und damit Bandenkriminalität. Dass all dies auch für Drogen wie Heroin gelten könnte und müsste, klingt in aller Ohren skandalös. Die Verfügbarkeit sauberer Drogen, der Wegfall von Beschaffungskriminalität und nicht zuletzt die Entmystifizierung etwa des Heroins, das von vielen Süchtigen immer noch romantisch verklärt wird, können die Situation aber nur bessern. Denn gerade, wenn man die Gefahren von Drogen für die Gesellschaft ernst nimmt, gilt: Auch in dieser Frage muss nüchtern abgewogen werden, was das kleinere Übel ist.
Alkohol ist der Killer
Darüber hinaus gibt Amendt eines zu bedenken: Nimmt man die Drogenrealität in Deutschland ins Visier, erblickt man dort «nur» 300.000 Konsumenten so genannter harter, illegaler Drogen, von denen die Hälfte als hilfebedürftig gilt. Ihnen stehen ungefähr fünf Millionen Erwachsene im berufsfähigen Alter gegenüber, deren Alkoholkonsum von Experten als riskant betrachtet wird. Eigentlich weiß das jedes Kind, Folgen hat es erstaunlicherweise keine.Bei 2,7 Millionen Usern ist ihr Alkoholkonsum bereits für körperliche und soziale Schäden verantwortlich. Alkoholabhängig sind 1,6 Millionen Menschen, sie gelten nach WHO-Kriterien als behandlungsbedürftig. Auch die von Medikamenten abhängigen Personen erreichen eine Zahl, die bedenklich ist. Man schätzt sie auf 1,2 bis 1,4 Millionen. Ihr Konsum und ihr daraus resultierendes Leiden sind legal – und den Medien konsequenterweise egal.
Günter Amendt: No Drugs, No Future. Drogen im Zeitalter der Globalisierung, Europa Verlag, Hamburg 2003. 280 Seiten, 17,90 Euro.