Flash Mobs:
Kurze Momente der Sinnlosigkeit
31.07.2003
Herausgeber: netzeitung.de
Innerhalb weniger Monate hat ein neuer Trend junge Städter weltweit in seine Gewalt gebracht. Merkwürdige Zusammenkünfte, die unter dem Namen «flash mobs» bekannt wurden, fanden gegen Ende Juni in New York statt und haben sich seither nach San Francisco, und von London aus über Rom nach Wien und München verbreitet. Ein «flash mob» tritt wie eine Springflut die man auf Englisch «flash flood» nennt überraschend und scheinbar spontan auf: Wenn unerklärlicherweise Passanten an einem öffentlichen Platz plötzlich eine Menge bilden, die sich dann ebenso schnell und mysteriös wieder auflöst. Am Mittwoch geschah dies zum ersten Mal auch in Berlin, im Sony Center am Potsdamer Platz.
Was dem nicht eingeweihten Betrachter als spontanes Ereignis erscheint, wurde meist per Website, E-Mail und Flugblatt organisiert. Die Art der Weitergabe mehr oder weniger geheimer Botschaften, die Ort und Zeit des Geschehens transportieren, erinnern dabei an die britische Rave-Kultur der Neunziger, wo man die Lokalitäten so lange wie möglich geheim hielt, um die Polizei fern zu halten. «Flash mobs» finden allerdings an Orten statt, die ein Maximum an Öffentlichkeit bieten, etwa große innerstädtische Brücken, der Central Park oder exklusive Schuhgeschäfte.
Man kann auf weitaus ältere Vorläufer verweisen, zumindest wenn es um rätselhafte und spontane öffentlichen Versammlungen geht. 1374 etwa verbreitete sich nach dem Ende der Pest in Europa das Phänomen, dass so genannte Veitstänzer Stunden und Tage lang die Straßen überfüllten und bis zur Erschöpfung tanzten. In manchen deutschen Städten sorgten die Räte dafür, dass Musiker für die Veitstänzer spielten, man schrieb dem Tanz eine heilende Wirkung zu - so wie die modernen Städte bald damit begannen, die Raves zu legalisieren oder gar als touristische Attraktionen zu verstehen.
Die Mobsters geben dabei ein völlig kontrolliertes Bild von sich selbst ab. Im Gegensatz zu ihren mittelalterlichen Vorläufern schreien sie nicht, halluzinieren sie nicht, und sie zeigen auch keine obszönen Gesten. Ganz im Gegenteil scheinen sie geistige Gesundheit demonstrieren zu wollen in einem Umfeld, das ihnen offenbar als Konsumhysterie erscheint. «Endlich eine nichtprofitable, nichtsinnvolle Sache, wie reinigend!» seufzt etwa ein Mobster auf einer deutschen Website. Er könnte sich täuschen. Schon der erste Berliner «flash mob» war weniger revolutionär als kommerziell und schon gar nicht geheim, spontan und «nichtsinnvoll»: Ein Radiosender hatte dazu aufgerufen - ein Werbegag.

