Kirche gegen Homosexualität:
Der Vatikan lauscht der Stimme der Natur
Der Präfekt der katholischen Kongregation für die Glaubenslehre, Joseph Kardinal Ratzinger, hat sich mit seinen Dogmatiker-Kollegen beraten und daraufhin kürzlich «Erwägungen zu den Entwürfen einer rechtlichen Anerkennung der Lebensgemeinschaften zwischen homosexuellen Personen» verfasst, die bereits am 28. März vom Papst gebilligt wurden. Seit die offizielle vatikanische Verlautbarung aber am Donnerstag veröffentlicht wurde, herrscht Aufruhr nicht nur unter Schwulen und Lesben, sondern auch unter aufgeklärten Katholiken.
Der nordrhein-westfälische CDU-Vorsitzende Rüttgers etwa fühlte sich bereits angesprochen und erklärte: «Ich bin praktizierender Katholik. Aber es ist nicht meine Aufgabe, den Leuten zu sagen, wie sie zu leben haben.» Das ist legitim, geht aber vollkommen am Problem vorbei. Ratzingers Aufruf äußert sich nämlich nur am Rande dazu, wie Homosexuelle leben sollen: «Diese Personen sind wie die anderen Christen gerufen, ein keusches Leben zu führen», darüber hinaus verdienen sie «Achtung und Mitleid». Im Zentrum steht aber die Behauptung, Gesetze, die homosexuellen Partnerschaften einen Status analog zu dem der Ehe zusprechen, seien ungerecht: Sie sanktionierten gesellschaftliche Fakten, die dem «natürlichen Sittengesetz» widersprächen, demnach sei Widerstand für jeden katholischen Parlamentarier Pflicht.
Es ruft durchaus Verblüffung hervor, dass der Vatikan nicht nur der «Stimme der Natur» lauscht, die über den Umweg der ursprünglichen menschlichen Weisheit und die biblischen Schöpfungsberichte außerdem ihre «natürliche Wahrheit» verkündet. Nun wissen wir über die Mechanik der Natur heute mehr als Herr Aquino. Die Evolutionsbiologie etwa hat einige durchaus bedenkenswerte Gründe für die Argumentation vorgelegt, dass Homosexualität keineswegs «widernatürlich» ist, oder etwas nüchterner ausgedrückt: als Irrtum der Natur zu begreifen ist. Warum die Wissenschaftler sich diese Frage stellen, ist klar: Homosexualität gibt es nicht nur unter Menschen, sondern kommt auch «in der Natur» an jeder Ecke vor. Einer der möglichen Gründe könnte beim Menschen darin bestehen, dass Homosexuelle als nicht reproduzierende Onkel oder Tanten ihren Beitrag zum Gen-Erfolg des Clans leisten, wie etwa der Biologe Volker Sommer glaubt.
Vor kurzem konnte man in Bezug auf ein weiteres Phänomen, das die Amtskirche seit langem beschäftigt, folgendes in den Zeitungen lesen: Wissenschaftler, die sich natürlich ebenso oft irren können wie der Papst, glauben zumindest auf statistischem Wege fest gestellt zu haben, dass Männer zwischen zwanzig und dreißig, die häufig masturbieren oder auf welchem Wege auch immer Ejakulationen herbeiführen, in späteren Jahren weniger häufig an Prostatakrebs erkranken. Die Wissenschaftler haben die Hypothese aufgestellt, dass durch die ständige Neubildung von Samenflüssigkeit möglicherweise Krebs erregende Substanzen aus der Prostata herausgeschwemmt werden.
Wenn man dieser statistischen Aussage über «die Natur» der Fortpflanzungsorgane einen tieferen Sinn abringen wollte, hier also die «Stimme der Natur» sprechen hören möchte, müsste man wohl sagen: Die natürliche Ordnung der Dinge sieht vor, dass den Trieben des jungen Manns so oft wie möglich nachgegeben werde. Wer sich hingegen über die eigenen natürlichen Triebe hinwegsetzt und somit «widernatürliches Verhalten» an den Tag legt, muss eben mit Konsequenzen rechnen. Es ist offensichtlich, dass eine solche mit rein biologischen Argumenten moralisierende Rede auf gewisse Weise beschämend wäre, reduzierte sie den denkenden und autonom handelnden Menschen doch auf eine würdelose, weil triebgesteuerte Ansammlung von Zellen.
Manche Theologen, Historiker und Soziologen erblicken gerade in dieser Geschichte einen zivilisatorischen Sprung: Joseph fügt sich am Ende eben nicht mehr einer kulturell verbrämten Diktatur der Natur, und jagt Maria zum Teufel, weil nicht er es ist, der sich da fortpflanzt. Er nimmt die Frau und das Kind an, das nicht das seine ist. Zivilisation steht fortan noch deutlicher für die künstliche Setzung, die über das Natürliche dominiert, das in den barbarischen Naturreligionen noch seine Herrschaft über den Menschen ausgeübt hat. Man kann sich sicher darüber streiten, ob und wie der Staat die Ehe zwischen Mann und Frau zu schützen hat. Man muss es aber tragisch nennen, wenn sich die katholische Orthodoxie im Streit um die «Homo-Ehe» ausgerechnet auf die «Stimme der Natur» beruft, weil sie sich anders offenbar nicht zu helfen weiß.

