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Flash Mobs: 

Kurze Momente der Sinnlosigkeit

31. Jul 2003 07:45
Sie treffen sich und drehen sich im Kreis: 'Flash Mob' in San Francisco
Ein mysteriöses Phänomen hat westliche Großstädte erobert: Scheinbar spontan bilden sich Menschenmengen, die sich merkwürdig verhalten und plötzlich wieder verschwinden. Zuvor hat man sich über das Internet verabredet.

Von Anjana Shrivastava

Innerhalb weniger Monate hat ein neuer Trend junge Städter weltweit in seine Gewalt gebracht. Merkwürdige Zusammenkünfte, die unter dem Namen «flash mobs» bekannt wurden, fanden gegen Ende Juni in New York statt und haben sich seither nach San Francisco, und von London aus über Rom nach Wien und München verbreitet. Ein «flash mob» tritt wie eine Springflut – die man auf Englisch «flash flood» nennt – überraschend und scheinbar spontan auf: Wenn unerklärlicherweise Passanten an einem öffentlichen Platz plötzlich eine Menge bilden, die sich dann ebenso schnell und mysteriös wieder auflöst. Am Mittwoch geschah dies zum ersten Mal auch in Berlin, im Sony Center am Potsdamer Platz.

Was dem nicht eingeweihten Betrachter als spontanes Ereignis erscheint, wurde meist per Website, E-Mail und Flugblatt organisiert. Die Art der Weitergabe mehr oder weniger geheimer Botschaften, die Ort und Zeit des Geschehens transportieren, erinnern dabei an die britische Rave-Kultur der Neunziger, wo man die Lokalitäten so lange wie möglich geheim hielt, um die Polizei fern zu halten. «Flash mobs» finden allerdings an Orten statt, die ein Maximum an Öffentlichkeit bieten, etwa große innerstädtische Brücken, der Central Park oder exklusive Schuhgeschäfte.

Soziale Revolution?

Haben sich die Mobsters erst einmal versammelt, zeichnen sie sich meist durch merkwürdiges Verhalten aus, zu dem sie vorher angehalten worden sind. In San Francisco etwa drehten sie sich mit erhobenen Händen im Kreis, in Wien begab man sich in ein Schuhgeschäft, um dort angekommen übers Handy darüber zu sprechen, Schuhe zu kaufen, in Berlin hüpften sie. Die New Yorker Erfinder hatten offenbar nur zwei Regeln im Sinn, die Zusammenkünfte sollten friedlich und apolitisch sein.

Kurzer kollektiver Besuch im Schuhgeschäft, Wien
Der Internet-Theoretiker Howard Rheingold hat dennoch bereits erklärt, in den «flash mobs» kündige sich eine beginnende soziale Revolution an. Nämlich eine neue Form der Organisation, die sich auf jene vielgestaltigen Mengen stützt, die sich in der Antiglobalisierungsbewegung herausgebildet haben.

Man kann auf weitaus ältere Vorläufer verweisen, zumindest wenn es um rätselhafte und spontane öffentlichen Versammlungen geht. 1374 etwa verbreitete sich nach dem Ende der Pest in Europa das Phänomen, dass so genannte Veitstänzer Stunden und Tage lang die Straßen überfüllten und bis zur Erschöpfung tanzten. In manchen deutschen Städten sorgten die Räte dafür, dass Musiker für die Veitstänzer spielten, man schrieb dem Tanz eine heilende Wirkung zu - so wie die modernen Städte bald damit begannen, die Raves zu legalisieren oder gar als touristische Attraktionen zu verstehen.

Tänzer auf einem Friedhof, Deutschland um 1600
In der süditalienischen Form der «Tarantella» erkannte man als das Medium der Übertragung natürlich nicht das Internet. Man glaubte, der Ursprung dieses Tanzes liege im Biss der Tarantel, deren Gift jeden Sommer wieder aktiviert werden könne, wenn man die entsprechende Musik hörte, zu der andere Menschen tanzten. Psychologen beschreiben diese Episoden als epidemische Formen der Hysterie, während Historiker die nicht-pathologische Natur dieser Tanzbewegungen betonen: Sie seien strukturierte Traditionen, die als vorchristliche orgiastische Riten im Geheimen überlebt hätten.

Keinerlei Verausgabung

Es ist also nicht die Organisation per Internet oder SMS, die als neu erscheint, sondern das nahezu völlige Fehlen ekstatischer Tanzelemente oder Sprache – es sei denn, man fasst das gemeinsame Im-Kreis-Drehen bereits als wilden Tanz auf. Darüber hinaus fehlt jede Idee der Verausgabung, da sich die Versammlungen so plötzlich auflösen, wie sie begonnen haben. Sonst würden sie einen völlig anderen, vielleicht sogar bedrohlichen Charakter annehmen. Offenbar geht es nur darum, die umstehenden Passanten etwa zur Frage zu provozieren, warum um alles in der Welt sich 300 junge Leute in einem Schuhgeschäft treffen sollten?

Die Mobsters geben dabei ein völlig kontrolliertes Bild von sich selbst ab. Im Gegensatz zu ihren mittelalterlichen Vorläufern schreien sie nicht, halluzinieren sie nicht, und sie zeigen auch keine obszönen Gesten. Ganz im Gegenteil scheinen sie geistige Gesundheit demonstrieren zu wollen in einem Umfeld, das ihnen offenbar als Konsumhysterie erscheint. «Endlich eine nichtprofitable, nichtsinnvolle Sache, wie reinigend!» seufzt etwa ein Mobster auf einer deutschen Website. Er könnte sich täuschen. Schon der erste Berliner «flash mob» war weniger revolutionär als kommerziell und schon gar nicht geheim, spontan und «nichtsinnvoll»: Ein Radiosender hatte dazu aufgerufen - ein Werbegag.

 
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